Die Prügelknaben der Politik: Ein kleiner Moment der Großkotzigkeit wird zum jahrelangen Fluch

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Einst der Guido, jetzt der Martin

Es ist noch nicht lange her, da gehörte es zum politisch korrekten Ton, die FDP der Lächerlichkeit preiszugeben. Westerwelle, Brüderle oder Rösler: Es waren wunderbare Zeiten für die Konkurrenz und die Gagschreiber der heute-show. Kein Witz war zu billig, keine Pointe zu platt, es traf ja immer die Richtigen. Daran hat sich nichts geändert – bis auf die Partei: Heute ist die SPD der Trottel der Politik. Wenige Momente der Großkotzigkeit eines Martin Schulz genügten, um die Sozialdemokraten für lange Zeit lächerlich zu sein.

Von Oscar Wilde ist ein berühmtes Bonmot überliefert: Lieber einen Freund verlieren, als auf eine gute Pointe zu verzichten. Damit erklärt sich zumindest das triebhafte Verhalten mancher politischer Satiriker, auch immer noch dann herzhaft nachzutreten, wenn das Objekt der Begierde längst geschlagen am Boden liegt. Sind diese Objekte auch Politiker einer Partei, die gerade im Sinkflug ist, wird schnell aus der geistreichen Satire ein verbales Schlachtfest. War es gestern noch die FDP, auf die sich neben der politischen Konkurrenz auch die Meute der Journalisten stürzte, so ist es heute die SPD. Die bis ans persönliche gehende Gehässigkeit, mit der man einst die anderen überzog, muss man im Williy-Brandt-Haus jetzt selbst erdulden.

Nur noch Personal für die Reservebank der Geschichte

Es gibt nichts schöneres, als einem politischen Gegner dabei zuzusehen, wie er direkt ins offene Messer läuft. So wie Guido Westerwelle für das Maulheldentum, 18 Prozent für die FDP zu holen jahrelang grausam in den Medien büßen musste, so wird die Großkotzigkeit des Martin Schulz, die Kanzlerschaft quasi im Spaziergang nach Würselen zu tragen, noch lange der böse Fluch der SPD sein. Doch Schulz zum Sündenbock zu machen, greift zu kurz. Auch die Bätschi-Bätschi-Mentalität einer Andrea Nahles hat der SPD massiv geschadet. Ein großer Teil des Spitzenpersonals der Sozialdemokraten ist wie einst das der FDP reif für die Reservebank der Geschichte.

Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Ob allerdings ein Charismatiker wie Christian Lindner oder Robert Habeck aus den Trümmern kommt, der die moribunde 16 Prozent-Partei rettet und wieder zur Freiheit, zur Sonne führt, bleibt abzuwarten. Der heilige Martin war es jedenfalls nicht. Demoskopen sehen die SPD nur noch bei etwa 16 Prozent – selbst bei den letzten (schon durch die Nazis eingeschränkten) Reichstagswahlen im März 1933 schaffte die Partei ein Ergebnis von 18,7 Prozent. Das macht deutlich: Wie bei der FDP 2013 ist die Krise hausgemacht. Und wie bei der FDP wird ein echter Neuanfang nur durch eine Totaloperation beim Führungskader möglich sein. Die Sozialdemokraten wird kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun retten – nur die Einsicht, jahrelang Politik an den Wählern vorbei gemacht zu haben.

Der Weg der Bessewisserei führt ins Aus

Wie aber stolpern Parteien in derartige Umfragetiefen? Der gefährlichste Moment in der Politik ist die scheinbare Erkenntnis der Unfehlbarkeit. Wenn die kritischen Begleiter den Apparatschiks, Opportunisten und Postenjägern gewichen sind, beginnt der letzte Akt. Mit Grausen erinnert man sich an den Absturz von Helmut Kohl, der nicht mit Größe in einer Parlamentsabstimmung scheiterte wie sein Vorgänger Helmut Schmidt, sondern quälend langsam in bornierter Besserwisserei und penetranter Halsstarrigkeit unterging. Diesen Weg der Besserwisserei hat auch die SPD eingeschlagen. Je stärker die Partei bei Wahlen schrumpfte, desto penetranter versuchte man, die Überlegenheit sozialdemokratischer Politik zu verkaufen.

Potentielle SPD-Partner? Leider nicht in Sicht.

Wie einst die FDP unter Westerwelle, erhob auch die SPD den Anspruch auf ein allein selig machendes Programm. Doch die jahrelange Überheblichkeit hat die Partei zerrüttet und einsam gemacht. Die potentiellen Partner für eine dauerhafte gemeinsame Zukunft sind längst abhandengekommen. Die Grünen wurden zu besserverdienenden bürgerlichen Ökofreaks erklärt, die Liberalen zu geldgierigen Handlangern des Kapitals, die Union zu reaktionären und fremdenfeindlichen Kleinbürgern. Selbst mit der Linkspartei gibt es keinen Frieden, ist sie doch Fleisch vom eigenen Fleische. Alle werden stets oberlehrerhaft abgemahnt, dass nur Zukunftsgestaltung im Sinne der SPD funktioniert. Das schafft keine Freunde.

Die Poser von der SPD und der Sprung ins kalte Wasser

Doch auch um die andere Option, eine Mehrheit mit Grünen und der Linken im Bundestag, drückten sich die Sozialdemokraten immer wieder herum. Die SPD verhielt sich jahrelang wie ein Poser im knappen Badehöschen, der auf das Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad klettert und dann kleinlaut verkündet, das Wasser sei heute doch zu kalt zum Springen. Jetzt wird man in die letzte große Koalition springen müssen – und das, obwohl nicht einmal klar ist, ob wirklich noch genügend Wasser im Becken ist.

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