Carsten Meyer-Wer? Patzt die SPD in Bremen, knirscht es gewaltig in der Berliner Groko

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Mehr Beinfreiheit im Rathaus

Ausgerechnet das kleinste Bundesland könnte größte Wirkung entfalten: Patzt die SPD bei der Bürgerschaftswahl am 26. Mai, werden Kevin Kühnert und seine Avantgarde des Proletariats noch deutlicher ein Ende der GroKo fordern und könnten Andrea Nahles den politischen Lebensfaden abschneiden. Selten war der Ausgang einer Wahl in Bremen spannender. Ausgerechnet ein Seiteneinsteiger könnte die Bundespolitik ordentlich aufmischen.

Es müffelt manchmal an der Weser. Der Geruch kommt von der Maische aus der Beck’s Brauerei. Momentan allerdings liegt noch ein ganz anderer Geruch über der Stadt: Es riecht nach dem Ende der von der SPD seit 1946 geführten Senate. Viele Jahre regierten politische Gestalter wie Wilhelm Kaisen, Hans Koschnik und Henning Scherf die Stadt. Doch wo einst Sozialdemokraten über die Zukunft des Schiffbaus debattierten, lassen sich heute ihre Nachfahren am Nasenring grüner Verkehrspolitik durch Bremen ziehen.

„Seiner Majestät getreue Opposition“

Höchste Arbeitslosigkeit aller Bundesländer, monströse Kinderarmut, Hochburg für Clan-Kriminalität, metastasierende Verwaltung – es gibt eigentlich eine Menge zu tun. Doch unter der Prämisse des politischen Ideenwettbewerbs war Bremen lange das Tal der Einfallslosen: Nie hatte die bürgerliche Opposition einen überzeugenden Gegenentwurf zur DDR-Light-Variante der SPD geliefert. Stattdessen war man viele Jahre vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. Der alte Witz von „Seiner Majestät getreuen Opposition“, einst auf die zahme Politik der Nationalliberalen der Bismarckzeit gemünzt, passte lange zur Bremer CDU.

Der kluge Schachzug des Jörg Kastendiek

Doch genau das könnte sich 2019 radikal ändern: Mit Carsten Meyer-Heder hat die Bremer Union einen Spitzenkandidaten, der den Amtsinhaber Carsten Sieling schon jetzt zum Bürgermeisterlein schrumpfen lässt: Eine Woche vor der Wahl liegt die CDU in allen Umfragen vor der SPD. Und das liegt nicht nur an der auffälligen Wahlkampagne „Carsten Meyer-Wer?“, die nicht nur für CDU-Verhältnisse State of the Art ist, sondern eben auch an Meyer-Heder selbst, einem Mann mit rauem Charme aber klarer Kante. Die ungewöhnliche Kandidatur ist das Vermächtnis von Jörg Kastendiek, dem mit nur 54 Jahren gerade verstorbenen Landesvorsitzenden der Bremer CDU. Der kluge Schachzug, einen mehrheitsfähigen Seiteneinsteiger für die Union zu gewinnen, war seine Idee.

Der Gegenentwurf zum farblosen Bürgermeister Sieling

Dieser Carsten Meyer-Heder ist der Gegenentwurf zum immer etwas abwesend und fade wirkenden Carsten Sieling. Meyer-Heder ist kein Jurist, der die Kaderschmieden durchlaufen hat und seinen Lebensunterhalt mit Politik verdient. Er kommt aus der Wirtschaft, doch nicht aus dem Nadelstreifenreservat von Banken oder Versicherungen. Meyer-Heder ist Mittelstständler, aber keiner jener Spediteure oder Reeder, die jeden ökologischen Ansatz für Teufelswerk halten, sondern Softwareentwickler. Er führt ein Familienunternehmen, doch das ist ihm nicht durch Erbschaft in den Schoß gefallen, sondern er selbst hat es vom Ein-Mann-Betrieb zu über 1.000 Mitarbeitern aufgebaut.

