Bastian & Witt hört auf – Danke liebe Leserinnen und Leser!

| Keine Kommentare

Werft lange Schatten in der Abendsonne der Kultur!

Sechs Jahre lang haben wir uns mit diesem Blog bemüht, die Welt da draußen mit dezenter Ironie und einer anderern Sichtweise etwas bunter zu machen. Jetzt heißt es Abschied nehmen. Aber zum Schluss gibt’s noch ein paar kleine Anmerkungen bevor Bastian & Witt in den Tiefen digitaler Welten verschwinden wird, die nie zuvor ein menschliches Auge gesehen hat…

Die Zukunft, liebe Leserinnen und Leser, wird für Euch keine leichte Zeit, denn Ihr seid die Passagiere auf einer Arche der letzten Denker und Hinterfrager im Meer des Mittelmaßes. Und dieses Meer wird täglich größer. Durch die heiße Luft journalistischer und politischer Eiferer schmelzen die Polkappen einer zivilisierten Debattenkultur schneller, als das Haupthaar eines Anton Hofreiter oder Donald Trump nachwachsen kann. Der einst weite meinungsbunte Horizont hängt tief voller schwarz-weißer Wolken.

Monty Python und der Genosse der Bosse

Tempus fugit – als ich 2014 anfing hier zu schreiben, war die Deutsche Nationalelf mit Jogi Löw Weltmeister, Sigmar Gabriel Vorsitzender einer heute verschwundenen Arbeiterpartei und nicht Genosse der Bosse und Boris Johnson Bürgermeister einer Stadt, von der aus einst Francis Drake und Monty Python in die große Welt aufbrachen. Von alledem ist so gut wie nichts geblieben – nur Saskia Esken erinnert noch entfernt etwas an Jogi Löw, freilich ohne dessen elegante Erscheinung aber immerhin auch als Trainerin einer inzwischen unbedeutenden Mannschaft.

Den Hegel vom Kopf auf die Füße eines Neurotikers gestellt

Das große Ziel, mit unserem Blog die Welt zu retten (jedenfalls ein bisschen), haben wir überraschenderweise nicht erreicht, im Gegenteil: In diesen sechs Jahren haben Dogmen gesellschaftliche Fragestellungen ersetzt, propagieren politische Wanderprediger wahlweise den Untergang des Abendlandes oder gleich den der ganzen Welt. Wo einst der dialektische Maßstab von These-Antithese und der sich daraus entwickelnden Synthese galt, haben Populisten von rechts bis links den Hegel vom Kopf auf die Füße eines kindischen Neurotikers gestellt – begleitet von den Worten einer Kanzlerin, die verspricht, die kommenden „Zwanzigerjahre können gute Jahre werden“.

Die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit

Wunschdenken oder heimliche Ironie? Die „Zwanzigerjahre“ sind ganz klar historisch konnotiert, das hätten die Redenschreiber der Kanzlerin wissen können: Nach einem kurzen Strohfeuer des Wohlstandes ab 1924 folgte eben diesen „Zwanzigerjahren“ ab 1929 das Elend der Weltwirtschaftskrise und die „restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit“ durch die Nationalsozialisten, wie Kurt Schumacher 1932 resigniert feststellte. So bleibt zu hoffen, dass unsere Zwanzigerjahre eben keine richtigen „Zwanzigerjahre“ werden, allen Untaten und Unworten der Hysteriker zum Trotz.

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich unsere Gesellschaft noch traut, ohne Vorbehalte über Probleme und deren Lösungen zu diskutieren – oder ob wir in Alternativ- und Sprachlosigkeit verkümmern und uns politisch irgendeinem völkischen oder klimatisch bedingten Notstand ergeben. Der birgt Gefahr für die freie Rede und das freie Lebens, es wäre ein später Triumpf für den reaktionären Staatsrechtler Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, denn nur der Ausnahmezustand bietet den Mächtigen die Möglichkeit, dem einen scheinbar wichtigstem Ziel die Rechte aller Anderen brutal unterzuordnen.

Ich liebe doch alle: Das Supergrundrecht auf Sicherheit

Wird es in Zukunft in Deutschland also jemand wagen, diese Büchse der Pandora nach zwei Diktaturen wieder zu öffnen? Die Vorbereitungen scheinen in vollem Gange: Fortschreitende Überwachung des öffentlichen Raumes, biometrische Personenerfassung, behördlich verordnete Sprachregulierungen, Androhung von Verstaatlichungen  – das alles soll dem persönlichen Wohl und der Sicherheit dienen, kann aber im falschen Moment auch den falschen Leuten in die Hände fallen. „Ich liebe doch alle Menschen!“, barmte 1989 Erich Mielke, der Zeit seines Lebens überzeugt war, sein Überwachungsapparat diene nur dem Schutz der Bürger und des Staates. Aber auch Konservative sind nicht frei von der Versuchung der Macht – legendär wurde 2014 der Satz des Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich, Sicherheit sei doch ein „Supergrundrecht“, stehe also quasi über allen Meinungs- und Persönlichkeitsrechten. Auch hier blitzt wieder Carl Schmitt auf, verbunden mit der Frage, ob es wohl einen kruden juristischen Pfad vom „Supergrundrecht“ zu einer neuen Reichstagsbrandverordnung nach einem großen Terroranschlag geben könnte.

