20141023_101528 (2)
20141023_101528 (2)

Aus Angst vor Konflikten verbannt: Aktbilder gehören in Berlin in den Keller

| Keine Kommentare

Die Rückkehr der „entarteten Kunst“?

„Die Kunst soll frei bleiben, allerdings muss sie sich an gewisse Normen gewöhnen.“ Das dachte sich wohl auch der stellvertretende Leiter der Volkshochschule in Berlin Marzahn. Weil der Mann befürchtete, die im Rahmen einer Ausstellung gezeigten Akte einer Berliner Künstlerin könnten Muslime verletzten, verschwanden die Bilder nach wenigen Tagen im Keller. Ist es nur eine Frage der Zeit, wann wir wieder über Zensur und „entartete Kunst“ sprechen müssen? Religiöse Fanatiker und Neo-Nazis warten nur darauf. Jetzt hat ihnen ein kleiner VHS-Angestellter eine Steilvorlage geliefert.

„Kunst kommt von Künden“, sagt der Künstler Otmar Alt, einer der wohl größten Maler und Grafiker der Gegenwart. Und so kündet ausgerechnet der zu Recht bis vor kurzem völlig unbekannte stellvertretender Leiter einer Berliner Volkshochschule von ganz neuen Zeiten, in denen sich die Kunst den Mutmaßungen eines Staatsbediensteten unterzuordnen hat. Denn wenn es diesem Bediensteten gefällt, so nimmt er die Freiheit der Kunst selbst in die Hand und verbannt sie aus öffentlichen Räumen, zumindest wenn sie nackt daher kommt. Die Begründung: Man wolle Rücksicht auf die Gefühle muslimischer Frauen nehmen, die in der VHS Deutschkurse besuchen würden. Beschwert hat sich allerdings nach einem Bericht im Berliner Tagesspiegel bisher niemand.

Der Staat verkriecht sich hinter der Religion

Der sonderbare Akt des vorauseilenden Gehorsams ist ein Rückschritt in das 19. Jahrhundert – oder vielleicht in noch dunklere Zeiten. In einem Land, in dem nach den furchtbaren Erfahrungen der Nazi-Diktatur zu Recht das Grundgesetz in Artikel fünf festlegt „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“, obsiegt nun das Gefühl eines stellvertretenden VHS-Leiters über die Verfassung. Es ist erst wenige Jahre her, als ein wilder Kulturkampf um Kruzifixe in Klassenzimmern tobte. Religion hieß es, habe nichts in Schulen verloren. Heute verkriecht sich der laizistische Staat in Berlin plötzlich hinter der Religion. Das ist nicht mehr die Stadt, die so gern in einer Liga mit London und New York spielen möchte, sondern eine Provinzmetropole, in der die Hausmeister über Anstand entscheiden und Moralvorstellungen wie bei Facebook haben.

Eine Zensur findet nicht statt? Denkste!

„Die Kunst soll frei bleiben, allerdings muss sie sich an gewisse Normen gewöhnen.“ Dieser Satz, von niemand anderm, als dem furchtbarsten Kunstkritiker aller Zeiten, Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels ausgesprochen, kehrt in den Alltag zurück. Die Freiheit der Kunst – in Berlin wird sie über Nacht von einem städtischen Angestellten ausgehebelt. Die verantwortlichen Politiker im Bezirk Hellersdorf lassen ihn gewähren und faseln von einem „Interessenkonflikt“. So einfach ist es inzwischen in Deutschland, unter einem Vorwand die Zensur wieder einzuführen. Der Vorfall in Berlin ist übrigens nicht der erste dieser Art: Auch in anderen Städten – wie in Gera – wurde nackte Kunst aus dem öffentlichen Raum entfernt um religiöse Gefühle nicht zu verletzen.

Für welche Werte steht das demokratische Deutschland?

Welche Werte will das demokratische Deutschland eigentlich vermitteln? Viele Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen totalitäre Regime unter dem Vorwand der Religion die Kunst knebeln. Islamisten zerstören Kunstwerke weil sie ihrem steinzeitlichen Glauben widersprechen. Auch gerade weil Freiheit und Kunst in islamischen Ländern so bedroht sind, fliehen viele Menschen. Sie kommen jetzt in ein Land, in dem neuerdings Kunst nach Gutdünken zensiert wird, Ministerpräsidenten Journalisten gängeln und Politiker Polizeibeamte auf Sprachregelungen verpflichten. Die Freiheit ist ein empfindliches Gut – sie ist zwar nicht alles, doch in einer Demokratie ist ohne sie alles nichts.

Die Nackten und der iranische Präsident

Den Vogel in Sachen vorauseilender Gehorsam in Sachen Kunstfreiheit schoss allerdings die italienische Regierung ab: Um das Auges des iranischen Staatspräsidenten Rohani nicht zu beleidigen, wurden die berühmten nackten Statuen auf dem Kapitol schamhaft hinter Brettern versteckt. Das hatten weder Hardliner der katholischen Kirche, noch des Faschismus geschafft. Immerhin, dahinter steckt vielleicht ein machiavellistisches Kalkül: Der Iran wird dringend in der Lösung der Syrien-Krise gebraucht. Übrigens hatten weder der iranische Präsident, noch der Botschafter des Iran im Vorfeld um die Bretterverhaue gebeten, geschweige denn diese gefordert.

FacebookTwitterGoogle+Empfehlen

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.