Die beiden Teenager und der Minister: „Holen Sie doch bitte mal zwei Bilder.“

| Keine Kommentare

Am Tag, als Hans-Dietrich Genscher starb

Freitag, 1. April. Gegen 12 Uhr melden die Agenturen den Tod von Hans-Dietrich Genscher. Der langjährige deutsche Außenminister starb im Alter von 89 Jahren in Bonn. Ein Kapitel deutscher Geschichte ist für immer zu Ende. Und ich erinnere mich an diesem 1. April 2016, am Tag, als Hans-Dietrich Genscher starb, an eine kleine Begegnung mit ihm vor bald 40 Jahren.

Es war Ende der 70er Jahre oder Anfang der 80er Jahre in Bremerhaven. Hans-Dietrich Genscher sprach auf dem Theodor-Heuss-Platz – wie passend für einen Liberalen! – vor Hunderten Menschen. Er redete über Frieden und Sicherheit in Europa. Ein Freund und ich sammelten zu der Zeit Autogramme von Politikern. Genschmän, wie er später genannt wurde, fehlte noch in unserer Sammlung. Wir schoben uns dicht ans Rednerpult als er geendet hatte – und wurden prompt von zwei sinisteren Bodyguards mit Trenchcoats und Sonnenbrillen ergriffen. Nix mit Autogramm, dachten wir, stattdessen gibt’s noch Ärger.

Die Teenager und der Minister: „Holen Sie bitte mal zwei Bilder.“

Doch da sah Hans-Dietrich Genscher die Szene, kam freundlich lächelnd auf uns zu und sagte zu den Herren im Trench: „Na, jetzt lassen Sie doch mal die jungen Männer los!“ Die ließen locker und Genscher fragte: „Was kann ich denn für Sie tun?“ Es war uns unendlich peinlich. Zwei Jungs, die wie verliebte Teenager ein Autogramm wollten. „Nun – äh, wir wollten Sie um ein Autogramm bitten“, drucksten wir herum. Genscher lachte und sagte „Klar, gern!“ und griff in seine Jackettasche. Doch die war leer. „Holen Sie doch bitte mal zwei Bilder.“ Ein junger Mann aus seiner Entourage flitzte zum Dienstwagen und brachte zwei postkartengroße Bilder des Außenministers. „Na also“, schmunzelte Genscher, nahm seinen Kugelschreiber und setzte an.

Und dann passierte erstmal gar nichts…

Und dann passierte erstmal gar nichts, der Kugelschreiber versagte. „Herr Minister, wir müssen!“, mahnte der junge Mann. Das Autogramm rückte in weite Ferne, die Bodyguards wollten gerade wieder den Weg für Genscher freimachen. Doch der winkte gelassen ab, sagte, „Naja, einen Moment Zeit haben wir doch!“, fragte reihum nach einem Kugelschreiber, bekam endlich einen und signierte die Autogrammkarten. Dann sagte er ein paar Sätze zum Thema junge Menschen und Politik, schüttelte uns freundlich die Hand . und verschwand dann winkend in der Menge.

Ein klitzekleiner Moment in meiner Lebensgeschichte

Eine kleine, eine winzig kleine und eigentlich belanglose Geschichte über Hans-Dietrich Genscher. Doch sie sagte mir immer viel über den Minister und den Menschen. Das Autogramm ist lange vergilbt und später bei einem meiner vielen Umzüge verloren gegangen. Aber wir konnten damals in diesem klitzekleinen Moment den Atem der Geschichte spüren, erlebten den Mann, der viele Jahre später nicht nur die Einheit Deutschlands maßgeblich mitgestaltete, sondern auch den Frieden in Europa bewahrte. Diese Begegnung auf dem Theodor-Heuss-Platz in Bremerhaven ist bald 40 Jahre her, aber sie steht mir heute, am Tag als Hans-Dietrich Genscher starb, so vor Augen, als wenn es gestern gewesen wäre.

Share

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share