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Windiges aus der Luftfahrt: Die Abfangjäger der Pressefreiheit im Dauereinsatz

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BILD Dir Deine Meinung ist ein Teil des Grundgesetzes

Feinfühligkeit? Fehlanzeige. BILD, das Zentralorgan des schlechten Geschmacks, bleibt, wie es schon immer war: Vulgär, aggressiv aber verdammt schnell. So wie jetzt auch im Falle des Co-Piloten der gegen einen Berg gerasten Maschine von Germanwings. Noch bevor die Ermittler alle Details bekannt gegeben haben, weiß BILD fast alles. Und vermutlich in vielen Details sogar besser und schneller als andere Medien. Wer hätte gedacht, dass  die schmuddelige BILD mutig vorangeht, während Politiker, viele Journalisten und Konzernchefs wie Airbus-Vorstand Thomas Enders nach Gängelung der freien Bericherstattung rufen.

„Manchmal leide ich wie ein Hund“, soll Axel Springer, Verlegertycoon und oberster Chef von BILD einst über seine Empfindungen bei der Lektüre von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung gesagt haben. Verständlich – unvergessen sind die Recherchen Günter Wallraffs im Lügen-Sumpf der BILD der 70er Jahre, deren Erkenntnisse wohl selbst den zähen Verleger schmerzten. Die Wallraff-Enthüllungen haben viel bewegt, das Lügen hat noch der alte Springer seiner BILD abgewöhnt. Aber auch in diesen Tagen wird garantiert jemand wieder wie „ein Hund leiden“: Die Familie des beim Absturz ums Leben gekommenen Co-Piloten, der von BILD vorgeführt wurde.

Die Heuchler sind unter uns...

Der große Aufschrei der Empörung folgte prompt – wie konnte es jemand wagen, den Co-Piloten Andreas Lubitz mit Namen zu nennen und auch noch im Bild zu zeigen! Die Abfangjäger der Pressefreiheit im Dauereinsatz: Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Störung der Privatsphäre, Recht am eigenen Bild. 48 Stunden später sind die Heuchler plötzlich unter uns. Jetzt ist die vermeintliche Tat monströs und unerhört genug und angeblich jede Namensnennung gerechtfertigt. Das, was BILD tat, machen jetzt fast alle und niemand findet mehr etwas dabei. Warum auch? Egal, was nun die medizinisch-technisch exakte Unglücksursache ist: Andreas Lubitz war der einzige Mensch im Cockpit, der etwas dazu hätte sagen und beitragen können. Es gibt keinen Grund, sein Wohnhaus zu zeigen, aber auch keinen Grund, seinen Namen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten, so furchtbar das für die Angehörigen ist.

Wenn Täter mehr Schutz genießen, als die Opfer

Nur einige vom Staat legitimierte Journalisten pflegen ihre Skrupel. Sie verfahren nach der typisch deutschen Devise „nichts veröffentlichen, solange nicht ein ordentliches Gericht möglichst in letzter Instanz die Informationen bestätigt hat.“ Hier tritt wieder offen zutage, was längst zu einem Knebel von Journalisten geworden ist: Der Schutz von Verursachern und Tätern wird immer häufiger über die journalistische Pflicht einer umfassenden Berichterstattung gestellt. Während Opfer in allen Lebenslagen gezeigt und vorgeführt werden, haben Täter in Deutschland einen fast einzigartigen Anspruch auf Zurückhaltung. Alter, Herkunft, Name, Biografie – immer weniger erfahren Leser und Zuschauer über die Verursacher von Katastrophen und Straftaten. Pseudo-Verständnis und politische Correctness allenthalben. Ja, Journalisten machen Fehler und reden und schreiben auch viel dummes Zeug. Aber das ist Teil eines Kommunikationsprozesses, den man Aufklärung und Meinungsäußerung nennt. Für alle, die nicht mehr wissen, was das ist, sei auf das Grundgesetz verwiesen.

Der bigotte Zorn des Airbus-Chefs

Und jetzt bläst ausgerechnet Thomas „Tom“ Enders, Vorstandschef der Firma Airbus, Hersteller der Todesmaschine, direkt zur nächsten Attacke gegen die freie Berichterstattung: „Was wir kritisch hinterfragen sollten, ist das Unwesen, das manche ‚Experten‘ vor allem in TV-Talkshows treiben. Das ist eine Verhöhnung der Opfer.“ Enders fordert eine bessere Kontrolle durch die Fernsehräte: „Das ist Missbrauch der Medienmacht. Diese Leute verkaufen uns alle für dumm. Und dafür gibt es dann noch Honorare vom Geld der Gebührenzahler. Hier stimmt die Aufsicht in den Anstalten nicht.“ Was der Airbus-Chef nicht sagt: Auch Airlines und Politiker spekulierten munter um die Wette. Eine bigotte Erkenntnis von Enders, der vermutlich gern selbst entscheiden würde, wer was wann wo spekulieren darf.

„BILD dir deine Meinung“ ist keine Frage des guten Geschmacks

Da darf man doch tatsächlich mal dankbar sein, dass BILD sich im Falle der Gefahr in die Bresche wirft. Es ist um eine Demokratie und die freie Berichterstattung schlecht bestellt, wenn Journalisten ängstlich Täter schützen und Industrievertreter wie Enders nach Regulierung rufen, noch dazu, wenn sie selbst in den Fall verwickelt sind. Und da ist es manchmal tatsächlich gut, dass es BILD gibt – denn über Geschmack lässt sich jederzeit trefflich streiten, nicht aber über die Pressefreiheit.

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