Sportliteratur für Geschichtsfreaks: Die etwas andere Lektüre zur Fußball-WM in Russland

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Hitler, Stalin und das runde Leder

Sport und Diktatur – eine Mischung, die nicht nur das Herz Adolf Hitlers bei den olympischen Spielen 1936 höher schlagen ließ. Auch andere Finsterlinge der Geschichte ergötzten sich an pompösen Aufmärschen, durchtrainierten Athleten, Licht- und Fackelspielen in Stadien. Ein Grund mehr, angesichts der anstehenden Fußball-WM in der lupenreinen Demokratie Russland einen etwas anderen Blick in die Geschichte des runden Leders zu werfen.

Heinrich Peuckmann, Mitglied im Präsidium des PEN, ehemaliger Lehrer Frauke Petrys (die er öffentlich rügte), Fußballfan aus dem Ruhrpott und dort bekannt wie ein bunter Hund, hat ein kleines aber feines Buch geschrieben. Zur Fußballweltmeisterschaft ist „Gefährliches Spiel“ die richtige Lektüre, um sich neben der Euphorie und dem Siegesjubel auch die elenden Seiten des Sports ins Gedächtnis zu rufen – dabei bleibt der Autor stets unterhaltsam und verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger.

Gottfried Fuchs: Zehn Tore in einem einzigen Spiel

Tief in die Geschichte taucht Peuckmann ab – und es lohnt sich, dabei zu sein: Da berichtet er etwa über das Schicksal des jüdischen Fußballers Gottfried Fuchs, der aus Nazi-Deutschland floh. Später entwickelte sich eine Brieffreundschaft mit Sepp Herberger. Fuchs spielte von 1911 bis 1913 für die deutsche Nationalmannschaft. Er schoss in sechs Spielen dreizehn Tore – und im olympischen Fußballspiel gegen Russland 1912 erzielte er gar zehn Tore in einem Länderspiel, ein einmaliger Rekord (das Spiel endete 16:0). Im Ersten Weltkrieg diente Fuchs als Offizier – doch auch das schützte ihn nicht vor den Nazis: Man tilgte seinen Namen aus den Jahrbüchern des deutschen Fußballs. Er wurde vergessen – bis Heinrich Peuckmann ihn jetzt aus dem Schatten holte, in den ihn die Nürnberger Rassegesetze gestellt hatten. Der DFB ignorierte übrigens noch 1972 Herbergers Herzenswunsch, Gottfried Fuchs offiziell nach Deutschland einzuladen – man habe angeblich dafür kein Geld.

„Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es bald drei zu null…“

Die umfangreichste Novelle erzählt die Geschichte von Otto „Tull“ Harder, dem einst hochgeschätzten Stürmer des HSV. Er schoss die Hamburger 1923 und 1928 zur Meisterschaft. „Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es bald drei zu null…“, sangen die Fans im Stadion. Harder war für seine oft torgekrönten Alleingänge bekannt. Auf Befehl und Gehorsam hörte er außerhalb des Stadions. Während des Nationalsozialismus war Tull Harder in der SS. Er trat 1932 in die NSDAP und 1933 in die SS ein und war in mehreren Konzentrationslagern eingesetzt. Schon 1939, nun in der Waffen-SS, war er Wachmann im KZ Sachsenhausen. 1940 wurde zum KZ Neuengamme in Hamburg versetzt. Noch im Januar 1945 beförderte man ihn zum Untersturmführer.

Zwei HSV-Spieler und das Konzentrationslager

Harder wurde von den Briten wegen Kriegsverbrechen zu 15 Jahren Haft verurteilt, jedoch bereits 1951 vorzeitig entlassen. Nicht nur seine Fans, auch der HSV insgesamt feierten seine Rückkehr aus der Haft überschwänglich – kein Gedanke wurde an seine Straftaten verschwendet. Im KZ bewachte Tull Harder übrigens zumindest einen seiner ehemaligen Fußballkollegen: Der Norweger Asbjörn Halvorsen war mit Harder und dem HSV zweimal deutscher Meister geworden. Hamburg hatte wenig Berührungsängste mit seinem kickenden SS-Mann: Noch anlässlich der Fußball-WM 1974 gab der Senat eine Broschüre heraus, in der Tull Harder neben Uwe Seeler und Jupp Posipal als Vorbild für die Jugend genannt wurde. Erst einen Tag vor der Verteilung wurde die Peinlichkeit bemerkt – und die entsprechende Seite aus allen 100.000 Exemplaren entfernt.

Fußball unter den Augen Stalins

Doch auch im Reich der roten Diktatoren gab es jede Menge Furcht und Elend auf dem grünen Rasen. Da ist das Fußballspiel auf dem Roten Platz – Spartak gegen Dynamo Moskau – unter den Augen Stalins, und damit verbunden, die Angst, sportlich zu versagen und womöglich mangelnden Einsatz mit dem GULAG zu bezahlen. Eine langsam in die Spieler kriechende Angst – Peuckmann schildert grandios, was sich da auf dem Platz und in den Kickern abspielt. Und mancher Leser erinnert sich vielleicht dabei auch an das Schicksal der legendären ungarischen Mannschaft, die 1954 der Truppe von Sepp Herberger beim WM-Endspiel in Bern unterlag und sich dafür vor der Kommunistischen Partei verantworten musste. Das blieb nicht ohne Folgen: Ausgelöst durch den Volksaufstand von 1956 und der sich anschließenden Flucht vieler Sportler ins Ausland, begann das Ende. Der ungarische Fußball erholte sich nie wieder davon.

Heinrich Peuckmann, Gefährliches Spiel, Novelle. Kulturmaschinen Verlag, ISBN  978-3-943977-99-8 Verkaufspreis: 10,80 €, Broschur, 12 x 19 cm, 122 Seiten. Umschlaggestaltung: Vladi Krafft.
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