Eine Ära geht zu Ende oder das Halali auf den tragischen Heiligen Narren Horst Seehofer

| Keine Kommentare

Das letzte Brüllen des alten Löwen

Als die Jusos Martin Schulz zum Gottkanzler ausriefen, dachte man, der Gipfel der politischen Selbstüberschätzung sei erreicht. Doch niemand hatte in diesem Moment Horst Seehofer auf dem Zettel. Die Geisterfahrten des CSU-Chefs machen deutlich, wie stark die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt in vielen Politikerseelen wuchert. Es ist dieser menschliche Makel, der Seehofer zu Fall bringen wird – und es ist das absehbare Ende einer tragischen Ära voller Höhen und Tiefen, das letzte Brüllen eines alten Löwen.

Es gibt in der Mythologie und in der Literatur die Figur des Heiligen Narren. Der Heilige Narr hält sich an keine Regeln oder festen Muster. Er nimmt die Rolle außerhalb der Konventionen und Normen ein. Seine Weisheit ist spontan, unschuldig und ohne Vorurteil. Til Eulenspiegel ist der wohl berühmteste dieser Narren. Er ist eine zwiespältige Figur, Symbol der Freiheit und des humorvollen Intellektes – und gleichzeitig des Verfalls und der Ignoranz. In der Politik gebührt Horst Seehofer vermutlich dieser Titel. Immer wieder lag er mit seinen politischen Einschätzungen richtig, doch immer wieder folgten seinen Worten keine Taten. Sein Narrenzepter ist seit Jahren der Maßstab einer Partei, die sich Verdienste um den Zweiklang aus Fortschritt und Konservatismus erworben hat und doch unter Seehofer immer inkonsequent blieb.

Tief müssen die seelischen Verwundungen sein

„Horst der Bestrafer“ – das war einst bei RTL eine legendäre Kunstfigur, die das damals noch Catchen genannte Wrestling launig kommentierte und sogar selbst zu Schaukämpfen in den Ring stieg. Dessen Nachfolge in der vom ermüdenden Zank gezeichneten Großen Koalition hat Horst Seehofer übernommen. Permanente persönliche Attacken gegen die Kanzlerin sind Teil eines Show-Fights, der das letzte Ringen eines alten Kämpfers zeigt, dem außer der politischen Schlammschlacht nichts mehr im Leben geblieben zu sein scheint. Tief müssen die seelischen Verwundungen sein, die er einst privat oder politisch davon tragen musste. So tief, dass er seinen Abschied jetzt auf der monströsen Bühne einer Regierungskrise inszeniert.

Horst Seehofers Anspruch auf Gerechtigkeit

Aber auch Horst Seehofer hat wie Martin Schulz einen Anspruch auf Gerechtigkeit, galten doch beide einst als Talente ihrer Parteien. Schon als Parlamentarischer Staatssekretär bei Bundesarbeitsminister Norbert Blüm fiel Seehofer positiv auf – und verstand sich prächtig mit dem einstigen CDU-Linksaußen. Als Bundesgesundheitsminister agierte er später engagiert und zielstrebig, senkte Kosten, löste das skandalumwitterte Bundesgesundheitsamt auf. Sein heutiger Nachfolger Jens Spahn, der sich als großes konservatives Feuilleton gebärdet, könnte viel vom jungen Seehofer lernen: Nur drei Wochen nach Amtsantritt legte der einen umfassenden Gesetzesentwurf zur Sanierung des Gesundheitssystems vor. Spahn hat hingegen bis auf ein paar versemmelte Talkshowauftritte bisher wenig Aktion an den Tag gelegt.

„Der neunte Sozialdemokrat im Kabinett Merkel“

Auch die CSU verdankt Seehofer viel: Die einst vom Strauß-Spezi Peter Gauweiler geforderte Kurskorrektur nach rechts, lehnte er ab, ebenso eine bundesweite CSU. Die Christsozialen blieben eine bayerische Volkspartei mit satten Mehrheiten. Der von rechts als „Herz-Jesu-Sozialist“ verhöhnte Ingolstädter machte Karriere, fiel aber den alten CSU-Granden wie Stoiber bald als gefährliche Konkurrenz auf. Man schob ihn 2005 in die erste Große Koalition nach Berlin ab. „Er ist der neunte Sozialdemokrat im Kabinett Merkel“, ätzte DER SPIEGEL und die BILD enttarnte nur wenig später, dass Seehofer neben seiner Familie in Bayern eine zweite Beziehung mit Kind in Berlin hatte. Grausam sezierte das Zentralorgan des schlechten Geschmacks sein Privatleben und machte ihn als konservativen Politiker zum Gespött.

Das Halali auf den tragischen Heiligen Narren

Heute ist Seehofer, der einst selbstkritisch seine Sucht nach Politik für eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung verantwortlich machte, zum Junkie geworden, der nur noch nach dem nächsten Schuss Aufmerksamkeit giert. Schon lange versuchte ihn ein Teil der CSU auf Abstand zu halten, doch die von Seehofers Hand geschaffenen Paladine Andreas Scheuer und Alexander Dobrindt gossen lange in seinem Auftrag immer wieder Öl ins Koalitionsfeuer. Während er sich jetzt noch einmal brüllend gegen die Kanzlerin aufbäumt, werden genau diese Paladine spätestens nach der Bayernwahl im Herbst das Halali auf den tragischen Heiligen Narren Horst Seehofer blasen – und sich dann voller Gier auf seinen politischen Nachlass stürzen.

Share

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share