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Lügenpresse, Morde, Pöbeleien: Schon früh im Sold des „Tausendjährigen Reiches“

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Die „gottverdammte Judensau“

Selbsternannte „vaterländische“ Verbände marschieren. Sie skandieren Hetzparolen gegen eine frei gewählte Regierung. Sie schwenken Fahnen und grölen. Sie errichten Galgen, die für Minister der Regierung „reserviert“ sind. Sie wollen eine andere Republik, ohne Juden, ohne Liberale, ohne Sozialdemokraten – nein, eigentlich wollen sie gar keine Republik. Sie wollen irgendein nationalistisches Chaos. Wenn dabei jemand mit dem Leben auf der Strecke bleibt, ist es ihnen egal. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.

Um das Vaterland besorgte Bürger, viele davon mit einst ehrlichen Absichten und Sorgen, lassen sich am Nasenring von rechten Rattenfängern durch die Straßen ziehen, plappern deren Phrasen nach, schwenken Fahnen, brüllen Parolen – und vergessen ihre Kinderstube ebenso, wie ihre humanistische Bildung. „In der Abendsonne der Kultur werfen auch Zwerge lange Schatten“, lästert Karl Kraus über sie und ihre Anführer, ehemalige Offiziere, die der Krieg verroht und völkische Verleger, die der Krieg reich gemacht hat.

„Schlagt tot den Walther Rathenau!“

Auch Rathenau, der Walther, erreicht kein hohes Alter, schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!“ grölt der rechte Pöbel. Walther Rathenau, das ist der Außenminister der Republik, der sein Leben jetzt in den Dienst der Demokratie gestellt hat. Zäh verhandelt er um Deutschlands Kriegsfolgen zu mildern. Rathenau schließt einen Vertrag mit Russland, spricht mit Amerikanern, Briten und Franzosen. Ein liberaler deutscher Patriot, Unternehmer, Demokrat – und Jude. Das alles wird ihm zum Verhängnis. Rechtsextreme Terroristen ermorden den Minister auf der Fahrt ins Auswärtige Amt. Die Täter sind zwei Studenten und ein Ingenieur, bestes deutsches Bildungsbürgertum, keine Berufsverbrecher.

„Kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

„Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“, ruft der deutsche Kanzler Joseph Wirth, ein Christdemokrat, bei der Trauerrede im Reichstag aufgebracht und zeigt auf die nationalistischen Abgeordneten. Die heucheln Betroffenheit und Empörung, wehren sich gegen den Vorwurf des Komplotts mit den rechten Terroristen – und freuen sich doch heimlich über die Mörder. Rathenau ist schon das zweite prominente Opfer – bereits ein Jahr zuvor haben die „vaterländisch“ gesinnten Täter den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, auch er wie Reichskanzler Wirth ein Christdemokrat, ermordet.

Der unbekannte Führer und seine völkischen Freaks

Das alles passiert zu einer Zeit, als Adolf Hitler in muffigen Bierkellnern auftritt und nur eine kleine Handvoll Trunkenbolde und völkischer Freaks in ihm den kommenden Führer sieht. Die Münchener Polizei hat hin und wieder ein Auge auf den nach der Entlassung aus dem Militärdienst stellungslosen Österreicher. Man ist sich einig: Dieser ehemalige Gefreite hat vielleicht einen gewissen Unterhaltungswert, doch politisch ist er ein kleiner durchgeknallter Lokalpolitiker. Seine „Sturmabteilung“, kurz SA genannt, ist ein läppisch uniformierter Haufen von großkotzigen Jünglingen, die sich gern prügeln, die aber nicht im entfernten den Schmiss und den zackigen Auftritt der nationalistischen Verbände haben.

