17. August 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

„Nicht mehr alle Latten am Zaun“: Das gesunde Rechtsempfinden und Herbert Reul

Von Volksschädlingen und Hochverrätern

Weltfremde Vögel brüten tage-, wochen- ja manchmal monatelang über verstaubten Gesetzen. Am Ende kommt verdrehter Unsinn heraus, den kein Mensch versteht. In Serie werden Freifahrtscheine für Kinderschänder, Mörder und Terroristen ausgestellt. Wie für Samir A., einen ausgemachten Schurken, den deutsche Gerichte verhätscheln. Dabei müssten die Richter sich nur etwas am gesunden Rechtsempfinden von CDU-Politikern wie Herbert Reul orientieren.

Ein ganzes Rudel von Brandstiftern, die das Parlament abgefackelt hatten, war vom höchsten Gericht freigesprochen worden. Nur ein alberner durchgeknallter Holländer wurde zum Tode verurteilt, doch von seinen Hintermännern gab es keine Spur. Staatsanwaltschaft und Polizei hatten sich wirklich Mühe gegeben, auch mit dezenter Folter, doch das dämliche Gericht verdarb alles. Selbst der Auftritt des Innenministers, der auf eine Verurteilung drang, änderte nichts am Urteilsspruch. Kein Wunder, dass die Regierung von dieser bornierten Justiz die Nase voll hatte.

„Recht ist, was dem Volke nützt“

„Recht ist, was dem Volke nützt“ – ein so einfacher wie sinnstiftender Satz. Denn die oberste Richtschnur kann nur das gesunde Rechtsempfinden sein, nicht die Haarespalterei von Juristen. Strafprozesse sollen nicht dazu dienen, Verbrechen zu verharmlosen und Gutachtern und Anwälten die Taschen zu füllen. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, manche Taten vor einem Gericht zu verhandeln, bei dem eine Revision oder Berufung nicht möglich ist. Selbstverständlich steht dem Angeklagten ein Verteidiger zu, doch dieser sollte vom Vorsitzenden Richter genehmigt werden – damit die Sorte Anwälte fern bleibt, die nur eine Bühne für relativierendes Geschwätz sucht und Verfahren zugunsten des eigenen Geldbeutels verschleppt.

Der Führer war nicht nur Literat und Maler

Ein solches Gericht schwebte dem Führer vor, der nicht nur als Literat und Maler unter seinen Diktatorenkollegen glänzte, sondern auch in Sachen Gerichtsbarkeit Maßstäbe setzte. Nachdem das Reichsgericht als höchste Instanz im Reichstagsbrandprozess vier von fünf Angeklagten freigesprochen hatte und selbst die massive Intervention des preußischen Innenministers Hermann Göring keinen Erfolg gezeigt hatte, riss der Regierung der nationalen Erhebung der Geduldsfaden. So wie ganz Deutschland kulinarisch-kriegsvorbereitend dem Eintopfgericht frönen sollte, so sollte auch ein besonderes Gericht das nervende Gros der klassischen Gerichtsbarkeit überfällig machen.

Der „oberste Richter des deutschen Volkes“

Mit dem „Gesetz zur Aburteilung von Hoch- und Landesverrat“ vom 24. April 1934 wurde so der Volksgerichtshof geschaffen, der zunächst als Sondergericht am 1. August 1934 in Berlin die Arbeit aufnahm. Man urteilte effizient wie am Schnürchen, plötzlich waren die lästigen Zweifel und störenden Abwägungen wie fort geblasen. Und im Sommer 1934 – nach der Exekution von Ernst Röhm und seines angeblich homophilen putschenden Freundeskreises – erklärte der Führer, in diesem Moment sei er der „oberste Richter des deutschen Volkes“ gewesen. Die Menschen erkannten: Das Richterhandwerk ist schließlich eines, das auch ein versierter Laie getrost ausüben kann wenn es denn darum geht, „Volksschädlinge und Hochverräter“ rücksichtslos auszumerzen.

Keine Gnade für „Volksschädlinge und Hochverräter“

Am 18. April 1936 wandelte schließlich ein Gesetz den Volksgerichtshof in ein ordentliches Gericht um. Nachfolgend war er neben Hoch- und Landesverrat auch für die Aburteilung von schwerer Wehrmittelbeschädigung, Feindbegünstigung, Spionage und Wehrkraftzersetzung zuständig. Effektiv und schnell: Vormittags Verhandlung, mittags Urteilsverkündung und zur Kaffeepause der Richter war schon die Rübe ab. Begnadigungen gab es nur durch den Führer – und der hütete sich davor, von diesem albernen Recht Gebrauch zu machen.

„Nicht mehr alle Latten am Zaun“

Hätte vor ein solches Gericht vielleicht nach Ansicht mancher, die von der „Anti-Abschiebeindustrie“ faseln und ein gesundes Rechtsempfinden einfordern, Samir A. gehört? Richtig ist, dass auch in einer Demokratie Recht und Gerechtigkeit zweierlei Paar Schuhe sind. Richtig ist aber auch, dass ein CDU-Politiker wie Herbert Reul, der mit dumpfer rechter Sprücheklopferei die Gewaltenteilung unterhöhlt, „nicht mehr alle Latten am Zaun hat“, wie Wolfgang Kubicki, Jurist und Vize-Präsident des Bundestages, feststellte.

Share

1. August 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Wo einst Rilke dichtete und Vogeler fremd ging: Eine Sommerreise nach Worpswede

Lyrik, Lust und Malerei

Die Kommune 1 mit ihrer Mischung aus Intellektualität und Sex war eine Sensation? Von wegen. Was Fritz Teufel und seine Mitbewohner 1967 machten, konnten die Worpsweder Intellektuellen schon vor 120 Jahren. Lyrik, Seitensprünge, Malerei – das waren die Essenzen der legendären Künstlerkolonie bei Bremen. Wer noch keine Pläne für den Spätsommer hat, sollte eine Wallfahrt zu den Kultstätten der Dichter und Maler ins Auge fassen.

Manchmal umweht eine leise Melancholie den Barkenhoff, das einstige Wohnhaus Heinrich und Martha Vogelers. Wenn der Abend kommt und der Duft der Blumen schwer in der Luft hängt – dann wird es still im Garten der Villa. Der Besucher kann sich auf eine der Bänke setzen, die Augen schließen und an die Tage denken, als der Barkenhoff Treffpunkt so illustrer Gestalten wie Rainer Maria Rilke und seiner Frau Clara, Otto und Paula Modersohn und eben Heinrich Vogeler und seiner Frau Martha war. Und wenn der Besucher dann vor lauter romantischem Sehnsuchtsschmerz mit einem Seufzer die Augen wieder aufschlägt, hat er zumindest die Chance, diese Figuren der Vergangenheit samt Sommerabend auf dem Barkenhoff als Postkartenreproduktion des Vogeler-Gemäldes „Das Konzert“ aus dem Jahre 1905 zu erwerben.

Der Barkenhoff – ein Juwel des Jugendstil entsteht

Als Vogeler dieses Bild von einer Haus- bzw. Gartenmusik der ganz besonderen Art malte, waren die Um- und Ausbaubauarbeiten an seinem 1895 erworbenen Barkenhoff – übrigens niederdeutsch für „Birkenhof“ – längst beendet. Der Meister hatte in wenigen Jahren ein kleines Juwel des Jugendstils geschaffen. Und wie ein Juwel von einer Fassung umgeben ist, so ist bis heute der Garten attraktiver Rahmen des Barkenhoff. Schon um die vorletzte Jahrhundertwende erfüllte das Gebäude mehr als nur den Wohnzweck von Heinrich und Martha Vogeler, die ebenso wie die Rilkes und die Modersohns 1901 geheiratet hatten: Längst war er zum Mittelpunkt der Worpsweder Künstlerbewegung und somit der gesamten „Künstlerkolonie Worpswede“ geworden.

