Sexismus-Debatte bei Anne Will: Wie man mit einem Schein-Skandal ein Thema versemmelt

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Deutschlands Harvey Weinstein heißt Brüderle

Wer nicht weiß, wofür seine Rundfunkgebühren ausgegeben werden, konnte es am Sonntag sehen: Da zeigte die ARD die langen Beine von Verona Pooth die bei Anne Will zu Gast war. Freilich ging es nicht um Venencremes oder die Qualität von Strumpfhosen sondern um Sexismus. Vermutlich wäre die eher trockene Sendung auch längst vergessen – wenn es einem SPIEGEL-Mitarbeiter nicht gelungen wäre, einen Schein-Skandal zu provozieren.

Jeder, der sich auch nur am Rande mit der einstigen Moderatorin der Sex-Sendung Peep! (samt Pornostar Dolly Buster) beschäftigt hat, weiß, wie freizügig Verona Pooth ihre Optik immer noch für werbliche Zwecke einsetzt. Nur offensichtlich nicht die altbackene ARD – dort entschuldigte man sich für einen banale Kameraschwenk über ihre Beine. Ein Fehler des Regisseurs, ließ man kleinlaut mitteilen. „Das widerspricht unseren redaktionellen u. bildlichen Grundsätzen“, winselte es aus der Will-Redaktion bei Twitter. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist endlich wieder dort, wo er ursprünglich herkommt: in den 50er Jahren der prüden Ära Adenauer. Vermutlich darf der inkriminierte Regisseur künftig nur noch mit den Händen über der Bettdecke unter Ausicht des Chefredakteurs schlafen.

Der SPIEGEL provoziert erfolgreich die ARD

Zur Ehrenrettung der ARD muss allerdings gesagt werden, dass es ein eifriger SPIEGEL-Mitarbeiter war, der die Gunst der Stunde und die Online-Reichweite von SPON nutzte, um sich als prüder Jakobiner zu gebärden und den Kameraschwenk massiv zu kritisieren. Vor der Macht des Magazins knickte die ARD sofort ein. Der SPIEGEL wird frohlockt haben, nutzt man dort doch jede Gelegenheit, auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzuprügeln. Dem Kampf gegen die Sexisten vom Schlage eines Harvey Weinstein hat er mit seiner verklemmten Weltsicht freilich einen Bärendienst erwiesen.

Ein Sexmonster wie aus dem Drehbuch

Amerika hat eben diesen Harvey Weinstein, einen unappetitlichen Filmproduzenten, ein Sexmonster wie aus dem Drehbuch. Und Deutschland hat – Rainer Brüderle. Und weil eben dieser Rainer Brüderle angeblich gern mal ein Viertele trinkt, entrang sich seinen Lippen vor Jahren gegenüber einer bis dahin unbekannten Journalistin namens Laura Himmelreich die wenig geistreiche Bemerkung „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“. Freilich musste die Stern-Redakteurin Himmelreich den tumben Spruch Brüderles ungefähr ein Jahr verdauen bis sie damit medienwirksam auflief, just zu der Zeit, als der FDP-Politiker sich 2013 zum Bundestagswahlkampf anschickte, Spitzenkandidat seiner Partei zu werden. Ein Schuft, wer übles dabei denkt.

Rainer Brüderle – der deutsche Harvey Weinstein

Ob sich Brüderle den folgenden Abstieg in die Bedeutungslosigkeit mit Dreiviertel oder Vierviertel Wein schön trank, ist nicht überliefert. Auch zu Anne Will wurde er am Sonntag nicht geladen – schade eigentlich, die Öffentlichkeit hätte vielleicht gern erfahren, welche Auswirkungen weingeschwängerte Hintergrundgespräche von Politikern und Journalisten auf Motorik und Artikulation der Beteiligten haben können. Immerhin aber war Redakteurin Himmelreich, die Brüderle damals desavouierte, in der ARD zu Gast und durfte erneut die uralte Geschichte vom säftelnden Rainer zum Besten geben. Das war die deutsche Version der monströsen Taten von Harvey Weinstein in der ARD.

Eine schlechte Anwältin für die Begrapschten und Gedemütigten

Die Gefahr lauert woanders: Der latente Sexismus in der Öffentlichkeit, den Büros und sicherlich auch in den TV-Studios der ARD verschwindet hinter einer Diskussion über die Entschuldigung für den unbedeutenden Schwenk über die Beine einer schönen Frau und alkoholisiertes Gerede alter Männer. Gerade Laura Himmelreich ist eine schlechte Anwältin für die Begrapschten und Gedemütigten. Sie verantwortet inzwischen ein Onlineportal, das mit Headlines wie „Werden wir in Zukunft mit staatlich geförderten Pornos aufgeklärt?“ oder „Fragen, die das Verschwinden einer masturbierenden Frauenskulptur aufwirft“ versucht, seine Klickzahlen zu erhöhen. Über den werblichen Support für ihre Online-Platform durch den Gebührenzahler wird sie hoch erfreut gewesen sein, ebenso wie die langbeinige Verona Pooth, der wohl selten ein so anspruchsvolles gebührenfinanziertes Podium geboten wurde.

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