Beim „Sozialistenkanal“ sind die Löwen los

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Der große Freigeist Kurt Tucholsky brachte die Gemütslage der Deutschen mit einem tierischen Vergleich schon vor etlichen Jahrzenten auf den Punkt: „Die Katze ist ein freier Mitarbeiter, der Hund ein Angestellter“. Tausende Tonnen Hundekot auf Bürgersteigen und in Grünanlagen hätten Tucholsky vermutlich bestätigt, dass sich wenig geändert hat. Selbständigkeit und freie Mitarbeit bleiben den meisten Deutschen suspekt. In diesem unserem Lande bleibt es der Traum von Millionen Menschen, eine gute Anstellung zu finden, gern in der Wirtschaft, lieber aber noch beim Staat.

Kein Wunder also, dass die neue Gründershow „Die Höhle der Löwen“ bei VOX in den Medien ein geteiltes Echo hervorruft. Erfinder und Startuper, die Investoren ihre Ideen vorstellen und um Beteiligung werben? Das ist den meisten deutschen Seelen fremd. Wenn überhaupt jemand Geld braucht, so beantragt er es in diesem Land beim Staat, nicht in einer TV-Sendung. „Die Höhle der Löwen“ produziert also, wie andere Castingshows auch, vor allem Verlierer in Serie. Ihr Scheitern scheint verdient, die Häme darüber macht den geheimen Unterhaltungswert der Sendung aus. Und selbst wenn man sich doch mal handelseinig wird, wirkt selbst der Sieger wie ein Verlierer.“ schreibt der SPIEGEL ironisch.

 

Fakten, Fakten, Fakten – wo der FOCUS irrt

Der FOCUS, bekannt für Fakten, Fakten, Fakten, setzt voller Abscheu noch eins drauf: „Verkaufs-Show auf dem Fleischmarkt der Schwachen: Im „Käfig der Löwen“ wirft „Vox“ arme, naive Erfinder einem blut- und geldgierigen Club von Investoren zum Fraß vor. Die Sendung zeigt Kapitalismus anschaulich – von seiner widerwärtigen Seite.“ Ausgerechnet der reaktionäre FOCUS geriert sich als Speerspitze gegen den jetzt auch noch vom Fernsehen gefütterten „Raubtierkapitalismus“ – eine echte Posse. Mal abgesehen davon, dass die Sendung nicht „Käfig der Löwen heißt“, wie der FOCUS schreibt, wird wer „Die Höhle der Löwen“ verfolgt, rasch feststellen, dass die Gründer-Show eben keine Künstler-Schlachtbank ist, wie Dieter Bohlens DSDS.

Freilich verzichtet „Die Höhle der Löwen“ nicht auf genretypische Musik und Dramaturgie – aber das gehört zum Fernsehen dazu, wie der Löwensenf zur Bockwurst. Wer das kritisiert, hat das Medium nicht verstanden und würde vermutlich auch bei einer Fußballübertragung den Fan-Lärm im Stadion monieren. Dass in der ersten Sendung in anderthalb Stunden nur zwei Deals zustande kamen, mag für manche Zuschauer popelig sein. Doch gerade das zeichnet die „Die Höhle der Löwen“ aus: Hier wird nicht wahllos Geld irgendeiner Lotterie-Show als Belohnung für banale Antworten auf banale Fragen unters Volk geworfen, sondern hier müssen echte Menschen echte Investoren überzeugen. Es gewinnt nicht der, der in der Lage ist, das Say`sche Theorem von Angebot und Nachfrage zu erklären, sondern es im Alltag anwendet.

 

Der Untergang des Abendlandes

Dass gerade die Medien, die jedes „Dschungelcamp“ begleiten und hinter der Fassade vom gepredigten Untergang des Abendlandes ihre Gier nach Schauergeschichten kaum verbergen können, jetzt erneut wider den TV-Ungeist wettern, verwundert kaum. Es geht ihnen nicht um vielleicht etwas zu dick aufgetragene Musik und dramaturgische Ecken und Kanten. Es geht ihnen um angeblich schutzbedürftige kleine Katzen und gefährliche Raubtiere, die in „Die Höhle der Löwen“ zu sehen sind. So ein kleiner Ausschnitt aus dem wahren Gründer- und Investorenleben ist in der Republik der Hunde nur schwer zu ertragen.

Wer wie der Autor dieser Zeilen seit Jahren im Sinne Tucholskys sein Leben als Katze führt und beruflich die großen TV-Miezen, nämlich die Investoren in „Die Höhle der Löwen“ alle persönlich kennengelernt hat, weiß, dass diese Löwen nicht nur brüllen, sondern auch schnurren können. Man muss sie mit guten Ideen und Humor streicheln. Schon aus diesem Grunde lohnt es sich, dienstags fortan um 20.15 Uhr bei VOX, dem „Sozialistenkanal“ wie FOCUS den Sender hämisch nennt, einen Blick in „Die Höhle der Löwen“ zu werfen.

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