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21. Juli 2016
von Malte Bastian
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Woher rührt das sonderbare twitternde Unbehagen von Künast und Augstein?

Der Trottel ist immer der Schutzmann

Nachdem ein irrer Jugendlicher in einem Bahnabteil die Axt schwang, mehrere Menschen schwer verletzte und bei seiner Festnahme von der Polizei erschossen wurde, unterstellte Renate Künast den Beamten bei Twitter, sie hätten sich falsch verhalten. „Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!“, so Künast. Natürlich ließ es sich der begnadete Redner und Schöngeist Jakob Augstein nicht nehmen, eilig noch einen draufzusetzen: Warum fasst Polizei solche Täter nicht lebend? Gerechtigkeit entsteht vor Gericht, nicht durch Erschießen.

Geschult durch unzählige TV-Krimis sollen wir glauben: Klar, da hat doch irgendeiner von den Heißspornen bei der Polizei mal wieder am Rad gedreht. Es ist das alte Zerrbild: Der preußische Schutzmann als gewalttätiger Trottel, der eben einfach gern über die Stränge schlägt wenn es der herrschenden Klasse nützt. Vermutlich hat der stets anständige – in Zivil gekleidete – Kommissar am Einsatzort noch gerufen „Nicht schießen, er will sich ergeben“, doch die Deppen in Uniform waren natürlich viel zu blutrünstig und ballerten drauf los. Diese Szene kennen wir aus unzähligen schlechten Drehbüchern zu Fernsehkrimis. Gewalt als Triebfeder der tumben uniformierten Beamten, die nur noch durch intellektuelle Kriminalbeamte zu beherrschen sind.

Polizisten oder Kulturwissenschaftler – beides geht nicht

Angehörige der Schutzpolizei sind weder in Deutschland noch anderswo verpflichtet, ein Studium der vergleichenden Kulturwissenschaften oder der Philosophie vorzuweisen. Man könnte natürlich genau dieses fordern, würde aber vermutlich Gefahr laufen, am Einsatzort dann stets eine Runde von Diskutanten in Uniform anzutreffen, die bei einem Tässchen Tee die Frage eruiert, ob der Einsatz von Schlagstock oder Reizgas gegen Radikale nicht vielleicht religiöse Gefühle verletze oder die Festnahme eines kriminellen Veganers mit Lederhandschuhen dessen Recht auf ökotrophologische Selbstbestimmung in Frage stelle. Immer wieder werden Erwartungen an Polizeibeamte gerichtet, die nicht einmal ein Heer von Streetworkern auf Anhieb lösen könnte.

Den Täter „auf der Flucht erschossen“?

Woher rührt aber gerade in diesen Tagen das sonderbare twitternde Unbehagen von Künast und Augstein? Warum unterstellen sie indirekt – lange bevor es irgendeinen konkreten Untersuchungsbericht gibt – der wahnsinnige Axt-Freak sei womöglich bewusst von der Polizei liquidiert worden? Sie bedienen dabei unbewusst (oder sogar absichtlich?) einen Topos der frühen NS-Diktatur: Der Staatsfeind wird auf der Flucht erschossen. Das sorgt für Ruhe und hält Staatsanwälte und Gerichte nicht mit umständlichen Ermittlungen auf. Eine monströse Unterstellung.

Polizisten und Schiedsrichter sind immer in der Kritik

Freilich haben es Polizeibeamte ihren Kritikern manchmal leicht gemacht. Exzesse bei Festnahmen beschäftigen immer wieder die Staatsanwaltschaften. Auch das Versagen in großem Stil von hohen Beamten wie in der Kölner Silvesternacht bleibt in Erinnerung und ist bis heute – inklusive politischer Versäumnisse –nicht aufgeklärt. Doch ein Fakt bleibt: Der Beamte im Einsatz muss wie ein Schiedsrichter eine Tatsachenentscheidung fällen und das oft innerhalb weniger Sekunden. Das klappt nicht immer. Baut der Schutzmann aber erkenntlich Mist, muss er dafür zur Verantwortung gezogen werden. Doch die dauerhafte Unterstellung, Polizeiarbeit sei immer eine zwielichtige Angelegenheit, offenbart ein gestörtes Verhältnis zu dem, was altmodische Demokraten als Rechtsstaat bezeichnen.

Berlin: Ein übles Manifest der Gewalt

Erstaunlicherweise haben manche Politiker einen erstaunlichen Langmut, wenn es um kriminelle Aggression wie etwa vor kurzem in Berlin geht. Dort werden immer wieder Dutzende Autos angezündet, Polizisten massiv angegriffen und Pflastersteine von Dächern auf Streifenwagen geworfen. Doch statt der Verurteilung von Gewalt gibt es oft ein heimliches Verständnis für die selbsternannten Kämpfer gegen den bösen Kapitalismus. Schlimmer noch: Die Berliner Parteien im Abgeordnetenhaus mochten sich nicht einmal auf Initiative der CDU zu einer gemeinsamen Resolution gegen Linksextremismus durchringen – obwohl die Aktivisten eine Eskalation ankündigten: Bisher plane man alle Angriffe so, dass weder Polizisten noch Neonazis zu Tode kommen würden, schreiben sie im Internet. Man sehe aber die Gefahr, dass Demonstranten oder Unbeteiligte „durch die anhaltende Gewaltwelle von Bullen und Sicherheitsleuten ernsthaft verletzt werden oder Schlimmeres“. Ein übles Manifest der Gewalt, doch kleingehalten von denen, nicht sehen wollen, was ihrer Ansicht nach nicht sein kann und deshalb nicht sein darf.

Die intellektuellen Falschmünzer

Kraftvolle Mahnungen von Publizisten wie Jakob Augstein oder Politikern wie Renate Künast blieben zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Berlin aus. Hätte der braune Mob allerdings derartig getobt, wäre Augstein vermutlich nicht mehr zu halten gewesen. Es sei eine Stimmung wie Anfang der 30er Jahre, schwadroniert er – aber nur wenn es um die unappetitlichen Pegida-Horden und die zwielichtige AfD geht. Für hunderte belästigte Frauen in der Silvesternacht hatte er hingegen nur Spott übrig: „Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation“. Doch der Irre mit der Axt lässt ihn sofort an den Polizeistaat denken. Panikmache scheint hier das Gebot der Stunde, befeuert von intellektuellen Falschmünzern. Und dazu gehört wider besseres Wissen offensichtlich auch die Legende vom Täter, der von der Polizei auf der Flucht erschossen wird.

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16. Juli 2016
von Malte Bastian
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Die Rückkehr des Helden nach dem Putsch: Warum die Nacht der Panzer am Bosporus nach Drehbuch riecht

Der böse Verdacht der Lale Akgün

Einige tausend Soldaten putschen – und servieren den gewählten Präsidenten ab. Dann geht das Volk auf die Straße, singt religiöse Lieder, die Armee steht mit ihren Panzern hinter den Massen. Der Präsident kehrt triumphal zurück, die Verräter werden hart bestraft, die Menschen jubeln dem Helden zu, der die Todesstrafe wieder einführt. Kein Regisseur hätte ein schöneres Drehbuch für einen Polit-Thriller entwickeln können. Genau das jedenfalls vermutet die Kölner SPD-Politikerin Lale Akgün nach der Putsch-Nacht in der Türkei. Sie sieht auch die Handschrift von Erdogan in dieser Aktion. Prompt nennt Erdogan den Putsch ein „Geschenk Gottes“.

„Ich bin mit militärischen Gegebenheiten nicht besonders vertraut, aber der „Ablauf“ dieses Militärputsches erscheint sehr seltsam. Die Militärs besetzen den unwichtigen Staatssender TRT, während alle AKP-POLITIKER, einschließlich Erdogan, auf den privaten Sendern Interviews geben. Erdogan ist sechs Tage weg und taucht dann auf, macht ein Interview aus seinem Versteck und fordert alle auf, auf die Straße zu gehen, was seine Anhänger auch sofort befolgen. Dazu die stark religiöse Komponente des „Widerstands“. Um 22.00 Uhr wird geputscht, um 1.00 Uhr ist die demokratische Ordnung wieder hergestellt. Wenn ich eins +eins zusammen zähle, komme ich nicht umhin, denen Recht zu geben, die schon um 23.00 Uhr des 15. Juli von einer „Inszenierung “ der Regierung sprachen“, schreibt die Kölner Sozialdemokratin und frühere Bundestagsabgeordnete auf ihrer Facebook-Seite.

