Eine kleine Reise in das stürmische Reich der Fake News und Latrinenparolen

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Alle Passagiere der TITANIC gerettet!

Diese Schlagzeile ließ die Menschen aufatmen: „Alle Passagiere der TITANIC gerettet“, meldete die US-Zeitung The Evening Sun am 15. April 1912. Und auch das Schiff selbst sei bei der Kollision mit dem Eisberg gar nicht untergegangen, sondern nur beschädigt worden – Schlepper würden es nach Halifax bringen. Die Angehörigen der Passagiere und die Börsianer beruhigten sich. Alles wird gut, signalisierte auch die Reederei der TITANIC, keine Panik. Der Kurs der White-Star-Line erholte sich prompt.

Allerdings nicht lange. Die Berichte waren schlicht falsch. Ob journalistische Schlamperei, mangelnde Recherche oder gar Vorsatz, lässt sich nicht mehr feststellen. „Fake News“ würde man heute wohl dazu sagen. Das tat der scheinbaren Authentizität allerdings keinen Abbruch: Bis in deutsche Lokalzeitungen schaffte es die Falschmeldung und hielt sich tagelang. Das waren 1912 hoch virale Fake News, 75 Jahre vor dem Internet und 92 Jahre vor der Erfindung von Facebook. Als später die Wahrheit ans Licht kam, verzweifelten die Menschen und die Kurse der TITANIC-Reederei rutschten ins Bodenlose.

Die Yellow Press zu Zeiten Kaiser Neros

Dubiose Falschmeldungen sind so alt wie die Geschichte der Menschheit. Noch heute hält sich etwa die Behauptung, Nero hätte Rom anzünden lassen um Baugrund für neue Gebäude zu schaffen. Antike Fake News, 2.000 Jahre alt, unter anderem in die Welt gesetzt von Neros früherem Lehrer Seneca, der beim Kaiser in Ungnade gefallen war. Später wurden die Gerüchte begierig aufgegriffen und von antiken Geschichtsschreibern ausgeschmückt, wie etwa von Sueton, dem das zweifelhafte Verdienst gebührt, bei seinen Kaiserbiografien ähnlich gearbeitet zu haben, wie oft die heutige Yellow-Press. Auch da werden 20 Jahrhunderte später immer noch heimliche Affären und uneheliche Kinder erfunden, Krankheiten aufgebauscht und Scheidungen ausgeschlachtet.

Das schmutzige Geschäft der Geheimdienst-Trolle

Was aber sind eigentlich Fake News? Die Definition ist nicht einfach. In den meisten Fällen sind es erfundene Nachrichten, es können aber auch bewusste Übertreibungen oder Verharmlosungen sein. Sie dienen vor allem zwei Zwecken: Geld zu verdienen und Menschen in die Irre zu führen. Kein Wunder, dass gerade in Kriegs- und Krisenzeiten Fake News Konjunktur haben. Ein echtes Geschäft sind sie vor allen Dingen online, weil Klicks Werbeeinnahmen bedeuten – und Facebook Beiträge, die viel geteilt werden, mit noch mehr Reichweite belohnt. Trolle und Bots erledigen heute oft das Geschäft der politischen News-Faker, etwa im Auftrag russischer Geheimdienste. So erlogen sie etwa die Vergewaltigung eines deutsch-russischen Mädchens durch arabische Flüchtlinge in Berlin. Vor allen Dingen politische Rechtsausleger verbreiteten die Falschmeldung und lösten einen Shitstorm zumindest in Russland aus.

Das Radio Eriwan-Prinzip

CDU-Fraktionschef Volker Kauder und Justizminister Heiko Maas (SPD) sind sich einig: Fake News verbieten! Radio Eriwan hätte dazu gesagt: Im Prinzip eine gute Idee – aber wie soll das funktionieren? Das geplante Gesetzesvorhaben der Großen Koalition, das sich gegen dubiose Populisten im Netz richtet, kann schnell zur Waffe gegen die Pressefreiheit werden, vor allem dann, wenn die politischen Mehrheiten einmal andere sein sollten. Was auf den ersten Blick logisch klingt, könnte zu einer Aushöhlung der Grundrechte führen. Was passiert etwa, wenn Politiker plötzlich anfangen, in vertraulichen Gesprächen gemachte skandalöse Äußerungen als Fake zu bezeichnen? Haben sie dann auch einen Anspruch darauf, dass diese gelöscht werden? Das ist der Ansatz von Donald Trump, der den kritischen CNN-Reporter Jim Acosta anpöbelte: „Ihr seid Fake News!“ – weil er dessen Berichterstattung unfair fand.

Die Quelle macht die Nachricht aus, nicht das Medium

Dieses kleine Beispiel zeigt: Was für den einen Fake ist, ist für den anderen ein Teil der „Pinoccio-Presse“ oder der „Mainstream-Medien“. Daher bleibt der sicherste Schutz gegen erfundene Wahrheiten immer noch eine seriöse Quelle. Oft genügt schon ein Blick auf die URL um zu wissen, wo der Erzeuger der Nachricht sitzt. Entscheidend ist nämlich immer die Quelle, nicht das Verbreitungsmedium. Denn allen Freunden der „Lügenpresse“ zum Trotz gibt es jede Menge Qualitätsmedien. Diese sind natürlich nicht unfehlbar, aber durchaus lernfähig und in der Lage, Falschmeldungen selbst zu dementieren, auch wenn der Stern einst bei den Hitlertagebüchern gefühlte 1.000 Jahre dafür brauchte.

Eine freie Presse kontrolliert sich selbst

Früher gab es einen schönen Begriff für Fake News – er hieß „Latrinenparole“ und trifft heute den Kern der meist unflätigen Fakes. Aber grundsätzlich gilt in einer Demokratie: Eine freie Presse kontrolliert sich selbst, dazu bedarf es keiner staatlichen Eingriffe. Das galt übrigens auch schon 1912.  The Evening Sun korrigierte sich innerhalb eines Tages verschämt und berichtete fortan seriös über die Katastrophe der TITANIC. Und wer im Internetzeitalter auf richtig gute Fake News nicht verzichten möchte, sollte regelmäßig den Postillon lesen um über alles informiert zu sein, was garantiert nicht stimmt.

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