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Immer eine Reise wert: Worpsweder Künstlerhäuser

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Wo Rilke dichtete und Vogeler fremd ging

Unweit von Bremen liegt ein Ort mit ganz besonderem Zauber: Worpswede. Hier gaben sich vor 100 Jahren illustre Künstler ein Stelldichein. Lyrik, Seitensprünge, Malerei und Architektur waren die Essenz der legendären Künstlerkolonie. Ein Ausflug zu den Häusern der Künstler von einst ist eine Wallfahrt zu den intellektuellen Kultstätten der Dichter und Maler – und zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis.

Manchmal umweht eine leise Melancholie den Barkenhoff, das einstige Wohnhaus Heinrich und Martha Vogelers. Wenn die letzten Sommertage kürzer werden, die Rosen verblühen und ihr Duft am frühen Abend schwer in der Luft hängt – dann wird es still im Garten der Villa. Der Besucher kann sich auf eine der Bänke setzen, die Augen schließen und an die Abende denken, als der Barkenhoff Treffpunkt so illusterer Gestalten wie Rainer Maria Rilke und seiner Frau Clara Rilke-Westhoff, Otto und Paula Modersohn und eben Heinrich Vogelers und seiner Frau Martha war. Und wenn der Besucher dann vor lauter Sehnsuchtsschmerz nach der einst so guten Zeit im Künstlerdorf mit einem Seufzer die Augen wieder aufschlägt, hat er zumindest die Chance, diese Figuren der Vergangenheit samt Sommerabend auf dem Barkenhoff als Postkartenreproduktion des Gemäldes „Das Konzert“ aus dem Jahre 1905 von Vogeler erwerben.

Der Barkenhoff – ein Juwel des Jugendstil entsteht

Als Vogeler dieses Bild von einer Haus- bzw. Gartenmusik der ganz besonderen Art malte, waren die Um- und Ausbaubauarbeiten an seinem 1895 erworbenen Barkenhoff – übrigens niederdeutsch für „Birkenhof“ – längst beendet. Der Meister hatte in wenigen Jahren ein kleines Juwel des Jugendstils geschaffen. Und wie ein Juwel von einer Fassung umgeben ist, so ist bis heute der Garten attraktiver Rahmen des Barkenhoff. Schon um die vorletzte Jahrhundertwende erfüllte das Gebäude mehr als nur den Wohnzweck von Heinrich und Martha Vogeler, die ebenso wie die Rilkes und die Modersohns 1901 geheiratet hatten: Längst war er zum Mittelpunkt der Worpsweder Künstlerbewegung und somit der gesamten „Künstlerkolonie Worpswede“ geworden.

Die großen der Literatur geben sich die Klinke in die Hand

Entsprechend wurde das Haus gewürdigt: Rainer Maria Rilkes Spruch „Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß“, den der Dichter zum Weihnachtsfest im Jahr 1898 geschrieben hatte, ließ Vogeler als Haussegen in die Eingangstür des Barkenhoff einkerben. Die Großen der Kunst und Literatur gaben sich in diesem Künstlerhaus die Klinke in die Hand: Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Max Reinhardt, Richard Dehmel. Sonntags las und rezitierte der Künstlerkreis, tanzte, sang und gestaltete das Leben als großes Kunstwerk. Doch die Idylle trog. Die gerade erst geschlossenen Ehen waren brüchig, längst wurde hinter dem Rücken der jeweils abwesenden gelästert und die Gemeinschaftsausstellungen wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen bereits 1902 beendet.

Die persönliche Revolution des Heinrich Vogeler

Doch der Besucher, der die Reproduktion des Sommerabends als Postkarte in Händen hält, will davon nichts wissen – zu schön ist die Illusion, dieses Haus samt Garten sei ein Ort der Inspiration, und der Eintracht gewesen. Denn wenn man schon auf dem Barkenhoff nicht glücklich sein konnte – wo denn dann? Nur wenige Jahre dauerte die Harmonie in seinen Mauern und in seinem Garten. Dass hat auch mit Heinrich Vogelers politischer Entwicklung zu tun: War er noch 1914 als Freiwilliger in den Krieg gezogen und als Nachrichtenoffizier mit der Skizzierung des Kriegsgebietes in den Karpaten beschäftigt, so wandte er sich 1917 von Kaiser und Vaterland ab, wurde Revolutionär und stellte das Idyll Barkenhoff als Kommune zur Verfügung. Dort wollte er mit seiner neuen Geliebten Marie Griesbach, der „Roten Marie“, ein Stück Sowjetkommunismus im tiefsten Niedersachsen verwirklichen.

Martha Vogeler war von den Ambitionen ihres Gatten wenig begeistert und beschloss den Barkenhoff zu verlassen. 1919 hatte sie sich in einem Nachbardorf in ein altes niedersächsisches Bauernhaus verliebt und es gekauft. Das Haus wurde abgetragen und im Schluh in Worpswede 1920 wieder neu aufgebaut. Ein aufwändiges, ja dekadentes Unterfangen in den Augen vieler Worpsweder – half doch auch Revolutionär Vogeler großzügig bei Umbau und Finanzierung. Gemeinsam mit den drei Töchtern Mieke, Bettina und Mascha verdiente sich Martha Vogeler fortan hier mit der Weberei, einer Gästepension und einem großen Nutzgarten ihren Lebensunterhalt. Auch ihr neuer Lebensgefährte zog praktischerweise direkt mit ein.