Wessen Panzer rollen in Ankara vor?

Tatsächlich ist die Ausführung dieses Putsches zumindest dilettantisch zu nennen. Es erfolgt keine organisierte Festsetzung der Regierung, Polizei und Sondereinheiten werden nicht entwaffnet, die wichtigen TV-Sender nicht besetzt.  Keine Erklärung gegenüber den Nato-Partnern, keine Einflußnahme auf soziale Medien. Im Gegenteil: Bereits kurz nach dem Putsch tauchen in den sozialen Medien falsche Informationen und Bilder auf, immer behält die Erdogan-Regierung mit ihren Maulwürfen die Kontrolle – obwohl der Putsch doch angeblich überraschend kam. So wurde beispielsweise nach Informationen des Online-Magazins t3n tausendfach gezielt über Twitter ein Foto verbreitet, das Panzer in Ankara zeigen soll. Das Foto sei allerdings weder aktuell, noch wurde es in der Türkei aufgenommen.

Immer wieder waren im türkischen Fernsehen Bilder von schweren Kettenfahrzeugen und Kampfpanzern der Putschisten zu sehen, gleichzeitig aber hieß es, hinter dem Putsch stecke in erster Linie die Luftwaffe. Woher kamen dann die vielen Panzer? Wer setzte das idiotische Gerücht in die Welt, Erdogan werde sich nach Deutschland absetzen, auf das einige Politiker sofort gierig ansprangen? Fragen über Fragen, doch gerade das deutsche Fernsehen hinkt wie schon 2001 bei den Anschlägen hinterher. Auch am Tag danach werden nur offizielle Stellen der türkischen Regierung zitiert, wer mehr wissen will, muss ins Netz abtauchen.

Ein „Röhmputsch“ nach Art der AKP?

Der Vergleich mit dem so genannten „Röhmputsch“ drängt sich auf. 1934 gärte es in der SA, man sah dort die „Nationale Revolution“, von der Hitler jahrelang geschwafelt hatte, unvollendet. Unzufriedene SA-Granden wollten mehr Macht um gegen „Bonzen“ und Konservative vorzugehen, SA-Führer Röhm verlangte statt Reichswehr eine Volksarmee. Hitler fackelte nicht lange – in einer Nacht der langen Messer wurde die SA-Führung liquidiert, dazu eine Reihe bürgerlicher Politiker, die Hitler schon lange abservieren wollte. Am Ende des inszenierten Putsches verkündete er, in dieser schweren Stunde sei er „der oberst Gerichtsherr des deutschen Volkes“ gewesen. Der Rechtsstaat schien wieder hergestellt, das Ausland beruhigte sich, das Regime baute in den kommenden Jahren seine Diktatur konsequent aus.

Die Zivildiktatur der Türkei voran treiben

Lale Akgün bewegt ein beunruhigender Verdacht. Erdogan wolle, so die SPD-Politikerin,  „1. Die Zivildiktatur voran treiben. 2. Die immer stärker werdende Kritik aus dem Ausland zum Schweigen bringen. 3. Eine Säuberungsaktion beim Militär durchführen, um die verbliebenen Gülen Anhänger zu eliminieren. Diese Säuberungsaktion wird auch die Justiz und die Polizei betreffen.“ Und die Kölnerin geht noch weiter:  „Ich nehme an, Erdogan wird in den nächsten Stunden als strahlender Held in Istanbul ankommen, gestärkt wie nie zuvor. (Wäre das nicht eine gute Gelegenheit, Istanbul wieder zur Hauptstadt zu erklären? Das Parlamentsgebäude in Ankara ist wohl auch angegriffen worden).“

Erbakans Lehrling beschließt, Politiker zu werden

Was auch hinter dem Putsch steht – es wird nur einen geben, der davon profotiert: Recep Erdogan. Der Aufstieg des ehrgeizigen Mannes vom Bosporus zeigt deutlich, dass er immer stringent seinen eigenen Weg gegangen ist – und sich nie hat vom Kurs abbringen lassen. Die ersten politischen Wanderjahre verbrachte er in der Nationalen Heilspartei, die sich später in Wohlfahrtspartei umbenannte. Sein Lehrherr für gemäßigten Islamismus war Necmettin Erbakan, mehrfach stellvertretender Ministerpräsident und 1996/1997 Regierungschef der Türkei. Erdogan machte hier eine bescheidene Karriere. Doch die harte Lehre in Erbakans kleinem politischem Betrieb sollte sich auszahlen – der junge Recep merkte bald, dass ihm Allah anscheinend das Talent zum Regieren in die Wiege gelegt hatte. Vermutlich wird er in seinen Memoiren über diese Zeit einmal schreiben „Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“

Hier irrte die konservative Welt sich fatal

Erdogans Meisterstück war aber in jedem Falle die Wahl zum Oberbürgermeister von Istanbul und später die Gründung einer eigenen Partei, der AKP. Als er langsam in den Fokus auch deutscher Politiker rückte, hieß es manchmal wohlwollend, die AKP sei doch so ähnlich wie die Christlich Demokratische Union, nur auf Türkisch und statt christlich eben islamisch. Ein hübscher Vergleich, der Erdogan damals bestimmt gefiel, wobei ihm vermutlich eher die CSU unter Strauß als die CDU unter Merkel nahe gelegen hat. Selbst die konservative Zeitung Die Welt gab noch 2008 eine katastrophale Fehlprognose ab: „Erdogan scheint verstanden zu haben, dass sein Land nicht mehr Islam, sondern mehr Freiheit braucht. Insofern schickt er sich an, Atatürks 1923 begonnenes Projekt weiterzuführen.“

Die Kunst der Böhmermannschen Zitation

Wie es sich für einen angehenden Diktator gehört, saß Erdogan natürlich wegen politischer Vergehen in Haft, hatte dort allerdings offensichtlich keine Zeit über seinen Kampf zu schreiben. Immerhin hatte er als Stilmittel vor seiner Verurteilung die originelle Böhmermannsche Technik des Zitierens gewählt – aus einem Gedicht des Soziologen Ziya Gölalp: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Ein Gericht, erfahren in der türkischen Tradition der Parteienverbote und Verfolgung, schickte ihn prompt hinter Gitter.

Auch diese Prüfung in der Diktatorenausbildung absolvierte Erdogan mit Bravour. Die nächsten erforderlichen Bausteine der Machtergreifung lesen sich wie aus dem Lehrbuch der Autokratie: Mit Hilfe eines Strohmannes namens Abdullah Gül kommt der erfolgversprechende junge Brachialpolitiker an die Macht, entfacht die wirtschaftliche Modernisierung der Türkei, macht sich das Militär und Justiz gefügig. Der neue Kitt, der sein Reich zusammenhält, ist die Religion. Der Islam ist Richtschnur des klugen und skrupellosen Mannes vom Bosporus. Ob dieser politische Islam ein Glaubensbekenntnis ist oder nur Mittel zum Zweck, werden irgendwann Historiker zu klären haben.

Von Franco lernen, heißt siegen lernen

Wer allerdings einen Blick in die Geschichtsbücher wirft, kennt die Methode der Allianz zwischen Kirche und Staat: Francisco Franco wandte sie in Spanien an, António de Oliveira Salazar in Portugal. Benito Mussolini schloss ein Konkordat mit dem Vatikan und in Österreich nannte man dieses von Engelbert Dollfuß begründete System schlicht „Austrofaschismus“. Alles große Klassiker der Antidemokratie, doch wieder einmal war es von westlichen Politikern zu viel verlangt, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Geschichte ist die Pathologie der Politik – wer das beherzigt, kann frühzeitig die richtigen politischen Diagnosen stellen. Fazit für Recep Erdogan: Wieder als Diktator alles richtig gemacht. Die kleinen erfolgreichen Nebenprüfungen wie das Wegsperren von nervenden Oppositionellen und Journalisten sind nicht erwähnenswert.