Die großen der Literatur geben sich die Klinke in die Hand

Entsprechend wurde das Haus gewürdigt: Rainer Maria Rilkes Spruch „Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß“, den der Dichter zum Weihnachtsfest im Jahr 1898 geschrieben hatte, ließ Vogeler als Haussegen in die Eingangstür des Barkenhoff einkerben. Die Großen der Kunst und Literatur gaben sich in diesem Künstlerhaus die Klinke in die Hand: Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Max Reinhardt, Richard Dehmel. Sonntags las und rezitierte der Künstlerkreis, tanzte, sang und gestaltete das Leben als großes Kunstwerk. Ein nie enden wollendes Happening, lange bevor jemand diesen Begriff auch nur erfunden hat.

Lästern, Lügen, Seitensprünge

Der Schriftsteller Klaus Modick hat großartig davon in seinem Buch „Konzert ohne Dichter“ erzählt – ein bunter Lesestoff wie ein üppiges Ölgemälde von Otto Modersohn, manchmal melancholisch wie die Verse von Rainer Maria Rilke – und immer wieder leicht und elegant wie die Zeichnungen Heinrich Vogelers. Doch die Worpsweder Idylle trog. Die gerade erst geschlossenen Ehen waren brüchig, längst wurde hinter dem Rücken der jeweils abwesenden gelästert und die Gemeinschaftsausstellungen wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen bereits 1902 beendet. Der eine oder andere Seitensprung gehörte längst zum Alltag, alte Worpsweder berichteten einst von äußerst wilden Picknicktagen auf den Wiesen…

Die Revolution des Heinrich Vogeler mit der „roten Marie“

Doch der Besucher, der die Reproduktion des Sommerabends als Postkarte in Händen hält, will davon nichts wissen – zu schön ist die Illusion, dieses Haus samt Garten sei ein Ort der Inspiration, und der Eintracht gewesen. Denn wenn man schon auf dem Barkenhoff nicht glücklich sein konnte – wo denn dann? Nur wenige Jahre dauerte die Harmonie in seinen Mauern und in seinem Garten. Dass hat auch mit Heinrich Vogelers politischer Entwicklung zu tun: War er noch 1914 als Freiwilliger in den Krieg gezogen und als Nachrichtenoffizier mit der Skizzierung des Kriegsgebietes in den Karpaten beschäftigt, so wandte er sich 1917 von Kaiser und Vaterland ab, wurde Revolutionär und stellte das Idyll Barkenhoff als Kommune zur Verfügung. Dort wollte er mit seiner neuen Geliebten Marie Griesbach, der „Roten Marie“, ein Stück Sowjetkommunismus im tiefsten Niedersachsen verwirklichen.

Ein aufwändiges und dekadentes Unternehmen

Martha Vogeler war von den Ambitionen ihres Gatten wenig begeistert und beschloss den Barkenhoff zu verlassen. 1919 hatte sie sich in einem Nachbardorf in ein altes niedersächsisches Bauernhaus verliebt und es gekauft. Das Haus wurde abgetragen und im Schluh in Worpswede 1920 wieder neu aufgebaut. Ein aufwändiges, ja dekadentes Unterfangen in den Augen vieler Worpsweder – half doch auch Revolutionär Vogeler großzügig bei Umbau und Finanzierung. Gemeinsam mit den drei Töchtern Mieke, Bettina und Mascha verdiente sich Martha Vogeler fortan hier mit der Weberei, einer Gästepension und einem großen Nutzgarten ihren Lebensunterhalt. Auch ihr neuer Lebensgefährte zog praktischerweise direkt mit ein.

Das „Haus im Sumpf wird Künstlertreffpunkt“

Im Laufe der Jahre  entwickelte sich ein neuer Künstlertreffpunkt – noch heute beherbergt das Haus im Schluh (was auf Plattdeutsch „Haus im Sumpf“ bedeutet) die Heinrich-Vogeler-Sammlung, bestehend aus Gemälden, Radierungen und Möbeln. Ergänzt durch die wertvollen, oft kuriosen und interessanten Gegenstände aus bäuerlichem Hausrat oder Kunsthandwerk, die Martha und Heinrich sammelten, ergibt sich ein ganz besonderes Museum. Der Barkenhoff hingegen wurde von Vogeler, ohnehin durch Marthas Auszug von Mobiliar und Kunst beraubt, an einen Gartenarchitekten und Anthroposophen verkauft. Später verfiel das Haus und wurde erst 2003/2004 aufwändig renoviert. Heute ist der Barkenhoff Museum und Ausstellungsraum – und lädt mit seinem Garten immer noch in eine Idylle ein.

Eine melancholische Reise in die Vergangenheit

Noch heute spürt man in vielen der außergewöhnlichen Gebäude den Hauch der Vergangenheit. Andere zeugen vom Wandel, wurden verändert, verkauft und neu erfunden. Ein neues Buch über die Häuser der legendären Künstler wie Vogeler, Modersohn, Mackensen und viele andere lässt jetzt nicht nur die Zeiten der Sommerabende auf dem Barkenhoff neu erstehen. Im Carl Schünemann Verlag in Bremen ist aus der Feder von Gudrun Scabell der liebevoll gestaltete Bildband „Worpsweder Künstlerhäuser“ erschienen, der die Leser auf eine spannende, manchmal leise melancholische und stets sorgfältig recherchierte und stilistisch ansprechende Reise in die Vergangenheit mitnimmt.

Das Worpsweder „Cabinet des Dr. Caligari“

Das Buch erzählt von extravaganten Künstlern, traurigen Schicksalen und den vielen Erinnerungen, die mit den Gebäuden verbunden sind – wie die Geschichte des legendären Hauses des Malers und Bildhauers Bernhard Hoetger. Dieses Gebäude, dessen Struktur irgendwo zwischen den expressionistischen Bauten so legendärer Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Metropolis“ und den Häusern der Hobbits angesiedelt scheint, wirkt auch heute noch über 90 Jahre nach seiner Entstehung mystisch, ja je nach Tages- oder Jahreszeit auch unheimlich oder völlig surreal. Nordische Sagenwelt, norddeutscher Jugendstil gepaart mit neogotischen Schornsteinen – Hoetger schuf ein Gebäude, das seinesgleichen sucht. Seine mystischen Entwürfe fanden schließlich in der Architektur der Bremer Böttcherstraße, bezahlt von seinem Freund und Gönner, dem Kaffeemogul Ludwig Roselius, ihre Vollendung.

Bernd Hoetgers nordischen Mythen und die „entartete Kunst“

Doch so, wie die Romanik des Barkenhoffs mit dem Zerfall der Beziehungsgespinste seiner Bewohner und Gäste seine sphärenhafte Harmonie verlor und schließlich einem zweifelhaften irdischen Ideal, nämlich dem Kommunismus dienen sollte, so trieb wiederum die Sehnsucht nach nordischen Mythen und Göttern Hoetger in die Fänge des Antichristen Adolf Hitler. Wie sein Mäzen Roselius sympathisierte er mit den Nationalsozialisten und wurde Parteimitglied. Hoetger versuchte, die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflussten Werke zu gewinnen, ignorierte den sich abzeichnenden Totalitarismus mit seinem System der Konzentrationslager und staatlich verordneter „Kunst“ nach dem Gusto der Parvenüs Hitler und Goebbels.

Der politisch naive Hoetger sah sich aber bald unversehens selbst von den Nazis als „entartet“ demaskiert, wurde aus der Partei ausgeschlossen – und floh schließlich während des Krieges aus dem untergehenden „Dritten Reich“ in die Schweiz, wo er 1949 starb. Sein Haus aber überlebte nicht nur seinen Schöpfer, sondern auch die Jahre als Offizierscasino der Wehrmacht und Lazarett. Heute lädt es die Besucher ein, sich mit einem wundersamen Baustil zu befassen, der gestalterisch so fern und doch emotional so nah ist.

