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Pfuscher, Lügner, Täuscher: Die Vertrauenskrise im deutschen Journalismus

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Längst zur Lokus-Lektüre verkommen?

Sie sind Pfuscher, Lügner und Täuscher. Sie verdrehen Tatsachen, manipulieren Millionen Menschen und dienen entweder dem jüdischen Kapital, den Kommunisten oder den Neo-Nazis in der Ukraine, behaupten Demagogen von rechts und links. Die einst ehrbare Zunft der Journalisten wird in einem neuen Ranking nur noch von anderen dubiosen Berufsgruppen wie Finanzberatern in ihrer Glaubwürdigkeit unterboten. Die Zeitung ist vom Leseerlebnis am Frühstückstisch längst zur Lokus-Lektüre verkommen. Und es scheint so, als ob man mit einem Video über einen Stinkefinger inzwischen mehr erreicht, als über eine gut recherchierte Story.

Erst vor kurzem hat Dauergrinser Jan Böhmermann die Journaille des Landes elegant in die Irre geführt: Sein angeblich echter gefälschter Varoufakis-Stinkefinger sorgte tagelang für Zoff und Häme. Günther Jauch, der in vermutlich längst verdrängten jungen Jahren bei stern TV schon einmal Fälschern auf den Leim gegangen war, stand blamiert da, führte er in seiner altbackenen Polit-Laberei doch genau dieses Video an. Der umtriebige Böhmermann ließ den Kollegen allerdings nicht lange im Ungewissen, schließlich leben beide gut und gern vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dennoch: Die Stinkefinger-Causa zeigte, wie leicht es ist, die Glaubwürdigkeit eines Journalisten wie Jauch ins Wanken zu bringen.

Lieblose Zeitungen, fehlende Visionen, peinliche Videos

Der Ruf der Journalisten ist allerdings schon länger ramponiert, nicht zuletzt haben viele deutsche Verleger mit einer Mischung aus Geiz und Dummheit in den vergangenen zwanzig Jahren kräftig dazu beigetragen. Das ständige Ausdünnen von Redaktionen, die Tarifflucht und das Hypen von dubiosen Outsourcing-Modellen haben einen nicht unbeträchtlichen Teil der Branche ruiniert. Je jünger die Leser, desto geringer heute die Freude an lieblos produzierten Lokalzeitungen, die von schlecht bezahlten Pauschalisten zusammengestümperte Berichte servieren und für Recherche seit Jahren keinen Cent mehr ausgeben. Content ist schon lange nicht mehr King.

Doch nicht nur der Inhalt lässt die Leser oft grausen. Online-Angebote im Look der späten 90er Jahre mit peinlichen „Videos“ von Praktikanten sind darüber hinaus häufig ein weiteres typisches verlegerisches Armutszeugnis. Kaputtsparen nennt man das – und viele Verleger sind darin wahre Meister. Mangelnder Intellekt, fehlende Visionen und nicht vorhandenes unternehmerisches Denken werden leider anscheinend in einigen Verlegerfamilen so vererbt, wie einst die hässliche Wulstlippe bei den Habsburgern oder die Bluterkrankheit bei den Romanows.

Die deutsche „Lügenpresse“ hat kaum noch Freunde

Kein Wunder also, dass die Deutschen „ihren“ Journalisten inzwischen nichts Gutes mehr zutrauen. Findige Demagogen von links und rechts ordnen inzwischen Journalisten wahlweise der „Lügenpresse“, der „Kapitalistenpresse“, den „Mainstream-Medien“ oder anderen zweifelhaften Genres zu. Selbst ein (Ex-)Bundespräsident wie Christian Wulf war sich nicht zu schade, den Medien ordinär zu drohen. Entsprechend ist das Image. „92 Prozent der Deutschen vertrauen den Berufsrettern von der Feuerwehr. Werte, von denen Journalisten nur träumen können. Selbst vor zehn Jahren genossen Berichterstatter nicht mal das Vertrauen von jedem Zweiten. Seither sank das Ansehen innerhalb von fünf Jahren um 14 Prozent“, schreibt das Online-Magazin MEEDIA.

Auch Politiker und Gewerkschafter mag niemand wirklich gern

Einziger Hoffnungsschimmer: Politiker, Profifußballer und Gewerkschafter stehen in einem noch übleren Ruf. Das allerdings ist nur ein schwacher Trost, denn Berufsgruppen wie Politiker mit so peinlichen Exponenten wie Roland Pofalla oder Andrea Nahles sind ebenso wenig eine Referenz, wie Frank Bsirske oder sein gefürchtetes Bahn-Pendant Claus Weselsky. Was den geneigten Leser allerdings irritiert innehalten lässt: Ausgerechnet die Piloten mit ihrer famosen Edel-Gewerkschaft Cockpit sind auf Platz drei des Vertrauensrankings. Vielleicht steckt aber auch hier nur wieder Jan Böhmermann dahinter – denn eigentlich hätten die Lufthansa-Kapitäne mit ihrer Dauerstreikerei und Tarifabzocke einen richtig miesen Platz verdient, der irgendwo zwischen Journalisten und Gebrauchtwagenhändlern liegt…

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