Respekt und Glückwunsch zum Master of Dictatorship

Die beiden letzten Geniestreiche des angehenden Diktators waren das Flüchtlingsabkommen mit der EU und das Ermächtigungsgesetz, mit dem die Immunität zahlreicher oppositioneller Abgeordneter aufgehoben wurde. Auch hier eine meisterhafte Leistung. Die Ausschaltung des Parlamentes durch das Parlament selbst: Das ist schon die Königsklasse der Diktatur, die wir in dieser Perfektion ansonsten nur von den wahrhaften Meistern des Bösen kennen. Sich nebenbei die Taschen zu füllen, die Familie in den Staatsapparat zu integrieren, die Presse sukzessive gleichzuschalten und aufmüpfige Generale abzuservieren, zeigt das glückliche Händchen des politischen Ausnahmetalentes. Deshalb Respekt und Glückwunsch an Recep Erdogan, der Master of Dictatorship summa cum laude könnte mit diesem Putsch erreicht sein…

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29. Juni 2016
von Malte Bastian
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Von Cameron und Johnson bis zu Wulff: Eitelkeit, mangelnde Weitsicht und Beratungsresistenz

Die Trottel der feinen Gesellschaft

Die Meisterschaft der Trottel der feinen Gesellschaft (The Upper-Class-Twit) heißt ein legendärer Sketch der göttlichen Komiker-Truppe Monty Python. Daran müssen besonders verkorkste Exemplare der britischen Oberklasse allerhand läppische Aufgaben erledigen und sich zum Schluss selbst erschießen. Wer genau hinschaut, erkennt in diesem wunderbaren Sketch das Gesicht des David Cameron. Aber auch in Deutschland kennt man mit Theodor zu Guttenberg diese besondere Spezies.

Der geistige Verfall der Tories hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Geschwindigkeit zugenommen. Dass allerdings ein Premierminister dabei ist, der wie der Sieger des Upper-Class-Trottel-Wettbewerbes bei Monty Python so dämlich ist, sich politisch selbst zu erschießen, hätte wohl selbst der einst von wenig Erfolg verwöhnte John Major nicht vermutet. Auch die anderen Aufgaben des Monty-Python-Wettbewerbes würde Cameron wohl erfolgreich bestehen – so etwa der Tritt in den Hintern des Bettlers: In keinem anderen EU-Land ist die Schere zwischen arm und reich so gewaltig geöffnet wie in Großbritannien.

Bo-Jo, Bürgermeister, Dampfplauderer und Demagoge

Doch David Cameron ist nicht der einzige Trottel der feinen Gesellschaft. Das Pendant ist sein ehemaliger Studienfreund Boris Johnson, ein Witzbold, Dampfplauderer und Populist, der es immerhin zweimal zum Londoner Bürgermeister brachte. Beide sind das traurige Produkt einer sich seit Jahren selbst immer weiter demontierenden konservativen Partei, die einst Sternstunden mit Premierministern wie Winston Churchill und Margret Thatcher hatte und doch seit Jahren in Großbritannien vorwiegend Stillstand und Vetternwirtschaft produziert hat.

Napoleon und Hitler: Das ist für Johnson die EU

Bo-Jo, wie ihn die Boulevardpresse gern nennt, ist ein begnadeter Demagoge: Die EU versuche, einen „europäischen Super-Staat“ zu errichten: „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch.“ Während sein Freund-Feind Cameron das gefährliche Referendum nutzen wollte, um mit sein politisches Überleben zu sichern, wollte Johnson mit seinen Pöbeleien den Austritt und das Amt des Premiers. Beide setzten alles auf eine Karte. Cameron verlor, Johnson gewann das Referendum. DochSieger sehen anders aus. Jetzt steht er als der Mann da, der das Vereinigte Königreich gespalten hat. So hat er sich ebenfalls als Upper-Class-Trottel politisch erschossen.

Die deutschen Upper-Class-Twits

Doch Häme ist unangebracht. Auch in in Deutschland gibt es sie, die Upper-Class-Trottel, die sich politisch selbst erschossen haben. Der bekannteste ist vermutlich Theodor zu Guttenberg, der sich mit falschen Titeln schmückte und sensationell abstürzte. Ex-Präsident Christian Wullf schaffte es, sich politisch in kürzester Zeit selbst zu entleiben. Nie hatte er sich strafbar gemacht, doch Instinktlosigkeit brachte ihn zu Fall. Und natürlich gibt es auch weibliche Upper-Class-Twits wie die heute zu Recht vergessene Silvana Koch-Mehrin. Eines haben sie alle gemein: Eitelkeit, mangelnde Weitsicht und Beratungsresistenz.

Der Kollateralschaden für die bürgerlichen Parteien

Bei aller Freude, welche die Upper-Class-Trottel nicht nur in England der Boulevard-Presse bescheren, bleibt stets der Kollateralschaden für die Parteien des bürgerlichen Lagers. Wer für klassische Werte wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit statt schwammiger linker Utopien eintritt, muss sich vom Wähler mit strengem Maßstab messen lassen – und sollte bei Trottel-Alarm in den eigenen Reihen schnell die Reißleine ziehen. Die Wähler sind nicht mehr so vergesslich wie in früheren Zeiten.

Ein rettendes Netzwerk für die Trottel

Ohnehin droht den wenigsten Trotteln Gefahr. Außer Schäden an ihrer Eitelkeit erleiden sie meist keine ernsthaften Blessuren denn ein Netzwerk fängt sie auf und vergibt Posten, auf denen sie wenig Schaden anrichten können. Allerdings müssen sie heute länger mit dem Stigma der Unseriosität leben. Nur die wenigsten haben das Glück, wie Boris Johnson, zwei Staatsbürgerschaften zu besitzen: Bo-Jo hat als geborener Amerikaner einen US-Pass, der es ihm jederzeit ermöglichen würde, sein munteres Treiben vielleicht bei einem künftigen Präsidenten Donald Trump fortzusetzen.

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25. Juni 2016
von Malte Bastian
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Wäre das britische Referendum Gegenstand einer Ermittlung, könnte man sagen: Eine schreckliche Beziehungstat.

„From Hell!“ – so what?

Die Briten verlassen die EU. Düstere Szenarien überall. Jetzt wird nichts mehr so bleiben, wie es war. Das Ende der EU und damit Europas Götterdämmerung hat begonnen. Großbritannien ist wieder wer. Aber mal im Ernst: Das Vereinigte Königreich verlässt die EU – so what?

Jack the Ripper pflegte seine Botschaften an die Londoner Polizei mit „From Hell“, mit Grüßen aus der Hölle, zu unterschreiben. Bis heute ist nicht geklärt, wer der teuflische Frauenmörder war, doch meist waren die Verdächtigen damals keine Engländer, sondern immer dubiose Ausländer: Mal ein Ire, mal ein polnischer Barbier, mal ein deutschstämmiger Maler, ein russischer Arzt, ein mysteriöser Jude. Engländer, da war man sich Mitte der 80er Jahre im 19. Jahrhundert bei der Londoner Metropolitan Police sicher, begingen im viktorianischen Zeitalter derartig abscheuliche Verbrechen einfach nicht.

Dumpfer uralter britischer Nationalismus?

Als 1912 die TITANIC sank, forderte ihr Captain Edward J. Smith die Passagiere angesichts des drohenden Todes auf, sich gefälligst anständig zu verhalten – „Be British!“. Auch wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, kann man schließlich würdevoll absaufen. Später berichteten die Mitglieder der geretteten Upper-Class, die wenigen, die an Bord in Panik ausgebrochen seinen, wären natürlich Italiener, Spanier, oder Franzosen gewesen, aber niemals Engländer. Die halbe heutige EU stand quasi unter Tatverdacht, sich auf der TITANIC nicht korrekt zu verhalten – ein Ressentiment, das bis heute wirkt, jedenfalls in einfachen konservativen Arbeiterhirnen, wie das Referendum gezeigt hat. Dumpfer uralter britischer Nationalismus sitzt dort seit Jahrzehnten, gegen den die AfD fast wie ein Haufen Rechtsintellektueller daher kommt.

Der EU die Kehle durchgeschnitten

Insoweit ist das Referendum in der Tat „From Hell“, doch der Ripper war kein Ausländer, sondern ein wohlsituierter Engländer namens Nigel Farage samt Mittätern aus der konservativen Partei wie Boris Johnson. Farage hat nach jahrelanger Vorbereitung seiner Tat jetzt endlich wie angedroht der EU die Kehle durchgeschnitten oder besser gesagt, durchschneiden lassen. Wäre das Referendum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung, könnte man auch sagen: Eine klassische Beziehungstat, die abzusehen war.

