Die SPD verhindert Bürgerkrieg und Hungersnot – und Lenin lästert: Geschichte im November

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Revolution über Deutschland

Die Fahnenflucht eines Staatsoberhauptes, skrupellose Generale, der Putsch eines angehenden Diktators und die Öffnung der übelsten Grenze der Welt: Der November ist ein ganz besonderer Monat für dramatische deutsche Geschichte. Verrat, Mord und Heuchelei gehören dazu, wie einst bei den Medici oder Al Capone und der Mafia.

Herbst 1918. Ein Zug hält in der Nacht vom 9. zum 10. November an der niederländischen Grenze. Die Fahrgäste: hohe Offiziere und Diplomaten. An ihrer Spitze der deutsche Kaiser Wilhelm II. Zu Hause in Berlin droht nach dem verlorenen Krieg die Revolution. Der Kaiser, der sonst immer große Töne spuckt, hat jetzt die Hosen voll. Kleinlaut schimpft er auf seine Generale, die ihn im Stich gelassen hätten. Richtig sauer ist er aber auf seinen Vetter, den Reichskanzler Max von Baden, der unerhörterweise mit den Sozialdemokraten verhandelt und Wilhelms Abdankung verlangt. Das ist in seinen Augen hart an der Grenze zum Hochverrat.

Wilhelm begeht eine schwere Straftat

Dabei ist der Monarch selbst dabei, eine Straftat zu begehen, die mit Zuchthaus oder sogar dem Tod gesühnt wird: Fahnenflucht. Denn auch der Kaiser ist Soldat und kann eigentlich nicht einfach über Nacht ins Ausland fliehen. Aber haben Wilhelm und seine wenigen Getreuen überhaupt eine Wahl? In Rusland haben die Bolschewisten die Zarenfamilie ermordet, Englands Premier Lloyd George fordert „Hängt den Kaiser auf!“ und Lord Curzon meint, man dürfe ihn zwar nicht hinrichten, müsse aber eine Strafe finden, die „schlimmer als der Tod“ sei. Stundenlang muss der Kaiser auf dem Bahnsteig warten, raucht grimmig eine Zigarette nach der anderen. Die holländischen Grenzbeamten sind überfordert. Flucht eines Staatsoberhauptes ist in ihren Vorschriften nicht vorgesehen. Stunden vergehen. Endlich können die Deutschen passieren, die niederländische Königin gewährt Asyl.

Die Matrosen wollen Frieden: Revolution in Kiel

In Kiel haben die Matrosen der kaiserlichen Flotte inzwischen die Rote Flagge gehisst. Jahrelange Entbehrungen und Schikanen durch aufgeblasene Offiziere, die nur in ihresgleichen Kameraden sehen, nicht aber in den einfachen Soldaten, haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Als das Gerücht umgeht, die Flotte solle auslaufen um in einer letzten Schlacht wenn nötig ehrenvoll abzusaufen, streiken die Matrosen. Es gibt bei Zusammenstößen einige Tote, doch das befürchtete große Chaos bleibt aus. Ein besonnener Admiral verhandelt mit den Streikenden, redet sie vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben mit „Meine Herren“ an und gibt zerknirscht den meisten Forderungen nach.

Die SPD verhindert den Bürgerkrieg – und Lenin lästert

Die SPD schaltet sich ein, verhindert mit der Kooperation der alten Eliten in Militär und Verwaltung den Bürgerkrieg und vermutlich eine Hungersnot mit unzähligen Toten. Biedere Arbeiterfunktionäre, keine intellektuellen Schwärmer sind es, die jetzt am Ruder sind: Ebert, Scheidemann, Noske. Ebert sagt, er hasse die Revolution „wie die Sünde.“ Sein in der Not geschlossener Pakt mit den kaiserlichen Offizieren wird für immer bei den Kommunisten als Verrat gelten, sie als „Sozialfaschisten“ zum Arbeiterfeind Nummer 1 stempeln. Im fernen Rusland lästert Lenin, ein deutscher Revolutionär kaufe sich eben lieber erst eine Bahnsteigkarte bevor er den Bahnhof besetze. Lenin interessieren die Skrupel deutscher Sozialdemokraten nicht. Hungersnot und Massensterben hat er in seine Revolution eingepreist.

Hindenburg und Ludendorff als „Freunde“ der Revolution

Dabei hat auch Lenin Erfahrungen mit deutschen Offizieren: 1917 reiste er mit der Unterstützung Hindenburgs und Ludendorffs heimlich aus dem Exil nach Rusland um die Revolution voranzutreiben und Frieden mit Deutschland zu schließen. Der Plan ging auf. So hat Lenin den Rücken frei für den Aufbau eines Sowjet-Staates nach seinem Gusto, inklusive Terror und der Einrichtung von Konzentrationslagern. Seine deutschen „Freunde“ sind übrigens aus demselben üblen Holz geschnitzt: Sie schieben den Sozialdemokraten und Gewerkschaften die Kriegsniederlage in die Schuhe und unterstützen schon bald rechtsextreme Kreise, in denen sich ein gewisser Adolf Hitler herumtreibt. Der marschierte anfangs in München noch mit einer roten Armbinde herum, wechselt dann aber nach kurzem Intermezzo die Seiten.

