FeldflugplatzRussland1941
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Die Idee, den IS aus der Luft zu zerstören, ist eine gefährliche Illusion des Westens

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Bombenstimmung

Westliche Politiker wollen den IS erfolgreich aus der Luft bekämpfen. Eine naive Illusion. Ein Blick in die Militärgeschichte zeigt, dass Luftüberlegenheit nur die Weichen für Bodenoperationen stellen kann, mehr nicht. Der Westen muss sich zu einem massiven Militäreinsatz bekennen – oder aber eingestehen, dass es keine realistische militärische Option gibt. Wer Flugzeuge in den Nahen Osten schickt um Wähler zu beruhigen, hat im Kampf gegen den Terror nichts verloren. „Blut, Schweiß und Tränen“ wie Churchill einst sagte, werden die kommenden Jahre immer wieder bestimmen.

Der Reichsmarschall gab sich optimistisch. Selbstverständlich sei die Luftwaffe in der Lage, die 6. Armee aus der Luft zu versorgen, versicherte er großspurig. Doch Hermann Göring hatte die Möglichkeiten seiner Transportmaschinen völlig überschätzt. Nur zehn Prozent der benötigten Versorgungsgüter kamen per Flugzeug in den Kessel von Stalingrad. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe war blamiert – und zehntausende deutsche Soldaten gingen in eine mörderische Kriegsgefangenschaft. Heute ist die Illusion, eine komplette Armee aus der Luft versorgen zu können, nur noch eine kleine Fußnote in der Vita des Kriegsverbrechers Hermann Göring.

Die Illusion vom Moral Bombing

Aber nicht nur Göring – der sich bereits in der Schlacht um England verkalkuliert hatte – überschätzte die Möglichkeiten seiner Luftwaffe. Auf der anderen Seite des Kanals erbrütete Arthur Harris, Chef der britischen Bomber, eine neue Strategie: Durch Angriffe auf deutsche Städte sollte der Widerstand der Bevölkerung gebrochen werden. Die Menschen würden sich dann gegen die NS-Regierung stellen. Moral Bombing nannte Harris das. Historische Städte wie Lübeck standen auf der Liste von Harris ganz oben: Die mittelalterlichen Gebäude mit viel Holz brannten besonders stark und die Opfer unter der Zivilbevölkerung waren höher als in modernen Städten. Doch auch diese blieben nicht verschont. Feuerstürme fegten durch deutsche Städte und Menschen verbrannten elendig zu Zehntausenden.

The Butcher erfindet den totalen Luftkrieg

Doch der Plan ging nicht auf: Die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung verlängerten vermutlich den Krieg, denn der Hass der Deutschen richtete sich nicht gegen die NS-Regierung, die diesen Krieg angezettelt hatte, sondern gegen die Royal Air Force. Freilich war Harris nicht der Erfinder der Luftschläge: Die deutsche Luftwaffe hatte mit Angriffen auf London und Coventry vorgelegt. Dennoch gebührt Harris, der in Großbritannien auch The Butcher genannt wurde, der zweifelhafte Ruhm, den totalen Luftkrieg erfunden zu haben. Er wurde damit zum Begründer einer Militärdoktrin, die noch heute durch die Köpfe einiger Politiker wabert: Bei minimalem Personaleinsatz der eigenen Truppe dem Gegner durch Luftschläge hohen Schaden zufügen.

Tote Zivilisten – militärischer Erfolg gleich Null

In Korea und Vietnam setzte die US Air Force auf diese Strategie mit Napalm-Bombardements und Entlaubungsaktionen durch „Agent Orange“, einem hochgiftigen Dioxin. Wieder trug die Zivilbevölkerung die Hauptlast der Kampfhandlungen. Doch abermals ging der Plan des Luftkrieges nicht auf. Weder in Korea, noch in Vietnam konnte die größte Militärmaschine der Welt trotz hoher technischer Überlegenheit einen Sieg erringen. An der Doktrin der Luftschläge änderte sich jedoch nichts – noch heute wird im Nahen Osten gebombt und die Opfer unter der Zivilbevölkerung werden großzügig in Kauf genommen. Militärischer Erfolg: kaum sichtbar.

