Wäre das britische Referendum Gegenstand einer Ermittlung, könnte man sagen: Eine schreckliche Beziehungstat.

| 1 Kommentar

„From Hell!“ – so what?

Die Briten verlassen die EU. Düstere Szenarien überall. Jetzt wird nichts mehr so bleiben, wie es war. Das Ende der EU und damit Europas Götterdämmerung hat begonnen. Großbritannien ist wieder wer. Aber mal im Ernst: Das Vereinigte Königreich verlässt die EU – so what?

Jack the Ripper pflegte seine Botschaften an die Londoner Polizei mit „From Hell“, mit Grüßen aus der Hölle, zu unterschreiben. Bis heute ist nicht geklärt, wer der teuflische Frauenmörder war, doch meist waren die Verdächtigen damals keine Engländer, sondern immer dubiose Ausländer: Mal ein Ire, mal ein polnischer Barbier, mal ein deutschstämmiger Maler, ein russischer Arzt, ein mysteriöser Jude. Engländer, da war man sich Mitte der 80er Jahre im 19. Jahrhundert bei der Londoner Metropolitan Police sicher, begingen im viktorianischen Zeitalter derartig abscheuliche Verbrechen einfach nicht.

Dumpfer uralter britischer Nationalismus?

Als 1912 die TITANIC sank, forderte ihr Captain Edward J. Smith die Passagiere angesichts des drohenden Todes auf, sich gefälligst anständig zu verhalten – „Be British!“. Auch wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, kann man schließlich würdevoll absaufen. Später berichteten die Mitglieder der geretteten Upper-Class, die wenigen, die an Bord in Panik ausgebrochen seinen, wären natürlich Italiener, Spanier, oder Franzosen gewesen, aber niemals Engländer. Die halbe heutige EU stand quasi unter Tatverdacht, sich auf der TITANIC nicht korrekt zu verhalten – ein Ressentiment, das bis heute wirkt, jedenfalls in einfachen konservativen Arbeiterhirnen, wie das Referendum gezeigt hat. Dumpfer uralter britischer Nationalismus sitzt dort seit Jahrzehnten, gegen den die AfD fast wie ein Haufen Rechtsintellektueller daher kommt.

Der EU die Kehle durchgeschnitten

Insoweit ist das Referendum in der Tat „From Hell“, doch der Ripper war kein Ausländer, sondern ein wohlsituierter Engländer namens Nigel Farage samt Mittätern aus der konservativen Partei wie Boris Johnson. Farage hat nach jahrelanger Vorbereitung seiner Tat jetzt endlich wie angedroht der EU die Kehle durchgeschnitten oder besser gesagt, durchschneiden lassen. Wäre das Referendum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung, könnte man auch sagen: Eine klassische Beziehungstat, die abzusehen war.

Diese EU hat es Nigel Farage und seinen Mittätern um den Ex-Londoner Bürgermeister Boris Johnson leichtgemacht. Denn sie hat Großbritannien immer mehr Liebe entgegen gebracht, als umgekehrt. Und diese Liebe war für die konservativen Briten längst die einer nervenden alten Ehefrau geworden. Denn was anderes ist in ihren Augen die EU? Eine hässliche Nervensäge mit osteuropäischem Dialekt, die den ganzen Tag auf der sozialen Couch abhängt und ständig jammert, der Mann bringe nicht genug Geld nach Hause. Da packte dann den Gatten irgendwann der gerechte Zorn und er entledigte sich der alten Vettel, die sein Geld ausgab und nur noch schachtelweise Gesetze und Verordnungen in sich hineinfraß, von denen sie immer fetter wurde.

Der EU-Ripper heißt Nigel Farage

Immerhin, mehr als die Hälfte der Briten, vor allem konservative ältere Menschen, haben offensichtlich diese Sichweise des EU-Rippers Nigel Farage geteilt. Denn die europäische Vettel hatte ja nicht nur mittlerweile einen fiesen osteuropäischen Akzent, sondern schon immer dieses hässliche deutsche Gesicht und die großkotzigen französischen Allüren gehabt. Kein Jahr ist es her, dass diese dauernd britisches Geld verprassende Schlampe auch noch hunderttausende Kostgänger aus Syrien und anderen Ländern in das europäische Haus aufnehmen wollte – eine Horrorvorstellung für alle braven Steuerzahler Ihrer Majestät, die schon Horden von ungewaschenen Migranten in den Vorgärten ihrer typical semi-detached houses campieren sahen.

Großbritannien ist wieder wer. Aber wer?

Gott sei Dank, diese Gefahr ist in den Augen der Mehrzahl der Briten gebannt. Für sie gilt: Der Ausgang des Referendums ist eine verständliche Beziehungstat, zu der sie gern Beihilfe geleistet haben. Und jetzt? Großbritannien ist wieder wer. Aber wer? Im Ernst: Das Vereinigte Königreich verlässt die EU – so what?

Share

Ein Kommentar

  1. Gefällt mir 😉

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share