Ach, wie ist das hyggelig*: Der SPIEGEL macht Öko-Scripted Reality mit RTL und Volkswagen

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Die Verbesserung der Welt

Nudging, Framing, Wording – völlig wurscht, wie man das Kind nennt. Wer wissen möchte, wie man perfekte PR macht, sollte sich den neuen SPIEGEL vornehmen. Die Titelstory ist ein wahres Meisterstück. Gekonnt werden hier geistige Haltung und politische Absicht der Redaktion mit Hochglanzfotos einer ökologisch-progressiven Familie verbunden, mit freundlicher Unterstützung von VW und RTL. Das ist das hyggelige neue Deutschland, von dem manche Redakteure offensichtlich träumen – oder Scripted Reality, wie man beim Unterhaltungsfernsehen sagt.

Trenne Meinung und Fakten! Recherchiere sorgfältig und nenne deine Quellen – ach, was waren meine Ausbildungsredakteure für Spießer! Sie berichteten und fragten nach, ihre Arbeit war die von kritischen Beobachtern des Zeitgeschehens, nicht die von politischen Kombattanten. Doch dieser Journalismus ist ein in die Jahre gekommenes Kind der Nachkriegszeit – heute haben Journalisten lieber eine „Haltung“ als eine Aufgabe. Früher hieß diese Haltung noch „Meinung“ und gehörte in die Kommentarspalte, doch früher war bekanntlich alles anders.

Bescheiden, engagiert, nachhaltig: Die Meusers von nebenan

Fluffig-locker kommt jetzt im neuen SPIEGEL die Schilderung der besserverdienenden Ökofamilie Meuser daher. „Wir machen nur kleine Schritte, aber das allein fühlt sich schon so befreiend an“, schwärmt die SPIEGEL-Protagonistin Nicole Kallwies-Meuser. Und ihr Gatte Maik sekundiert politisch korrekt: „Vor fünf Jahren wären wir wahrscheinlich ausgelacht worden im Freundeskreis, aber jetzt fragen fast alle wie sie mitmachen können.“ So sind sie, die Meusers von nebenan – bescheiden, engagiert, hyggelig und natürlich nachhaltig auf der Sonnenseite des Lebens. Eine Doku-Soap im Gewand der dem SPIEGEL nicht erst seit Claas Relotius eigenen Scripted Reality.

Sätze voller naiver Plattheiten

Da können auch die Autoren des SPIEGEL nicht mehr an sich halten und stellen voller Wonne fest: „Die Umwelt zu retten ist keine Aufgabe allein für Kreuzberger Ökos und Freiburger Jutetaschenträger, sondern für alle.“ Ein Satz voller naiver Plattheiten, der so vermutlich nicht einmal Karin Göring-Eckard über die pastoralen Lippen gekommen wäre. Und ein Satz, der – wenn er denn kein Zitat oder ein kenntlich gemachter Kommentar ist – in einem Beitrag so viel verloren hat, wie ein Pfarrer im Bordell.

Die liebevolle Schilderung des moralisch sauberen neuen Deutschland

Knappe 100 Zeilen haben die SPIEGEL-Redakteure um Familie Meuser gestrickt, eine liebevolle Schilderung des moralisch sauberen und nachhaltig lebenden neuen Deutschland. Kein Hinweis darauf, dass der Protagonist selbst Journalist ist, keine Anmerkung, dass hier ein RTL-Moderator exemplarisch samt Familie völlig ohne jede kritische Anmerkung in den Mittelpunkt einer Titelgeschichte gerückt wird, die nur scheinbar mit dem Terminus „Die Weltverbesserer“ spielt, sondern genau diese Weltverbesserung einfordert: „Neu ist: dass es immer mehr Menschen wie die Meusers gibt, die sich nicht nur sorgen, sondern ernsthaft nach Wegen suchen, anders zu leben.“ Erst wer sich die Mühe macht und die Protagonisten googelt erfährt, dass RTL dahinter steckt.

