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Walter Freiwald: Niemand verkörpert den momentanen Zustand Deutschlands besser

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Der Volks-Präsident von RTL

Beim RTL-Shop sahen ihn Millionen Menschen im Milbenkostüm – dann ging er in den Dschungel. Und dort platzte es aus Walter Freiwald heraus: Er wollte eigentlich schon damals den Präsidentenjob von Horst Köhler. Und das mit Recht: Schließlich kann jeder Deutsche, der das 40. Lebensjahr vollendet hat, Bundespräsident werden, heißt es im Grundgesetz. Wer die zur Zeit kursierenden Kandidatenlisten anschaut merkt rasch: Walter Freiwald wäre tatsächlich eine erfrischende Alternative und ein echter Volks-Präsident.

Einst gab es Präsidenten wie Theodor Heuss oder Johannes Rau, Richard von Weizsäcker oder Walter Scheel. Staatsmänner, die etwas zu sagen hatten. Roman Herzog, Gustav Heinemann, Karl Carstens: Das war zwar nicht die ganz große internationale Liga, doch stets hatte ihr Handeln Substanz und niemand musste sich seines Präsidenten schämen. Dann verkam das Amt zum politischen Kuhhandel. Horst Köhler oder Christian Wulf gaben weder gesellschaftlichen Input, noch parteiübergreifendes Vertrauen. Wulffs intellektueller Provinzialismus und sein fataler Hang zu großkotzigen Freunden waren der bisherige Tiefpunkt in der Geschichte der Bundespräsidenten.

Das Politbüro der großen Koalition

Nachdem es Joachim Gauck gelungen war, der Tätigkeit des Bundespräsidenten wieder etwas Leben einzuhauchen, kursieren jetzt bereits wieder Unmengen an Namen, vorzugsweise natürlich aus dem Dunstkreis des Politbüros der großen Koalition. Es wird großzügig mit Kandidaten jongliert, als ginge es um einen Karnevals-Prinzen oder eine Weinkönigin, nicht um das höchste Amt im Staate. Wer hat noch nicht, wer will noch mal, scheint das Motto bei Kandidatenvorschlägen wie Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen  oder Gesine Schwan zu sein. Und wie bei einem Automobilkonzern soll quasi wieder ein Mitglied des Vorstandes in den Aufsichtsrat gehen – so bleibt der Präsident ein Grüßaugust und Frühstücksdirektor und wird sich hüten, ernsthaft an denen herumzukritteln, von deren Gnaden er das Amt erhielt.

Die rechte und die linke Hand des Teufels

Die Alternativen waren allerdings auch oft zweifelhaft: Der Schauspieler Peter Sodann erregte 2008 als Linken-Kandidat Aufsehen mit der Äußerung, dass er, wenn er nicht nur im „Tatort“ Kommissar wäre, er den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sofort verhaften würde. Die NPD schickte im selben Jahr den dubiosen braunen Liedermacher Frank Rennicke in die Arena der Bundesversammlung, der Polen als „Beschmutzer deutscher Erde“ bezeichnete und seine Hörer nicht nur bei Neo-Nazis, sondern auch beim Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsorganen hat. Rennicke und Sodann – das waren die rechte und die linke Hand des Teufels.

Der Walter Freiwald in uns allen

Und da kommt Walter Freiwald ins Spiel, der im Gegensatz zu allen momentan kursierenden Kandidaten auch die Unbilden des Lebens außerhalb der Alimentation des öffentlichen Dienstes oder der Politik kennt. Der lange arbeitslose Freiwald hatte sich schon vor dem eigentlichen Start des Dschungelcamps 2015 gekonnt zurück in das Gedächtnis der Zuschauer gebracht: Erst bekam sein Ex-Kollege Harry Wijnvoord mit ein paar Derbheiten sein Fett weg, dann protzte Walter mit seiner Duz-Freundschaft zum „Günter“ und zum „Thomas“, die dem gemeinen Zuschauer auch als Jauch und Gottschalk ein Begriff sind.

Der Mann im Milbenkostüm als Präsident

Während Wijnvoord – schon zu Zeiten von „Der Preis ist heiß“ eine der Zielscheiben für die Freiwaldschen Bosheiten – entnervt zurückkeilte und Walter öffentlich als „cholerisch“ bezeichnete, schwiegen die beiden Show-Titanen Jauch und Gottschalk weise. Doch Walter, der einst im grandiosen Milbenkostüm allergikerfreundliche Matratzen beim RTL-Shop unters Volk brachte, wäre nicht Walter, wenn er nicht das Nähkästchen vor dem intellektuellen Forum der Dschungelgemeinde geöffnet und daraus munter von seiner Bewerbung als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vor sechs Jahren geplaudert hätte.

Walters sozialdemokratische Gene

Wer allerdings dachte, ihm wäre vielleicht ein vergorener Kakerlaken-Cocktail auf den Verstand geschlagen, sah sich getäuscht: Der umtriebige Mann mit der immer noch sonoren Stimme hatte sich tatsächlich 2010 für das höchste Amt im Staate in Position gebracht. Per vertraulicher E-Mail warb er bei der SPD um Unterstützung für seinen Plan einer Kandidatur. Die richtigen Gene für die Sozialdemokraten bringt der ewige Zweite von Harrys Preis durchaus mit: Seine Eltern waren beide in der SPD. Walter war außerdem „Programmdirektor von RTL“ (Walter über Walter), ist ein Arbeitstier und spricht Englisch. Außerdem sei er es gewohnt, vor großem Publikum zu reden. „Ich bin äußerst sozial und gerecht und habe Kraft für drei und jede Menge Humor“, preist er sich in einem Bewerbungsschreiben an. Wer je mit Walter zusammen gearbeitet hat, weiß, dass er damit nicht übertreibt.

Noch mehr Humor als Heinrich Lübke

Hand aufs Herz, liebe Bundesversammlung: Der ungekrönte König des Dschungels bringt hier Softskills ins Spiel, die wir bei manchen Bundespräsidenten schmerzlich vermisst haben. Wirklich ausgeprägten Humor gab es nur bei Heinrich Lübke und dieser Humor war äußerst unfreiwillig. Vor großem Publikum zu sprechen fiel Lübke im Gegensatz zu Walter schwer, mal vergaß er den Namen des Ortes an dem er war (1961 in Helmstedt), mal war seine Begeisterung über sanitäre Anlagen in Afrika (auf Madagaskar 1966) so groß, dass er erfreut feststellte: „Die Leute müssen ja auch mal lernen, dass sie sauber werden!“ Gleichermaßen hatte er schon 1964 Gefallen am Iran gefunden: „Dann kamen wir nach Teheran – und da habe gleich gesehen: Die Leute waren sauber gewaschen!“. Heute könnte sich das nur noch ein Präsident Alexander Gauland leisten.

Niemand verkörpert den Zustand Deutschlands im Jahr 2016 besser

Walter Freiwald – ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck trägt, einem breiten Publikum bekannt ist, die Sprache der einfachen Menschen spricht, familiär einen sozialdemokratischen Hintergrund hat und ausreichend Humor besitzt: Niemand verkörpert den Zustand Deutschlands im Jahr 2016 besser. Mit ihm wäre statt peinlichem Doku-Drama im öffentlich-rechtlichen TV wie mit Christian Wulff eine sanfte und vielen aus dem Herzen sprechende Präsidenten-Soap auf RTL denkbar. Für mich auf jeden Fall ein Grund, Walters Autogrammkarte aus der letzten „Der Preis ist heiß“-Produktion von 1997, die ich hier erstmalig der sicherlich staunenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe, noch lange sorgfältig aufzubewahren.

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