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Köln kapituliert vor sexistischer Gewalt – und liefert Steilvorlagen für die AfD.

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Der Ausverkauf des Vertrauens geht weiter

Zu Recht bekam NRW-Innenminister Ralf Jäger politische Dresche, als „Hooligans gegen Salafisten“ aufmarschierten und seine Polizei versagte. In der Silvesternacht gaben Jäger und sein Polizeipräsident Wolfgang Albers dann erneut am Kölner Hauptbahnhof das Gewaltmonopol an einen mehr als tausendköpfigen Pöbel ab. Massenweise wurden Frauen sexuell belästigt und bestohlen. Medial wird der Vorfall zur Steilvorlage für Reaktionäre und Extremisten. Schon jetzt steht fest: Der Ausverkauf des Vertrauens in die Politik geht weiter.

Lange schon, so sagen Insider, ist der Kölner Hauptbahnhof samt der Domplatte ein gefährlicher Ort. Das ist sowohl der Polizei, als auch der Bahn bekannt. Dennoch ist selbst die eigentlich bescheidene intellektuelle Leistung, eine Zusammenrottung von hunderten Personen am Bahnhof in der Silvesternacht vorherzusehen, offensichtlich zu viel verlangt gewesen. Immer wieder argumentieren Verantwortliche, man habe mit derart gefährlichen Szenarien nicht gerechnet. Sancta Simplicitas – als ob Bahnhöfe in den vergangenen 150 Jahren stets Orte der  Besinnlichkeit und stillen Einkehr gewesen wären. Dazu müsste man wohl noch dümmer sein, als selbst die Kölner Polizei erlaubt…

Macht Euch keine Hoffnung, Ihr begrapschten Frauen…

Aber zurück in die Silvesternacht: Immerhin sind irgendwann rund 200 Beamte sind vor Ort – doch das reicht anscheinend nur für fünf Festnahmen. Das Bewerfen der Polizei mit Gegenständen und Feuerwerkskörpern wird offensichtlich überhaupt nicht geahndet – und das in einem Land, in dem die Bemerkung „Bulle“ den sonst rechtschaffenden Bürger schon mal 400 Euro Strafe kostet… Und später bauen die Verantwortlichen vor: Es werde schwer sein, die Täter zu fassen, da sie völlig unbekannt seien. Im Klartext: Macht Euch keine Hoffnung, Ihr begrapschten Frauen, Ihr habt eben einfach Pech gehabt… Es gibt für die Misshandelten die übliche Empörung von Politikern aller Parteien, doch mehr ist leider wohl kaum zu erwarten.

Peinliche Verhaltensregeln aus dem Rathaus

An Hilflosigkeit nicht zu überbieten sind dann die in Windeseile konstruierten „Verhaltensregeln“, an denen im Kölner Rathaus gestern lange gebastelt wurde. Da tauchen die altbekannten Muster im Subtext wieder auf: Wer als Frau zu offen auf Fremde zugeht, darf sich eben über Fummler nicht beschweren. Deshalb: Immer mindestens eine Armlänge Abstand. Im Fernsehen dann zu später Stunde eine völlig überforderte Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die versucht, ein Interview zu geben: hilflos, traurig, verzweifelt. Zu selben Zeit ätzen im Netz schon viele Kölner Frauen gegen die peinlichen „Verhaltensregeln“ aus dem Rathaus…

„Deeskalation“ heißt Kapitulation vor der Gewalt

Der Skandal ist nicht die kriminelle Energie der Täter, sondern das inakzeptable Verhalten der Sicherheitskräfte. Wer in diesem Land eine rote Ampel überfährt, falsch parkt oder gar bei seinen Steuerzahlungen trödelt, spürt rasch die harte Hand des Staates. Wer sich als Straftäter allerdings mit anderen zu Hunderten in Gruppen zusammenrottet, bleibt oft ungeschoren. Das ist bei den berüchtigten Krawallen zum 1. Mai in Berlin schon immer so gewesen, das war beim Aufmarsch von Rechtsextremisten der „Hogesa“ so – und das war auch so bei der Kölner Zusammenrottung von Grapschern, Dieben und Schlägern. Regelmäßig knickt der Staat bei Massenansammlungen von potentiellen Kriminellen ein – „Deeskalation“ nennen es Politiker, wenn man Gewalttäter bewusst agieren lässt. Den Schaden, wirtschaftlich wie moralisch, zahlt die Allgemeinheit.

Warum so wenig Festnahmen?

Die Lage in Köln war sicher unübersichtlich – doch wäre es bei einem robusten Einsatz nicht möglich gewesen, mehr Täter dingfest zu machen? Bedrängte Augenzeuginnen berichteten im ZDF gar von desinteressierten Beamten. So bleiben nach der Kölner Chaos-Nacht viele Fragen:

  • Warum sind im Ernstfall die gut ausgerüsteten Einsatzkräfte, mit denen jeder öffentlich-rechtlich produzierte Krimi auf Kosten des Steuerzahlers üppig gepimpt wird, nicht vor Ort?
  • Hatten alle SEK-Angehörigen ausgerechnet Silvester dienstfrei?
  • Wurde aus anderen Städten Verstärkung angefordert?
  • Wo befanden sich der verantwortliche Polizeipräsident und der Innenminister in der Silvesternacht? Am Einsatzort in Köln? Oder auf einer Silvesterparty?
  • Warum rüstet sich das halbstaatliche Unternehmen Deutsche Bahn nicht für derartige Fälle?
  • Warum hat die Kölner Polizei an Neujahr wider beseres Wissen behauptet, es habe keine besonderen Vorkommnisse gegeben?
  • Wurde die Öffentlichkeit gezielt falsch informiert um ein Fehlverhalten der Polizei zu verschleiern?
  • Gibt es keinen ausgearbeiteten Plan für eine derartige Sicherheitslage?

