Böse Onkels im Ruhestand

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Wer heute im Cafè der Bedienung ein kerniges „Frollein, zahlen!“ entgegenruft, ist nicht nur out, sondern outet sich: Als unverbesserlicher Macho. Das „Frollein“ im Cafè ist von gestern, so wie das „Fräulein vom Amt“ von vorgestern ist, von dem ohnehin nur noch der geneigte Nebenerwerbshistoriker weiß, dass es einst beim Fernmeldeamt Telefonverbindungen zusammenstöpselte.

Wie die Gesellschaft, so die Sprache – manche Sachen erledigen sich einfach von selbst. Und für alles andere, gibt es eine Sprachpolizei. Wer dabei allerdings an den Duden denkt, der irrt. Die Duden-Redaktion besteht allerhöchstens aus den Politessen der deutschen Sprache. Den wirklich harten und entbehrungsreichen Streifendienst in den Niederungen der Artikulation und die aufreibenden Ermittlungen in besonders schweren Sprachtaten machen PolitikerInnen aus dem linksalternativen Umfeld, denn ihre konservativen Geschlechtsgenossinnen müssen sich um Kinder, Küche und Kirche kümmern.

 

Das Ampelmännchen von der Stasi

Eine ganz besonders schwere Sprachtat entdeckten eben diese PolitikerInnen in einem eher unbedeutenden Randgebiet, nämlich der nonverbalen Sprache. Hier treibt seit Jahren ein übles Geschöpf sein Unwesen: Das Ampelmännchen. In Westdeutschland war es ein relativ unauffälliges Wesen, im Osten trug es zur Unterscheidung zur BRD einen Schlapphut, vermutlich als kleine Reminiszenz an die Stasi um den Fußgängern deutlich zu machen: Der große Bruder sieht Dich auch, wenn Du die Straße überquerst! Da ja außer dem grünen Pfeil, dem Rotkäppchensekt und Angela Merkel nur wenige Qualitätsprodukte made in GDR Bestand hatten, beschlossen westdeutsche (männliche) Politiker, zumindest dem kleinen Schlapphut auf der Ampel eine Chance zu geben, seine Stasi-Vergangenheit abzustreifen und ein vollwertiges Mitglied der gesamtdeutschen Straßenverkehrsordnung zu werden.

 

Der böse Onkel ist im Ruhestand

Es hätte alles so schön sein können, auf diese Weise einen Rest ostdeutscher Identität zu wahren – doch die Rehabilitation ging ausgerechnet im 25. Jahr der Wende gründlich daneben. Denn während das androgyne Männlein aus dem Westen auch eine junge Frau im Hosenanzug hätte sein können, war die nonverbale Sprache des Schlapphutes schon immer klar: Hier ist es ein Mann, der die sexuelle Disposition der Lichtzeichenanlagen für Fußgänger als ewig gestriges Patriarchat betreibt. Keine Frage, das sonderbare Ding muss endlich ergänzt werden. Etwa durch eine Ampelfrau. Das zumindest fordert Martina Matischok-Yesilcimenin, eine Berliner Lokalpolitikerin der SPD. Sie setzt sich für Ampelfrauen ein, die eigentlich analog zum Männchen allerdings eher Ampelfrauchen heißen müssten. Aber das Thema ist zu ernst für ironischen Rabulismus. Die bösen Onkels müssen endlich weg von deutschen VerkehrsschilderInnen. Die Chancen stehen gut: Schon einmal gelang es, den bösen Kinderfänger mit Hut, den fiesen „Mitschnacker“ wie man bei uns zu Hause sagte, von einem Verkehrsschild zu verdrängen.

Mit ihrem Vorschlag, mit Ampelfrauen den Verkehr auf deutschen Straßen zu ergänzen, hat die SPD-Dame Matischok-Yesilcimenines es im Sommerloch bis in den SPIEGEL geschafft. Denn während den meisten Deutschen mit dem Gefühl „Die da oben“ machen ohnehin, was sie wollen, der Streit um die Rente mit 67 und die Krise in der Ukraine schlicht am Allerwertesten vorbei geht, hat Matischok-Yesilcimenin das Gemüt des Wählers wieder entdeckt. Und die Geschlechterdebatte, die gebildete AkademikerInnen gern höchst elaboriert „Gender-Diskurs“ zu nennen belieben, erfolgreich neu befeuert.

Ihr gebührt zweifelsohne der große Kropf am Bande, denn überflüssigere Diskussionen gibt es vermutlich kaum in diesem unserem Land. Sinnlose Geschlechterpolitik in der soziologischen Nische. Nur die Berliner LINKE legte einen erfrischenden Pragmatismus an den Tag „Wir stimmen zu, auch wenn wir’s albern finden.“ Richtig so. Macht überall ganz schnell Ampelfrauchen wenn Martina Matischok-Yesilcimenin und Genossinnen so besser schlafen können – und dann nehmt die Menschen und ihre Sorgen wieder ernst…

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