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Nach dem Anschlag in Paris: Vive la France oder was muss die Freiheit aushalten

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Appeasement kann keine Lösung sein

Ein Dutzend Menschen stirbt in Paris, als Terroristen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo stürmt. Weltweites Entsetzen bei Menschen aller Glaubensrichtungen. Ein Anschlag auf die Pressefreiheit und die Demokratie. Und die deutsche Illustrierte STERN weiß sogar, wer eine moralische Mitschuld an dem furchtbaren Massaker trägt: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq. „So hängt das Attentat mit dem Houellebecq-Roman zusammen“, orakelt der STERN und stellt seltsame Konklusionen her.

Kinder der Aufklärung

Die Freiheit und damit die auch Pressefreiheit sind bis heute die fragilsten Kinder der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sie sind immer und überall bedroht – von extremen Linken ebenso, wie von strammen Rechten oder religiösen Fanatikern. Denn Freiheit und Pressefreiheit fragen nicht danach, ob dass, was in ihrem Namen geschieht, staatstragend, geschmackvoll oder besonders geistreich ist. Thilo Sarrazin und Andreas Scheuer haben ebenso einen Anspruch auf diese Freiheit, wie Sarah Wagenknecht, Claudia Roth und Akif Pirincci.

Michel Houellebecqs Roman „La Soumission“ („Die Unterwerfung“) spielt im Jahre 2022. In diesem Jahr geht die Französische Republik unter. Ein erfundener Politiker namens Mohammed Ben Abbes gewinnt die Präsidentschaft, unterstützt von Linken und Alternativen. Im Roman stellt der charismatische Führer Ben Abbes die säkulare Republik auf den Kopf, installiert islamische Bildung, Scharia und Vielweiberei. Seit dem 7. Januar ist das Buch im französischen Handel, am 17. Januar erscheint es auf Deutsch.

Ein absurder Plot mit Verantwortung?

In einer Rezension des Romans stellt der STERN sonderbare Verbindungen zum Massaker bei Charlie Hebdo her: „Dieser Roman erscheint im denkbar schlechtesten Moment. Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch er seinen Teil Verantwortung.“ Und weiter schreibt der STERN über das Buch: „Verzerrende, klischeehafte Islam-Karikatur… ein absurder Plot, wenn man berücksichtigt, dass überhaupt nur 5 Prozent der französischen Wahlberechtigten Muslime sind. Folgt man nun Houellebecqs Roman, hätten diese Muslime nun nichts anderes im Sinne, als die französische Republik abzuschaffen. Liberté, Égalité, Fraternité: tot.“

Terroristen lesen keine dicken Romane

Mal davon abgesehen, dass Terroristen vielleicht anderes zu tun haben, als dicke Romane direkt nach ihrem Erscheinen zu kaufen und zu lesen: Wer aufmerksam zwischen den Zeilen des STERN-Artikels liest, erfährt verwundert: Eigentlich tragen wir doch selbst alle einen gewissen Teil der Schuld an diesem Anschlag. Wer wie Houellebecq oder Charlie Hebdo provoziert, muss eben mit krassen Reaktionen rechnen. Also ist es doch gescheiter, bei Karikaturen und Romanen einfach etwas vorsichtiger zu sein. Vielleicht mal wieder etwas kürzer treten mit der Presse- und Meinungsfreiheit. Dann klappt`s auch mit dem Islamisten.

Kontroversen gehören zur Demokratie

Ähnlich argumentieren auch schon deutsche Politiker wie Matthias Platzeck in der Ukraine-Krise: Wer Putin ständig mit dem Vorwurf des Völkerrechtsbruches reizt, darf sich über russische Aggressionen nicht wundern. Eine beängstigende Logik. Denn wenn wir diese Art der Auseinandersetzung nicht mehr aushalten, geben wir die gesellschaftliche Kontroverse und die engagierte Diskussion, zwei wichtige Elemente der Demokratie, auf. Wer sich vor diesen Diskussionen drückt und simple Lösungen fordert, marschiert schnell in den Reihen von PEGIDA und der Kommunistischen Plattform mit.

Appeasement und die Miniröcke

Dieses Appeasement folgt einer einfachen Logik, die wir von einigen Journalisten und Politikern auch schon nach den Anschlägen auf das World-Trade Center, nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh und den Krawallen wegen der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten gehört haben. Die Opfer tragen offenbar immer eine Mitschuld. Es ist eine traurige Pseudo-Logik, die einer ähnlichen Kausalität folgt, wie die krude alte Macho-These, schöne Frauen in Miniröcken dürften sich eben nicht über Vergewaltigungen wundern.

Beim Jesus-Blowjob blieben Tote aus

Das deutsche Satire-Magazin TITANIC zeigte 2010 den gekreuzigten Christus, dem ein katholischer Geistlicher offensichtlich einen Blowjob verpasst. Grotesk und beleidigend, zumindest bestimmt für eine gute Milliarde Katholiken. Aber das ist Pressefreiheit, wenngleich nach Ansicht vieler Menschen ihr geschmackloser Teil. Es gab harsche Proteste. Aber niemand schoss, obwohl vielleicht manchem Fundamental-Christen danach zu Mute gewesen wäre. Welchem Gott auch immer Dank dafür sei: So gab es keine Toten und der STERN brauchte keine hanebüchene Verbindung zwischen Tätern und Opfern zu konstruieren.

 

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