Der Barkenhoff, das Haus im Schluh, das Hoetger-Haus – nur drei von vielen Zielen, für die sich ein Besuch in Worpswede lohnt. Und wem der Weg zu weit ist, der sollte zu den Büchern von Gudrun Scabell und Klaus Modick greifen und die Worpsweder bei einer Tasse Tee oder einem Kaffee gemütlich zu Hause betrachten – und sich daran erinnern, wie es einst war, als Rilke dichtete und Vogeler fremd ging…

Buchtipps:

Worpsweder Künstlerhäuser
Gudrun Scabell
152 Seiten, Hardcover
EUR 29,90
ISBN 978-3-7961-1005-4

Klaus Modick
Konzert ohne Dichter
240 Seiten
Euro 17,99 €
ISBN: 978-3-462-04741-7
Share

25. Juli 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

„Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt“: Mesut Özils Rücktritt hält die Welt in Atem

Dr. Otto Nerz und der Subtext des Wurstfabrikanten

Dieser Sommer ist so richtig verkorkst. Erst blamiert sich Horst Seehofer mit einer politischen Geisterfahrt, dann vergeigt Jogis Eleven die Fußball-WM und jetzt hält der Rücktritt Mesut Özils die Welt in Atem. Ein opulentes Sport-Drama mit politischem Hintergrund wie 1936 die Pleite der deutschen Elf bei den Olympischen Spielen – und auch schon damals machte der DFB keine gute Figur.

Hätte Alexander Gauland eine PR-Kampagne für das Sommerloch planen wollen – der böse alte Mann der AfD hätte sich kein besseres Szenario wünschen können. Kaum hatte man sich vom Amoklauf des Horst Seehofer und dem Ausscheiden bei der WM erholt, stellte plötzlich binnen weniger Tage der Rücktritt Mesut Özils den DFB und das Verhältnis Deutschlands zur Türkei in Frage. Wie eine Granate krachte sein Rücktritt in das morsche Gebälk des Spitzenverbandes. Die National-Mannschaft, der Bundestrainer und vor allen Dingen der DFB-Präsident sind getroffen – und im Falle Reinhard Grindels geht heimlich die Hoffnung um, der seit Jahren unglücklich agierende Präsident möge die Attacke politisch nicht überleben.

„Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt.“

Natürlich war es Uli Hoeneß, der vorbestrafte Präsident des FC Bayern, der umgehend nach Özils Rücktritt in bewährter Manier Öl ins Feuer goss. „Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen“, höhnte Hoeneß gegenüber der Bild-Zeitung. Die Entwicklung in unserem Land sei, so Hoeneß weiter, „eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport.“ Nicht zum ersten Mal entlarvt sich Hoeneß mit dieser Aussage als Schwätzer: Özil bereitete seit seinem DFB-Debüt 2009 mehr Tore vor als jeder andere Spieler, nämlich 33.

Der Subtext des fränkischen Wurstfabrikanten

Der Subtext des fränkischen Wurstfabrikanten ist deutlich: Der Türke im deutschen Trikot kann nix. Hoeneß befeuert mit seinen kruden Äußerungen die aktuelle Hetz-Kampagne der AfD: Deren Frontfrauen Alice Weidel und Beatrix von Storch ätzen seit Tagen, Mesut Özil sei ein typisches Beispiel missratener Integration. Wir erinnern uns: Es ist erst ein Jahr her, dass AfD-Großagitator Alexander Gauland, behauptete, eigentlich wolle niemand neben Nationalspieler Jerome Boateng wohnen. Özil, Boateng – Fußball, so scheint es, ist nicht die bevorzugte Sportart der AfD.

Als der Führer erbost schon vor dem Abpfiff ging

Auch der Führer hielt nicht viel vom runden Leder. 1936 besuchte Adolf Hitler die Partie Deutschland-Norwegen – eigentlich ein läppisches Pflichtspiel auf dem Weg zu olympischem Edelmetall. Doch die Norweger gingen bereits nach sechs Minuten vor 55.000 Zuschauern im Berliner Poststadion in Führung, um dann das deutsche Team überlegen mit 2:0 zu schlagen. Der Diktator verließ damals bereits vor dem Abpfiff erbost die Arena. Mit deutschen Verlierern wollte er nichts zu tun haben. Es war übrigens das letzte Mal, dass Hitler beim Fußball gesehen wurde.

Otto Nerz sinniert über „Europas Sport frei vom Judentum“.

Das sportliche Debakel hatte Folgen: Reichstrainer Dr. Otto Nerz musste seinen Hut nehmen. Dabei hatte nicht der Trainer gepatzt: Der Präsident des DFB, Felix Linnemann, hatte massiv über den Kopf von Nerz hinweg Einfluss genommen und angeordnet, die besten Spieler für das Finale zu schonen. Doch der Coach badete die Niederlage aus weil Linnemann um seinen Job als DFB-Chef fürchtete. Nerz bekam Zwangsurlaub und seine Arbeit wurde von seinem Assistenten Sepp Herberger erst teilweise, dann ganz übernommen. Nerz, der bis 1933 Sozialdemokrat gewesen war, trat derweil in die NSDAP ein, bekam eine Zeitungskolumne und sinnierte dort unter anderem über „Europas Sport frei vom Judentum“.

Herberger und der hartleibige DFB

Der politisch unauffällige aber geschmeidige Herberger (NSDAP-Mitglied seit 1933) führte 1954 die deutsche Elf in Bern zum ersten WM-Titel. Und legte sich im hohen Alter 1972 überraschend mit dem DFB an, als er hartnäckig forderte, der Verband möge endlich den emigrierten jüdischen Kicker Gottfried Fuchs offiziell nach Deutschland einzuladen. Doch die hartleibigen Funktionäre schlugen Herberger diesen Herzenswunsch ab: Dafür habe man kein Geld, belehrte man den Weltmeister-Coach.

Share

2. Juli 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Eine Ära geht zu Ende oder das Halali auf den tragischen Heiligen Narren Horst Seehofer

Das letzte Brüllen des alten Löwen

Als die Jusos Martin Schulz zum Gottkanzler ausriefen, dachte man, der Gipfel der politischen Selbstüberschätzung sei erreicht. Doch niemand hatte in diesem Moment Horst Seehofer auf dem Zettel. Die Geisterfahrten des CSU-Chefs machen deutlich, wie stark die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt in vielen Politikerseelen wuchert. Es ist dieser menschliche Makel, der Seehofer zu Fall bringen wird – und es ist das absehbare Ende einer tragischen Ära voller Höhen und Tiefen, das letzte Brüllen eines alten Löwen.

Es gibt in der Mythologie und in der Literatur die Figur des Heiligen Narren. Der Heilige Narr hält sich an keine Regeln oder festen Muster. Er nimmt die Rolle außerhalb der Konventionen und Normen ein. Seine Weisheit ist spontan, unschuldig und ohne Vorurteil. Til Eulenspiegel ist der wohl berühmteste dieser Narren. Er ist eine zwiespältige Figur, Symbol der Freiheit und des humorvollen Intellektes – und gleichzeitig des Verfalls und der Ignoranz. In der Politik gebührt Horst Seehofer vermutlich dieser Titel. Immer wieder lag er mit seinen politischen Einschätzungen richtig, doch immer wieder folgten seinen Worten keine Taten. Sein Narrenzepter ist seit Jahren der Maßstab einer Partei, die sich Verdienste um den Zweiklang aus Fortschritt und Konservatismus erworben hat und doch unter Seehofer immer inkonsequent blieb.