Der Kaiser hackt Holz – und das Briefporto klettert auf eine Milliarde

Fünf Jahre später. November 1923. Wilhelm II. ist Ex-Kaiser und verbringt einen Großteil seiner Zeit damit, in einem kleinen Örtchen namens Doorn in den Niederlanden Holz zu hacken und nebenbei lustlos an seinen Memoiren zu schreiben. Finanziell geht es ihm gut, die Weimarer Republik zahlt seine Pension, hat ihm 50 Eisenbahnwaggons mit Gemälden, Möbeln, Geschirr und Garderobe geschickt. Eine üppige Abfindung für jemanden, der ein ganzes Land in die Insolvenz geführt hat. Hin und wieder empfängt er Besucher und faselt dann davon, auf den Thron zurückzukehren. Daheim in Deutschland versucht man verzweifelt, die Inflation in den Griff zu bekommen. Am 9. November kostet das Porto für den Standardbrief eine Milliarde Mark. Manche Menschen tapezieren aus Galgenhumor ihre Klosetts mit Geldscheinen, das ist billiger als Tapete. Die Regierung in Berlin will noch vor Weihnachten mit einer großen Währungsreform die Lage bereinigen nachdem sie das Problem lange hat schleifen lassen.

Bandenkrieg in München: Der Hitlerputsch scheitert

In München marschiert am Abend des 9. November ein rechter Schlägertrupp zu einem Bierkeller. Dort feiern bayerische Nationalisten mit ihren Anführern und hetzen gegen die Regierung in Berlin. Sie ahnen nicht, dass ihnen eine andere politische Bande ihr Revier streitig machen will. An der Spitze des nächtlichen Schlägertrupps läuft ein angehender Massenmörder: Adolf Hitler. Er stürmt den Bierkeller, schießt in die Decke und zwingt die Anwesenden, ihm Hilfe bei einem „Marsch auf Berlin“ zuzusagen. Erst wird gestritten, doch dann scheint man sich einig. Ein großes Besäufnis folgt. Am kommenden Tag marschiert Hitler mit seinen noch verkaterten Schlägern siegestrunken durch die Münchener Innenstadt. Dann lassen plötzlich seine Kumpane vom Vorabend den Zug aus SA-Leuten und Schlachtenbummern von der Polizei zusammenschießen. So rechnet die eine politische Bande skrupellos mit der anderen ab. Elf Jahre später, im Sommer 1934, werden Mitwisser der Nacht im Bierkeller von SS-Kommandos ermordet, eine weitere offene Rechnung unter politischen Gangstern wird so beglichen.

Die Mordnacht der SA wird zum Menetekel des Völkermordes

Hitler wird nach dem Putsch zu ein paar Jahren Haft verurteilt. Während er im Knast sitzt, organisieren seine Spezis die Nazi-Partei neu. Noch in der Zelle schreibt er ein literarisch wie politisch erbärmliches Buch und betitelt es „Mein Kampf“. Nur zehn Jahre später werden seine Drohungen aus diesem Machwerk Stück für Stück in die Tat umgesetzt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zünden organisierte Schlägerbanden hunderte von Synagogen an, plündern Geschäfte jüdischer Deutscher und ermorden über 400 Menschen. Die Nacht ist hell erleuchtet von den brennenden Gotteshäusern. Die Bürger reagieren mit gespielter Gleichgültigkeit – sie haben Angst, denn sie wissen, wie viele Menschen in den Konzentrationslagern bereits einsitzen. Nur eine kleine Handvoll hilft heimlich den Verfolgten. Die schwelenden Ruinen der Synagogen werden zum Menetekel des Völkermordes. Genau ein Jahr später zündet Georg Elser, einer der wenigen Aufrechten, eine Bombe um Hitler zu töten – vergebens, wie später so viele weitere Attentatsversuche.

Eine friedliche Revolution erhellt die Nacht

Gute 50 Jahre danach wird die Nacht wieder erhellt – doch dieses Mal regiert nicht die Angst, sondern die Freude. Diesesmal brennen keine Häuser. Im November 1989 sind es unzählige Scheinwerfer von Autos, die in Berlin von Ost nach West durch die Mauer fahren. In der DDR ist eine friedliche Revolution im Gange. Mutige Menschen gehen auf die Straße, bieten Volkspolizei und anderen Sicherheitsorganen die Stirn. Hunderttausende rufen „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“. Nicht ein einziger Schuss fällt in dieser Revolution. Erich Honecker verschwindet über Nacht wie einst Wilhem II. in der Versenkung, sein Nachfolger Egon Krenz wird rasch zur komischen Figur – und die alles entscheidenden Freunde aus der Sowietunion sind klug und lassen ihre Panzer dieses Mal in den Kasernen.

So dicht liegen Scham und Freude beieinander

Kein Jahr dauert es mehr, dann ist die DDR Geschichte. Deutschland Ost und Deutschland West sind wieder vereint. Der November ist jetzt zum Lichtmonat geworden. Aber wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Der fahnenflüchtige Kaiser, Inflation und Hitlerputsch und die Mordnacht der SA von 1938 gehören eben auch zur Politik im deutschen November. So dicht können Scham und Freude beieinander liegen. Wer das nicht vergisst, weiß, wie fragil eine Zivilisation sein kann wenn man sie den falschen Leuten anvertraut.

 

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