Nachdenken? I like!

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„Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden“, soll Angela Merkel zur Frage, ob Politik im digitalen Zeitalter zu langsam reagiere, gesagt haben. Ob das wirklich ein Zitat von Frau Merkel ist und – falls ja – ob sie in diesem Zusammenhang zu kurz oder zu lange oder genau richtig lange nachdenkt, kann ich nicht beurteilen. Der Aussage an sich stimme ich aber uneingeschränkt zu: Erst denken, dann entscheiden bzw. handeln. Unter Handeln verstehe ich gerade im Bezug auf die digitale Welt bereits ein „Liken“ oder „Teilen“ auf Facebook & Co.

Aktuelles Beispiel Ice Bucket Challenge, die Spendenkampagne für die Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose): Erst wurden die Filmchen mit begossenen Promis begeistert geteilt, dann wurden immer mehr „Normalos“ nominiert und die ersten Kritiker beschwerten sich über mutmaßliche Selbstinszenierungen, was natürlich ebenso begeistert geteilt wurde. Die Reaktionen darauf waren die Kritiken an den Kritikern, denn schließlich hatte die Kampagne ja tatsächlich viel Aufmerksamkeit auf die Krankheit gelenkt und vor allem ziemlich viel Geld in die Kassen der ALS Association gespült. Auch das war natürlich mindestens ein“ Like“ Wert. Nun heißt es, die ALS Association würde möglicherweise gar nicht das ganze Geld für die Erforschung der Krankheit ausgeben, sondern auch für (mutmaßlich sogar üppige, Skandal…!) Gehälter und außerdem, was natürlich noch viel schlimmer ist, Tierversuche machen. Tierversuche! Schnell die Freunde auf Facebook informieren!

Natürlich ist es eine gute Idee, Spendenkampagnen durch Verbreitung in sozialen Medien zu unterstützen. Ob mit oder ohne Eiswasser. Die Ice Bucket Challenge ist nur ein Beispiel. Alles, was eindeutig nach Gutmenschentum aussieht, teilt sich eben leicht. Selbstverständlich möchten wir auf die armen Kinder im Krieg aufmerksam machen. Auf Hunger irgendwo in Afrika. Auf ein tolles Flüchtlingsprojekt. Das ist auch gut und richtig so. Es ist aber auch eine gute Idee, vor dem Mitmachen, „Teilen“ oder „Liken“ seinen eigenen Kopf einzuschalten und zumindest kurz zu recherchieren, was man da eigentlich unterstützt. Und wenn man das, was man herausfindet, persönlich gut findet, kann man auch dahinter stehen. Das kann dann auch gerne die Arbeit der ALS Association sein.

Noch leichter teilt sich im Übrigen Empörung. Tierquälerei ist hier ein ebenso beliebtes Thema wie diverse „Verfehlungen“ irgendwelcher in der Öffentlichkeit stehenden Personen. Gerade, wenn Personen oder Unternehmen oder Institutionen an den Pranger gestellt werden, wäre es schön, wenn man sich erst informiert und dann nach persönlichem Ermessen entscheidet, ob der Link oder Film weiterverbreitet werden sollte. Empören kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet in etwa „sich erheben, sich auflehnen“ – da sollte man schon wissen, gegen wen oder was man sich da so erhebt.

Das mit dem erst Denken, dann Handeln ist gar nicht so leicht. Ich ertappe mich selbst immer wieder, von irgendeiner Geschichte mitgerissen zu sein – im positiven wie im negativen Sinn – und fast instinktiv „Gefällt mir“ zu klicken. Beim Teilen überlege ich tatsächlich länger und lasse es manchmal aus Mangel an Recherchezeit oder Recherchelust einfach sein … das ist eben die Kehrseite der Medaille. Manches wird dann sicher weniger geteilt – auch manches Gutes.

Denken hilft - das menschliche Gehirn

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