Tief müssen die seelischen Verwundungen sein

„Horst der Bestrafer“ – das war einst bei RTL eine legendäre Kunstfigur, die das damals noch Catchen genannte Wrestling launig kommentierte und sogar selbst zu Schaukämpfen in den Ring stieg. Dessen Nachfolge in der vom ermüdenden Zank gezeichneten Großen Koalition hat Horst Seehofer übernommen. Permanente persönliche Attacken gegen die Kanzlerin sind Teil eines Show-Fights, der das letzte Ringen eines alten Kämpfers zeigt, dem außer der politischen Schlammschlacht nichts mehr im Leben geblieben zu sein scheint. Tief müssen die seelischen Verwundungen sein, die er einst privat oder politisch davon tragen musste. So tief, dass er seinen Abschied jetzt auf der monströsen Bühne einer Regierungskrise inszeniert.

Horst Seehofers Anspruch auf Gerechtigkeit

Aber auch Horst Seehofer hat wie Martin Schulz einen Anspruch auf Gerechtigkeit, galten doch beide einst als Talente ihrer Parteien. Schon als Parlamentarischer Staatssekretär bei Bundesarbeitsminister Norbert Blüm fiel Seehofer positiv auf – und verstand sich prächtig mit dem einstigen CDU-Linksaußen. Als Bundesgesundheitsminister agierte er später engagiert und zielstrebig, senkte Kosten, löste das skandalumwitterte Bundesgesundheitsamt auf. Sein heutiger Nachfolger Jens Spahn, der sich als großes konservatives Feuilleton gebärdet, könnte viel vom jungen Seehofer lernen: Nur drei Wochen nach Amtsantritt legte der einen umfassenden Gesetzesentwurf zur Sanierung des Gesundheitssystems vor. Spahn hat hingegen bis auf ein paar versemmelte Talkshowauftritte bisher wenig Aktion an den Tag gelegt.

„Der neunte Sozialdemokrat im Kabinett Merkel“

Auch die CSU verdankt Seehofer viel: Die einst vom Strauß-Spezi Peter Gauweiler geforderte Kurskorrektur nach rechts, lehnte er ab, ebenso eine bundesweite CSU. Die Christsozialen blieben eine bayerische Volkspartei mit satten Mehrheiten. Der von rechts als „Herz-Jesu-Sozialist“ verhöhnte Ingolstädter machte Karriere, fiel aber den alten CSU-Granden wie Stoiber bald als gefährliche Konkurrenz auf. Man schob ihn 2005 in die erste Große Koalition nach Berlin ab. „Er ist der neunte Sozialdemokrat im Kabinett Merkel“, ätzte DER SPIEGEL und die BILD enttarnte nur wenig später, dass Seehofer neben seiner Familie in Bayern eine zweite Beziehung mit Kind in Berlin hatte. Grausam sezierte das Zentralorgan des schlechten Geschmacks sein Privatleben und machte ihn als konservativen Politiker zum Gespött.

Das Halali auf den tragischen Heiligen Narren

Heute ist Seehofer, der einst selbstkritisch seine Sucht nach Politik für eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung verantwortlich machte, zum Junkie geworden, der nur noch nach dem nächsten Schuss Aufmerksamkeit giert. Schon lange versuchte ihn ein Teil der CSU auf Abstand zu halten, doch die von Seehofers Hand geschaffenen Paladine Andreas Scheuer und Alexander Dobrindt gossen lange in seinem Auftrag immer wieder Öl ins Koalitionsfeuer. Während er sich jetzt noch einmal brüllend gegen die Kanzlerin aufbäumt, werden genau diese Paladine spätestens nach der Bayernwahl im Herbst das Halali auf den tragischen Heiligen Narren Horst Seehofer blasen – und sich dann voller Gier auf seinen politischen Nachlass stürzen.

Share

28. Juni 2018
von Malte Bastian
1 Kommentar

Das Aus für Jogis „Rumpelfüßler“: Die Götterdämmerung des Deutschen Fußballs

Laut, oberlehrerhaft, großkotzig

Ein bisschen war Deutschland vor der WM so, wie Markus Söder: Laut, oberlehrerhaft, großkotzig. Dieses Turnier – ein harmloser Spaziergang. Die Gruppengegner – allesamt Zwerge, die man wie welkes Laub vom Rasen blasen wird. „Mia san mia, was schert´s die deutsche Eiche, wenn sich die koreanische Sau daran scheuert. Doch das überraschende Aus passt zum geistig-politischen Zustand des Landes: Die Götterdämmerung für Joachim Löw und Angela Merkel hat begonnen.

Sommer 2014: Fußball-Deutschland ist Weltmeister. Ein unglaubliches 7:1 gegen Brasilien. Gegen Brasilien! Das Land des Fußballgottes! Herrliche Zeiten sah Deutschlands Kaiser Franz der Große auf das Land zukommen. Diese Mannschaft, so sprach der Monarch, begründe eine Vormachtstellung im Fußball, die der spanischen ähneln werde. Und so sollte es 2018 sein: Der in Reinhard Grindel so wunderbar Fleisch gewordene heilige Geist des DFB verkündete vor dem Spiel gegen Süd-Korea: „Wir werden wieder erleben, dass sich Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund in den Armen liegen, weil ein Spieler von Bayern München ein Tor geschossen hat.“

Zu viel Zeit im Tatoo-Studio vertrödelt

Doch im Sommer 2018 war nix mehr mit dem Motto des FC Bayern. „Mia san mia“ wurde zur unendlichen Blamage einer Elf, die anscheinend viel Muße hat, sich in Tatoo-Studios, beim Friseur und bei türkischen Präsidenten herum zu drücken, aber offensichtlich zu wenig Zeit auf dem Trainingsplatz verbrachte. Und so war schon nach dem vergeigten Auftakt gegen Mexiko das böse Ende zu ahnen. Der Weltmeister war angetreten, den Titel zu verteidigen und spielte doch nicht einmal wie einst die „Helden der Kreisklasse“ in der legendären Doku-Soap auf Kabel eins mit dem unsterblichen Manni Burgsmüller.

„Rumpelfüßler“ wäre für Jogis Truppe noch geschmeichelt

„Rumpelfüßler“ wäre für die Truppe von Joachim „Jogi“ Löw noch geschmeichelt und selbst der Trainer-Schatten „Sir“ Erich Ribbeck hätte eine Mannschaft kaum grauenvoller durch ein internationales Turnier führen können. Diese Elf, vom DFB zur Gelddruckmaschine „Die Mannschaft“ hoch gejazzt, ist aber auch ein Menetekel für den geistig-politischen Zustand des Landes. Große Klappe, auf die anderen herabschauen und auf deren Ansichten pfeifen: So hat sich auch die Große Koalition in den vergangenen Jahren im Herzen Europas eingerichtet. Und so, wie der FC Bayern den Kader der Löw-Truppe 2018 dominierte, so versucht auch gerade die CSU das Mannschaftsspiel in Deutschland zu beherrschen.

Strategien, die nicht aufgehen: Merkel und Löw

Angela Merkel und Jogi Löw haben sich böse verzockt: Ihre Strategien sind nicht aufgegangen. Aller Welt Feind oder zumindest Vormund, aber nur Gottes Freund zu sein, reicht im wahren Leben eben nicht aus. So wie sich in Fragen der Flüchtlings- oder Austeritätspolitik Deutschland immer wieder als das Maß aller Dinge sah, so fuhr auch „Die Mannschaft“ besoffen vor Selbstüberschätzung siegessicher nach Russland. Beide lernten in diesem Sommer: Süd-Korea und Schweden können ernsthaft kicken und auch mit den jetzt wieder geschmähten EU-Schmuddelkindern Ungarn und Italien muss man politische Kompromisse finden.

