Die Kruzifix-Aktion wird nur eine Fußnote auf dem Weg in die politischen Niederungen sein

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Markus Söder und der liebe Gott

Die SPD ist nicht der einzige Pflegefall unter den deutschen Parteien: Auch die CSU quält eine heftige Wählerschwindsucht. Und so wie sich alte Menschen plötzlich wieder Gott zuwenden, hat auch die CSU das Kreuz neu für sich entdeckt – freilich nicht ohne den kräftigen Schuss Bigotterie, der den Christsozialen gern eigen ist. Dabei gibt es nur einen einzigen wahren Gott, der die CSU heute vielleicht noch retten könnte: Franz Josef Strauß.

Markus Söder („blöd, blöder, Söder“, witzelte einst die eigene Partei), hat vom ewigen Horst eine undankbare Aufgabe übernommen: Es war gefühlt schon fünf nach Zwölf, als Seehofer sich endlich bequemte, seinem ungeliebten Finanzminister das Amt des Ministerpräsidenten anzuvertrauen. Während Seehofer eine der Commedia dell’arte würdige Inszenierung als Heimat-Minister in Berlin aufführt, soll Markus Söder die CSU in Bayern nicht nur vor dem Islam und den obszönen Gedanken an Jamaika retten, sondern in Deutschland und der Welt wieder great again machen – kein Spaß angesichts von nur noch 6,7 Prozent bei der letzten Bundestagswahl. Aber für diese Aufgabe muss man ein Meister im Fingerhakeln mit dem Wähler sein.

Unter langen Haaren waren einst „Gehirnprothesen“

Doch der einst politisch erfolgreiche derbe, ja grobschlächtige bajuwarischem Charme, ist längst Geschichte. Der im Gegensatz zu Martin Schulz tatsächlich Gott gewordene Franz Josef Strauß machte bei Kundgebungen keinen Hehl daraus, was er von seinen linken Gegnern hielt und was diese unter ihren langen verfilzten Haaren hatten: „Gehirnprothesen“. Willy Brandts Regierungsantritt war für ihn der Beginn eines „Tausendjährigen Reiches der Sozialisten“. Kein Wunder also, dass es etwa 1979 beim Kommunalwahlkampf in Essen aus ihm herausbrach, als er eierwerfenden Demonstranten den „Terror des roten Pöbels“ unterstellte und lautstark in die Mikrofone grantelte: „Ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat, Ihr wärt die besten Schüler des Dr. Goebbels gewesen.“

Linke Gewalt gegen die reaktionäre Hassfigur Strauß

Natürlich griff Strauß mit vielen seiner Einschätzungen im Ton völlig daneben, doch in der Sache lag er nicht immer falsch. Er war 1980 als Kanzlerkandidat die reaktionäre Hassfigur einer selbsternannten zweifelhaften „Volksfront“ aus Teilen der SPD, anarchistischen Grünen und von der Stasi finanzierten dubiosen Linksgruppen und autonomen Chaoten, die auch vor radikaler Gewalt nicht zurück schreckten. Da trafen linke Gewaltmenschen auf einen reaktionären Machtmenschen, der ihnen in Sachen rhetorischer Brutalität und physischer Präsenz durchaus gewachsen war.

Machiavellistischer Renaissancemensch mit weltweiten Netzwerk

Seinen scharfen Intellekt ließ Strauß selbst bei seinen Pöbeleien immer aufblitzen, sein Geschäftssinn nutzte dem Land Bayern, den dort ansässigen Unternehmen – und dem eigenen Konto. Strauß war ein kraftvoller, machiavellistischer Renaissancemensch mit einem weltweiten Netzwerk von Spezis – und einem unglaublich wachen Verstand. „Die These, der Geist steht links, ist nichts, als die permanente Wiederholung einer Dummheit“, lästerte er 1969 gut gelaunt im Bundestag über den SPD-Wahlkämpfer Günter Grass, dessen Werke er natürlich ebenso kannte, wie die Essays seines Erzfeindes Rudolf Augstein obwohl er angeblich nie einen Blick in den SPIEGEL warf

Die Versündigung gegen den politischen Monotheismus

„Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“, war das erste Gebot des politischen Monotheismus von Strauß – und genau gegen dieses Gebot hat sich die CSU unter Seehofer schwer versündigt. Jahrelang ätzte man gegen Angela Merkel und trug doch jede ihrer Entscheidungen mit. Nie hatten Seehofer und seine Freunde Dobrindt und Scheuer den Mut, aus der Koalition auszutreten wie es Strauß wohl angesichts der sozialdemokratisierten CDU getan hätte: Bereits 1976 drohte er bei der Klausurtagung der Christsozialen in Wildbad Kreuth mit einer CSU auf Bundesebene und kündigte sogar (vorübergehend) die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU auf.

Eine Fußnote auf dem Weg in die politischen Niederungen

Der Versuch der CSU, innerhalb der großen Koalition unter einer CDU-Kanzlerin dauerhaft Opposition zu sein, ist kläglich gescheitert. Schlimmer noch für die Bayern: Mit der AfD hat sich rechts von der CSU inzwischen eine rabiate Partei eingenistet, die erfolgreich den reaktionären Teil der ehemaligen eigenen Klientel bedient. Die verzweifelte Aktion von Markus Söder, durch das Aufhängen von Kreuzen wieder konservatives Profil zu erlangen, wird nur eine alberne Fußnote auf dem weiteren Weg in die politischen Niederungen der Wählergunst bleiben. Konservative Wählerschichten haben längst gemerkt: Die CSU verbellt gern die Kanzlerin, doch beissen würde sie Angela Merkel nie.

Es fehlen brachiales Talent und eiserner Machtwille

Wer tatsächlich die CSU zu neuen Höhenflügen bringen wollte, müsste über den eisernen Machtwillen und das brachiale Talent eines Franz Josef Strauß verfügen. Und dieser Jemand müsste bereit sein, kräftig in die Asche der verglimmenden Macht der Partei zu blasen, ohne Rücksicht darauf, ob die Regierung in Berlin zerbricht  – und vor allen Dingen ohne Rücksicht auf persönliche Karrieremöglichkeiten im Bundeskabinett. Doch das wagt heute niemand mehr. Da ist es doch wesentlich bequemer, hin und wieder aus sicherer Münchner Entfernung auf die Kanzlerin zu prügeln und ansonsten darauf zu hoffen, mit Gottes Hilfe die Landtagswahlen ohne allzu schlimme Blessuren zu überleben und es sich noch einmal vier Jahre auf dem Sessel des bayerischen Ministerpräsidenten bequem zu machen.

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