Was mein von den Nazis ermordeter Onkel und tote Journalisten gemeinsam haben

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Die Instrumentalisierung der Toten?

Was Demokratie nicht braucht, ist die Erstarrung in Ritualen. Aber wer sich dagegen ausspricht, betritt vermintes Gebiet. Doch was Demokratie überhaupt nicht verträgt, ist die moralische Diffamierung des Gegners. Vor allen Dingen nicht, wenn mein von den Nazis ermordeter Onkel dabei instrumentalisiert wird. Es muss andere Wege geben, den reaktionären Kräften in diesem Land deutlich zu machen, dass sie auf dem Holzweg sind.

Was für ein Bild! Politiker aus vielen Ländern untergehakt an der Spitze einer Demonstration für die Freiheit. Eine großartige Inszenierung mit Schönheitsfehlern. Denn unter den Vertretern der Freiheit waren ausreichend Politiker aus Ländern, in denen noch immer Journalisten verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Und natürlich marschierten die Staatslenker nicht an der Spitze der Demonstranten, sondern aus Sicherheitsgründen weit von ihnen entfernt, was aber erst später richtig bekannt wurde.

Das Auschlachten der Pressefreiheit

Kaum hatten die Sicherheitskräfte nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo die Lage unter Kontrolle, begann das große Ausschlachten der Pressefreiheit durch Politiker. Ein wahrer Wettlauf setzte ein, die toten Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich sofort für sich zu vereinnahmen. Plötzlich waren alle Charlie – von ganz rechts bis ganz links.

Es ist erst ein paar Wochen her, dass Reporter ohne Grenzen die Liste der 2014 ermordeten und verschleppten Journalistinnen und Journalisten veröffentlichte. Ein Aufschrei in der Politik blieb aus. Keine Solidaritätsbekundung erinnerte daran, wie fragil die Meinungsfreiheit ist, kein Politiker rief zu einer Demonstration auf. Warum auch? Mit in dunklen Folterhöhlen und einsamen Terrorverstecken ermordeten Journalisten lässt sich keine publikumswirksame Politik für Wähler machen. Da reicht ein kurzes betroffenes Statement irgendeines Pressereferenten der Ministerialbürokratie völlig aus.

Die ordinäre Politik der Straße

Heute erleben wir, wie sich PEGIDA und Anti-PEGIDA mit den Zahlen von Demo-Teilnehmern überbieten. Es ist ein Wettkampf entbrannt, den vermutlich Millionen Menschen daheim vor den Fernsehern mit Kopfschütteln verfolgen. Mit Schaum vor dem Mund wird in Talkshows diskutiert, diffamiert und provoziert. Ein offener Dialog, in dem ehrlich über Chancen und Risiken von Zuwanderung gesprochen wird? Fehlanzeige. Der jeweilige Gegner ist je nach Unterstellung wahlweise ein heimlicher Nazi oder ein Islamist, der von der „Lügenpresse“ gesteuert wird. Es ist die Stunde der ordinären Politik der Straße, die nur Schwarz und Weiß kennt. Und es ist die Stunde der Politiker, die sich darin gefallen, unter dem Deckmantel der Aufklärung lustvoll weiter Öl ins Feuer zu gießen um sich für die nächsten Wahlen in Stellung zu bringen.

Die geschmacklosen Vergleiche mit der NS-Zeit

Wie es sich für eine typisch deutsche Diskussion gehört, wird eifrig Vokabular aus der NS-Zeit verwendet und der jeweilige Gegner ordinär geschmäht – denn wenn man ihm schon physisch nicht an die Kehle gehen kann, dann doch wenigstens verbal. Ganz weit vorn die PEGIDA-Akteure, die tief in den braunen Eimer greifen: „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ skandieren ihre Anhänger gegenüber Journalisten und Gegendemonstranten. Ein übles Vokabular, aus dem auch schon andere schöpften: „Ratten und Schmeißfliegen“ nannte Franz-Josef Strauß einst linke Journalisten und der Kölner Ex-Erzbischof Kardinal Meisner verglich Abtreibungen mit dem Holocaust.