Das satte Land muss sich neu finden

Schon die Sponsoren hätten die Fußball-Auguren aufhorchen lassen können: Unter anderem ein halbstaatliches Unternehmen wie die Telekom, die seit Jahren erfolglos am Glasfasernetz bastelt, und diverse Autohersteller, deren Manager jetzt wegen Betruges Knasterfahrungen sammeln. Da zeigt sich das satte und geistig faule Land, das sich gigantische Flughafenruinen und marode Infrastruktur leistet und die Misere in der Pflege und der Altersversorgung nicht in den Griff bekommt. Es gärt immer deutlicher: Deutschland muss sich neu finden, sonst wird es abgehängt. Doch immerhin: Das Schicksal wird gnädig mit Merkel und Löw umgehen: So lange die Alternativen Annegret Kramp-Karrenbauer und Thomas Schneider heißen, sind ihre Jobs sicher.

Share

18. Juni 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Der Sprengsatz des Horst Seehofer oder wie man die eigene Schwester politisch erwürgt

Fünf vor Zwölf für die Große Koalition

Horst Seehofer hat früher Zigarillos geraucht. Was der Mann heute raucht, ist unbekannt. Es muss sich aber um eine Substanz handeln, die starke Auswirkungen auf das Bewusstsein hat. Anders ist es nicht mehr zu erklären, warum die CSU jetzt rücksichtsloser auf die Kanzlerin schießt, als es die Opposition je getan hat. Für die Bundesregierung ist es jetzt fünf vor Zwölf: Gelingt es Merkel nicht, Seehofer klar zu machen, dass eine regionale Partei nicht allein den Kurs Deutschlands bestimmen kann, platzt die Große Koalition.

Das Elend des Horst Seehofer ist seine Unaufrichtigkeit: Es ist nicht die Forderung zur Schließung der Grenzen die genierlich wäre, sondern der scheinheilige Zeitpunkt ihrer Offenbarung. Noch im Koalitionsvertrag im Frühjahr war keine Rede von der Abweisung von Flüchtlingen – dabei hätte sie die CSU damals konsequent zum Prüfstein machen können. Doch stattdessen heuchelten Seehofer und seine Freunde Zurückhaltung. So bedient man Reaktionäre und verprellt diejenigen, für die der Begriff Konservativ auch etwas mit Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit zu tun hat. Seehofers intellektueller Volkssturm in Form der Herren Söder, Scheuer und Dobrindt setzt die internationale Berechenbarkeit Deutschlands zu Gunsten einer Landtagswahl aufs Spiel und geriert sich als Fundamentalopposition innerhalb einer Regierung, an der die CSU seit Jahren selbst beteiligt ist. Dabei war die sogenannte Grenzöffnung 2015 nicht nur mit SPD und CSU abgesprochen, sondern auch mit Ungarn und Österreich. So wird das Geschwätz vom „Alleingang“ der Kanzlerin völlig unglaubhaft.

Eine kleine aggressive, immer nörgelnde „Schwesterpartei“

Angela Merkel ist nicht zu beneiden. Sie hat nicht nur eine langsam dahin siechende SPD in der Regierung, sondern die eigene Familie: Eine kleine aggressive, immer nörgelnde „Schwesterpartei“, die jede noch so bescheidene Benimmregel außer Kraft setzt. Nur noch dunkel kann man sich an die Zeit erinnern, als Christdemokraten und Christsoziale erfolgreich in den 80ern Seit an Seit schritten. Heute kämpft die CSU um das nackte Überleben – sie liegt nur noch bundesweit bei 6,7 Prozent – und schlägt wie ein Ertrinkender um sich, Tiefschläge inbegriffen. Wer sich als Konservativer noch zu dieser bayerischen Variante der Union bekennen mag, muss ein dickes Fell und ein schlechtes Gedächtnis haben. Die Christsozialen kennen die Bibel und den Brudermord – und das, was sie betreiben, ist zumindest der Versuch, die Schwester CDU politisch zu erwürgen.

Aus der CSU wurde unter Seehofer ein Intrigantenstadl

Aus der CSU, der Partei, die das arme Agrarland Bayern einst in die Moderne und den Wohlstand führte, ist unter Horst Seehofer ein Intrigantenstadl geworden. Günther Beckstein, Erwin Huber, Ilse Aigner – das politische Potential der Christsozialen wurde durch Ränke abserviert, die vermutlich in dunklen Nächten in üblen niederbayerischen Wirtshausrunden geschmiedet wurden. Hätte das stolze alte Land Bayern noch einen König, er hätte sich vermutlich angesichts der unlauteren Umtriebe von Seehofer und Söder erneut verzweifelt in den Starnberger See gestürzt.

Das lange Sündenregister der Verkehrsminister

Wir erinnern uns: Gerade die CSU hat in der großen Koalition stets mit sonderbaren Projekten versucht zu reüssieren – etwa einer ökonomisch völlig sinnentleerten Autobahnmaut. Auch an der Pleite des Berliner Flughafens BER tragen die Christsozialen Mitschuld. Es sind die von ihr gestellten Bundesverkehrsminister Ramsauer, Dobrindt und Scheuer, die den finanziellen Supergau deutscher Aviatik mit Tatenlosigkeit begleiteten. Dauerbaustellen auf Autobahnen, digitale Standards wie in Albanien, Ignoranz gegenüber kriminellen Machenschaften bei Autoherstellern – das Sündenregister des CSU-geführten Verkehrsressorts ist lang.

Auf zum letzten Gefecht

Jetzt tritt die CSU zum letzten Gefecht an. Für einen möglichen Wahlsieg in Bayern legt Seehofer mit seinen geistigen Gehilfen den Sprengsatz in die Große Koalition. Gut hätte er daran getan, längst diese Regierung mit seiner Truppe zu verlassen, gleich nach dem Streit um die Flüchtlingswelle im Jahr 2015. Eine bundesweite CSU hätte vielleicht der AfD Einhalt geboten. Doch dazu hätte Mut gehört, den die CSU nicht hat. Stattdessen werden wir Zeuge eines armseligen bajuwarischen Bauerntheaters, aufgeführt von einem Ensemble äußerst mittelmäßiger Darsteller. Man darf gewiss sein: In der Loge dieses Polit-Theaters sitzt Alexander Gauland, der sich schon auf den letzten Akt der Vorstellung freut.

Share

30. Mai 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Querfront-Feuer und Dauerzoff in den eigenen Reihen: Die Borderline-Störung der SPD

Der Ausverkauf geht weiter

Es ist noch nicht lange her, da gehörte es zum politisch korrekten Ton, die FDP der Lächerlichkeit preiszugeben.  Es waren wunderbare Zeiten für die Konkurrenz und die Gagschreiber der heute-show. Kein Witz war zu billig, keine Pointe zu platt. Heute ist die SPD der Trottel der Politik. Sie ist heillos zerstritten und taumelt der Marke von 15 Prozent entgegen. Genüßlich wird die Partei medial geschlachtet. Der Ausverkauf der SPD geht unaufhaltsam weiter – sie leidet wie einst in der Weimarer Republik an ihrem ungeklärten Verhältnis zu Staat und Marxismus.

War es gestern noch die FDP, auf die sich die Meute der Journalisten stürzte, so ist es heute die SPD. Die bis ans persönliche gehende Gehässigkeit, mit der man einst die anderen überzog, muss man im Williy-Brandt-Haus jetzt selbst erdulden. Dabei ist die Krise hausgemacht. Die Protagonisten sind rasch benannt: Politische Va banque-Spieler vom Schlage eines Ralf Stegner und Kevin Kühnert auf der einen und ruhige Pragmatiker wie Olaf Scholz oder Stephan Weil auf der anderen Seite. Dazwischen eine Reihe quengelnder politischer Zwerge wie Michael Müller oder Carsten Sieling, die außerhalb ihrer Bundesländer niemand kennt und die nur noch wahrgenommen werden, weil sie auf den Schultern großer Vorgänger stehen.