Diese EU hat es Nigel Farage und seinen Mittätern um den Ex-Londoner Bürgermeister Boris Johnson leichtgemacht. Denn sie hat Großbritannien immer mehr Liebe entgegen gebracht, als umgekehrt. Und diese Liebe war für die konservativen Briten längst die einer nervenden alten Ehefrau geworden. Denn was anderes ist in ihren Augen die EU? Eine hässliche Nervensäge mit osteuropäischem Dialekt, die den ganzen Tag auf der sozialen Couch abhängt und ständig jammert, der Mann bringe nicht genug Geld nach Hause. Da packte dann den Gatten irgendwann der gerechte Zorn und er entledigte sich der alten Vettel, die sein Geld ausgab und nur noch schachtelweise Gesetze und Verordnungen in sich hineinfraß, von denen sie immer fetter wurde.

Der EU-Ripper heißt Nigel Farage

Immerhin, mehr als die Hälfte der Briten, vor allem konservative ältere Menschen, haben offensichtlich diese Sichweise des EU-Rippers Nigel Farage geteilt. Denn die europäische Vettel hatte ja nicht nur mittlerweile einen fiesen osteuropäischen Akzent, sondern schon immer dieses hässliche deutsche Gesicht und die großkotzigen französischen Allüren gehabt. Kein Jahr ist es her, dass diese dauernd britisches Geld verprassende Schlampe auch noch hunderttausende Kostgänger aus Syrien und anderen Ländern in das europäische Haus aufnehmen wollte – eine Horrorvorstellung für alle braven Steuerzahler Ihrer Majestät, die schon Horden von ungewaschenen Migranten in den Vorgärten ihrer typical semi-detached houses campieren sahen.

Großbritannien ist wieder wer. Aber wer?

Gott sei Dank, diese Gefahr ist in den Augen der Mehrzahl der Briten gebannt. Für sie gilt: Der Ausgang des Referendums ist eine verständliche Beziehungstat, zu der sie gern Beihilfe geleistet haben. Und jetzt? Großbritannien ist wieder wer. Aber wer? Im Ernst: Das Vereinigte Königreich verlässt die EU – so what?

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21. Juni 2016
von Malte Bastian
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Nie wieder soll von deutschem Boden eine Fußballweltmeisterschaft ausgehen

Die rot-grünen Nonsens-Kegler

Von wegen schwarz-rot-goldenes Sommermärchen: „Fußball-Fans: Fahnen runter“, fordert die Grüne Jugend. Denn Fahnenschwenken schürt Nationalismus. So führen die Nachwüchsler von Künast, Roth und Co. tapfer den internationalen Kampf gegen den Faschismus. Die Botschaft ist klar: Nie wieder soll von deutschem Boden eine Fußballweltmeisterschaft ausgehen. Dass mein Nachbar Jérôme Boateng ebenso wie seine Mitspieler diese Fahne an seinem Trikot trägt, ist der Grünen Jugend wohl nicht aufgefallen – vermutlich gehen sie während der EM-Spiele aus Protest lieber gutbürgerlich kegeln…

Während überall auf der Welt von Despoten wie Putin, Assad oder Erdogan fleißig gezündelt wird und Freiheit und Demokratie in Gefahr sind, zitieren die jungen Grünen den alten Adorno („Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“) und malen die so alte wie falsche Fratze der bürgerlichen Nähe zum Rechtsextremismus an die Wand. Freilich, historische Betrachtung und die mühevolle wissenschaftliche Interpretation politischer Ereignisse zählte noch nie zu den Tugenden der Grünen.

„Sie bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt.“

Und natürlich sind auch die Jusos, stets intellektuelle Speerspitze ihrer Partei, dabei. Der Berliner Landesverband der SPD-Jugendorganisation schreibt auf seiner Webseite: „Die empörten Reaktionen auf die Kritik der Grünen Jugend am Nationalismus zeigt eins: Sie haben recht. Wir teilen ihre Kritik an dem Abfeiern eines Nationalgefühls. Es geht bei dieser Männer-EM um Fußball – nicht um „schwarz-rot-gold.“ Es wäre unfair in diesem Zusammenhang den großen Sozialdemokraten Helmut Schmidt zu zitieren, der einst über die Jusos bitter sagte: „Sie bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt.“…

Die Flage der „Judenrepublik“ wird in den Schmutz gezogen

Dumm nur dabei, dass ausgerechnet diese Flagge so rein gar nichts mit Nationalismus zu tun hat. Es gab übrigens schon mal eine Zeit, in der junge radikale Leute unterwegs waren, Flaggen in diesen Farben umzuknicken und abzureißen. Diese Leute waren Mitglieder der SA und für sie symbolisierte Schwarz-Rot-Gold die Republik von Weimar, die „Judenrepublik“, wie sie sagten – und diese „Judenrepublik“ verachtete die junge Garde der braunen Revolution. Und sie hatte auch gleich eine passende Bezeichnung für die Farben der Fahne: „Schwarz-Rot-Scheiße“. Denn „Schwarz-Rot-Scheiße“ stand seit 1918 eben nicht für Eroberung und deutsches Herrenmenschentum, sondern „nur“ für Demokratie und Gleicheit. Kaum an der Macht, zogen die Nazis diese Farben aus dem Verkehr und setzten das Hakenkreuz an ihre Stelle.

Die deutschen Farben mit Vielfalt und Leben füllen

Wer heute junge Deutsche aller Hautfarben, Religionen und sexuellen Dispositionen mit der Flagge einer Demokratie fröhlich feiern sieht – übrigens oft und gern kombiniert mit den Farben vieler anderer Nationen  – fragt sich, warum die Grünen und die Jusos in ihrer Betrachtung der Fußballfan-Welt so griesgrämig daher kommen. Alt und verbittert verkünden die linken Konservativen seit Jahren gebetsmühlenartig ihre Thesen zur Radikalisierung und merken nicht, wie falsch sie liegen. Anstatt die Farben der Bundesrepublik Deutschland mit buntem Leben und Vielfalt zu füllen, fordern sie stattdessen verdrießlich, sie unter Verschluss zu halten. Erhobener Zeigefinger und Besserwisserei nach Oberlehrerart – das ist reaktionär und antidemokratisch, nicht das Schwenken.

Die traurigen Fähnchenknicker…

Und wieder sind auch die Fähnchenknicker unterwegs. Was glauben die selbsternannten Aktivisten wird die Reaktion der Fußballfans sein? In sozialen Netzwerken wird allenthalben von den Fähnchen-Freunden fürs Abknicken Prügel, eine Strafanzeige oder wahlweise beides angedroht. Sachbeschädigung hin oder her – was die Flaggen-Knicker treibt, ist weniger der Kampf gegen den angeblichen Nationalismus, sondern der gegen den inneren Schweinehund. Tue (angeblich) Gutes auf Kosten anderer und poste darüber, gilt hier ebenso, wie bei so vielen anderen trüben Aktionen selbsternannter Weltenretter.

Einfach mal ohne Abendbrot zu Bett…

So werden sie weiter heimlich kleine Fähnchen knicken und sich wie große Kämpfer vorkommen. Und keinen Moment daran denken, dass sie damit auch das Werk derer erledigen, die schon mal Schwarz-Rot-Gold gegen das Hakenkreuz ausgetauscht haben. Aber so viel Verstand wäre wohl zu viel verlangt. Deshalb lautet die angemessene Strafe für die Fähnchen-Knicker auch nicht Prügel oder Strafanzeige sondern ohne Abendbrot ins Bett. Und dann mal eine Nacht drüber schlafen, ob es sich nicht lohnt, auch mal für Dinge zu engagieren, die wichtig sind.

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6. Juni 2016
von Malte Bastian
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Walter Freiwald: Niemand verkörpert den momentanen Zustand Deutschlands besser

Der Volks-Präsident von RTL

Beim RTL-Shop sahen ihn Millionen Menschen im Milbenkostüm – dann ging er in den Dschungel. Und dort platzte es aus Walter Freiwald heraus: Er wollte eigentlich schon damals den Präsidentenjob von Horst Köhler. Und das mit Recht: Schließlich kann jeder Deutsche, der das 40. Lebensjahr vollendet hat, Bundespräsident werden, heißt es im Grundgesetz. Wer die zur Zeit kursierenden Kandidatenlisten anschaut merkt rasch: Walter Freiwald wäre tatsächlich eine erfrischende Alternative und ein echter Volks-Präsident.

Einst gab es Präsidenten wie Theodor Heuss oder Johannes Rau, Richard von Weizsäcker oder Walter Scheel. Staatsmänner, die etwas zu sagen hatten. Roman Herzog, Gustav Heinemann, Karl Carstens: Das war zwar nicht die ganz große internationale Liga, doch stets hatte ihr Handeln Substanz und niemand musste sich seines Präsidenten schämen. Dann verkam das Amt zum politischen Kuhhandel. Horst Köhler oder Christian Wulf gaben weder gesellschaftlichen Input, noch parteiübergreifendes Vertrauen. Wulffs intellektueller Provinzialismus und sein fataler Hang zu großkotzigen Freunden waren der bisherige Tiefpunkt in der Geschichte der Bundespräsidenten.