Die Artdirection sorgt für die richtige Farbtemperatur

Doch das sind läppische Petitessen, denn es geht noch schlimmer. Eine ganze Fotoseite unterstreicht das Engagement der RTL-Moderatorenfamilie Meuser: Großartig inszenierte Bilder von nachhaltigen Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen. Natürlich hat eine kluge Artdirection darauf geachtet, dass auch optisch alles passt und die richtige Farbtemperatur hat: Kleidung, Müslischalen und Hintergrund sind auf allen Bildern sorgfältig aufeinander abgestimmt. Sanftes Pastell ergänzt lebensfrohe Türkis- und Blautöne. Besonders gelungen aber ist das Gruppenfoto der schrecklich netten Familie Meuser, die auch jederzeit für IKEA in die Bresche springen könnten: Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Vielleicht aber auch ganz einfach „Willkommen zuhause. Mein RTL.“

Reminiszenzen an den Meisterfälscher Claas Relotius

Aber auch die Reminiszenzen an den SPIEGEL-Meisterfälscher Claas Relotius fehlen nicht: Im Sprachduktus der Wahrheitsfindung werden wie schon so oft ohne Quellenangaben Zahlen in kleinen leckeren Häppchen für den Smalltalk der Besserverdienenden beim veganen Barbecue am Webergrill serviert. Locker unterfüttert mit einigen verschwommenen Thesen ohne Belege, wird der Diskussionsstoff mundgerecht aufgearbeitet. Kronzeugen sind nicht näher bezeichnete Studien oder Umfragen – und der Soziologe Harald Welzer, der, weil er auch gelegentlich Aufsätze zur Klimapolitik schreibt, flugs vom SPIEGEL zum „Klimaexperten“ ernannt wird.

Der Gesinnungsaufsatz ersetzt heute die Recherche

Was soll das für eine Titelgeschichte sein? Eine Reportage? Ein Kommentar? Ein Bericht? Oder doch ein monströser Hybrid, den man mit diesen unseriösen Stilmitteln zu jedem Thema fabrizieren könnte? Die Geschichte der Meusers wird verwoben mit willkürlich ausgewählten Zitaten, Daten und viele Zeilen unverhohlenem Lob für die Elektroautoproduktion von VW, einem sehr wichtigen SPIEGEL-Werbekunden. So entsteht eine scheinbar politisch korrekte aber journalistisch katastrophale Story, die Lichtjahre von den früheren Meisterwerken des Hamburger Nachrichtenmagazins entfernt ist. Die einstige SPIEGEL-Recherche von Skandalen war teuer, der neue  Gesinnungsaufsatz hingegen ist dank der Einbettung befreundeter Kollegen und Werbepartnern billig zu haben.

Der übliche SPIEGEL-Einlauf für die „Altparteien“

Und wenn man schon einen RTL-Moderator in den Mittelpunkt rückt, kommt natürlich auch die billige politische Unterhaltung nicht zu kurz: Die üblichen Verdächtigen wie Peter Altmaier, Christian Lindner und Andrea Nahles, die wie man im Subtext erfährt, penetrant der Zukunft im Wege herumstehen,  kriegen routiniert einen sprachlich gut gedrechselten Einlauf. Merke: Die „Altparteien“ CDU, SPD und FDP  sind schuld am Klimawandel. So wird dafür gesorgt, dass man sich als Leser mit dem Gefühl der optischen und intellektuellen Überlegenheit gemeinsam mit den Meusers wohlig zurück lehnen kann: „Willkommen zuhause. Mein RTL, mein SPIEGEL.“

 

* wer tatsächlich das wunderbare Buzzword „Hygge“ nicht kennt, dem kann geholfen werden: „Hygge“ bezeichnet im dänischen einen Daseinszustand, ein Erlebnis von Gemeinschaft, ein Gefühl von Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Geborgenheit und Nestwärme. Dazu gehört auch, sich über Selbstverständlichkeiten klar zu werden und diese schätzen zu lernen, sich den Mitmenschen zu öffnen und am eigenen Leben teilhaben zu lassen.

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