Auch Parteien können Borderline-Störungen zeigen

Es gibt ein Krankheitsbild, das auch für komplexe Gebilde wie Parteien stehen könnte: Die Borderline-Störung. Menschen mit dieser Störung können Gefühle nur schwer kontrollieren. Sie leiden an Stimmungsschwankungen, Störungen des Selbsterlebens, Leere- und Spannungszuständen. Parteien in einer existentiellen Krise geht es ähnlich. Schon minimale Anlässe genügen – und die Gefühlslage kippt. Von einem Moment auf den anderen überfällt die Betroffenen plötzlich überwältigende Wut, Angst bis hin zur Panikattacke oder völlige Verzweiflung. Sie sind nicht in der Lage, diese rasch wechselnden Empfindungen und ihre Impulse zu kontrollieren. Ihre Stimmungsschwankungen sind extrem. Man hat das 2013 bei der FDP gesehen, später bei den Piraten – und jetzt bei der SPD. Die Liberalen gelten als geheilt, die Piraten sind verschwunden. Aber was wird aus der SPD?

Die Weimarer Querfront aus Politik und Medien

Längst dreschen rechte Kolumnisten wie Roland Tichy vereint mit linken Agitatoren wie Jakob Augstein gemeinsam auf die SPD ein. Eine Querfront von Wagenknecht bis Gauland hat sich gebildet, die von der Borderline-Störung profitieren will. So wie einst die Sozialdemokraten der Weimarer Zeit unter dem Dauerfeuer von Reaktion und Kommunisten standen, so poltern 85 Jahre nach dem Ende der ersten deutschen Republik wieder Rechts- und Linkspopulisten gemeinsam gegen die SPD.  Doch nicht nur die Redaktionen des Angriff und der Roten Fahne schossen einst ohne Unterlass auf die „Sozialfaschisten“: Auch bei Schriftstellern und Künstlern wie Brecht, Grosz, Heartfield oder Ossietzky und Tucholsky erfreuten sich weder Sozialdemokraten noch die Republik übermäßiger Beliebtheit. Die mangelnde Unterstützung der fragilen Demokratie büßten viele linke Intellektuelle grausam in den Konzentrationslagern der Nazis.

Nur noch Personal für die Reservebank der Geschichte

Es gibt nichts schöneres, als einem politischen Gegner dabei zuzusehen, wie er direkt ins offene Messer läuft. So wie Guido Westerwelle für das Maulheldentum, 18 Prozent für die FDP zu holen grausam in den Medien büßen musste, so wird die Chutzpe des Martin Schulz, die Kanzlerschaft quasi im Spaziergang nach Würselen zu tragen, noch lange der böse Fluch der SPD sein. Und nach der Wahl ist vor der Wahl: In Bayern sehen die Demoskopen die SPD gerade noch zwischen zwölf und 13 Prozent. Selbst ein Abrutschen im Freistaat unter die Marke von zehn Prozent ist nicht mehr undenkbar. Doch Schulz allein zum Sündenbock zu machen, greift zu kurz. Ein großer Teil des Spitzenpersonals der Sozialdemokraten ist wie einst das der FDP reif für die Reservebank der Geschichte.

Der langsame Tod der Berliner SPD

Doch wer könnte nachfolgen? Juso-Chef Kevin Kühnert mag zwar ein beeindruckender Agitator sein, politisch ist er jedoch ein Fliegengewicht. Möglicherweise wird die Zukunft der antriebslosen SPD ohnehin weiblich sein – aber nicht Andrea Nahles heißen, sondern vielleicht Franziska Giffey. Doch die kluge junge Ministerin hat eine schwere Hypothek: Sie kommt ausgerechnet aus Berlin, dem Bundesland, in dem die Sozialdemokraten seit geraumer Zeit in einer rot-rot-grünen Koalition einen langsamen politischen Tod sterben. Die Partei kommt in der einstigen roten Hochburg seit Monaten in Prognosen nicht einmal mehr auf die kümmerlichen 21,6 Prozent der letzten Wahlen. Zuletzt sahen Mitte Mai die Demoskopen die Partei des einstigen Regierenden Berliner Bürgermeisters Willy Brandt nur noch bei beschämenden 18 Prozent und hinter der Linkspartei.

Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Ob ein Charismatiker wie Christian Lindner oder Robert Habeck aus den Trümmern kommt, der die moribunde Partei rettet und wieder zur Freiheit, zur Sonne führt, bleibt abzuwarten. Der heilige Martin war es jedenfalls nicht. Demoskopen sehen die Bundes-SPD nur noch bei etwa 16 Prozent – selbst bei den letzten (schon durch die Nazis eingeschränkten) Reichstagswahlen im März 1933 schaffte die Partei ein Ergebnis von 18,7 Prozent. Das macht deutlich: Wie bei der FDP 2013 ist die Krise hausgemacht. Und wie bei der FDP wird ein echter Neuanfang nur durch eine Totaloperation beim Führungskader möglich sein. Die Sozialdemokraten wird kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun retten – nur die Einsicht, jahrelang Politik an den Wählern vorbei gemacht zu haben.

Die Hindenburg-SPD und die Quadratur des Kreises

Die SPD kann heute wie vor 80 Jahren an der Quadratur des Kreises zugrunde gehen: Entweder bekennt sie sich endlich klar zur Agenda-Politik Schröders oder aber zu einer linken Alternative. Beides wird ihr nicht gelingen. Übrigens scheiterten auch die Sozialdemokraten der Weimarer Zeit an einem dertigen Widerspruch: Das Bekenntnis zum Reichspräsidenten Hindenburg bei Beibehaltung des marxistischen Programms musste in den Augen vieler Wähler als politisch-geistige Umnachtung erscheinen. Die Partei erstarrte in der Vorstellung, es reiche, vor Ort gute Politik zu machen und Genossen an den Schalthebeln der Verwaltungen zu installieren. Ein fataler Irrtum – die Nazis bliesen 1933 in wenigen Wochen die Oberbürgermeister, Polizeipräsidenten, Landräte und Regierungspräsidenten der SPD wie welkes Laub davon. Die Wähler und Parteimitglieder nahmen es achselzuckend zur Kenntnis.

Potentielle SPD-Partner? Nicht in Sicht.

Wahlen, so lehrte es der US-Politikwissenschaftler Anthony Downs schon vor 60 Jahren, werden in der Mitte gewonnen. Dafür braucht man in Deutschland Koalitionspartner. Doch diese potentiellen Partner sind der SPD abhanden gekommen. Die Grünen wurden zu besserverdienenden Ökofreaks erklärt, die Liberalen zu geldgierigen Handlangern des Kapitals, die Unionsparteien zu fremdenfeindlichen Kleinbürgern. Doch auch um die andere Option, eine Mehrheit mit der Linken im Bund, drückten sich die Sozialdemokraten immer wieder herum. Die SPD verhielt sich dazu jahrelang wie ein Poser, der auf das Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad klettert und dann kleinlaut verkündet, das Wasser sei doch zu kalt zum Springen. Jetzt ist der linke Zug abgefahren und die SPD sprang erneut in die Große Koaltion– und das, obwohl nicht einmal klar ist, ob noch genügend Wasser im Becken ist. Bei der Wahl in Bayern droht schon der nächste schmerzhafte Bauchklatscher.

Share

16. Mai 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Özil und Gündogan: Das peinliche Posing mit Erdogan ist ein geschickter PR-Coup des Despoten

Der Ball ist wund

Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben gezeigt, wie cool es ist, ordentlich Kohle zu machen und auf politische Moral zu pfeiffen. Wenn man allerdings Politiker wie Ex-Kanzler Schröder als Benchmark für den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen und Kumpanei mit Diktatoren nimmt, haben die beiden alles richtig gemacht. Internationaler Fußball und Politik haben eben leider mit Moral und heiler Welt genauso wenig zu tun, wie diese mit einem Pornofilm: Dort wird am Ende bekanntlich auch nicht geheiratet.