Ein kerniger Schlag gegen die „Lügenpresse“

Niemand der nationalistischen Fahnenschwenker will den totalen Krieg, niemand will gar ein Auschwitz. Vielleicht die eine oder andere politische Säuberung, vor allen Dingen von den Kommunisten. Und vielleicht ein kerniger Schlag gegen die „Lügenpresse“, die ihrer Ansicht nach fest in jüdischer Hand ist. Und Schluss mit dem schädlichen Einfluss von Sozialdemokraten, Liberalen und Christdemokraten. Anführer wie Mitläufer dieser Demonstrationen sehen sich in der abendländischen Tradition der deutschen Nation. Sie berufen sich auf Luther, Goethe, Bismarck die sich alle nicht wehren können und sich vermutlich in ihren Gräbern umdrehen. Und die rechten Marschierer haben unverschämtes Glück, denn auch die Linken lehnen die Republik ab und wollen eine Diktatur. Kommunistische Horden brandschatzen gerade in Thüringen und im Ruhrgebiet. Denen muss sich doch jeder anständige Deutsche entgegenstellen.

Schwarze, Schwule oder Juden gehören nicht zu Deutschland

Die anständigen Bürger meinen es gut mit Deutschland, so gut, dass sie sich für das wahre Deutschland halten. Für das bessere Deutschland. Sie wollen ein Deutschland ohne politischen Streit und ergebnislose Parlamentsdebatten, ohne Streiks und ohne Demonstrationen, die doch nur Zeit und Geld kosten. Sie wollen eine Presse, die aufhört, ewig an allem herumzumeckern. Sie wollen die Aussöhnung zwischen Arbeitern und Unternehmern, entwerfen Pläne für ein Reich ohne strauchelnde Demokratie und Ausbeuter, ohne Gewerkschaften und ohne Juden, Schwarze, Schwule oder andere, die anders sind, als sie selbst. Eben einfach ein harmloses tumbes Biedermeier wie man es aus den Romanen von Hedwig Courths-Mahler kennt, in denen Männer noch richtige Männer und Frauen noch richtige Frauen sind.

Der Pragmatiker Hitler und die rechten Dummköpfe

Und irgendwann entdeckt Adolf Hitler das Potential, das in dieser vaterländischen Bewegung steckt. Er weiß, dass diese Leute keine Nazis sind. Aber das ist ihm wurscht. Seine Bewegung braucht Personal, viel Personal. Adolf Hitler ist Pragmatiker. Das Abendland und seine christliche Tradition interessieren ihn nicht die Bohne. In seinem Buch „Mein Kampf“ schreibt er, was er will: Macht, absolute Macht. Und die fahnenschwenkenden Dummköpfe werden ihm diese Macht geben. Sein Buch kaufen viele, doch kaum jemand liest es, denn es ist miserabel geschrieben und langweilt. Die Fahnenschwenker lesen lieber Werner Beumelburg „Sperrfeuer um Deutschland“ oder „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm, das sind Autoren, die was vom vaterländischen Geist verstehen.

Aber auch Hitler liest Beumelburg und Grimm. Und mit der Hilfe der Vaterlandsfreunde wird er später sein „Tausendjähriges Reich“ errichten und den totalen Krieg vom Zaun brechen. Der Krieg wird militärisch furchtbar in die Hose gehen, Millionen Tote hinterlassen und Hitler wird kurz vor seinem Selbstmord das deutsche Volk als schwach und krank verfluchen. Den totalen Krieg und Auschwitz – das hatte keiner der Fahnenschwenker gewollt, doch nun ist es leider zu spät. Kleinlaut jammern sie herum, man hätte ihre Liebe zum Vaterland schäbig missbraucht. Schuld, so sagen sie, ist nur dieser Adolf Hitler, der ganz allein hat den Scherbenhaufen zu verantworten.

Karl Kraus und die Verantwortung

Schon im Oktober 1933 hatte Karl Kraus übrigens fast seherische Qualitäten, als er in der letzten Ausgabe seiner Zeitschrift Die Fackel das Gedicht Man frage nicht veröffentlichte. Der beissende Satiriker und Zyniker wusste – obwohl bereits 1936 gestorben – ganz genau, wie die Sache mit der moralischen Verantwortung am Nationalsozialismus ausgehen würde:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.

Ich bleibe stumm;und sage nicht, warum.

Und Stille gibt es, da die Erde krachte.

Kein Wort, das traf;man spricht nur aus dem Schlaf.

Und träumt von einer Sonne, welche lachte.Es geht vorbei;nachher war’s einerlei.

Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

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