Bernstein und Kautsky: Die alte schwärende Wunde der Sozialdemokraten ist nie verheilt

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Vor Sonnenuntergang

„Brüder, zur Freiheit, zur Sonne“, heißt ein altes Arbeiterlied, das sich auch bei der SPD großer Beliebtheit erfreut. Doch der Weg, den jetzt die Linken in der Partei einschlagen, führt in den Sonnenuntergang. Endlich hatte man nach quälenden Diskussionen den Weg zu Koalitionsgesprächen geöffnet, da stürzte ein politischer Knabe namens Kevin Kühnert mit seinen Jusos die große Partei Willy Brandts in gefährliche Turbulenzen.

Die Krise der Volksparteien ist verbunden mit dem Schrumpfungsprozess anderer gesellschaftlicher Groß-Systeme: Dem der Kirchen und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der Gewerkschaften, der Sportvereine. Der einzelne Mensch, der nur als Teil eines Ganzen zählt, ist kein Modell mehr für das 21. Jahrhundert. Nicht zuletzt der Sozialismus hat seinen desaströsen Beitrag zur Diskreditierung der Bündelung von scheinbar gleichen Interessen geleistet. Wann immer nämlich die Verdammten dieser Erde aufwachten, so wollten sie nach oben und traten dabei auf die noch Schwächeren. Der Proletarier war eben nicht Proletarier aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten, der „Klassenkampf“ immer eine Chimäre von Salonrevolutionären.

Wer nie im 21. Jahrhundert ankam

War das 20. Jahrhundert das Versuchsfeld der Ideologien für die Masse, so ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter der Individualisierung und der steten Veränderung von Bedürfnissen. Diese bündeln sich in einzelnen politischen Zielen, jedoch nicht mehr in der altmodischen Vorstellung einer politischen „Zielgruppe“. An die Stelle des politischen Bewusstseins der Gruppe ist längst die momentane Lebensverfassung des Individuums mit seinen gerade aktuellen Bedürfnissen getreten. Eine banale, lange bekannte soziologische Erkenntnis, die jedoch immer noch nicht in den Köpfen vieler Politiker angekommen ist.

Grundsätze wie von Kardinal Ratzinger

Die SPD etwa versteht sich in ihrem Hamburger Programm „als linke Volkspartei, die ihre Wurzeln in Judentum und Christentum, Humanismus und Aufklärung, marxistischer Gesellschaftsanalyse und den Erfahrungen der Arbeiterbewegung hat.“ Und weiter: „Was uns eint, ist die historische Erfahrung, dass sozialdemokratische Politik nur erfolgreich sein kann, wenn sie verbunden ist mit dem demokratischen Engagement der Menschen in den Gewerkschaften, den Friedens-, Frauen-, Umwelt-,Bürgerrechts-, Eine-Welt- und globalisierungskritischen Bewegungen und Netzwerken.“ Ein Bekenntnis wie die Glaubensgrundsätze der katholischen Kirche. Wäre der frühere Kardinal Ratzinger Sozialdemokrat, könnte man meinen, diese Sätze seien aus seiner Feder geflossen.

Bernstein und Kautsky: Die schwärende Wunde

Wer sich im 21. Jahrhundert immer noch auf Marx und die Arbeiterbewegung beruft, zeigt, dass ihm Wandel schwer fällt. Im Zeitalter der historischen Reflexion hat es die SPD bisher versäumt, sich kritisch mit dem eigenen Erbe auseinanderzusetzen. Warum auch, schließlich war man ja gesellschaftlich stets weiter entwickelt als der im reaktionären gestern verhaftete bürgerliche Rest der Gesellschaft. Doch längst hat sich diese Einstellung gerächt. Als Gerhard Schröder, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück versuchten, die SPD zu modernisieren und für weite Teile des Bürgertums wählbar machten, ging ein Riss durch die Partei. Das über 100 Jahre alte Spiel der Revisionisten um Eduard Bernstein auf der einen und der orthodoxen Marxisten um Karl Kautsky auf der anderen Seite wiederholte sich und ist bis heute eine schwärende Wunde geblieben.

Linke Überheblichkeit macht einsam

Auch die orthodoxen Marxisten in der SPD des Jahres 2018 haben es nicht verstanden, dass alle großen Erfolg nur durch die Mobilisierung des aufgeklärten aber bis heute heimlich verachteten Bürgertums möglich waren. Die Ostpolitik Willy Brandts, die Überwindung der deutschen Teilung, die Reformpolitik Gerhard Schröders: Nie hätte die Stammwählerschaft der Sozialdemokraten diese gewaltigen Prozesse allein anstoßen können. Doch die jahrelange Überheblichkeit der linken Funktionäre hat die SPD zerrüttet und einsam gemacht. Die Liberalen wurden zu geldgierigen Handlangern des Kapitals erklärt, die Grünen zu besserverdienenden bürgerlichen Ökofreaks, die Union zu reaktionären fremdenfeindlichen Bazis. Selbst mit der Linkspartei gibt es keinen Frieden, ist sie doch wie einst die USPD Fleisch vom eigenen Fleische.

Kevin allein zu Haus

Am Sonntag muss sich die SPD entscheiden: orthodoxer Marxismus oder Revisionismus durch Modernisierung. Sollten sich Juso Chef Kevin Kühnert und seine Freunde durchsetzen, wird die SPD in die vermutlich schwerste Phase ihrer Nachkriegsgeschichte geraten. Auch eine 150 Jahre alte Partei hat keinen Anspruch auf ewiges politisches Leben. Dann ist Kevin allein zu Haus. Aber einen schwachen Trost gibt es: Noch immer lebt sogar das Zentrum, die älteste deutsche Partei. Einst stellte sie Reichskanzler, heute hat sie noch einige Mandate in einer Handvoll Gemeindeparlamente. Gemeinsam mit der SPD könnte man eine Selbsthilfegruppe alter Parteien gründen, eine große Koalition der ewig Gestrigen.

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2 Kommentare

  1. Hofe Kevin setzt sich durch-diese versager in der 1. reihe sind nicht mehr tragbar! Kevin muss dann dafür sorgen das SPD und CDU wieder endlich wieder trennbar sind…

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