Das Politbüro der großen Koalition

Nachdem es Joachim Gauck gelungen war, der Tätigkeit des Bundespräsidenten wieder etwas Leben einzuhauchen, kursieren jetzt bereits wieder Unmengen an Namen, vorzugsweise natürlich aus dem Dunstkreis des Politbüros der großen Koalition. Es wird großzügig mit Kandidaten jongliert, als ginge es um einen Karnevals-Prinzen oder eine Weinkönigin, nicht um das höchste Amt im Staate. Wer hat noch nicht, wer will noch mal, scheint das Motto bei Kandidatenvorschlägen wie Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen  oder Gesine Schwan zu sein. Und wie bei einem Automobilkonzern soll quasi wieder ein Mitglied des Vorstandes in den Aufsichtsrat gehen – so bleibt der Präsident ein Grüßaugust und Frühstücksdirektor und wird sich hüten, ernsthaft an denen herumzukritteln, von deren Gnaden er das Amt erhielt.

Die rechte und die linke Hand des Teufels

Die Alternativen waren allerdings auch oft zweifelhaft: Der Schauspieler Peter Sodann erregte 2008 als Linken-Kandidat Aufsehen mit der Äußerung, dass er, wenn er nicht nur im „Tatort“ Kommissar wäre, er den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sofort verhaften würde. Die NPD schickte im selben Jahr den dubiosen braunen Liedermacher Frank Rennicke in die Arena der Bundesversammlung, der Polen als „Beschmutzer deutscher Erde“ bezeichnete und seine Hörer nicht nur bei Neo-Nazis, sondern auch beim Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsorganen hat. Rennicke und Sodann – das waren die rechte und die linke Hand des Teufels.

Der Walter Freiwald in uns allen

Und da kommt Walter Freiwald ins Spiel, der im Gegensatz zu allen momentan kursierenden Kandidaten auch die Unbilden des Lebens außerhalb der Alimentation des öffentlichen Dienstes oder der Politik kennt. Der lange arbeitslose Freiwald hatte sich schon vor dem eigentlichen Start des Dschungelcamps 2015 gekonnt zurück in das Gedächtnis der Zuschauer gebracht: Erst bekam sein Ex-Kollege Harry Wijnvoord mit ein paar Derbheiten sein Fett weg, dann protzte Walter mit seiner Duz-Freundschaft zum „Günter“ und zum „Thomas“, die dem gemeinen Zuschauer auch als Jauch und Gottschalk ein Begriff sind.

Der Mann im Milbenkostüm als Präsident

Während Wijnvoord – schon zu Zeiten von „Der Preis ist heiß“ eine der Zielscheiben für die Freiwaldschen Bosheiten – entnervt zurückkeilte und Walter öffentlich als „cholerisch“ bezeichnete, schwiegen die beiden Show-Titanen Jauch und Gottschalk weise. Doch Walter, der einst im grandiosen Milbenkostüm allergikerfreundliche Matratzen beim RTL-Shop unters Volk brachte, wäre nicht Walter, wenn er nicht das Nähkästchen vor dem intellektuellen Forum der Dschungelgemeinde geöffnet und daraus munter von seiner Bewerbung als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vor sechs Jahren geplaudert hätte.

Walters sozialdemokratische Gene

Wer allerdings dachte, ihm wäre vielleicht ein vergorener Kakerlaken-Cocktail auf den Verstand geschlagen, sah sich getäuscht: Der umtriebige Mann mit der immer noch sonoren Stimme hatte sich tatsächlich 2010 für das höchste Amt im Staate in Position gebracht. Per vertraulicher E-Mail warb er bei der SPD um Unterstützung für seinen Plan einer Kandidatur. Die richtigen Gene für die Sozialdemokraten bringt der ewige Zweite von Harrys Preis durchaus mit: Seine Eltern waren beide in der SPD. Walter war außerdem „Programmdirektor von RTL“ (Walter über Walter), ist ein Arbeitstier und spricht Englisch. Außerdem sei er es gewohnt, vor großem Publikum zu reden. „Ich bin äußerst sozial und gerecht und habe Kraft für drei und jede Menge Humor“, preist er sich in einem Bewerbungsschreiben an. Wer je mit Walter zusammen gearbeitet hat, weiß, dass er damit nicht übertreibt.

Noch mehr Humor als Heinrich Lübke

Hand aufs Herz, liebe Bundesversammlung: Der ungekrönte König des Dschungels bringt hier Softskills ins Spiel, die wir bei manchen Bundespräsidenten schmerzlich vermisst haben. Wirklich ausgeprägten Humor gab es nur bei Heinrich Lübke und dieser Humor war äußerst unfreiwillig. Vor großem Publikum zu sprechen fiel Lübke im Gegensatz zu Walter schwer, mal vergaß er den Namen des Ortes an dem er war (1961 in Helmstedt), mal war seine Begeisterung über sanitäre Anlagen in Afrika (auf Madagaskar 1966) so groß, dass er erfreut feststellte: „Die Leute müssen ja auch mal lernen, dass sie sauber werden!“ Gleichermaßen hatte er schon 1964 Gefallen am Iran gefunden: „Dann kamen wir nach Teheran – und da habe gleich gesehen: Die Leute waren sauber gewaschen!“. Heute könnte sich das nur noch ein Präsident Alexander Gauland leisten.

Niemand verkörpert den Zustand Deutschlands im Jahr 2016 besser

Walter Freiwald – ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck trägt, einem breiten Publikum bekannt ist, die Sprache der einfachen Menschen spricht, familiär einen sozialdemokratischen Hintergrund hat und ausreichend Humor besitzt: Niemand verkörpert den Zustand Deutschlands im Jahr 2016 besser. Mit ihm wäre statt peinlichem Doku-Drama im öffentlich-rechtlichen TV wie mit Christian Wulff eine sanfte und vielen aus dem Herzen sprechende Präsidenten-Soap auf RTL denkbar. Für mich auf jeden Fall ein Grund, Walters Autogrammkarte aus der letzten „Der Preis ist heiß“-Produktion von 1997, die ich hier erstmalig der sicherlich staunenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe, noch lange sorgfältig aufzubewahren.

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21. Mai 2016
von Malte Bastian
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Die Ausschaltung des Parlamentes durch das Parlament: Die Königsklasse der Diktatur

Summa cum laude für Recep Erdogan

Wenn es an irgendeiner Universität eine Ausbildung zum Master of Dictatorship (MDS) gäbe, hätte Recep Erdogan bisher nur Bestnoten bekommen. Er hat nicht ein einziges Modul des Studiums vergeigt, sondern alles mit Bravour gemeistert. Spätestens mit der Aufhebung der Immunität von über 130 Abgeordneten hat er auf jeden Fall schon mal seinen Bachelor of Dictatorship erfolgreich abgeschlossen. Aber da geht noch was.

Seine aktuelle Prüfung, möglichst viele Vorteile aus dem Flüchtlingsdeal zu ziehen, hat Erdogan wieder mit einem „Sehr gut“ beendet. Denn wer sich in der EU nicht die Hose mit der Kneifzange zumacht, hätte merken können, dass so ein Deal mit einem autokratischen Regime seine Tücken hat. Der böse aber kluge angehende Diktator Erdogan hat elegant die völlig lebensfremden Politiker der EU um Geld und Reputation erleichtert. Wer meint, als Laie den erfahrenen Hütchenspieler zu schlagen, hat schon verloren. Vielleicht hätte das jemand Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier mal bei einem ungezwungenen Bier im Kanzleramt sagen sollen…

Erbakans Lehrling beschließt, Politiker zu werden

Der Aufstieg des ehrgeizigen Mannes vom Bosporus zeigt deutlich, dass er immer stringent seinen eigenen Weg gegangen ist – und sich nie hat vom Kurs abbringen lassen. Die ersten politischen Wanderjahre verbrachte er in der Nationalen Heilspartei, die sich später in Wohlfahrtspartei umbenannte. Sein Lehrherr für gemäßigten Islamismus war Necmettin Erbakan, mehrfach stellvertretender Ministerpräsident und 1996/1997 Regierungschef der Türkei. Erdogan machte hier eine bescheidene Karriere. Doch die harte Lehre in Erbakans kleinem politischem Betrieb sollte sich auszahlen – der junge Recep merkte bald, dass ihm Allah anscheinend das Talent zum Regieren in die Wiege gelegt hatte. Vermutlich wird er in seinen Memoiren über diese Zeit einmal schreiben „Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“