Fragen über Fragen, die nur ein Untersuchungsausschuss des Landtages beantworten kann, der dringend erforderlich ist. Keinesfalls aber darf die Aufklärung der Vorfälle der Kölner Polizei und ihrem Präsidenten überlassen werden.

Die Nutznießer der „Deeskalation“ sind Kriminelle

Dieselben Politiker, die sich vehement für Vorratsdatenspeicherung einsetzen, ganze Fußballstadien räumen und martialisch Bataillone von gepanzerten Polizisten bei dubiosen Terrorwarnungen aufmarschieren lassen, scheitern immer wieder an den ganz banalen Sicherheitsanforderungen des Alltags wie jetzt in Köln. Bereits zum zweiten Mal haben sich Innenminister Jäger und sein Polizeipräsident Albers jämmerlich blamiert. Hooligans, Sextäter, Räuber: Das sind die Nutznießer einer Sicherheitspolitik, die sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, sondern an verschwurbelten Deeskalationsideen überforderter Politiker orientiert.

Das Land braucht Polizisten statt naiver Genderei

Es ist nach der Kölner Silvesternacht nicht einfacher geworden, Menschen davon zu überzeugen, dass die „Alternative für Deutschland“ keine Alternative ist, denn wer mit Petry, Gauland, Höcke und Co. liebäugelt, schiebt schon ein gewaltiges Frustpotential vor sich her. Politiker, die sich lieber mit der Umbenennung von Straßen, dem kindlich-naiven Gendern von Dienstvorschiften oder mit Verboten zum Böllern zum Jahreswechselt befassen, haben nur noch äußerst begrenzten Kredit bei diesen Enttäuschten. Wir alle wissen: Das Land braucht Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter, keine Diskussionen über Ampelmännchen oder –frauchen.

Wenn überforderte Sicherheitspolitiker eine der Kernaufgaben des Staates, nämlich die Sicherheit im Alltag, faktisch zur Disposition stellen, geben sie ausgerechnet eines der Felder preis, auf denen die rechten Extremisten schon immer besonders erfolgreich gespielt haben. Die Rechnung, die dann aufgemacht wird, ist ebenso simpel wie scheinbar überzeugend: Seht doch, die da oben haben Geld für Flughäfen, die nicht funktionieren, U-Bahnen, die nicht fahren, Opernhäuser, in denen noch nie eine Aufführung stattgefunden hat, Hafenanlagen, die von Schiffen gemieden werden, unterirdische Bahnhöfe, die kein Fahrgast braucht…

Der Wahrheit verpflichtet: Respekt vor der Lokalpresse

Nicht nur die Politik, auch die bundesweiten Medien machten lange keine gute Figur in der Causa Colonia. Während die Zeitungen in NRW bereits kurz nach dem Vorfall ausführlich berichteten, ignorierten überregionale Medien tagelang die Krawalle und die sexuellen Übergriffe ebenso, wie danach noch lange die Herkunft der Täter. Der Pressecodex, so etwa Daniel Bax pikiert in der taz, verbiete es doch, Herkunft und Religion der Täter zu nennen, schließlich gebe es ja auch deutsche Sextäter. Ein schwacher Trost für die Begrapschten…

Während man sich genussvoll in manchen Journalistenkreisen dem pauschalen Bashing kinderschändender Pfarrer und säftelnder Altpolitiker wie Rainer Brüderle hingab, überkommt manchen in der Berichterstattung leider immer dann plötzlich die Beißhemmung, wenn das eigene Weltbild Risse bekommt. Und auch Ignorieren ist eine Aussage: Die ARD strahlte zwar zum Rücktritt des VW-Chefs Winterkorn einen Brennpunkt aus, doch zum größten organisierten sexuellen Übergriff auf Frauen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg gab es bisher keine Sendung.

Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein

Es ist nicht Aufgabe von Journalisten, sich irgendeiner politischen Räson zu fügen, sondern es ist ihre Aufgabe frei zu berichten – so wie es die Kolleginnen und Kollegen beim Kölner Stadtanzeiger, der WAZ, der Rheinischen Post und vielen anderen Zeitungen ohne Ansehen der Person angesichts der Ereignisse in Köln getan haben und tun. Hut ab, vor denen, die als Lokalredakteure noch vor Ort recherchieren und nicht gemütlich in den fernen Büros in München, Hamburg oder Berlin sitzen und vermeintlich geistreich dozieren. „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“, stellte einst Journalistenlegende Hans-Joachim Friedrichs fest. Daran hat sich nichts geändert.

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2 Kommentare

  1. Treffender Artikel!
    Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass als hilflose Reaktion wie so oft, sofort überall Überwachungskameras aufgebaut werden sollen um solche Taten zukünftig zu vermeiden. Als ob das jemals jemanden abgeschreckt hätte…

    • Ja, Videoüberwachung verhindert Straftaten!

      1. Die Fahndung wird durch Videoaufnahmen erleichtert. Der Täter (w/m) wird durch Videoaufnahmen identifiziert und gefaßt, so die Idee, manchmal klappt das sogar.

      2. Täterinnen und Täter weichen auf nicht videoüberwachte Zonen aus, dort, wo Menschen leben, die Videoüberwachung für „voll rächts“ halten. Zugegeben, schwacher Trost, aber ich kann damit leben. Muß eben jede/r für sich selbst entscheiden.

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