Seiteneinsteiger brauchen „Beinfreiheit“

Meyer-Heder macht Musik, aber nicht artig auf der Klarinette wie Friedrich Merz, sondern eher laut am Schlagzeug. Dieser ungewöhnliche Stadtmusikant von der CDU, könnte der Bremer SPD tatsächlich die Flötentöne beibringen. Glücklich also ein Land, das solche Bewerber für politische Ämter hat. Doch dort, wo die Apparatschiks wohlklingende Worthülsen von ihren Stäben drechseln lassen, verheddern sich die Seiteneinsteiger schnell verbal – sie sind es gewohnt, wie normale Menschen zu reden, nicht wie gebrainwashde Absolventen einer Parteihochschule. Kandidaten wie Meyer-Heder brauchen viel „Beinfreiheit“, wie es Peer Steinbrück einst nannte, der zwar selbst aus dem Apparat kam aber nie sein Selbstbewusstsein und seinen Intellekt als Pfand für ein politisches Amt abgegeben hat.

Die Agitprop-Funktionäre und die digitale Welt

Prompt werden die öffentlichen Bemerkungen des Kandidaten Meyer-Heder wie einst die von Peer Steinbrück von seinen Gegnern durchsiebt. Als Meyer-Heder lapidar feststellte, falls er nicht Bürgermeister werde, könne er sich ja weiter seiner Firma widmen, propagierten Rabulisten flink, der CDU-Kandidat nehme es überhaupt nicht ernst mit seiner Kandidatur. Und das Fehlen eines Betriebsrates in seinem Unternehmen prangern Gegner in den sozialen Netzwerken gern als Indiz für reaktionäre Strukturen an – weil sie als Agitprop-Funktionäre vermutlich mit der digitalen Welt fremdeln und es sich einfach nicht vorstellen möchten, dass es Menschen gibt, deren Leben auch ohne Arbeitskämpfe sinnvoll und gleichzeitig gut dotiert sein kann.

Zur Sonne, zur Freiheit, zum Lichte empor…

Noch allerdings ist nichts entschieden und der Vorsprung der CDU kann sich am Wahltag noch verflüchtigen. Doch zur Sonne, zur Freiheit, zum Lichte empor, geht es für die Bremer SPD wohl nur noch mit einer Dreierkoalition mit Grünen und Linkspartei. Eine große Koalition mit der CDU unter einem Bürgermeister Meyer-Heder wäre Verrat an den sozialen Errungenschaften der altgedienten Aktivisten in der Bremer Verwaltung. Doch auch das ist trotz anderslautender Beteuerungen nicht undenkbar – ohnehin läuft sich am Spielfeldrand bereits Andreas Bovenschulte, der mögliche Nachfolger Sielings, warm. Vielleicht auch dass ein Grund, warum der (Noch-)Bürgermeister nur mit halber Kraft Wahlkampf zu betreiben scheint.

Auf die schwächelnde FDP eingeschossen

Hält Meyer-Heder sein Tempo, wird es spannend an der Weser. Aber Mühe allein genügt nicht: Für ein Jamaika-Bündnis braucht die CDU nicht nur die Bremer Grünen, die in Sachen Partnertausch keine Berührungsängste haben, sondern auch die FDP. Und genau hier wird es eng: Die Liberalen dümpeln nur noch bei fünf Prozent. Kein Wunder also, dass sich die SPD auf die FDP eingeschossen hat, die bisher im Wahlkampf nicht immer mit Fortune agierte. „Im Reich des Tschakka“ ätzte selbst die konservative FAZ über die FDP. Vergeigt die den Einzug ins Parlament, könnten die Sozialdemokraten trotz Wahlschlappe weiter regieren. Und so wäre im fernen Berlin auch Kevin Kühnert ruhig gestellt, der penetrant auf den Job von Andrea Nahles und ein Ende der GroKo schielt. Was auch passieren wird: Selten war eine Bremer Wahl wichtiger und spannender, „Carsten Meyer-Wer?“ sei Dank.

 

*Das Foto zeigt die Skulptur des legendären Bürgermeisters Wilhelm Kaisen. Kaisen plädierte für die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland und die europäische Einigung. Innerhalb der SPD vertrat er damit Positionen, die bis Ende der 1950er Jahre deutlich von der ablehnenden Haltung des Parteivorstands abwichen. Kaisen gilt in Bremen parteiübergreifend als Symbolfigur des Wiederaufbaus nach 1945.

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