Hier irrte die konservative Welt sich fatal

Erdogans Meisterstück war aber in jedem Falle die Wahl zum Oberbürgermeister von Istanbul und später die Gründung einer eigenen Partei, der AKP. Als er langsam in den Fokus auch deutscher Politiker rückte, hieß es manchmal wohlwollend, die AKP sei doch so ähnlich wie die Christlich Demokratische Union, nur auf Türkisch und statt christlich eben islamisch. Ein hübscher Vergleich, der Erdogan damals bestimmt gefiel, wobei ihm vermutlich eher die CSU unter Strauß als die CDU unter Merkel nahe gelegen hat. Selbst die konservative Zeitung Die Welt gab noch 2008 eine katastrophale Fehlprognose ab: „Erdogan scheint verstanden zu haben, dass sein Land nicht mehr Islam, sondern mehr Freiheit braucht. Insofern schickt er sich an, Atatürks 1923 begonnenes Projekt weiterzuführen.“

Die Kunst der Böhmermannschen Zitation

Wie es sich für einen angehenden Diktator gehört, saß Erdogan natürlich wegen politischer Vergehen in Haft, hatte dort allerdings offensichtlich keine Zeit über seinen Kampf zu schreiben. Immerhin hatte er als Stilmittel vor seiner Verurteilung die originelle Böhmermannsche Technik des Zitierens gewählt – aus einem Gedicht des Soziologen Ziya Gölalp: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Ein Gericht, erfahren in der türkischen Tradition der Parteienverbote und Verfolgung, schickte ihn prompt hinter Gitter.

Auch diese Prüfung in der Diktatorenausbildung absolvierte Erdogan mit Bravour. Die nächsten erforderlichen Bausteine der Machtergreifung lesen sich wie aus dem Lehrbuch der Autokratie: Mit Hilfe eines Strohmannes namens Abdullah Gül kommt der erfolgversprechende junge Brachialpolitiker an die Macht, entfacht die wirtschaftliche Modernisierung der Türkei, macht sich das Militär und Justiz gefügig. Der neue Kitt, der sein Reich zusammenhält, ist die Religion. Der Islam ist Richtschnur des klugen und skrupellosen Mannes vom Bosporus. Ob dieser politische Islam ein Glaubensbekenntnis ist oder nur Mittel zum Zweck, werden irgendwann Historiker zu klären haben.

Von Franco lernen, heißt siegen lernen

Wer allerdings einen Blick in die Geschichtsbücher wirft, kennt die Methode der Allianz zwischen Kirche und Staat: Francisco Franco wandte sie in Spanien an, António de Oliveira Salazar in Portugal. Benito Mussolini schloss ein Konkordat mit dem Vatikan und in Österreich nannte man dieses von Engelbert Dollfuß begründete System schlicht „Austrofaschismus“. Alles große Klassiker der Antidemokratie, doch wieder einmal war es von westlichen Politikern zu viel verlangt, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Geschichte ist die Pathologie der Politik – wer das beherzigt, kann frühzeitig die richtigen politischen Diagnosen stellen. Fazit für Recep Erdogan: Wieder als Diktator alles richtig gemacht. Die kleinen erfolgreichen Nebenprüfungen wie das Wegsperren von nervenden Oppositionellen und Journalisten sind nicht erwähnenswert.

Respekt und Glückwunsch zum Master of Dictatorship

Die beiden letzten Geniestreiche des angehenden Diktators waren das Flüchtlingsabkommen mit der EU und das Ermächtigungsgesetz, mit dem die Immunität zahlreicher oppositioneller Abgeordneter aufgehoben wurde. Auch hier eine meisterhafte Leistung. Die Ausschaltung des Parlamentes durch das Parlament selbst: Das ist schon die Königsklasse der Diktatur, die wir in dieser Perfektion ansonsten nur von den wahrhaften Meistern des Bösen kennen. Sich nebenbei die Taschen zu füllen, die Familie in den Staatsapparat zu integrieren, die Presse sukzessive gleichzuschalten und aufmüpfige Generale abzuservieren, zeigt das glückliche Händchen des politischen Ausnahmetalentes. Deshalb Respekt und Glückwunsch an Recep Erdogan, der Master of Dictatorship summa cum laude ist jetzt zum Greifen nahe!

Markig, mutig und markant: Früher war doch alles besser – jedenfalls auf dem Plakat

11. Mai 2016 von Malte Bastian | Keine Kommentare

Männer machen Geschichte

Die Bundesregierung ist momentan schwer angeschlagen – nur noch 48 Prozent der Deutschen* sind mit der Arbeit der Großen Koalition zufrieden. Aber vielleicht fehlt es einfach nur an den Charakterköpfen der Vergangenheit? Ob früher alles besser war, lassen wir mal dahingestellt – auf jeden Fall aber zeigten die Parteien einst markante Gesichter, natürlich alles Herren, denn die Gleichberechtigung war selten Thema, vor allen Dingen nicht bei CDU und CSU. Aber auch manche in der SPD gaben nicht viel auf „Frauenpolitik und so Gedöns“.

Adenauer, Strauß, Brandt, Mende hießen die Protagonisten aus den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders, Kohl und Schröder die Macher der Mitte in den 90er Jahren. Ob sie eine Lösung für die Probleme der heutigen Großen Koalition gehabt hätten, bleibt ihr Geheimnis. Aber auf jeden Fall lohnt sich ein Blick zurück, zum Beispiel im Haus der Geschichte in Bonn. Dort hängen diese Herren und werben immer noch für die lupenreine Demokratie – mit Ausnahme des „Spitzbartes“ Walter Ulbricht. Und für alle Interessenten, die für Politik kein mehr Geld ausgeben wollen: Der Eintritt dort ist kostenlos.

 

*Infratest-Dimap im Auftrag des Weser-Kurier April 2016

 

 

 

 

 

 

 

 

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9. Mai 2016
von Malte Bastian
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Zu Pfingsten nach Worpswede: Wo Rilke dichtete und Vogeler fremd ging

Lyrik, Sex und Malerei

Die Kommune 1 mit ihrer Mischung aus Intellektualität und Sex war eine Sensation? Von wegen. Was Fritz Teufel und seine Mitbewohner 1967 machten, konnten die Worpsweder Intellektuellen schon vor 120 Jahren. Lyrik, Seitensprünge, Malerei – das waren die Essenzen der legendären Künstlerkolonie bei Bremen. Wer noch keine Pläne für Pfingsten hat, sollte eine Wallfahrt zu den Kultstätten der Dichter und Maler ins Auge fassen.

Manchmal umweht eine leise Melancholie den Barkenhoff, das einstige Wohnhaus Heinrich und Martha Vogelers. Wenn der Abend kommt und der Duft der Blumen schwer in der Luft hängt – dann wird es still im Garten der Villa. Der Besucher kann sich auf eine der Bänke setzen, die Augen schließen und an die Tage denken, als der Barkenhoff Treffpunkt so illustrer Gestalten wie Rainer Maria Rilke und seiner Frau Clara, Otto und Paula Modersohn und eben Heinrich Vogeler und seiner Frau Martha war. Und wenn der Besucher dann vor lauter romantischem Sehnsuchtsschmerz mit einem Seufzer die Augen wieder aufschlägt, hat er zumindest die Chance, diese Figuren der Vergangenheit samt Sommerabend auf dem Barkenhoff als Postkartenreproduktion des Vogeler-Gemäldes „Das Konzert“ aus dem Jahre 1905 zu erwerben.

Der Barkenhoff – ein Juwel des Jugendstil entsteht

Als Vogeler dieses Bild von einer Haus- bzw. Gartenmusik der ganz besonderen Art malte, waren die Um- und Ausbaubauarbeiten an seinem 1895 erworbenen Barkenhoff – übrigens niederdeutsch für „Birkenhof“ – längst beendet. Der Meister hatte in wenigen Jahren ein kleines Juwel des Jugendstils geschaffen. Und wie ein Juwel von einer Fassung umgeben ist, so ist bis heute der Garten attraktiver Rahmen des Barkenhoff. Schon um die vorletzte Jahrhundertwende erfüllte das Gebäude mehr als nur den Wohnzweck von Heinrich und Martha Vogeler, die ebenso wie die Rilkes und die Modersohns 1901 geheiratet hatten: Längst war er zum Mittelpunkt der Worpsweder Künstlerbewegung und somit der gesamten „Künstlerkolonie Worpswede“ geworden.

