Nach dem Terror in Paris: Wird die Ursache schon wieder im Westen gesucht?

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Trauer und die heimliche Lust am Untergang

Gestern waren wir alle Charlie, heute sind wir schon wieder alle Franzosen – und bereits morgen gehen in Politik und Kultur garantiert wieder die deutschen Bedenkenträger ans Werk, die stets die Ursache des islamistischen Terrors  im Westen suchen. Woher kommt eigentlich immer diese seltsame Form der Verleugnung westlicher Werte zu Gunsten von Mördern?

Die Leidenschaft, mit der offene Demokratie und Freiheit nach Terroranschlägen geschmäht werden, hat hierzulande bei selbsternannten Intellektuellen inzwischen Tradition: Gerade einmal zehn Monate ist es her, dass etwa der STERN mit abstrusen Thesen unverhohlen den Franzosen einen Teil der Schuld an den Anschlägen im Januar in die Schuhe schob. Eine Art der Viktimologie, die an Zynismus kaum zu überbieten ist.

Der Mord an der Pressefreiheit

Erinnern wir uns: Ein Dutzend Menschen stirbt in Paris, als Terroristen im Januar die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo stürmen. Weltweites Entsetzen bei Menschen aller Glaubensrichtungen. Ein brutaler Anschlag auf die Pressefreiheit und die Demokratie. Und die deutsche Illustrierte STERN weiß sogar, wer eine moralische Mitschuld an dem furchtbaren Massaker trägt: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq. „So hängt das Attentat mit dem Houellebecq-Roman zusammen“, orakelt der STERN und stellt seltsame Konklusionen her.

Die fragilen Kinder der Aufklärung

Die Freiheit und damit die auch Pressefreiheit sind bis heute die fragilsten Kinder der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sie sind immer und überall bedroht – von extremen Linken ebenso, wie von strammen Rechten oder religiösen Fanatikern. Denn Freiheit und Pressefreiheit fragen nicht danach, ob dass, was in ihrem Namen geschieht, staatstragend, geschmackvoll oder besonders geistreich ist. Thilo Sarrazin und Andreas Scheuer haben ebenso einen Anspruch auf diese Freiheit, wie Sarah Wagenknecht, Claudia Roth und Akif Pirincci.

Die Tschekisten unter den Kritikern

Michel Houellebecqs Roman „La Soumission“ („Die Unterwerfung“) spielt im Jahre 2022. In diesem Jahr geht die Französische Republik unter. Ein erfundener Politiker namens Mohammed Ben Abbes gewinnt die Präsidentschaft, unterstützt von Linken und Alternativen. Im Roman stellt der charismatische Führer Ben Abbes die säkulare Republik auf den Kopf, installiert islamische Bildung, Scharia und Vielweiberei. Seit Januar ist das Buch im Handel – und wurde  von der Tschekisten unter den Kritikern geschmäht, wie einst Martin Walsers „Tod eines Kritikers“.

Ein absurder Plot mit Verantwortung?

In einer Rezension des Romans von Houellebecq stellt der STERN sonderbare Verbindungen zum Massaker bei Charlie Hebdo her: „Dieser Roman erscheint im denkbar schlechtesten Moment. Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch er seinen Teil Verantwortung.“ Und weiter schreibt der STERN über das Buch: „Verzerrende, klischeehafte Islam-Karikatur… ein absurder Plot, wenn man berücksichtigt, dass überhaupt nur 5 Prozent der französischen Wahlberechtigten Muslime sind. Folgt man nun Houellebecqs Roman, hätten diese Muslime nun nichts anderes im Sinne, als die französische Republik abzuschaffen. Liberté, Égalité, Fraternité: tot.“

Terroristen lesen keine dicken Romane

Mal davon abgesehen, dass Terroristen vielleicht anderes zu tun haben, als dicke Romane direkt nach ihrem Erscheinen zu kaufen und zu lesen: Wer aufmerksam zwischen den Zeilen des STERN-Artikels liest, erfährt verwundert: Eigentlich tragen wir doch selbst alle einen gewissen Teil der Schuld an diesem Anschlag. Wer wie Houellebecq oder Charlie Hebdo provoziert, muss eben mit krassen Reaktionen rechnen. Also ist es doch gescheiter, bei Karikaturen und Romanen einfach etwas vorsichtiger zu sein. Vielleicht mal wieder etwas kürzer treten mit der Presse- und Meinungsfreiheit. Dann klappt`s auch mit dem Islamisten. Hier schimmert sie immer wieder durch: Die heimliche Lust am Untergang, gepaart mit Trauer, Nihilismus und Selbstverleugnung.

Kontroversen gehören zur Demokratie

Ähnlich argumentieren auch schon deutsche Politiker wie der heute zu recht fast vergessene Matthias Platzeck in der Ukraine-Krise: Wer Putin ständig mit dem Vorwurf des Völkerrechtsbruches reizt, darf sich über russische Aggressionen nicht wundern. Eine beängstigende Logik. Denn wenn wir diese Art der Auseinandersetzung nicht mehr aushalten, geben wir die gesellschaftliche Kontroverse und die engagierte Diskussion – zwei wichtige Elemente der Demokratie – auf. Wer sich vor diesen Diskussionen drückt und immer nur simple Lösungen fordert, marschiert ganz schnell in den Reihen von PEGIDA und der Kommunistischen Plattform mit.

Appeasement und die Miniröcke

Denn dieses Appeasement folgt einer fatalen Logik, die wir von einigen Journalisten und Politikern auch schon nach den Anschlägen auf das World-Trade Center, nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh und den Krawallen wegen der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten gehört haben: Die Opfer tragen angeblich immer eine Mitschuld. Es ist eine traurige Pseudo-Logik, die einer ähnlichen Kausalität folgt, wie die krude alte Macho-These, schöne Frauen in Miniröcken dürften sich eben nicht über Vergewaltigungen wundern. Am besten hilft dagegen – ja, die geneigte Leserin hat es bereits erraten – doch immer noch das Kopftuch…

Beim Jesus-Blowjob blieben Tote aus

Das deutsche Satire-Magazin TITANIC zeigte 2010 den gekreuzigten Christus, dem ein katholischer Geistlicher offensichtlich einen Blowjob verpasst. Grotesk und beleidigend, zumindest bestimmt für eine gute Milliarde Katholiken. Aber das ist Pressefreiheit, wenngleich nach Ansicht vieler Menschen ihr geschmackloser Teil. Es gab harsche Proteste. Aber niemand schoss, obwohl vielleicht manchem Fundamental-Christen danach zu Mute gewesen wäre. Welchem Gott auch immer Dank dafür sei: So gab es keine Toten und der STERN brauchte keine hanebüchene Verbindung zwischen Tätern und Opfern zu konstruieren.

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