Karneval der Angst: Nichts hören, nichts sehen, nichts Wagen.

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Volle Hosen bei den Oberjecken

Schunkeln, Bützchen, bisschen Fummeln – Köln bleibt Köln. Kritische Karnevalswagen, die was wagen: Fehlanzeige. Es könnte ja irgendein Radikalinski etwas übelnehmen und – RUMMS – den ganzen Rosenmontagszug in die Luft sprengen. Das jedenfalls fürchtete wohl Zugleiter Christoph Kuckelkorn, im Zivilberuf Bestatter. So viel faule Ausrede und volle Elferratshose wie beim Abservieren des Charlie Hebdo-Wagens war wohl selten am Rhein. Jetzt liegt es ausgerechnet an Düsseldorf, die Ehre des politischen Karnevals zu retten.

Angeblich entstand der Karneval aus dem Widerstand. Franzosen und später Preußen praktizierten ein nicht gerade liberales Besatzungsregime am Rhein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die klugen und weltoffenen Rheinländer protestierten auf ihre Weise gegen das Militär und dessen Humorlosigkeit: Unter gepuderten Perücken vollführten uniformierte Karnevalisten mit Holzgewehren Pseudo-Drillübungen und führten kuriose Tänze auf. Finster sahen die Besatzer-Offiziere diesem Ritual zu und ärgerten sich. Karnevalistische Sitzungen persiflierten zusätzlich Könige, Minister und Politiker.

Keine Referenz an die Charlie Hebdo-Redakteure

Später kamen Festwagen hinzu, auf denen den Mächtigen mal geistreich, mal derb gezeigt wurde, was man von ihnen hielt. Merkel, Putin, Obama, Edathy: frech und oft kompromisslos kriegten alle ihr Fett weg. Auch politisch schwierige Themen waren immer dabei. Bis jetzt das Kölner Festzugskomitee die Hosen gestrichen voll hatte. Der Grund war der Entwurf eines Wagens, auf dem ein Clown einen Bleistift in die Maschinenpistole eines schwarz vermummten Bösewichtes drückt. Eine kleine, ja fast schon zaghafte Referenz an die mutigen Redakteure von Charlie Hebdo, die vor wenigen Wochen von islamistischen Terroristen ermordet wurden.

Das Kölner Komitee der Peinlichkeiten

Doch der Wagen wird nie gebaut werden. Der Grund: Es habe sich eine Diskussion über angebliche Sicherheitsrisiken entwickelt, hieß es in der Erklärung des Kölner Festkomitees. „Wir reagieren also nicht auf etwaige Drohungen, wir reagieren auf die Ängste und Sorgen der Menschen.“ Wer da Sorgen hatte, erfuhren die geneigten Jecken nicht, dafür wurden lächerliche Szenarien entwickelt. Bewaffnete Sicherheitskräfte, so hieß es, müssten möglicherweise den Wagen im Zug sichern. Tagelang eierten die Kölner Oberjecken schlimmer herum, als die peinlichsten Vorstände von PEGIDA. Vom Zentralrat der Muslime bis zum Kabarettisten Jürgen Becker reichte schließlich die Bandbreite der Komitee-Kritiker. Doch das blieb stur: Nichts hören, am liebsten nichts sagen, geschweige denn den Wagen wagen.

Alkoholfreies Kölsch für Bin Ladens Erben

Doch nicht nur das Lavieren war lächerlich, auch der bescheidene Intellekt der Narrenzunft lässt tief blicken. Als ob Terroristen darauf warteten, dass mittels Karneval ihre bluttriefende Branche durch den Kakao gezogen werden würde. Jede Großveranstaltung könnte grundsätzlich ein Ziel sein, egal, ob Fußballspiel, Kirmes oder Rosenmontagszug. Niemand weiß, wann und wo die Mörderbanden wieder zuschlagen werden. Das einzig verlässliche ist nur, dass es kein Muster von Anschlägen gibt. Ein Wagen mit Pappterroristen und Clowns als Provokation– vermutlich hocken die Erben Bin Ladens jetzt in irgendwelchen Verstecken beim alkoholfreien Kölsch und schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel. Nie war es leichter, den dekadenten Westen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Kommt der Supergau jetzt aus Düsseldorf?

Was für die Kölner mindestens so unangenehm ist wie der mangelnde Mut des Komitees, ist die Tatsache, dass es in der ungeliebten Nachbarstadt Düsseldorf verdächtig still ist zum Thema Charlie Hebdo. Wird dort womöglich heimlich an einem eigenen Themenwagen gebaut? Das wäre der Supergau für das Organisationskomitee des Kölner Rosenmontagszuges um Zugleiter und Bestatter Christoph Kuckelkorn. Doch der Kuckelkornsche Ansatz ist eher pragmatisch als politisch: Die Planung einer Beerdigung und die des Rosenmontagszuges seien „im Prinzip das Gleiche, da beide Ereignisse höchste Präzision erforderten“, kann man seinem Wikipedia-Eintrag entnehmen.

Anmerkung: Auf dem Bild sind keine verängstigten Sicherheitskräfte des Kölner Karnevals zu sehen, sondern ehrbare Soldaten der Bonner Garde.

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