Chemnitzer Alarmismus – und der schleichende Ausverkauf des deutschen Journalismus

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Das „Sturmgeschütz der Demokratie“

Hamburg 2017, Chemnitz 2018 – da ist er, der gefürchtete Bürgerkrieg! Der Kampf zwischen den politischen Extremen. Deutschland im Würgegriff von rotem und braunen Terror. Und wie damals in der Republik von Weimar, steht auch fest, wer siegen wird wenn wir nicht alle ganz schnell auf die Straße gehen: Der Faschismus, denn dieses Land hat nichts aus der Geschichte gelernt. Moment mal, liebe Journalistenkollegen: Geht`s vielleicht ne Nummer kleiner?

Es gibt sie, die Profiteure der Panikmache á la Weimar. Doch das sind nicht die klassischen Parteien der Bundesrepublik. CDU/CSU, SPD und FDP – ihre Umfrageergebnisse haben sich in den vergangenen drei Jahren nicht verbessert, im Gegenteil. Nach einem kurzen Höhenflug hat die Realität die Liberalen wieder zurechtgestutzt und SPD, CSU und CDU schrumpfen sogar. Gewinner der momentanen Situation sind vor allen Dingen die Grünen und die AfD. Das sind – wenn man einen Blick in die aktuellen Umfragen wirft – die Profiteure. Oder anders ausgedrückt: Diese Parteien werden im Bund und den Ländern anscheinend als Opposition und Alternative wahrgenommen. In die Röhre gucken die anderen: Weder Markus Söder mit seinem Eiertanz um Kreuze und „Asyltourismus“, noch Christian Lindner mit seiner Gebetsmühle, es sei besser nicht, als falsch zu regieren, konnten punkten.

Wir leben in einer Krise der Berichterstattung

Gern ergötzt man sich dieser Tage in den Redaktionsstuben an Vergleichen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der fragilen Republik von Weimar. Es lohnt sich, diese Vergleiche zu hinterfragen. Und nicht nur das: Auch die Frage, wer eigentlich den ewigen Alarmismus befeuert, darf gestellt werden. Denn Journalisten sind weder unpolitisch, noch objektiv. Bereits 2005 gaben in einer Umfrage des Hamburger Instituts für Journalistik unter 1.500 Journalisten 35,5 Prozent an, den Grünen nahe zu stehen. 2013 befragte die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg, Professorin an der Freien Universität Berlin, erneut Journalisten – wieder „gewannen“ die Grünen deutlich mit 26,9 Prozent. Studien von Michael Haller und Mathias Kepplinger ergaben weitere Defizite journalistischer Wahrnehmung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, könnte man angesichts der journalistischen Dauerschelte an Sozial- und Christdemokraten aber auch Liberalen meinen.

Wer besonnen bleibt, gilt als kalt und berechnend

Wir alle wissen, Recht ist, was der Auflage und der Klickrate nützt. Und wer dabei noch der eigenen politischen Klientel hilft, befindet sich in einer komfortablen Win-Win-Situation. Doch genau das wird zum Ausverkauf des deutschen Journalismus: Nicht mehr als Vierte Gewalt aktiv zu sein, sondern als politisches Korrektiv der herrschenden Zustände. Wer sich aufmerksam durch die Welt klickt und liest, merkt: Wir leben nicht in einer Krise der Demokratie, sondern vor allen Dingen der Berichterstattung. Eine Generation von Politikern, die es liebt, mit Schaum vor dem Mund zu agieren, liefert den Treibstoff dazu. Talk Show-Besoffenheit von rechts bis links ersetzt den politischen Ideenwettbewerb. Wer besonnen bleibt und sich nicht zu einer Position zwingen lässt, ist dem medialen Vorwurf ausgesetzt, kalt und berechnend zu sein.

Das „Sturmgeschütz der Demokratie“

Rudolf Augstein liebte einen martialischen Ton. Er freute sich nicht nur heimlich, wenn man ihn einen „linken Nationalisten“ nannte und ergötzte sich daran, sein Blatt, den SPIEGEL, als „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu bezeichnen- Das war nicht ohne Hintersinn und makabren Witz: Der junge Augstein war während des zweiten Weltkrieges Artillerist. Als Feuerleit-Offizier war er für die Treffsicherheit einer Haubitzen-Batterie verantwortlich. Mit Artillerie kannte er sich also aus, der Leutnant Augstein  – und als der SPIEGEL Ende der 1940er Jahre entstand, wusste auch noch jeder Zeitgenosse, was ein Sturmgeschütz ist: Ein Panzer, der entwickelt worden war, Infanteristen beim Angriff effektiv zu unterstützen. Das also war also das Bild, das Augstein vorschwebte – die Demokratie in der großen Offensive gegen ihre Feinde, nicht in der Defensive und der ängstlichen Abwehr.

Die neuen medialen Richtschützen heißen Broder, Tichy und Hayali

Publizistische Sturmgeschütze gibt es immer noch. Und zu den linken haben sich längst die rechten Kanoniere gesellt. Das Trommelfeuer der dauernden Betroffenheit bestimmt die öffentliche Diskussion. Die Richtschützen heißen Roland Tichy, Jakob Augstein, Dunja Hayali, Julian Reichel, Margarete Stokowski oder Henryk Broder. Anders als Augstein Senior sind sie gern als kommunikative Guerilleros aktiv, selten nur noch im Rahmen eines publizistischen Großkampfverbandes wie dem SPIEGEL. Sie lieben den medialen Hinterhalt und gerieren sich als tapfere Einzelkämpfer, die nur noch nominal zu einem bestimmten Medium gehören. Längst betreiben sie Publizistik und Kommunikation mit Mitteln, die einst von der Generation Rudolf Augstein und Hajo Friedrichs geächtet worden waren. Dazu gehört nicht nur eine permanente persönliche Inszenierung, sondern auch der maßlose Anspruch, moralisch immer auf der Seite der Anständigen zu stehen. Es gibt nur noch schwarz oder weiß, der Diskurs ist beendet.

Was ist noch eine große Rede im Parlament gegen 90 TV-Sekunden?

Panikszenarien wie das Ende der Demokratie oder die Überfremdung sind der mediale Dschungel, in dem sie kämpfen, vorzugsweise auf eigene Rechnung mit Büchern, Talkshowauftritten oder Online-Kolummnen. Sie sind das, was Marketingexperten einen „Brand“, eine Marke, nennen. Sie verdienen mit offensiver Betroffenheit ihr Geld. Das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen bietet nur zu gern die Bühne für diese maßlose Selbstinzenierung. Gern sitzen prominente Journalisten als „Experten“ in Talkrunden, warnen, drohen, lästern, orakeln. Ein glänzendes Geschäft auf Kosten der Gebührenzahler. Was ist heute noch eine große Rede im Parlament gegen 90 polemische TV-Sekunden mit Henryk Broder oder Jakob Augstein?

„Im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Und sie missachten ohne Unterlass einen von Hajo Friedrichs aufgestellten Grundsatz: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Es sind die Tichys, Augsteins, Hayalis, Reichelts, Stokowskis und Broders, die den Takt der Betroffenheit und den Sprachduktus massiv beeinflussen. Und fortwährend Öl in die schwelenden Feuer der politischen Herausforderungen von Migration bis hin zur Altersarmut gießen. Vielleicht ist das die heutige Fortsetzung der klassischen Berichterstattung mit anderen Mitteln. Aber es ist auch der Zerfall dessen, was einst die New York Times “All the news that’s fit to print” nannte, das Selbstverständnis gründlicher und umfassender Berichterstattung.

 

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