Der November in Deutschland: So dicht können Scham und Freude beieinander liegen.

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Als Gottes Häuser brannten

Im November 2018 jährt sich die Wiederkehrs eines gewissenlosen Verbrechens: Die Reichsprogromnacht, in der 1938 hunderte jüdische Gotteshäuser zerstört und mindestens 400 Menschen ermordet wurden und die so zum Menetekel des Völkermordes wurde. Doch nicht nur dieser 9. November des Jahres 1938 hat sich in die Erinnerung gegraben. Da ist noch eine Reihe anderer brisanter Ereignisse: Die Fahnenflucht eines Staatsoberhauptes, der Putsch eines angehenden Massenmörders und die Öffnung der brutalsten Grenze der Welt.

Herbst 1918. Ein Zug hält in der Nacht vom 9. zum 10. November an der niederländischen Grenze. Die Fahrgäste: hohe Offiziere und Diplomaten. An ihrer Spitze der deutsche Kaiser Wilhelm II. Zu Hause in Berlin droht nach dem verlorenen Krieg die Revolution. Die Republik wird ausgerufen. Der Kaiser, der sonst immer große Töne spuckt, hat jetzt die Hosen voll. Kleinlaut schimpft er auf seine Generale, die ihn angeblich im Stich gelassen haben. Richtig sauer ist er aber auf seinen Vetter, den Reichskanzler Max von Baden, der unerhörterweise mit den Sozialdemokraten verhandelt und Wilhelms Abdankung verlangt.

Majestät begeht eine schwere Straftat

Der Monarch ist am Morgen des 10. November dabei, eine schwere Straftat zu begehen, die nach dem deutschen Gesetz mit Zuchthaus oder sogar dem Tod gesühnt wird: Fahnenflucht. Denn auch der Kaiser ist Soldat und kann nicht einfach über Nacht ins neutrale Ausland fliehen. Auch die Offiziere, die ihn begleiten, machen sich strafbar. Aber haben Wilhelm und seine wenigen Getreuen überhaupt eine Wahl? Stundenlang muss der Kaiser auf dem Bahnsteig warten, raucht grimmig eine Zigarette nach der anderen. Die holländischen Grenzbeamten sind überfordert. Flucht eines Staatsoberhauptes ist in ihren Vorschriften nicht vorgesehen. Stunden vergehen. Endlich können die Deutschen passieren, die niederländische Königin gewährt den Flüchtlingen politisches Asyl.

Der Kaiser hackt Holz – und das Briefporto klettert auf eine Milliarde

Fünf Jahre später. November 1923. Wilhelm ist nun Ex-Kaiser und verbringt einen Großteil seiner Zeit damit, in einem kleinen Örtchen namens Doorn in den Niederlanden Holz zu hacken und nebenbei lustlos an seinen Memoiren zu schreiben. Hin und wieder empfängt er Besucher und redet dann davon, vielleicht wieder auf den Thron zurückzukehren. Daheim in Deutschland versucht man inzwischen verzweifelt, die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen. Am 9. November kostet das Porto für den Standardbrief eine Milliarde Mark. Manche Menschen tapezieren aus Galgenhumor ihre Klosetts mit Geldscheinen, das ist billiger als Tapete. Die Regierung in Berlin will noch vor Weihnachten mit einer großen Währungsreform die Lage in den Griff bekommen nachdem sie das Problem lange hat schleifen lassen.

Bandenkrieg in München: Der Hitlerputsch scheitert

In München marschiert am Abend des 9. November ein übler Schlägertrupp zu einem Bierkeller. Dort feiern bayerische Nationalisten mit ihren Anführern und hetzen gegen die rechtmäßige Regierung in Berlin. An der Spitze des Schlägertrupps läuft ein angehender Massenmörder: Adolf Hitler. Er stürmt den Bierkeller, schießt in die Decke und zwingt die anwesenden Nationalisten, ihm Hilfe bei einem Marsch auf Berlin zuzusagen. Man scheint sich einig. Ein großes Besäufnis folgt für die meisten Beteiligten. Am kommenden Tag marschiert Hitler mit seinen noch verkaterten Schlägern siegestrunken durch die Münchener Innenstadt. Dann lassen plötzlich seine Kumpane vom Vorabend den Zug aus SA-Leuten und Schlachtenbummern von der Polizei zusammenschießen. So rechnet die eine bösartige politische Bande mit der anderen ab.

Die Mordnacht der SA wird zum Menetekel des Völkermordes

Hitler wird zu ein paar Jahren Haft verurteilt. Während er im Knast sitzt, organisieren seine Spezis die Nazi-Partei neu. Noch in der Zelle schreibt Hitler ein literarisch wie politisch erbärmliches Buch: „Mein Kampf“. 15 Jahre später wird eine seiner Drohungen aus diesem Machwerk in die Tat umgesetzt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November zünden organisierte Nazi-Schlägerbanden hunderte von Synagogen in Deutschland an, plündern Geschäfte jüdischer Deutscher und ermorden rund 400 Menschen. Die Nacht ist hell erleuchtet von den brennenden Gotteshäusern. Die Polizei schaut betont weg, die Feuerwehr löscht nicht und die Menschen auf der Straße reagieren mit Gleichgültigkeit – sie haben Angst vor dem NS-Regime und haben schon viel zu lange geschwiegen. Nur eine kleine Handvoll Bürger hilft heimlich den Verfolgten. Die Ruinen der jüdischen Gotteshäuser werden zum Menetekel des Völkermordes, doch die Welt schaut nicht hin. Niemand greift jetzt mehr in das Rad der Geschichte.

Eine friedliche Revolution erhellt die Nacht

Gute 50 Jahre danach wird die Nacht wieder erhellt – doch dieses Mal regiert nicht die Angst, sondern die Freude. Diesesmal brennen keine Häuser. Im November 1989 sind es unzählige Scheinwerfer von Autos, die in Berlin von Ost nach West durch die Mauer fahren. In der DDR ist eine friedliche Revolution im Gange. Mutige Menschen gehen auf die Straße, bieten Volkspolizei und anderen Sicherheitsorganen die Stirn. Hunderttausende rufen „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“. Nicht ein einziger Schuss fällt in dieser Revolution. Erich Honecker verschwindet über Nacht, sein Nachfolger Egon Krenz wird rasch zur komischen Figur – und die alles entscheidenden Freunde aus der Sowietunion sind klug und lassen ihre Panzer dieses Mal in den Kasernen.

So dicht liegen Scham und Freude beieinander

Kein Jahr dauert es mehr, dann ist die DDR Geschichte. Deutschland Ost und Deutschland West sind wieder vereint. Der November ist jetzt zum Lichtmonat geworden. Aber wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Der fahnenflüchtige Kaiser, Inflation und Hitlerputsch und die Mordnacht der SA von 1938 mit mindestens 400 Toten gehören eben auch zur Politik im deutschen November. So dicht können Scham und Freude beieinander liegen. Wer das nicht vergisst, weiß, wie fragil eine Zivilisation sein kann wenn man sie den falschen Leuten anvertraut.

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