Fußball ist gern mal „spürbar anders“ und für manche angeblich auch „lebenslang grün-weiß“ – aber diese lauwarmen Marketingsprüche wurden nur für sentimentale Fans erfunden. Wer selbst mal gespielt hat, weiß, dass sich schon in den unteren Ligen nichts geschenkt wird. Ähnlich wie in der Politik wird gefoult, gepöbelt und lustvoll nachgetreten. Und wie die Politik ist Fußball ein Business, bei dem jeder versucht, die Hand aufzuhalten und mitzumischen – was hätten ansonsten die Hersteller von Hörgeräten oder vorbestrafte Wurstfabrikanten in den Chefetagen der Clubs verloren. Das Reich von „König Fußball“ wird von unmündigen TV-Zuschauern via Rundfunkabgabe co-finanziert und von ehemaligen Politikern über eine Firma namens „Deutscher Fußballbund“ regiert. Drei Milliarden Euro werden jede Saison allein in der 1.Bundesliga umgesetzt.

Zwei halbgare Burschen und ein Despoten-Posing

So viel zu den guten Nachrichten aus der seit Jahren boomenden Branche. Die schlechte: Zwei politisch vermutlich halbgare Burschen haben mit ihrem Doppelpass gerade so ziemlich jeden Gegner nass gemacht. Mesut Özil und Ilkay Gündogan posierten in London mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, Inhaber einer Nato-Lizenz und eines gut dotierten Flüchtlingsvertrages aus der Hand der Bundesregierung. Die beiden Buben schleimten sich offenbar an den Despoten heran und überreichten ihm Trikotagen mit peinlichen Ergebenheitsadressen. Dabei entstanden Bilder, die dem Gedanken an Humanität ungefähr so förderlich sind, wie vor geraumer Zeit die Aufnahmen von Gerhard Schröder, der seinem Busenfreund Putin zur gefühlten 500. Wiederwahl gratulierte.

Mit dem Diktator morgens am Buffet

Nur Volltrottel, die immer noch glauben, Uli Hoeneß sei unschuldig und der HSV das Opfer ungerechter Punkteverteilung, haben nicht gemerkt, welches politische Spiel Özil und Gündogan bewusst treiben. Erdogan will vorgezogene Wahlen, da passen zwei deutsche Nationalspieler mit doppelter Staatsbürgerschaft hervorragend ins Konzept. Die türkische Gemeinde in der Bundesrepublik ist dem Machthaber mehrheitlich wohlgesonnen und erfreute ihn bisher mit guten Wahlergebnissen. Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben ihre Aktion gut vorbereitet. Ein zufälliges Treffen sei das Date mit Erdogan gewesen, hieß es – als ob man einen Diktator morgens mal eben am Saftautomaten des Frühstücksbuffets entdeckt.

Erdogans Freunde geben ihr letztes Hemd

Außerdem macht das Posing deutlich: Erdogan hat überall prominente Freunde, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr letztes Hemd für ihn geben. So ist der Diktator weiter auf dem Weg in die Champions League der Despoten. Und welch angenehmer Nebeneffekt: Gleichzeitig lässt sich noch Öl ins nationalistische Feuer der AfD gießen. Prompt geiferten die üblichen Verdächtigen der Rechtsausleger los und beunruhigen so manchen Türken, der wiederum nach Schutz durch Erdogan rufen wird.  Alles in allem: Eine gelungene Aktion, vermutlich sorgfältig vorbereitet von PR-Profis des türkischen Präsidenten und sicherlich auch mit entsprechenden Gegenleistungen für Özil und Gündogan verbunden. Ein Schmierenstück der Propaganda – kein Wunder, da kocht die deutsche Fan-Seele vor Empörung, inklusive Angela Merkel und Cem Özdemir.

Das hält der deutsche Fußball aus

Aber jetzt mal wieder für Erwachsene: Ein Sport, der den Steuerhinterzieher Hoeneß und den bekennenden Viktor Orban-Freund Lothar Matthäus hervorgebracht hat, ein Sport, der es völlig normal findet, seine Weltmeisterschaft im Land des Menschenverächters Putin abzuhalten und Sepp Blatter fast 20 Jahre lang als FIFA-Präsidenten aushielt, wird wohl auch die Erdogan-Jünger verkraften – auch wenn es der Mehrheit der Deutschen gefallen würde, wenn sie bei der WM nicht dabei wären – mir übrigens auch. Doch leider gelten schon lange nicht mehr die großen Worte des Fußballphilosophen Max Merkel – heute ist der Ball längst wund und ein Spiel dauert immer so lange, bis der FC Bayern Deutscher Meister geworden ist und am Betzenberg selbst bei Fritz-Walter-Wetter nichts mehr geht…

Share

4. Mai 2018
von Malte Bastian
Keine Kommentare

Die Kruzifix-Aktion wird nur eine Fußnote auf dem Weg in die politischen Niederungen sein

Markus Söder und der liebe Gott

Die SPD ist nicht der einzige Pflegefall unter den deutschen Parteien: Auch die CSU quält eine heftige Wählerschwindsucht. Und so wie sich alte Menschen plötzlich wieder Gott zuwenden, hat auch die CSU das Kreuz neu für sich entdeckt – freilich nicht ohne den kräftigen Schuss Bigotterie, der den Christsozialen gern eigen ist. Dabei gibt es nur einen einzigen wahren Gott, der die CSU heute vielleicht noch retten könnte: Franz Josef Strauß.

Markus Söder („blöd, blöder, Söder“, witzelte einst die eigene Partei), hat vom ewigen Horst eine undankbare Aufgabe übernommen: Es war gefühlt schon fünf nach Zwölf, als Seehofer sich endlich bequemte, seinem ungeliebten Finanzminister das Amt des Ministerpräsidenten anzuvertrauen. Während Seehofer eine der Commedia dell’arte würdige Inszenierung als Heimat-Minister in Berlin aufführt, soll Markus Söder die CSU in Bayern nicht nur vor dem Islam und den obszönen Gedanken an Jamaika retten, sondern in Deutschland und der Welt wieder great again machen – kein Spaß angesichts von nur noch 6,7 Prozent bei der letzten Bundestagswahl. Aber für diese Aufgabe muss man ein Meister im Fingerhakeln mit dem Wähler sein.

Unter langen Haaren waren einst „Gehirnprothesen“

Doch der einst politisch erfolgreiche derbe, ja grobschlächtige bajuwarischem Charme, ist längst Geschichte. Der im Gegensatz zu Martin Schulz tatsächlich Gott gewordene Franz Josef Strauß machte bei Kundgebungen keinen Hehl daraus, was er von seinen linken Gegnern hielt und was diese unter ihren langen verfilzten Haaren hatten: „Gehirnprothesen“. Willy Brandts Regierungsantritt war für ihn der Beginn eines „Tausendjährigen Reiches der Sozialisten“. Kein Wunder also, dass es etwa 1979 beim Kommunalwahlkampf in Essen aus ihm herausbrach, als er eierwerfenden Demonstranten den „Terror des roten Pöbels“ unterstellte und lautstark in die Mikrofone grantelte: „Ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat, Ihr wärt die besten Schüler des Dr. Goebbels gewesen.“

Linke Gewalt gegen die reaktionäre Hassfigur Strauß

Natürlich griff Strauß mit vielen seiner Einschätzungen im Ton völlig daneben, doch in der Sache lag er nicht immer falsch. Er war 1980 als Kanzlerkandidat die reaktionäre Hassfigur einer selbsternannten zweifelhaften „Volksfront“ aus Teilen der SPD, anarchistischen Grünen und von der Stasi finanzierten dubiosen Linksgruppen und autonomen Chaoten, die auch vor radikaler Gewalt nicht zurück schreckten. Da trafen linke Gewaltmenschen auf einen reaktionären Machtmenschen, der ihnen in Sachen rhetorischer Brutalität und physischer Präsenz durchaus gewachsen war.

