Es müffelt wieder streng nach Walter Ulbricht: Die Lafontaines und ihre Sammelbewegung

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Sarah und der tomanische Friseur

Jetzt hat ausgerechnet Sarah Wagenknecht, das menschliche Gesicht des Sozialismus, die Hassliebe zwischen links und ganz links, wieder belebt. Doch ihre Sammelbewegung „Aufstehen“ müffelt nach den Mottenkugeln der Geschichte, Walter Ulbricht und der untergegangenen Ostzone. Ein Videoclip mit Charlie Chaplin als Friseur reicht ihr als Manifest. Dabei bräuchte das Land dringend einen realistischen Zukunftsentwurf der Linken um endlich wieder in den Ideenwettbewerb der Politik einzutreten.

Als Prinz Max von Baden Friedrich Ebert im November 1918 das Amt des Reichskanzlers übergab und vor der bolschewistischen Revolution warnte, beruhigte ihn der Sozialdemokrat: Er wolle auf keinen Fall eine Revolution, ja, er „hasse sie wie die Sünde“. Eine Haltung, die sich durch die Jahre der Weimarer Republik zog: Veränderung ja, aber die Revolution fand wenn überhaupt im Saale statt, wie Kurt Tucholsky 1928 lästerte. Und damit ist auch eigentlich schon alles über die linke Sammelbewegung „Aufstehen“ gesagt: Es ist der Versuch, einiger demagogisch versierter Akademiker, das Ruder in Richtung Neues Deutschland herum zu reißen, doch von der SPD wird nicht viel Unterstützung kommen.

Ebert hasste die Revolution „wie die Sünde“

Nicht nur Ebert, ein braver Biedermann, hasste die Revolution wie die Sünde. Auch seine politischen Freunde Philipp Scheidemann und Gustav Noske gaben ihren ehemaligen Mitstreitern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kein Pardon. Der Spartakusaufstand wurde von der SPD mit Hilfe des Militärs brutal abgewürgt, seine Protagonisten, die früheren Sozialdemokraten Liebknecht und Luxemburg, von reaktionären Offizieren ermordet – möglicherweise sogar mit Billigung ihrer alten Freunde wie zumindest der Publizist Sebastian Haffner behauptete. Die Rache der Spartakisten folgte posthum: 1946 zwangen sie die SPD in ihre kommunistische Partei, die fortan als SED firmierte. Das war der vorerst letzte Akt in der von Hassliebe geprägten Beziehung von Sozialdemokraten und Sozialisten.

Es müffelt streng nach Walter Ulbricht

Jetzt will ausgerechnet Sarah Wagenknecht, das menschliche Gesicht des Sozialismus, diese Amour fou zwischen links und ganz links, wieder beleben. Doch ihre Sammelbewegung „Aufstehen“ müffelt nach den Mottenkugeln der Geschichte, Walter Ulbricht und der untergegangenen Ostzone. Und nach dem Vermächtnis ihres Gatten, des einst in der SPD so famos gescheiterten Oskar Lafontaine: Seit Jahren bastelt der aus enttäuschter Liebe am Untergang der SPD. Seine Chancen, die einstigen Freunde noch tiefer in den Abgrund zu ziehen, stehen momentan gut. Die Sozialdemokraten haben sich in einer Vielzahl Großer Koalitionen in den Ländern und im Bund verschlissen, niemand weiß mehr genau, wofür sie stehen, denn ihre heutigen Repräsentanten reichen vom kruden Krypto-Nationalisten Thilo Sarrazin bis hin zur naiven linken Boygroup des Juso-Chefs Kevin Kühnert.

So zwiespältig wie das Ehepaar Lafontaine

Vordergründung will die Sammelbewegung „Aufstehen“ linker Politik ein neues Zuhause geben, in Wahrheit ist sie doch nur ein Prestigeprojekt des Ehepaares Lafontaine. Selbst die eigene Partei Die Linke blickt nicht ohne Skepsis auf den Versuch, der Vorsitzende Bernd Riexinger ist längst auf Abstand gegangen. Angeblich ist die Sammlungsbewegung nach dem Vorbild von „La France insoumise“ (das widerständige Frankreich) des linken Franzosen Jean-Luc Mélenchon geschneidert, doch wer die nationalbolschewistischen Thesen aus dem Hause Lafontaine kennt, darf sich je nach persönlichem Gusto eher auf eine linke AfD freuen oder aber diese fürchten. „Aufstehen“ wird vermutlich Putinfreundlich und Israelfeindlich, in der Grundhaltung stark EU-kritisch und in der Frage der Zuwanderung so zwiespältig sein wie das Ehepaar Lafontaine.

Sozialdemokratie mit Eigenheim, Häkeldeckchen und VW

Das Problem aber liegt viel tiefer. Links ist eine politisch äußerst dehnbare Vokabel. Angela Merkel gilt den Hardlinern in der CDU als links, die FDP hat einen linksliberalen Flügel – und natürlich war auch die DDR links, ebenso, wie die berüchtigten K-Gruppen an deutschen Universitäten oder die Steinewerfer beim G-20 Gipfel. Vermutlich war Leo Trotzki so links wie der Nationalrevolutionär Ernst Niekisch oder Herbert Wehner, der Anarchist Max Stirner oder der Lebemann Friedrich Engels. Ein weites Spektrum – von Massenmördern bis hin zu Philosophen. Doch während alle sozialistischen Experimente bisher äußerst bescheiden endeten, meisterten Sozialdemokraten in Europa manche Arten von Krisen. Kein Wunder, dass der nüchterne Hanseat Olaf Scholz immer lieber von „sozialer Demokratie“ als von „Sozialismus“ spricht. Doch die bürgerlich-behäbige deutsche Sozialdemokratie mit Eigenheim, Häkeldeckchen und VW Passat ist nichts für Sarah Wagenknecht. Da fehlt der revolutionäre Biss.

Für Wagenknecht spricht ein tomanischer Friseur

Was aber auch immer „Aufstehen“ will: Nicht einmal zu einem Manifest hat es bei den Lafontaines gereicht, es geht kein Gespenst um in Europa, nicht einmal in Deutschland, stattdessen spricht ein Frisör aus dem fiktiven Land Tomanien für die neue Bewegung: Der legendäre Monolog Charlie Chaplins aus dem Film „Der große Diktator“ ist die banale Botschaft ihrer Website. Die war im Erscheinungsjahr des Filmes 1940 treffend und hat nichts von ihrem Charme verloren, doch sie wirkt angesichts großer politischer Herausforderungen wie Migration, Altersarmut und Digitalisierung so betulich, als wenn die CDU mit der Bergpredigt hausieren gehen würde.

Die politisch-geistige Umnachtung

Diese Bewegung wird – so sie denn überhaupt eine Bewegung werden wird – vor allen Dingen der SPD weiteren Schaden zufügen. Als die Kommunisten das letzte Mal die Sozialdemokraten umarmten, überlebten die es nicht. Die SPD kann an der Quadratur des Kreises zugrunde gehen: Entweder bekennt sie sich klar zur Agenda-Politik Schröders oder aber zu einer linken Alternative. Beides wird ihr nicht gelingen. Übrigens scheiterten auch die Sozialdemokraten der Weimarer Zeit an einem derartigen Widerspruch: Das Bekenntnis zum Reichspräsidenten Hindenburg bei Beibehaltung des marxistischen Programms musste in den Augen vieler Wähler als politisch-geistige Umnachtung erscheinen. Die Partei erstarrte in der Vorstellung, es reiche, vor Ort gute Politik zu machen und Genossen an den Schalthebeln der Verwaltungen zu installieren.

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