„Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt“: Mesut Özils Rücktritt hält die Welt in Atem

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Dr. Otto Nerz und der Subtext des Wurstfabrikanten

Dieser Sommer ist so richtig verkorkst. Erst blamiert sich Horst Seehofer mit einer politischen Geisterfahrt, dann vergeigt Jogis Eleven die Fußball-WM und jetzt hält der Rücktritt Mesut Özils die Welt in Atem. Ein opulentes Sport-Drama mit politischem Hintergrund wie 1936 die Pleite der deutschen Elf bei den Olympischen Spielen – und auch schon damals machte der DFB keine gute Figur.

Hätte Alexander Gauland eine PR-Kampagne für das Sommerloch planen wollen – der böse alte Mann der AfD hätte sich kein besseres Szenario wünschen können. Kaum hatte man sich vom Amoklauf des Horst Seehofer und dem Ausscheiden bei der WM erholt, stellte plötzlich binnen weniger Tage der Rücktritt Mesut Özils den DFB und das Verhältnis Deutschlands zur Türkei in Frage. Wie eine Granate krachte sein Rücktritt in das morsche Gebälk des Spitzenverbandes. Die National-Mannschaft, der Bundestrainer und vor allen Dingen der DFB-Präsident sind getroffen – und im Falle Reinhard Grindels geht heimlich die Hoffnung um, der seit Jahren unglücklich agierende Präsident möge die Attacke politisch nicht überleben.

„Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt.“

Natürlich war es Uli Hoeneß, der vorbestrafte Präsident des FC Bayern, der umgehend nach Özils Rücktritt in bewährter Manier Öl ins Feuer goss. „Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen“, höhnte Hoeneß gegenüber der Bild-Zeitung. Die Entwicklung in unserem Land sei, so Hoeneß weiter, „eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport.“ Nicht zum ersten Mal entlarvt sich Hoeneß mit dieser Aussage als Schwätzer: Özil bereitete seit seinem DFB-Debüt 2009 mehr Tore vor als jeder andere Spieler, nämlich 33.

Der Subtext des fränkischen Wurstfabrikanten

Der Subtext des fränkischen Wurstfabrikanten ist deutlich: Der Türke im deutschen Trikot kann nix. Hoeneß befeuert mit seinen kruden Äußerungen die aktuelle Hetz-Kampagne der AfD: Deren Frontfrauen Alice Weidel und Beatrix von Storch ätzen seit Tagen, Mesut Özil sei ein typisches Beispiel missratener Integration. Wir erinnern uns: Es ist erst ein Jahr her, dass AfD-Großagitator Alexander Gauland, behauptete, eigentlich wolle niemand neben Nationalspieler Jerome Boateng wohnen. Özil, Boateng – Fußball, so scheint es, ist nicht die bevorzugte Sportart der AfD.

Als der Führer erbost schon vor dem Abpfiff ging

Auch der Führer hielt nicht viel vom runden Leder. 1936 besuchte Adolf Hitler die Partie Deutschland-Norwegen – eigentlich ein läppisches Pflichtspiel auf dem Weg zu olympischem Edelmetall. Doch die Norweger gingen bereits nach sechs Minuten vor 55.000 Zuschauern im Berliner Poststadion in Führung, um dann das deutsche Team überlegen mit 2:0 zu schlagen. Der Diktator verließ damals bereits vor dem Abpfiff erbost die Arena. Mit deutschen Verlierern wollte er nichts zu tun haben. Es war übrigens das letzte Mal, dass Hitler beim Fußball gesehen wurde.

Otto Nerz sinniert über „Europas Sport frei vom Judentum“.

Das sportliche Debakel hatte Folgen: Reichstrainer Dr. Otto Nerz musste seinen Hut nehmen. Dabei hatte nicht der Trainer gepatzt: Der Präsident des DFB, Felix Linnemann, hatte massiv über den Kopf von Nerz hinweg Einfluss genommen und angeordnet, die besten Spieler für das Finale zu schonen. Doch der Coach badete die Niederlage aus weil Linnemann um seinen Job als DFB-Chef fürchtete. Nerz bekam Zwangsurlaub und seine Arbeit wurde von seinem Assistenten Sepp Herberger erst teilweise, dann ganz übernommen. Nerz, der bis 1933 Sozialdemokrat gewesen war, trat derweil in die NSDAP ein, bekam eine Zeitungskolumne und sinnierte dort unter anderem über „Europas Sport frei vom Judentum“.

Herberger und der hartleibige DFB

Der politisch unauffällige aber geschmeidige Herberger (NSDAP-Mitglied seit 1933) führte 1954 die deutsche Elf in Bern zum ersten WM-Titel. Und legte sich im hohen Alter 1972 überraschend mit dem DFB an, als er hartnäckig forderte, der Verband möge endlich den emigrierten jüdischen Kicker Gottfried Fuchs offiziell nach Deutschland einzuladen. Doch die hartleibigen Funktionäre schlugen Herberger diesen Herzenswunsch ab: Dafür habe man kein Geld, belehrte man den Weltmeister-Coach.

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