Der Sprengsatz des Horst Seehofer oder wie man die eigene Schwester politisch erwürgt

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Fünf vor Zwölf für die Große Koalition

Horst Seehofer hat früher Zigarillos geraucht. Was der Mann heute raucht, ist unbekannt. Es muss sich aber um eine Substanz handeln, die starke Auswirkungen auf das Bewusstsein hat. Anders ist es nicht mehr zu erklären, warum die CSU jetzt rücksichtsloser auf die Kanzlerin schießt, als es die Opposition je getan hat. Für die Bundesregierung ist es jetzt fünf vor Zwölf: Gelingt es Merkel nicht, Seehofer klar zu machen, dass eine regionale Partei nicht allein den Kurs Deutschlands bestimmen kann, platzt die Große Koalition.

Das Elend des Horst Seehofer ist seine Unaufrichtigkeit: Es ist nicht die Forderung zur Schließung der Grenzen die genierlich wäre, sondern der scheinheilige Zeitpunkt ihrer Offenbarung. Noch im Koalitionsvertrag im Frühjahr war keine Rede von der Abweisung von Flüchtlingen – dabei hätte sie die CSU damals konsequent zum Prüfstein machen können. Doch stattdessen heuchelten Seehofer und seine Freunde Zurückhaltung. So bedient man Reaktionäre und verprellt diejenigen, für die der Begriff Konservativ auch etwas mit Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit zu tun hat. Seehofers intellektueller Volkssturm in Form der Herren Söder, Scheuer und Dobrindt setzt die internationale Berechenbarkeit Deutschlands zu Gunsten einer Landtagswahl aufs Spiel und geriert sich als Fundamentalopposition innerhalb einer Regierung, an der die CSU seit Jahren selbst beteiligt ist. Dabei war die sogenannte Grenzöffnung 2015 nicht nur mit SPD und CSU abgesprochen, sondern auch mit Ungarn und Österreich. So wird das Geschwätz vom „Alleingang“ der Kanzlerin völlig unglaubhaft.

Eine kleine aggressive, immer nörgelnde „Schwesterpartei“

Angela Merkel ist nicht zu beneiden. Sie hat nicht nur eine langsam dahin siechende SPD in der Regierung, sondern die eigene Familie: Eine kleine aggressive, immer nörgelnde „Schwesterpartei“, die jede noch so bescheidene Benimmregel außer Kraft setzt. Nur noch dunkel kann man sich an die Zeit erinnern, als Christdemokraten und Christsoziale erfolgreich in den 80ern Seit an Seit schritten. Heute kämpft die CSU um das nackte Überleben – sie liegt nur noch bundesweit bei 6,7 Prozent – und schlägt wie ein Ertrinkender um sich, Tiefschläge inbegriffen. Wer sich als Konservativer noch zu dieser bayerischen Variante der Union bekennen mag, muss ein dickes Fell und ein schlechtes Gedächtnis haben. Die Christsozialen kennen die Bibel und den Brudermord – und das, was sie betreiben, ist zumindest der Versuch, die Schwester CDU politisch zu erwürgen.

Aus der CSU wurde unter Seehofer ein Intrigantenstadl

Aus der CSU, der Partei, die das arme Agrarland Bayern einst in die Moderne und den Wohlstand führte, ist unter Horst Seehofer ein Intrigantenstadl geworden. Günther Beckstein, Erwin Huber, Ilse Aigner – das politische Potential der Christsozialen wurde durch Ränke abserviert, die vermutlich in dunklen Nächten in üblen niederbayerischen Wirtshausrunden geschmiedet wurden. Hätte das stolze alte Land Bayern noch einen König, er hätte sich vermutlich angesichts der unlauteren Umtriebe von Seehofer und Söder erneut verzweifelt in den Starnberger See gestürzt.

Das lange Sündenregister der Verkehrsminister

Wir erinnern uns: Gerade die CSU hat in der großen Koalition stets mit sonderbaren Projekten versucht zu reüssieren – etwa einer ökonomisch völlig sinnentleerten Autobahnmaut. Auch an der Pleite des Berliner Flughafens BER tragen die Christsozialen Mitschuld. Es sind die von ihr gestellten Bundesverkehrsminister Ramsauer, Dobrindt und Scheuer, die den finanziellen Supergau deutscher Aviatik mit Tatenlosigkeit begleiteten. Dauerbaustellen auf Autobahnen, digitale Standards wie in Albanien, Ignoranz gegenüber kriminellen Machenschaften bei Autoherstellern – das Sündenregister des CSU-geführten Verkehrsressorts ist lang.

Auf zum letzten Gefecht

Jetzt tritt die CSU zum letzten Gefecht an. Für einen möglichen Wahlsieg in Bayern legt Seehofer mit seinen geistigen Gehilfen den Sprengsatz in die Große Koalition. Gut hätte er daran getan, längst diese Regierung mit seiner Truppe zu verlassen, gleich nach dem Streit um die Flüchtlingswelle im Jahr 2015. Eine bundesweite CSU hätte vielleicht der AfD Einhalt geboten. Doch dazu hätte Mut gehört, den die CSU nicht hat. Stattdessen werden wir Zeuge eines armseligen bajuwarischen Bauerntheaters, aufgeführt von einem Ensemble äußerst mittelmäßiger Darsteller. Man darf gewiss sein: In der Loge dieses Polit-Theaters sitzt Alexander Gauland, der sich schon auf den letzten Akt der Vorstellung freut.

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