Das Ende einer Ära: Angela Merkel geht in Rente – und die Grünen sind weiter en Marche

| Keine Kommentare

Endlich ist mal Feierabend

Spätestens nach der Hessenwahl dürfte auch dem letzten Wähler klar sein: Wenn jemand en Marche ist, dann sind es die Grünen. Die Volkspartei alter Prägung hat keine Konjunktur mehr. Und was die Grünen auf der einen Seite, ist die AfD auf der anderen: Schwupps, da sind sie, die neuen Volksparteien. Die rechte und die linke Bewegung – oder besser gesagt, die modernistische und die reaktionäre. Ihr bislang prominentes Opfer: Die Bundeskanzlerin, die den CDU-Vorsitz abgibt. Endlich ist mal Feierabend mit den unsäglichen „Merkel muss weg“-Parolen.

Immer wieder hielten in Deutschland Politiker ihre Partei für La République en marche und sich selbst für Emmanuel Macron, dabei waren sie nur kleine Makrönchen. Sarah Wagenknecht oder Christian Lindner – es waren kluge Köpfe dabei, doch den Glanz und den politischen Sexappeal von Macron konnten sie nicht aufbringen. Zu teutonisch ihr Habitus, zu viel Fraktur in ihrer Sprache, zu wenig Wärme in ihren Auftritten. „Le Feldwebel“ lästerten die Franzosen einst über Helmut Schmidt und dieser Feldwebel steckt auch in Wagenknecht und Lindner. Sogar die SPD versuchte, Martin Schulz als deutschen Macron zu verkaufen, der wohl peinlichste Versuch, aus en Marche Kapital zu schlagen: Das Kopfkino brauchte nur Bruchteile von Sekunden, den Gedanken ad absurdum zu führen.

Grüne und AfD – das ist deutsche Politik en Marche

Die Wahl in Hessen hat es wie die Wahl in Bayern deutlich gezeigt: Es gibt zwei politische Bewegungen in Deutschland jenseits der beiden alten Volksparteien CDU/CSU und SPD. Diese Bewegungen heißen Grüne und AfD. Erstaunlicherweise aber hatten nur die wenigsten Politiker, ja selbst Politologen, deren rasante Entwicklung auf dem Schirm. Wer dennoch in diese Richtung fabulierte, galt als Ignorant der Bindungsfähigkeit der klassischen Parteien. Als mir 2014 vor einer Podiumsdiskussion ein Professor mit ernstem Blick leise zuraunte, er befürchte, die AfD habe das Potential, zweitstärkste Kraft im Bundestag zu werden, dachte auch ich, der Mann habe seine Tabletten nicht genommen.

Die Ära Merkel geht zu Ende

Doch Deutschland ist in Sachen Politik europäisch en Marche, mit allem, was dazu gehört: Einer sterbenden Sozialdemokratie, hilflosen Konservativen und zwei populistischen Bewegungen, die aus dem Protest gegen das politische Establishment geboren wurden. Sicherlich ist der deutsche Weg ein anderer, als der in Frankreich oder Italien, doch er ist kein Sonderweg. Und so geht zwangsläufig die Ära Merkel zu Ende. Mit ihr endet auch das alte Politikmodell der Bundesrepublik. Immerhin gilt für die CDU mit dem Merkel-Abtritt das alte Schröder-Wort nach dem SPD-Wahldesaster von 2002: „Wir haben verstanden.“

Kampf dem inneren Schweinehund

So mancher politische Gegner wird heimlich fluchen – das Feindbild Merkel ist überraschend abhanden gekommen. Schon fordert FDP-Chef Lindner mal wieder Neuwahlen, wohl wissend, dass von heute an die Zeit gegen ihn arbeitet. Wenn sich die CDU jetzt nicht in personellen Erbstreitigkeiten um Merkels Hinterlassenschaft verzettelt, kann die Union endlich den Kampf gegen den eigenen inneren Schweinehund aufnehmen und eine Vision der Zukunft erarbeiten – und sich damit vielleicht als große Volkspartei retten.

SPD-Vorsitzender – das schönste Amt nach Papst

Die SPD ist von dieser Rettung weit entfernt. Zu oft hat sie ihre klugen Köpfe momentanen Befindlichkeiten geopfert. Auf ihrem politischen Friedhof liegen von Wolfgang Clement über Gerhard Schröder und Franz Müntefering bis hin zu Heide Simonis, Hannelore Kraft und Kurt Beck viele große sozialdemokratische Talente – alle gemeuchelt von eigener Hand in sinnlosen innerparteilichen Kämpfen. Jetzt geben Apparatschiks, die für die alte SPD-Klientel keine Empathie mehr fühlen, den Ton an: Andreas Nahles, gewesene Juso-Chefin, und Kevin Kühnert, amtierender Juso-Chef. „SPD-Vorsitzender – das schönste Amt nach Papst“, kokettierte einst Franz Müntefering, ohne zu ahnen, dass heute selbst HSV-Trainer ein höheres Ansehen genießen können.

„Jusos bestreiten alles – bis auf ihren Lebensunterhalt“

Lebensfremd, rechthaberisch, ignorant: Das böse Wort von Helmut Schmidt, die Jusos würden alles bestreiten bis auf ihren Lebensunterhalt, wird zum Menetekel. Als nächstes wird ein Teil der Partei (vermutlich linke Akademiker) das Blut von Olaf Scholz, dem letzten realpolitischen Kopf der SPD, sehen wollen. Irgendjemand muss schließlich für die Niederlagen der letzten Jahre in der großen Koalition als Opferlamm geschlachtet werden. Als Volkspartei drohen die Sozialdemokraten für lange Zeit auszufallen. Aber es gibt einen winzigen Hoffnungsschimmer: Gerade zeigen Europas populistische Bewegungen aber auch die Macronisten, dass auch sie nicht übers Wasser gehen können und Probleme im Handumdrehen zu lösen vermögen. Dem Rausch folgt der Kater – und irgendwann in Deutschland vielleicht die Erkenntnis, dass nicht alles schlecht aus dem Hause GroKo war.

Share

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share