Nur starke Bodentruppen sind eine Option

Man mag diese Doktrin unmoralisch oder auch unsoldatisch finden – die Geschichte hat gezeigt, dass sie in jedem Falle unwirksam blieb, wenn sie nicht mit dem massiven Einsatz von Bodentruppen einherging. So wird es auch weder in Syrien, noch auf dem Gebiet des Islamischen Terrorstaates greifbare Erfolge durch Luftschläge geben. Wer militärisch etwas bewegen will, kommt nicht um Bodentruppen, also den klassischen Einsatz mechanisierter Verbände, herum.

Die Mogelei der Politik

Doch westliche Politiker mogeln sich seit Jahren aus diesem Dilemma. Immer wieder suggerieren sie, eine leistungsfähige Luftwaffe könne die Probleme militärisch elegant lösen. Denn sie scheuen sich, den Menschen die Wahrheit zu sagen: Wer im Nahen Osten eine militärische Lösung (sofern es eine solche überhaupt geben kann) anstrebt, muss Krieg zu Wasser, zu Lande und in der Luft führen. Und das möglicherweise über Jahre. Jede andere Vorstellung von einem Krieg ist Selbstbetrug.

Sind wir bereit für ein deutsches Arlington?

Auch aus diesem Grunde muss sich der Westen überlegen, wie er verfahren will. Denn abgesehen davon, dass dieser Krieg Unmengen an Geld verschlingen wird, wird er auch auf westlicher Seite zu Verlusten führen. Ist Frankreich, ist Deutschland bereit, vielleicht 1.000, 2.000 oder mehr Soldaten die nicht lebend heimkehren werden, in die Waagschale zu werfen? Wollen wir traumatisierte und verkrüppelte Veteranen in Divisionsstärke versorgen? Sind wir bereit für eine deutsche Gedenkstätte wie im amerikanischen Arlington? Oder sind uns die Massengräber aus zwei Weltkriegen Mahnung, eine andere Lösung zu finden?

Echter Krieg findet nicht im Fernsehsessel statt

Genau diese Fragen müssen wir uns stellen, wenn leichtfertig vom „Krieg“ geredet wird. Denn Krieg bedeutet mehr, als im Fernsehsessel in der Tagesschau die Luftschläge französischer, russischer oder amerikanischer Bomber anzuschauen. Ein Krieg bedeutet irgendwann Anzeigen in der Zeitung, die mit Worten beginnen wie „Unser geliebter Vater und Sohn, der Unteroffizier XY, ist in Syrien gefallen.“ Dieser Krieg wird ein asymmetrischer sein, ohne klare Front, ohne klaren Gegner. Es wird ein Krieg sein, in dem die Genfer Konvention und die Haager Landkriegsordnung wenig gelten und in dem viele deutsche Soldaten sterben werden.

Soldaten sind keine Polizisten

Westliche Politiker sollten nicht vom Krieg reden, wenn sie nicht bereit seid, ihn mit allen militärisch erforderlichen Konsequenzen zu führen. Und sie sollten endlich aufhören, den Eindruck zu vermitteln, Soldaten seien eine Art von Polizisten, die weltweit nur aufgebrachte Radikale befrieden und einige Nachbarschaftsstreitigkeiten zwischen Staaten schlichten. Politiker sollten in alten Fotoalben in die Gesichter ihrer Großväter und Urgroßväter sehen, die in Frankreich, Russland, Nordafrika oder auf dem Balkan fielen. Sie sollten in den Schubladen nachschauen, in denen noch Eiserne Kreuze und Verwundetenabzeichen schlummern, die das Vaterland für abgerissene Gliedmaßen und Verstümmelungen verliehen hat. Und dann sollten diese Politiker in die Gesichter unserer Soldaten schauen und ihnen sagen: Das alles wird auch Euch passieren.

Blut, Schweiß und Tränen

Wir müssen uns endlich ehrlich machen und aufhören vom Krieg so zu reden, als sei er eine Schulhofschlägerei, bei der auch mal hin und wieder etwas derb gefoult wird. Auf „Blut, Schweiß und Tränen“ hatte Winston Churchill 1940 die Briten angesichts des Zweiten Weltkrieges eingeschworen. Genau das wird auch auf viele Staaten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zukommen.

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