Die großen der Literatur geben sich die Klinke in die Hand

Entsprechend wurde das Haus gewürdigt: Rainer Maria Rilkes Spruch „Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß“, den der Dichter zum Weihnachtsfest im Jahr 1898 geschrieben hatte, ließ Vogeler als Haussegen in die Eingangstür des Barkenhoff einkerben. Die Großen der Kunst und Literatur gaben sich in diesem Künstlerhaus die Klinke in die Hand: Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Max Reinhardt, Richard Dehmel. Sonntags las und rezitierte der Künstlerkreis, tanzte, sang und gestaltete das Leben als großes Kunstwerk. Doch die Idylle trog. Die gerade erst geschlossenen Ehen waren brüchig, längst wurde hinter dem Rücken der jeweils abwesenden gelästert und die Gemeinschaftsausstellungen wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen bereits 1902 beendet. Der eine oder andere Seitensprung gehörte längst zum Alltag, alte Worpsweder berichteten einst von wilden Picknicktagen auf den Wiesen.

Die Revolution des Heinrich Vogeler mit der „roten Marie“

Doch der Besucher, der die Reproduktion des Sommerabends als Postkarte in Händen hält, will davon nichts wissen – zu schön ist die Illusion, dieses Haus samt Garten sei ein Ort der Inspiration, und der Eintracht gewesen. Denn wenn man schon auf dem Barkenhoff nicht glücklich sein konnte – wo denn dann? Nur wenige Jahre dauerte die Harmonie in seinen Mauern und in seinem Garten. Dass hat auch mit Heinrich Vogelers politischer Entwicklung zu tun: War er noch 1914 als Freiwilliger in den Krieg gezogen und als Nachrichtenoffizier mit der Skizzierung des Kriegsgebietes in den Karpaten beschäftigt, so wandte er sich 1917 von Kaiser und Vaterland ab, wurde Revolutionär und stellte das Idyll Barkenhoff als Kommune zur Verfügung. Dort wollte er mit seiner neuen Geliebten Marie Griesbach, der „Roten Marie“, ein Stück Sowjetkommunismus im tiefsten Niedersachsen verwirklichen.

Martha Vogeler war von den Ambitionen ihres Gatten wenig begeistert und beschloss den Barkenhoff zu verlassen. 1919 hatte sie sich in einem Nachbardorf in ein altes niedersächsisches Bauernhaus verliebt und es gekauft. Das Haus wurde abgetragen und im Schluh in Worpswede 1920 wieder neu aufgebaut. Ein aufwändiges, ja dekadentes Unterfangen in den Augen vieler Worpsweder – half doch auch Revolutionär Vogeler großzügig bei Umbau und Finanzierung. Gemeinsam mit den drei Töchtern Mieke, Bettina und Mascha verdiente sich Martha Vogeler fortan hier mit der Weberei, einer Gästepension und einem großen Nutzgarten ihren Lebensunterhalt. Auch ihr neuer Lebensgefährte zog praktischerweise direkt mit ein.

Im Laufe der Jahre  entwickelte sich ein neuer Künstlertreffpunkt – noch heute beherbergt das Haus im Schluh (was auf Plattdeutsch „Haus im Sumpf“ bedeutet) die Heinrich-Vogeler-Sammlung, bestehend aus Gemälden, Radierungen und Möbeln. Ergänzt durch die wertvollen, oft kuriosen und interessanten Gegenstände aus bäuerlichem Hausrat oder Kunsthandwerk, die Martha und Heinrich sammelten, ergibt sich ein ganz besonderes Museum. Der Barkenhoff hingegen wurde von Vogeler, ohnehin durch Marthas Auszug von Mobiliar und Kunst beraubt, an einen Gartenarchitekten und Anthroposophen verkauft. Später verfiel das Haus und wurde erst 2003/2004 aufwändig renoviert. Heute ist der Barkenhoff Museum und Ausstellungsraum – und lädt mit seinem Garten immer noch in eine Idylle ein.

Eine melancholische Reise in die Vergangenheit

Noch heute spürt man in vielen der außergewöhnlichen Gebäude den Hauch der Vergangenheit. Andere zeugen vom Wandel, wurden verändert, verkauft und neu erfunden. Ein neues Buch über die Häuser der legendären Künstler wie Vogeler, Modersohn, Mackensen und viele andere lässt jetzt nicht nur die Zeiten der Sommerabende auf dem Barkenhoff neu erstehen. Im Carl Schünemann Verlag in Bremen ist aus der Feder von Gudrun Scabell der liebevoll gestaltete Bildband „Worpsweder Künstlerhäuser“ erschienen, der die Leser auf eine spannende, manchmal leise melancholische und stets sorgfältig recherchierte und stilistisch ansprechende Reise in die Vergangenheit mitnimmt.

Das Buch erzählt von extravaganten Künstlern, traurigen Schicksalen und den vielen Erinnerungen, die mit den Gebäuden verbunden sind – wie die Geschichte des legendären Hauses des Malers und Bildhauers Bernhard Hoetger. Dieses Gebäude, dessen Struktur irgendwo zwischen den expressionistischen Bauten so legendärer Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Metropolis“ und den Häusern der Hobbits angesiedelt ist, wirkt auch heute noch 90 Jahre nach seiner Entstehung mystisch, ja je nach Tages- oder Jahreszeit auch unheimlich oder völlig surreal. Nordische Sagenwelt, norddeutscher Jugendstil gepaart mit neogotischen Schornsteinen – Hoetger schuf ein Gebäude, das seinesgleichen sucht. Seine mystischen Entwürfe fanden schließlich in der Architektur der Bremer Böttcherstraße, bezahlt von seinem Freund und Gönner, dem Kaffeemogul Ludwig Roselius, ihre Vollendung.

Bernd Hoetgers nordischen Mythen als „entartete Kunst“

Doch so, wie die Romanik des Barkenhoffs mit dem Zerfall der Beziehungsgespinste seiner Bewohner und Gäste seine sphärenhafte Harmonie verlor und schließlich einem zweifelhaften irdischen Ideal, nämlich dem Kommunismus dienen sollte, so trieb wiederum die Sehnsucht nach nordischen Mythen und Göttern Hoetger in die Fänge des Antichristen Adolf Hitler. Wie sein Mäzen Roselius sympathisierte er mit den Nationalsozialisten und wurde Parteimitglied. Hoetger versuchte, die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflussten Werke zu gewinnen, ignorierte den sich abzeichnenden Totalitarismus mit seinem System der Konzentrationslager und staatlich verordneter „Kunst“ nach dem Gusto der Parvenüs Hitler und Goebbels.

Der politisch naive Hoetger sah sich aber bald unversehens selbst von den Nazis als „entartet“ demaskiert, wurde aus der Partei ausgeschlossen – und floh schließlich während des Krieges aus dem untergehenden „Dritten Reich“ in die Schweiz, wo er 1949 starb. Sein Haus aber überlebte nicht nur seinen Schöpfer, sondern auch die Jahre als Offizierscasino der Wehrmacht und Lazarett. Heute lädt es die Besucher ein, sich mit einem wundersamen Baustil zu befassen, der gestalterisch so fern und doch emotional so nah ist.

Der Barkenhoff, das Haus im Schluh, das Hoetger-Haus – nur drei von vielen Zielen, für die sich ein Besuch in Worpswede lohnt. Und wem der Weg zu weit ist, der sollte zum Buch von Gudrun Scabell greifen und die „Worpsweder Künstlerhäuser“ bei einer Tasse Tee oder einem Kaffee gemütlich zu Hause betrachten und sich daran erinnern, wie es war, als Rilke dichtete und Vogeler fremd ging.

Buchtipp:

Worpsweder Künstlerhäuser
Gudrun Scabell
152 Seiten, Hardcover
EUR 29,90
ISBN 978-3-7961-1005-4

 

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25. April 2016
von Malte Bastian
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Politische Hochspannung: Warum Österreich eine letzte Warnung sein sollte

Ganz schnell ist Wien dann überall

An der Ostfront der EU werden die Reihen fest geschlossen: Ungarn, Polen und jetzt Österreich entdecken den ganz besonderen Zauber reaktionärer Politik. Sozialdemokraten und Christdemokraten haben bei den Wahlen zum Bundespräsidenten eine krachende Niederlage erlitten. Typisch Operettenstaat Österreich oder beunruhigende Blaupause für Deutschland? Auch hierzulande schwächeln die beiden Volksparteien und stehen mächtig unter Strom.

