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Im Herbst ist die „Ehe für alle“ Geschichte – und die Union wird den Erfolg für sich reklamieren.

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Die CDU wird schwul – jedenfalls ein bisschen

Für alle besonders anständigen Konservativen bricht womöglich am Freitag die Welt zusammen: Da könnte der Bundestag mit großer Mehrheit die „Ehe für alle“ beschließen. In einem medial gelungenen Coup hat die SPD das Thema auf die Agenda gesetzt. Seit Jahren wird so mancher Abgeordnete von CDU und CSU in feuchten Träumen vom Nachtmahr der sogenannten Homo-Ehe heimgesucht – und der könnte jetzt plötzlich wahr werden. Schwule und lesbische Ehepaare – ein Graus für alle, die auch noch lernten, dass Onanie das Rückenmark schädigt.

Da leben zwei Volksparteien seit Jahren in politisch gleichgeschlechtlicher Ehe – und längst wissen alle, dass sie eigentlich ein entsetzlich langweiliges altes Paar geworden sind. So könnte es vermutlich noch ein paar Jahre weitergehen. Doch jetzt will die SPD den Partner vor sich hertreiben um endlich beim Wähler punkten. Während gestern noch die Welt vor Terror, Trump und dem Facebook-Gesetz von Heiko Maas zitterte, haben es die Genossen geschafft, ein Thema auf die Tagesordnung zu setzen, das in der Union längst ganz unten in der Ablage verschwunden war: Die „Ehe für alle“.

Es fehlt der SPD an schwuler medialer Kompetenz

Die SPD will die Union jetzt zu dieser Ehe zwingen, die Angela Merkel und ihr Fraktionschef Volker Kauder auszusitzen hofften. Ein scheinbar taktisch geschicktes Manöver von Martin Schulz und Genossen, doch ohne Aussicht auf längerfristigen Wahlerfolg denn der Biedermann Schulz ist nicht gerade übermäßig homo und hipp. Die SPD hat eben nach dem Abtreten von Klaus Wowereit keine schwule mediale Kompetenz wie den CDU-Abgeordneten Jens Spahn, der mit einem Augenzwinkern bekannte: „Ich wurde so geboren. Da wird der liebe Gott sich wohl was bei gedacht haben.“ Spahn sieht in dem Vorhaben sogar noch klassische CDU-Werte: „Weil ich ein wertkonservativer Mensch bin, möchte ich, dass auch zwei Männer oder zwei Frauen Ja zueinander sagen und heiraten können.“ Schöner hätte es Martin Schulz auch nicht sagen können.

Ein durchsichtiges Wahlmanöver mit beschränkter Glaubwürdigkeit

Schuld am Thema ist ausgerechnet die Kanzlerin: Erstmals rückte Angela Merkel Anfang der Woche in einem Gespräch mit der Zeitschrift Brigitte vom klaren Nein der CDU zu vollständigen Gleichstellung homosexueller Paare ab. Eine Steilvorlage für die SPD, die noch diese Woche im Bundestag abstimmen lassen will. Doch der scheinbar tapfere sozialdemokratische Parforceritt für die Rechte von Schwulen und Lesben ist ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver mit beschränkter Glaubwürdigkeit: Schon längst hätte es im Bundestag eine Mehrheit für die „Ehe für alle“ gegeben. Doch CDU und SPD hatten eigentlich vereinbart, das Thema ruhen zu lassen.

Vom großen Donnerwetter zum kleinen Knallfrosch

Aber die die Genossen haben auf Angriff geschaltet. Angesichts katastrophaler Umfragewerte verständlich. Erst am Wochenende hatte Schulz giftig behauptet, Merkels Art der Regierung sei ein „Anschlag auf die Demokratie“. Freilich ist die CDU bisher auf wichtige Sachthemen Antworten schuldig geblieben. Darüber ist Schulz nicht zum ersten Mal aus der Haut gefahren. Doch wie schon so oft hat er die Rechnung ohne die Kanzlerin gemacht: Während ihre Paladine diensteifrig Empörung heuchelten, lächelte sie cool die verbale Attacke von Schulz weg. „Ich habe es mit Interesse zur Kenntnis genommen – und möchte mich jetzt weiter mit Demokratiestärkung beschäftigen“. Ende der Debatte, das große Donnerwetter von Schulz wurde in nur 48 Stunden zum kleinen Knallfrosch.

Plötzlich entdeckt die CDU ihr schwules Herz

Auch die „Ehe für alle“ wird vermutlich kein Erfolgserlebnis für die SPD werden. Zwar empörte sich der stets eifernde Volker Kauder über Schulz und Genossen, doch im Hintergrund hat die Kanzlerin längst die Weichen gestellt: Immer mehr Unionsabgeordnete entdecken plötzlich ihre gleichgeschlechtliche Zuneigung. Sollte es zur Abstimmung kommen, wird es kein Sieg für die SPD werden. Bisher gelang es der Kanzlerin noch immer, auch Niederlagen in Erfolge umzumünzen. Spätestens nach den Sommerferien wird die „Ehe für alle“ dann längst Geschichte sein – und die Union – Jens Spahn vorneweg – wird den Erfolg für sich reklamieren.

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