Mit Schulz kommt die Nestwärme zurück: Die Menschen wollen sich wieder wohlfühlen.

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Der Maddin und die Muddi

Statt der Muddi könnte der Maddin kommen – zumindest hält sich SPD-Kandidat Martin Schulz tapfer im Umfragehoch. Die Union hingegen reagiert weiter verkrampft auf die Kür des früheren EU-Parlamentspräsidenten. Aber was hat der Maddin, was die Muddi Merkel nicht hat – und warum sind so viele Menschen fasziniert von einem Mann, der außer Worthülsen bisher wenig geboten hat? Schulz verspricht etwas, dass niemand mehr mit Angela Merkel in Verbindung bringt: Nestwärme. Er verkündet vollmundig, dass er sich als Kanzler für die stark machen will, die da mühselig und beladenen sind.

„Der Mensch fängt nicht beim Akademiker an“, hat FDP-Vize Wolfgang Kubicki einmal in einer Diskussion über Bildung und Bildungsbürgertum gesagt. Und das gilt auch für einen Kanzlerkandidaten. Der Volksschüler Martin Schulz ist der Akademikerin Merkel in den aktuellen Umfragen gefährlich nahe gerückt. Der Versuch hochnäsiger konservativer Schulz-Gegner, den gelernten Buchhändler mangels fehlender Hörsaalschwielen am Hintern für ungeeignet zu erklären, läuft komplett ins Leere. Wer in einer Demokratie meint, erst ein Studium – wohl am besten eines der Jurisprudenz oder Volkswirtschaft – sei Grundvoraussetzung für ein wichtiges politisches Amt, hat sowohl den gelernten Werkzeugmacher Norbert Blüm als auch die Radio- und Fernsehtechnikerin Ilse Aigner und den Betonfacharbeiter Holger Börner verschlafen.

Der kleine Mann von nebenan

Denn gerade das fehlende Studium ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Martin Schulz. Er geriert sich als Mann des Volkes, lässt großzügige Einblicke in sein Privatleben zu. Und Hand aufs Herz: Ein Mann, der es geschafft hat, aus den finsteren Tälern der Alkoholexzesse wieder ans Tageslicht zu kommen, verdient Bewunderung. Das ist jedenfalls die Botschaft seiner PR-Strategen und diese Botschaft ist wohl gewählt. Schulz ist der kleine Mann, er ist einer von uns, er kennt die Höhen und Tiefen des Lebens, er ist immer der Maddin von nebenan aus Würselen geblieben, einem kleinen verpennten Ort, auf den ein altes Bomont von Harald Schmidt zutrifft: „Es ist nicht der Arsch der Welt, aber man kann ihn von da aus schon sehen.“

Nach einem langen Tag hinter der Wursttheke

Aus Schwächen Stärken machen – genau das ist das Erfolgsgeheimnis. Dabei wirkt Schulz weder besonders klug, noch hat er das elegante Aussehen früherer SPD-Kanzler wie Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder, noch deren weltmännische Gewandtheit. Schulz hat den Habitus eines Verwaltungsangestellten mit dem Gesicht eines Supermarktverkäufers, der sich nach einem langen Tag hinter der Wursttheke in einen Anzug von C&A geworfen hat und dann mal eben unangemeldet bei einer Schickeria-Party auf ein Bier vorbeikommt. Und plötzlich hören ihm die Menschen wie gebannt zu – während die vermögenden gebräunten Zahnärzte, Medienmanager und Steuerberater mit den teuren Maßanzügen und den fetten SUVs zusehen müssen, wie ihre lackierten Frauchen an den Lippen dieses unmöglichen Underdogs hängen. Ausgerechnet Schulz, wird mancher denken und den Kopf schütteln.

Martin Schulz: Unterschätzt wie einst Helmut Kohl

Ausgerechnet Kohl, dachte mancher vor über 30 Jahren und schüttelte den Kopf. Denn auch der Pfälzer, immer noch Rekordinhaber des wichtigsten politischen Amtes, war weder elegant, noch eloquent, noch dialektfrei und wie Schulz mit einem Konterfei gesegnet, das eher ins Radio, als denn ins Fernsehen gehörte. Doch Kohl überzeugte weil er sich bewusst mit seinen Schwächen auseinandergesetzt und aus diesen Stärken gemacht hatte. Dazu gehörte es auch, abwarten zu können: Nach der Wahlpleite seines Dauerkonkurrenten Franz-Josef Strauß von 1980 („Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, er ist total unfähig!“) fiel ihm die Macht förmlich in den Schoß, erst in der CDU/CSU, dann in Deutschland. Gute drei Jahrzehnte später wartete Martin Schulz ab, bis sich sein Freund-Feind Sigmar Gabriel so chaotisch am eigenen Ego abgearbeitet hatte, dass er für die SPD zur unerträglichen Belastung wurde.

Der CDU muss mehr einfallen als bisher

Freilich wird Schulz das wärmende PR-Feuer jetzt über Monate bis zur Wahl im September schüren müssen. Es gibt zwar die kleinen Verhältnisse aus denen er kommt und man stellt sie treuherzig ins Schaufenster der SPD, doch im wahren Leben ist Schulz längst Teil jenes Establishments, dass er so gern kritisiert und das ihm unter seinem politischen Busenfreund Jean-Claude Juncker den gut bezahlten Posten als Präsident des EU-Parlamentes verschafft hat. Der Millionär Schulz hat mindestens so viel Abstand zum Arbeiter, wie die Kanzlerin. Doch er beherrscht das Spiel mit der eigenen Schwäche und der Empathie der anderen wie momentan kein zweiter Politiker. Wenn Muddi Merkel im September nicht den Schreibtisch räumen will, muss der CDU zu Schulz deutlich mehr einfallen, als das Anprangern der Günstlingswirtschaft in seiner Zeit als Parlamentspräsident in Brüssel. Sonst wird es der Kanzlerin wie ihrem Ziehvater gehen: Der stürzte 1998 nicht weil die Menschen so unglaublich von Gerhard Schröder begeistert waren, sondern weil ihnen vor allen Dingen die bleiernde Untätigkeit der Regierung und die Uneinsichtigkeit Kohls zu Reformen immer mehr auf die Nerven ging.

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