CSC_1766
CSC_1766

Publizisten zwischen Hohn und Horror: Jakob der Grapscher und Verschwörungs-Müller

| Keine Kommentare

Die Wohlgesinnten – Eifer und Geifer

Die Lust an der politischen Bosheit, die unstillbare Freude an Untergangsszenarien und der Glaube an die Verschwörung – das sind die Zutaten derer, die den Untergang des Abendlandes heraufdämmern sehen. Sie ergötzen sich an historisch falschen Vergleichen und haben einen Heidenspaß daran, mit bigotter Miene zu mahnen, zu warnen und zu fordern. Sie verharmlosen wahlweise sexuelle Massenübergriffe oder faseln vom Bürgerkrieg. Die Publizisten Jakob Augstein und Dirk Müller sind zwei besonders interessante Exponenten zwischen Eifer und Geifer.

Jakob Augstein, linker Millionär und Publizist, gefällt sich bei Facebook etwa darin, die Kölner Silvesternacht als  lokale Fummel-Posse zu schildern und zu ätzen: „Cem Özdemir nannte das, was sich auf dem Domplatz in jener Nacht abgespielt hat „grässlich“. Das klang so, als seien dort Frauen verspeist, nicht beraubt und sexuell bedrängt worden. … Das ist ein Fall für den Kölner Stadtrat, vielleicht für den Landtag des Landes Nordrhein Westfalen. Es ist sicher kein Fall für die Bundeskanzlerin.“ Und auf Twitter lästert der vermeintlich geistreiche Macho Augstein: „Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation“. Subtext: Bisschen Fummeln – das kann doch nicht so wild sein. Ein arger Schelm, der sich jetzt im Kopfkino die Betriebsfeste bei Augssteins Wochenblatt Der Freitag vorstellt…

Die Borniertheit der Augsteinschen Eitelkeit

Ist das eine Verhöhnung der Opfer mit der bewusst ein Konflikt befeuert wird? Oder ist es einfach die Borniertheit eines eitlen Mannes, der seit Jahren den medialen Kampf gegen alles führt, was seiner Ansicht nach bürgerlich, rechts und kapitalistisch ist, sich aber nie darum zu sorgen brauchte, wie er seine Miete bezahlen muss? Doch bevor an dieser Stelle spontaner Applaus auf dem rechten Flügel ausbricht, werfen wir direkt einen Blick auf einen anderen vermögenden Exponenten von Eifer und Geifer: Dirk Müller, ehedem Börsenmakler und heute erfolgreicher Buchautor und Künder eines ganzen Universums von dubiosen Verschwörungstheorien.

Die Kanzlerin als Zielscheibe für Hohn und Spott

Wie bei Augstein ist auch bei ihm die Bundeskanzlerin Zielscheibe von Spott und Bosheit. Per Videobotschaft von der Frankfurter Börse wendet sich „Mr. Dax“ an das Volk und verkündet nonchalance, Frau Merkel habe nicht nur den schwersten Fehler seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland begangen, sondern er verbreitet auch die Horrorbotschaft, es werde vermutlich zum Bürgerkrieg kommen. Verschwörungs-Müller suchte für sein billig gemachtes Video übrigens extra die Frankfurter Börse auf – aber offenbar nach Feierabend, denn hinter ihm schieben gelangweilte Mitarbeiter Getränkekisten über das Parkett (ab Minute 1:41). Und natürlich vergisst er auch die die alte Leier von der „Lügenpresse“ nicht: Die „Medien“ hätten tagelang geschwiegen. Beweise wie immer in solchen Fällen: Keine.

H.P. Friedrich und der Charme von Frauke Petry

Dabei lohnt es sich durchaus zu schauen, wie unterschiedlich „die Medien“ mit der Kölner Silvesternacht und ihren Folgen umgehen. Es waren die viel geschmähten Lokalzeitungen, die als erste recherchierten und berichteten. Kölner Stadtanzeiger, Rheinische Post, WAZ, EXPRESS: Hier saßen und sitzen diejenigen, die schon früh ohne Ansehen der Person ihrer journalistischen Sorfaltspflicht nachkamen. Die falsche Behauptung des ehemaligen, an erwiesener Erfolglosigkeit gescheiterten Ministers Hans-Peter Friedrich (CSU), es gäbe ein „Schweigekartell“ der Medien, hätte Frauke Petry nicht deutlicher aber vermutlich charmanter äußern können – was sie übrigens nicht tat.

Phönix versagt – und das ZDF redet sich raus

Tatsache ist, dass das ZDF aber auch Phönix zunächst versuchten, die Vorfälle medial klein zu halten. Der sogenannte „Ereigniskanal“ Phönix, ein vom Gebührenzahler subventioniertes Hätschelkind der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, versuchte offensichtlich tatsächlich unbequeme Meinungen zu verhindern, wie der frühere niedersächsische SPD-Justizminister und Kriminologe Christian Pfeiffer berichtete, dem man dort mit Wortenzug drohte. Das ist beschämend, aber das triste Zeitalter, in denen ARD und ZDF die einzigen TV-Sender waren, sind seit Jahrzehnten gottlob Geschichte. Egal, ob SAT.1, RTL, ntv oder n24: Wer TV-Alternativen will, bekommt sie schon lange. Man muss sie aber auch nutzen und nicht nur  jammern. Übrigens wurde die Phönix-Vertuschung von Journalisten der „Lügenpresse“ bei der FAZ publiziert.

Lokaljournalismus findet nicht im Elfenbeinturm statt

Während Hunderte von Lokalredakteuren jeden Tag einen harten Job machen und nach bestem Wissen und Gewissen berichten, bekommen die Leitartikler der überregionalen Medien, vor allem aber des gebührenfinanzierten Fernsehens, gern Schnappatmung beim Thema Flüchtlinge und Gewalt. Jeder hält sich für einen Nachgeborenen Kurt Tucholskys und zieht von Paul Panter bis Theobald Tiger das ganze Register. Dabei ist das, was sie dieser Tage an geistigen Ergüssen absondern, weder besonders originell, noch besonders neu: Sie verfolgen keinen Journalismus der Recherche und Information, sondern sehen sich als Speerspitze einer volkspädagogischen Bewegung und sind meist doch nicht einmal annährend auf dem Niveau eines Ignaz Wrobel. Auch Publizismus aus dem Elfenbeintum will eben gelernt sein.

Die Sorge um Deutschland und das liebe Geld

Es bleibt zum Schluss eine ernsthafte Frage: Was treibt Menschen wie Augstein und Müller an, ihre publizistische Macht in dieser Form zu nutzen? Die Sorge um Deutschland wird es kaum, sein, denn dann wäre ihr Diskurs nicht von Demagogie gekennzeichnet. Auch wer meint, hier wären gefährliche rechte oder linke Tendenzen zu erkennen, irrt vermutlich. Die Ursache könnte vielleicht recht banal sein: Geld. Denn je abstruser die Behauptungen sind, desto besser laufen ihre Bücher und umso häufiger werden sie in Talkshows eingeladen. Diese werden wiederum vom Gebührenzahler finanziert. Da schließt sich dann der Kreis. Schade, auch das klingt jetzt schon fast wie eine Verschwörungstheorie…

FacebookTwitterGoogle+Empfehlen

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.