Was die AfD in Deutschland kann, kann Österreich schon lange: Bereits Jörg Haider und seine „Buberlpartie“ führten erst Kärnten, dann das halbe Land auf die Rechtsabbiegerspur. Und wäre Haider nicht in einer dunklen Regennacht im Oktober 2008 sternhagelvoll mit dem Auto von der Straße abgeschmiert und ums Leben gekommen, würde er vermutlich heute im Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz sitzen und gemeinsam mit Viktor Orbán an einer Neuauflage der K.u.K.-Monarchie oder der Diktatur des einstigen Admirals Horthy basteln.

Die Postenverteiler haben nichts gelernt

Das Schicksal bewahrte Österreich vor einem Kanzler Haider, doch weder Sozialdemokaten noch Christdemokraten waren in der Lage, aus dessen operettenhaftem Leben und Tod ihre Lehren zu ziehen. Sie nutzten ihre Chance nicht und machten weiter wie bisher. „Sozialdemokraten und die konservative Volkspartei haben, obwohl ihre Unterstützung seit Jahren immer mehr erodierte, die gesamte Macht und alle Posten, die im Einflussbereich des Staates stehen, fein säuberlich untereinander aufgeteilt.“, beklagt Joachim Riedl, der für die Wochenzeitung DIE ZEIT aus Wien schreibt.

Die „Machtversessenheit“ wurmte schon Weizsäcker

Dieser Feststellung kommt einem in Deutschland sonderbar bekannt vor: Auch hier haben Sozialdemokraten und Christdemokraten ihre Hand fest auf alle Positionen gelegt, die irgendwie von (partei-)politischem Interesse sind. Schon 2001 ging der damalige Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker hart mit den Parteien in Gericht: Statt „um die Lösung der Probleme zu ringen“, instrumentalisierten sie diese für ihren Machtkampf. Wer nicht die Ochsentour in einer der beiden Volksparteien absolviert hat, ist praktisch chancenlos, ein politisches Amt zu bekleiden. Bis auf Gemeindeebene hinunter verteilen SPD und CDU Posten an ihre braven Parteisoldaten. Bereits 1992 zürnte Weizsäcker über diese Methode der „Machtversessenheit“.

Die SPD schrumpft um Duisburg, die CDU um Bonn

Nichts hat sich seitdem geändert, jedenfalls nichts im Verhalten der deutschen Volksparteien. Dabei sollte nicht nur das Desinteresse der Deutschen an Politik die Apparatschiks in SPD und CDU aufhorchen lassen: Auch die Erosion der der Mitgliederzahlen ist dramatisch. Hatte die CDU 1990 stolze 789.609 Mitglieder*, so sind es 25 Jahre später nur noch 457.488, ein Schwund von über 300.000 Mitgliedern, mithin die Einwohnerzahl von Bonn. Noch bitterer ist die Situation der Mitgliederentwicklung bei der SPD: Die Sozialdemokraten rutschten von üppigen 943.402 auf 459.902 Mitglieder und schrumpfte damit sogar in der der Größe einer Stadt wie Duisburg.

Wahlbeteiligungsnotstand in Bremen und Brandenburg

Auch die Wahlbeteiligung ist entsprechend mau geworden. Nur noch gute 71 Prozent der Menschen gingen 2013 zur Bundestagswahl, in den 70er und 80er Jahren lag die Wahlbeteiligung noch um die 90 Prozent, danach ging´s kontinuierlich bergab. Lediglich Gerhard Schröder gelang es noch einmal 1998 die Wahlbeteiligung wieder auf über 80 Prozent zu pushen. Mit der ersten großen Koalition unter Angela Merkel aber rutschte die Wahlbeteiligung ins Bodenlose ab. Noch bedenklicher ist die Situation bei Landtagswahlen. Nur noch Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schafften es hier über 70 Prozent; Schlusslichter sind Bremen (50,2 Prozent), Sachsen (49,1 Prozent) und Brandenburg (47,9 Prozent). Keines dieser drei Bundesländer hat also eigentlich noch eine Regierung, der eine deutliche Mehrheit aller Wahlberechtigten ihre Zustimmung gegeben hat.

Immer noch gilt „Der Staat als Beute“

Woher rührt der Mangel an politischer Beteiligung der Menschen in Deutschland? Die Durchsetzung von Verwaltungen, kommunalen Betrieben und zahllosen Verbänden bis hin zu Gewerkschaften und Aufsichtsräten mit Parteibuchinhabern hat weder die politische Entscheidungsfähigkeit bei Ländern und Kommunen verbessert, geschweige denn das Interesse parteiloser Bürger an Politik gefördert. Die üppige (Selbst-)Versorgung von Mandatsträgern hat ihr übriges getan, Politik für viele Menschen unappetitlich erscheinen zu lassen. Das Bild vom „Staat als Beute“ wie schon Anfang der 90er Jahre ein Buch des Verfassungsrechtlers und Parteienkritikers Hans-Herbert von Arnim hieß, hat sich in den Köpfen vieler Menschen manifestiert. Dieses Buch, eine schonungslose Analyse der Selbstbedienung der beiden Volksparteien, perlte natürlich ebenso an Politikern ab, wie die Kritik Richard von Weizsäckers.

Das ziellose Mäandern der großen Koalition

Hatte die Regierung Schröder noch eine – sicher umstrittene – konkrete Vorstellung von der Umgestaltung und Modernisierung Deutschlands, haben sich seine Nachfolger längst im Klein-Klein des Alltages verrannt. Ein Jahr vor der Bundestagswahl mäandern die wichtigsten Minister der großen Koalition ziellos in ihren Positionen. SPD und CDU bieten den Deutschen

  • eine Kanzlerin, die um den Preis der Pressefreiheit den türkischen Präsidenten Erdogan hofiert, der ihr hausgemachtes Flüchtlingsdilemma lösen soll,
  • einen Justizminister dessen wichtigstes Anliegen das Verbot „sexistischer“ Werbung ist und der in der Boulevardpresse seine Liebe zu einer Schauspielerin inszeniert,
  • einen Innenminister, dessen BKA-Gesetz zur Überwachung der eigenen Bürger so unseriös ist, dass es vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde,
  • einem Wirtschaftsminister, der den ägyptischen Despoten Al-Sissi als „beeindruckenden Präsidenten“ hofiert, Israel aber ein „Apartheidsregieme“ nennt.

Gender-Lehrstühle statt Alterssicherung

Dabei gibt es eine Reihe wirklich großer Baustellen, denen sich eine große Koalition von Anfang an hätte widmen können: Einer gerechte Alterssicherung aller Menschen in Deutschland, der Modernisierung der völlig maroden Infrastruktur, der Integration Tausender Zuwanderer oder der Korrektur einer seit Jahren im europäischen Vergleich immer weiter zurück bleibenden Bildung. Doch auf dem Spielplan der politischen Theater in Deutschland steht stattdessen die Einrichtung von Lehrstühlen für Gender-Forschung oder die Diskussion über Kinderkrippen bei der Bundeswehr, wahlweise ergänzt durch furiose Gastspiele mit irrlichtenden bayerischen Ministerpräsidenten.

Ganz schnell ist Wien dann überall

Und da schließt sich der Bogen zu unseren Nachbarn in Österreich: Auch dort hat eine große Koalition immer nur ganz kleine Veränderungen gebracht und muss sich nun von den Rechtspopulisten vor sich hertreiben lassen. Die deutsche Variante der FPÖ, die AfD, läuft sich schon lange warm, es ihren Parteigenossen jenseits der Alpen gleich zu tun. Noch ist die AfD in der politischen Pubertät, doch mit jedem Tag des Durchwurstelns und der Postenschacherei der beiden angeschlagenen Volksparteien CDU und SPD wird sie ein Stück erwachsener und streckt irgendwann selbst ihre gierigen Finger nach den lukrativen politischen Posten aus, die ihr dann niemand mehr verwehren kann. Denn auch in Deutschland gilt das Bonmot des großen österreichischen Schauspielers Helmut Qualtinger: „Demagogen sind Leute, die in den Wind sprechen, den sie selbst gemacht haben.“ Und ganz schnell ist Wien dann überall.

 

* alle Zahlen unter http://de.statista.com/