Im Laufe der Jahre  entwickelte sich ein neuer Künstlertreffpunkt – noch heute beherbergt das Haus im Schluh (was auf Plattdeutsch „Haus im Sumpf“ bedeutet) die Heinrich-Vogeler-Sammlung, bestehend aus Gemälden, Radierungen und Möbeln. Ergänzt durch die wertvollen, oft kuriosen und interessanten Gegenstände aus bäuerlichem Hausrat oder Kunsthandwerk, die Martha und Heinrich sammelten, ergibt sich ein ganz besonderes Museum. Der Barkenhoff hingegen wurde von Vogeler, ohnehin durch Marthas Auszug von Mobiliar und Kunst beraubt, an einen Gartenarchitekten und Anthroposophen verkauft. Später verfiel das Haus und wurde erst 2003/2004 aufwändig renoviert. Heute ist der Barkenhoff Museum und Ausstellungsraum – und lädt mit seinem Garten immer noch in eine Idylle ein.

Eine melanchloische Reise in die Vergangenheit

Noch heute spürt man in vielen der außergewöhnlichen Gebäude den Hauch der Vergangenheit. Andere zeugen vom Wandel, wurden verändert, verkauft und neu erfunden. Ein neues Buch über die Häuser der legendären Künstler wie Vogeler, Modersohn, Mackensen und viele andere lässt jetzt nicht nur die Zeiten der Sommerabende auf dem Barkenhoff neu erstehen. Im Carl Schünemann Verlag in Bremen ist aus der Feder von Gudrun Scabell der liebevoll gestaltete Bildband „Worpsweder Künstlerhäuser“ erschienen, der die Leser auf eine spannende, manchmal leise melancholische und stets sorgfältig recherchierte und stilistisch ansprechende Reise in die Vergangenheit mitnimmt.

Das Buch erzählt von extravaganten Künstlern, traurigen Schicksalen und den vielen Erinnerungen, die mit den Gebäuden verbunden sind – wie die Geschichte des legendären Hauses des Malers und Bildhauers Bernhard Hoetger. Dieses Gebäude, dessen Struktur irgendwo zwischen den expressionistischen Bauten so legendärer Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Metropolis“ und den Häusern der Hobbits angesiedelt ist, wirkt auch heute noch 90 Jahre nach seiner Entstehung mystisch, ja je nach Tages- oder Jahreszeit auch unheimlich oder völlig surreal. Nordische Sagenwelt, norddeutscher Jugendstil gepaart mit neogotischen Schornsteinen – Hoetger schuf ein Gebäude, das seinesgleichen sucht. Seine mystischen Entwürfe fanden schließlich in der Architektur der Bremer Böttcherstraße, bezahlt von seinem Freund und Gönner, dem Kaffeemogul Ludwig Roselius, ihre Vollendung.

Bernd Hoetgers nordischen Mythen als „entartete Kunst“

Doch so, wie die Romanik des Barkenhoffs mit dem Zerfall der Beziehungsgespinste seiner Bewohner und Gäste seine sphärenhafte Harmonie verlor und schließlich einem zweifelhaften irdischen Ideal, nämlich dem Kommunismus dienen sollte, so trieb wiederum die Sehnsucht nach nordischen Mythen und Göttern Hoetger in die Fänge des Antichristen Adolf Hitler. Wie sein Mäzen Roselius sympathisierte er mit den Nationalsozialisten und wurde Parteimitglied. Hoetger versuchte, die Partei für seine von der völkisch-nordischen Ideenwelt beeinflussten Werke zu gewinnen, ignorierte den sich abzeichnenden Totalitarismus mit seinem System der Konzentrationslager und staatlich verordneter „Kunst“ nach dem Gusto der Parvenüs Hitler und Goebbels.

Der politisch naive Hoetger sah sich aber bald unversehens selbst von den Nazis als „entartet“ demaskiert, wurde aus der Partei ausgeschlossen – und floh schließlich während des Krieges aus dem untergehenden „Dritten Reich“ in die Schweiz, wo er 1949 starb. Sein Haus aber überlebte nicht nur seinen Schöpfer, sondern auch die Jahre als Offizierscasino der Wehrmacht und Lazarett. Heute lädt es die Besucher ein, sich mit einem wundersamen Baustil zu befassen, der gestalterisch so fern und doch emotional so nah ist.

Der Barkenhoff, das Haus im Schluh, das Hoetger-Haus – nur drei von vielen Zielen, für die sich ein Besuch in Worpswede lohnt. Und wem der Weg zu weit ist oder im Herbst das Wetter zu trübe – der sollte zum Buch von Gudrun Scabell greifen und die „Worpsweder Künstlerhäuser“ bei einer Tasse Tee oder einem Kaffee gemütlich zu Hause betrachten und sich daran erinnern, wie es war, als Rilke dichtete und Vogeler fremd ging.

Buchtipp:

Worpsweder Künstlerhäuser
Gudrun Scabell
152 Seiten, Hardcover
EUR 29,90
ISBN 978-3-7961-1005-4

 

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