Machiavellistischer Renaissancemensch mit weltweiten Netzwerk

Seinen scharfen Intellekt ließ Strauß selbst bei seinen Pöbeleien immer aufblitzen, sein Geschäftssinn nutzte dem Land Bayern, den dort ansässigen Unternehmen – und dem eigenen Konto. Strauß war ein kraftvoller, machiavellistischer Renaissancemensch mit einem weltweiten Netzwerk von Spezis – und einem unglaublich wachen Verstand. „Die These, der Geist steht links, ist nichts, als die permanente Wiederholung einer Dummheit“, lästerte er 1969 gut gelaunt im Bundestag über den SPD-Wahlkämpfer Günter Grass, dessen Werke er natürlich ebenso kannte, wie die Essays seines Erzfeindes Rudolf Augstein obwohl er angeblich nie einen Blick in den SPIEGEL warf

Die Versündigung gegen den politischen Monotheismus

„Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“, war das erste Gebot des politischen Monotheismus von Strauß – und genau gegen dieses Gebot hat sich die CSU unter Seehofer schwer versündigt. Jahrelang ätzte man gegen Angela Merkel und trug doch jede ihrer Entscheidungen mit. Nie hatten Seehofer und seine Freunde Dobrindt und Scheuer den Mut, aus der Koalition auszutreten wie es Strauß wohl angesichts der sozialdemokratisierten CDU getan hätte: Bereits 1976 drohte er bei der Klausurtagung der Christsozialen in Wildbad Kreuth mit einer CSU auf Bundesebene und kündigte sogar (vorübergehend) die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU auf.

Eine Fußnote auf dem Weg in die politischen Niederungen

Der Versuch der CSU, innerhalb der großen Koalition unter einer CDU-Kanzlerin dauerhaft Opposition zu sein, ist kläglich gescheitert. Schlimmer noch für die Bayern: Mit der AfD hat sich rechts von der CSU inzwischen eine rabiate Partei eingenistet, die erfolgreich den reaktionären Teil der ehemaligen eigenen Klientel bedient. Die verzweifelte Aktion von Markus Söder, durch das Aufhängen von Kreuzen wieder konservatives Profil zu erlangen, wird nur eine alberne Fußnote auf dem weiteren Weg in die politischen Niederungen der Wählergunst bleiben. Konservative Wählerschichten haben längst gemerkt: Die CSU verbellt gern die Kanzlerin, doch beissen würde sie Angela Merkel nie.

Es fehlen brachiales Talent und eiserner Machtwille

Wer tatsächlich die CSU zu neuen Höhenflügen bringen wollte, müsste über den eisernen Machtwillen und das brachiale Talent eines Franz Josef Strauß verfügen. Und dieser Jemand müsste bereit sein, kräftig in die Asche der verglimmenden Macht der Partei zu blasen, ohne Rücksicht darauf, ob die Regierung in Berlin zerbricht  – und vor allen Dingen ohne Rücksicht auf persönliche Karrieremöglichkeiten im Bundeskabinett. Doch das wagt heute niemand mehr. Da ist es doch wesentlich bequemer, hin und wieder aus sicherer Münchner Entfernung auf die Kanzlerin zu prügeln und ansonsten darauf zu hoffen, mit Gottes Hilfe die Landtagswahlen ohne allzu schlimme Blessuren zu überleben und es sich noch einmal vier Jahre auf dem Sessel des bayerischen Ministerpräsidenten bequem zu machen.

Share

14. April 2018
von Malte Bastian
2 Kommentare

Das wird man ja wohl noch mal rappen dürfen: Der ECHO und die Reichsmusikkammer

Dem Horst Wessel sein Kollegah

Zwar war es nicht die Reichsmusikkammer, die den Preis überreichte, aber immerhin: Endlich ist Auschwitz Schnee von gestern. Ach, wenn der Führer doch diesen Felix Blume noch erlebt hätte: Am Tag, als in Israel der Opfer des Holocaust gedacht wurde, bekam ein Rapper einen anständigen deutschen Musikpreis – unter anderem für so famose Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“

Der politische Rap hat in Deutschland eine lange Tradition. Da gab`s mal einen Typ, jung, brutal, gutaussehend, der sich in Berlin mit den Zecken von der Antifa anlegte. Nicht im ehrlichen Fight auf der Straße, sondern durch einen miesen Hinterhalt wurde er dann umgelegt. Aber natürlich hatte er vorher mit seinen Atzen die linke Szene so richtig gefickt und auch einen Titel geschrieben, der damals echt geil abging: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen. SA marschiert mit ruhig festem Tritt.“ Digga, dieser Horst Wessel war echt ein großartiger Kollegah wenn es um Hass und Gewalt ging.

Ein kleines, fast gewaltfreies Liedchen

Natürlich hätte Horst Wessel mit seinem Text heute ein paar juristische Probleme. Obwohl er in seinem kleinen lustigen Liedchen nicht direkt Gewalt verherrlicht, ja nicht einmal frauenfeindlich ist, würde heute niemand mehr, der nicht in völliger völkischer Umnachtung lebt, auf die Idee kommen, jemandem, der dieses krudes Werk in welcher Art und Weise auch immer zu Gehör bringt, irgendeinen Preis zu verleihen. Nach § 86a StGB fällt das Lied in Deutschland nämlich unter die Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, die Verbreitung ist damit verboten.

Die feuchten Schaftstiefel verschrumpelter Nazis

Aber von den rechtlichen Problemen, die heute unser Künstler-Kollegah Wessel hätte einmal abgesehen, ist sein uralter Song auch für moderne Ohren vielleicht doch zu uncool. Da ist kein richtiger Bang drin. Höchstens ein paar uralte verschrumpelte Nazis bekommen wahrscheinlich noch feuchte Schaftstiefel wenn sie das alte Lied hören. Deshalb gibt es ganz andere Bands, die für die braune Hood aufspielen. Alle diese musikalischen Stormtrooper haben es aber mehr oder weniger schwer, ihre Musik zu verkaufen, denn stets könnte unter den Kunden auch der Staatsanwalt sein.

Das wird man ja wohl noch mal rappen dürfen…

Nein, Hass und Antisemitismus müssen als Kunst unters Volk gebracht werden, dann gibt`s sogar fette Preise. Und die pseudo-intellektuellen ECHO-Ausrichter zu überzeugen, ist nicht schwer. Ein Land, in dem ein Comedian vor vielen Jahren schon als revolutionär galt, der mit Wonne das zärtliche Wörtchen „Ficken“ ins Publikum rief, ergötzt sich offensichtlich auch an einer Zeile wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“ Schließlich ist es historisch gesehen eine köstliche Pointe, sich einen durchtrainierten deutschen Rapper neben den ausgemergelten jüdischen Arbeitssklaven eines Konzentrationslagers vorzustellen. Das wird man ja wohl noch mal rappen dürfen, dachte sich feixend die Jury des ECHO und warf alle Moral über Bord.

Wer das widerlich findet, der ist ein Spießer

Wer das widerlich findet, der ist ein Spießer, versteht nichts von ironischer Brechung und erst recht nichts von Rap, geschweige denn von der Freiheit der Kunst. „Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte“, sagte einst der Maler Max Liebermann angesichts des Amtsantrittes von Adolf Hitler. Da war es mit „Wehret den Anfängen!“ längst vorbei. Aber was wusste dieser Liebermann schon von Kunst, schließlich war er als Jude ja nur so ein entarteter kleiner Schmierfink. Ach so – das ist jetzt antisemitisch? Komisch, ich dachte, so was wird man ja wohl noch mal rappen dürfen…

Share
Share