„Nazis in Nadelstreifen“

Deutsche Politiker waren noch nie kleinlich, wenn es darum ging, Gegner moralisch mit Hilfe der NS-Zeit abzuservieren. Heiner Geissler behauptete einst genüsslich mit Blick auf die Friedensbewegung, „der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht“, Helmut Kohl verglich die Rhetorik von Goebbels mit Gorbatschow und die heute zu recht vergessene Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin faselte davon, die politischen Methoden von George Bush und Adolf Hitler seien sich ähnlich. Joschka Fischer verkündete gar vollmundig, Auschwitz sei der Gründungsmythos der Bundesrepublik.

Sie alle wussten ganz genau, dass der stete Bezug zur NS-Zeit ihren Worten nicht nur etwas Dramatisches gibt, sondern auch entsprechende Reaktionen auslösen würde. Wie die PEGIDA-Bewegung geschickt auf der Klaviatur des „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!“ spielt, so spielen seit jeher viele Politiker auf der nach oben offenen Pseudo-Empörung mittels NS-Vergleichen. Erst vor ein paar Monaten verstieg sich der NRW-Innenminister Ralf Jäger zu der Behauptung, die Teilnehmer der Hogesa und PEGIDA-Veranstaltungen seien „Nazis in Nadelstreifen“. Kaum jemand fiel Jäger ins Wort. Dabei ist der in einem vermutlich historisch nicht übermäßig gebildeten Politikerhirn entstandene Satz für den Diskurs in einer offenen Gesellschaft unverantwortlich. Er schneidet den Dialog mit den PEGIDA-Demonstranten durch moralische Diffamierung und Ausgrenzung radikal für immer ab.

Der grausame „Gnadentod“ für meinen behinderten Onkel

Was aber noch schlimmer ist: Ralf Jäger verharmlost die NS-Zeit in grotesker Weise. Und das nehme ich persönlich. Wer wie ich an einem Ort gewesen ist, an dem die Tötungsmaschinerie der Nazis ein Familienmitglied ermordet hat, kann nur entsetzt über diese Gedankenlosigkeit sein. Von grausamen Ärzten für „lebensunwert“ erklärt, kam der kleine Bruder meiner Großmutter Anfang der 40er Jahre in die Landesheilanstalt Hadamar, einer Kleinstadt in Hessen. Hier wurde der geistig behinderte Junge mit einer Injektion ins Herz ermordet – so wie Zehntausende anderer behinderter Menschen in Deutschland, denen Adolf Hitler den „Gnadentod“ mittels Gaskammer oder Todesspritze „gewährt“ hatte. Ein bis heute kaum bekanntes Verbrechen. Als ich in Hadamar an einem trostlosen Herbsttag neben dem Mahnmal für die Ermordeten stand, hat es mich vor Trauer und Entsetzen umgehauen.

Warum ich mich für Ralf Jäger schäme

Ich möchte nicht, dass mein ermordeter Großonkel von Ralf Jäger und anderen Politikern immer wieder instrumentalisiert wird. Der Vergleich mit der NS-Zeit führt nicht nur zur Reaktanz beim dumpfen Teil der PEGIDA-Demonstranten – er missbraucht die Opfer der Nazis, weil er das unberschreibliche Grauen unter dem Deckmantel demokratischer Gesinnung für die Tagespolitik der Parteipolitiker verharmlost. Das ist schäbig und mit nichts zu rechtfertigen. Ich schäme mich für einen Landesminister, der meinen ermordeten Onkel braucht, um Worte für seine Abneigung gegen politisch Andersdenkende zu finden. Es muss andere Wege geben, den reaktionären Kräften in diesem Land deutlich zu machen, dass sie auf dem Holzweg sind.

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Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Bastian!

    Ich kann Ihnen nur zustimmen ! Sie haben die richtigen Worte gefunden…

    Ulrich Keller

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