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Warum sogar Bodo Ramelow dazugehört.

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Koaliert doch mit den Schmuddelkindern!

In Thüringen wird es wohl eine Koalition von Linken, Grünen und der SPD geben. Für manche (westdeutsche) Politiker eine Todsünde, denn zum ersten Mal würde ein Linker, nämlich Bodo Ramelow, Ministerpräsident werden. Die Empörung bei Konservativen und ehemaligen DDR-Bürgerechtlern ist groß, sogar Bundespräsident Gauck hat sich geäußert. Aber wer ist eigentlich dieser Bodo Ramelow – und warum fürchten ihn so viele? Will er die Republik zurück in die ostzonale Planwirtschaft führen?

Was viele nicht wissen: Bodo Ramelow, obwohl vom Habitus sehr ostdeutsch, ist ein blütenreiner Wessi, um genau zu sein: Ein gebürtiger Niedersachse. Geboren im verschlafenen Nest Osterholz-Scharmbek in der Nähe von Bremen. Und ein Wessi mit klassischem kleinbürgerlichen Hintergrund. Azubi bei Karstadt, Filialleiter im Einzelhandel, Gewerkschaftssekretär bei der eher drögen Bankergewerkschaft HBV. So einer, das wissen wir aus der Geschichte, zettelt keine Revolution an, sondern kauft sich vor der Besetzung des Bahnhofes eine Bahnsteigkarte, wie Lenin über die deutschen Kommunisten einst höhnte.

Kleinbürgerlicher Sozialismus mit menschlichen Antlitz?

Denn auch die Linke von heute ist eine bürgerliche, ja eben eine kleinbürgerliche Partei. Sie will in Thüringen ihren Wahlerfolg genießen und endlich auch ihre Genossen in der Verwaltung auf attraktiven Posten unterbringen. Wenn sie einen echten Linksruck gewollt hätte, wären dafür seit 1990 fast 25 Jahre Zeit gewesen. Doch neben Kati Witt und Sarah Wagenknecht, den beiden schönsten Gesichtern des Sozialismus, hat die SED-PDS-WASG-Die Linke politisch bisher wenig Sozialismus mit menschlichem Antlitz in der Praxis gezeigt, sondern schlicht sozialdemokratisch agiert. Hier und da eine Beteiligung an einer Landesregierung, da und dort (wie einst ihr intellektueller Vorturner Gysi) ein mehr oder weniger erfolgloser Minister.

Manche Blockflöten hätten wohl gern mal erste Geige gespielt

Mittlerweile sollten es alle gemerkt haben: Die Schmuddelkinder von der Linken wollen doch nur mitspielen. Ihre Wurzeln gehen zwar zurück in die Diktatur des kleinbürgerlich-spießigen Arbeiter-und-Bauern-Unrechtsstaates DDR, auch manches Mitglied hätte sicherlich in den 90er Jahren noch vor Gericht gehört – doch das penetrante Linken-Bashing ist ebenso überdreht, wie die ewige Prügelei auf Bernd Lucke und die AfD. Gerade von manchen ostdeutschen Christdemokraten, die einst als „Blockflöten“ zwar keine erste Geige in der DDR spielten aber immerhin den Apparat mittrugen, dürfte man etwas mehr Zurückhaltung erwarten.

„Zur Freiheit, zur Sonne“ geht’s für die SPD nur mit Bodo Ramelow

Wenn die dramatisch geschrumpften Sozialdemokraten und die auf FDP-Größe stagnierenden Grünen meinen, tatsächlich mit Ramelow zur Freiheit, zur Sonne marschieren zu müssen, sollten sie es jetzt tun. Letztendlich entscheiden in einer Demokratie Mehrheiten. Und jeder politische Aktivist hat das Recht auf Rehabilitation, auch die Apparatschiks von der SED. Gerade die Westdeutschen haben nach 1945 erfahren, dass so mancher Politiker viel für Deutschland leistete – und doch ein paar alte braune Flecken auf der schwarz-rot-goldenen Weste hatte. Egal, ob es die beiden NSDAP-Mitglieder Kurt-Georg Kiesinger, CDU-Kanzler der ersten großen Koalition oder sein Finanzminister von der SPD, Karl-Schiller waren: Jeder hat das Recht, klüger zu werden.

Bodo der Dampfplauderer: Pragmatiker oder Fußnote

Auch der in Talkshows gern weit ausholend dampfplaudernde Bodo Ramelow muss jetzt beweisen, dass die Linke nicht nur in fast 25 Jahren Wiedervereinigung Demokratie und Wirtschaft gelernt hat, sondern auch tatsächlich was damit bewegen kann. Und wehe wenn nicht – dann werden nämlich die Wähler in Thüringen schon rasch für eine andere Koalition sorgen – und Bodo Ramelow als unbedeutende Fußnote im Geschichtsbuch enden lassen. Das Ganze nennt man dann Demokratie – ob mir das persönlich in den Kram passt oder nicht…

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