Gefahr droht immer von den Wohlgesinnten

Die Ansätze, sozialistischen oder faschistoiden Gesellschaftsmodellen neues Leben einzuhauchen und zu glauben, man könnte doch zumindest vermeintlich gute Teile dieser Ideologien zur Lösung komplexer moderner Probleme nutzen, zeugen nicht nur von Geschichtsunkenntnis, sondern auch von aktiver intellektueller Zukunftsverweigerung. Nicht einmal das abgedroschene Marx`sche Bonmot, Geschichte ereigne sich immer zweimal, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, akzeptieren die Biedermänner und Brandstifter, die sich mit ihrer persönlichen Farce eines starken Staates inzwischen auch in Herz und Verstand eben noch anständiger Demokraten hineingefressen haben. Erinnern wir uns: Es waren immer die Wohlgesinnten, von denen Gefahr für die Freiheit ausging.

Journalismus unter dem Deckmantel des Allgemeinwohls

Freiheit ist mühsam, erfordert viel Zeit und will mit Überlegung ausgefüllt werden. Lieber denkend zwischen allen Stühlen sitze, als das Mäntelchen bequem in den warmen Wind hängen, der von der heißen Luft rechter und linker Populisten gemacht wird, war die Devise von Bastian & Witt. Wir sind immer gern etwas anders als die anderen gewesen. Denn Journalisten, die ihre Arbeit vorrangig durch ihre politische Haltung begründet sehen, entfernen sich von der Aufgabe einer vierten Gewalt, die sich nicht durch latente Besserwisserei legitimiert, sondern durch Recherche und das Aufdecken von Missständen ohne Ansehen der Person. Ein kritischer Journalist ist nie überzeugter Transporteur der eigenen Meinung und Gesinnung unter dem Deckmantel des Allgemeinwohls oder des gesunden Menschenverstandes. Das Relotius-Virus ist für die freie Berichterstattung gefährlicher, als es ein WDR-Intendant jemals sein könnte.

Lieber einen Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten

Alle Großen dieser Zeit – und auch alle Kleinen – von Kevin Kühnert über Alexander Gauland bis hin zu Andrea Nahles und Andreas Scheuer – hat Bastian & Witt über sechs Jahre kritisch begleitet, freilich immer auch mit einem alten Grundsatz Oscar Wildes: „Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten.“ Eines haben wir aber versucht zu vermeiden: Die dogmatische Haltung derer, die nur die abgestandene Luft der eigenen politischen Blase atmen. Und da, wo uns Fakten und Verständnis fehlten, haben gelegentlich kluge Gastautoren die Tastatur übernommen – denen sei an dieser Stelle herzlich gedankt, denn sie schrieben aufgrund unserer immer prekären Kassenlage nur für die Ehre und den Applaus.

Alter weißer Mann trifft Umweltsau

Der Kern der Meinungsfreiheit ist es nicht, täglich neue Schmähbegriffe in Umlauf zu bringen und die Welt in „Asylanten“, „Alte weiße Männer“ oder „Umweltsäue“ einzuteilen oder Politiker wahlweise als „Stück Scheiße“ oder „Drecksfotzen“ zu bezeichnen. Viele Journalisten haben vergessen, dass nicht jede ordinäre Pöbelei ein Akt gesellschaftlicher Kritik, nicht jede primitive Beschimpfung ein Teil künstlerischer Freiheit, nicht jeder politische Essayist ein legitimer Enkel Tucholskys oder Ossietzkys ist. Mancher von ihnen kommt nie über das Niveau eines Fips Asmussen hinaus, mancher nie über den Horizont eines Jan Böhmermann. Und einige sind dabei, deren Gesinnungsaufsätze voller Halbwissen und Radikalität auch im Feuilleton des Völkischen Beobachters oder der Roten Fahne gefragt gewesen wären.

In der Abendsonne der Kultur

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Ihr es geschafft habt, bis hierher zu lesen, dann atmet auf: Ihr seid Teil einer seltenen Spezies – einer Spezies, die Spaß an Sprache, Lust an Diskussion und Mut am Querdenken hat. Ihr gehört damit zu denen, die nicht unbedingt das Salz der Erde, wohl aber der Sand im Getriebe einer digitalisierten denkfaulen Gesellschaft sind. Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will“, hat der Philosoph Rousseau schon vor 250 Jahren festgestellt.

Und damit sind der Worte nun genug gedrechselt! Lasst uns gemeinsam noch eine Weile in dieser Abendsonne der Kultur lange Schatten werfen und Spaß am Denken haben – danke, dass Ihr uns sechs Jahre treu gewesen seid!

Malte Bastian

Share

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share