Frieden, Sicherheit, Wohlstand: Haben eigentlich die Millennials vergessen, auf wessen Schultern sie stehen?

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Zuletzt beherrschte der YouTuber Rezo samt Kollegen den Europawahlkampf. Doch die politisch aktive Generation der Digital Natives hat nicht unisono etwas gegen die von Rezo attackierten Parteien CDU und SPD. Hier schreibt unser Gastautor Salim Bopp.  Er macht sich Gedanken über Europa und die Zukunft der Union. Salim Bopp, Jahrgang 1987, studiert im Master rechtsvergleichend chinesisches Recht an den Universitäten Göttingen und Nanjing und kandidierte auf Platz 3 der Landesliste der CDU-Bremen für die Wahl zum Europäischen Parlament. Sein Appell an die CDU: „Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.“ (Zitat aus „Garfield der Film“)

„Jetzt ist Zeit für Heldentaten“

von Salim Bopp

 

Einige Meter neben dem Bremer Roland wurde die Ode an die Freude gesungen, es nieselt, Menschen fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis. Die Organisatoren des Pulse of Europe lassen einen Hauch von Europa über den Marktplatz fliegen. Ein älterer Herr bewegt sich auf einen Rollator gestützt in Richtung Kreismitte. Er bleibt auf der Hälfte stehen. Die Spannung in der Menge steigt. Er greift zum Mikrophon und fängt an, ein Gedicht aufzusagen. Er vergisst ein paar Zeilen. Er fängt sich und spricht mit starker und doch zitternder Stimme. Der Inhalt? Irgendetwas aus seinem Leben. Nichts Parteipolitisches. Ein Loblied auf Europa. Irgendwas mit Frieden. Ich verstehe sein Gedicht nicht. Aber ich spüre: Ich stehe auf seinen Schultern – und mit mir Generationen junger Europäer.

Vergangene Errungenschaften bedeuten heute nichts mehr, das könnten wir von einer ehemaligen deutschen Volkspartei lernen. Die hatte sich irgendwann darauf verlassen, dass ‚der Wähler‘ ihre sachlich „gute“ Arbeit erkennt, katastrophale Kommunikation ignoriert und die Partei bei Wahlen belohnt.

Wahlkampf im #Neuland

In der Sache ist unsere Arbeit gut und selbst, wenn man persönlich mal nicht ganz einverstanden ist, so ist der Konsens erträglich. Unsere Kommunikation? Im Europawahlkampf 2019 kommunizieren wir unsere vergangenen Errungenschaften als Versprechen für die Zukunft: Frieden, Sicherheit, Wohlstand. Das ist richtig. Das ist authentisch. 40 Prozent der Wähler über 60 vertrauen uns in diesen Punkten. Allerdings sind 87 Prozent der unter 30-jährigen vergangene Errungenschaften egal oder sie vertrauen uns unsere Errungenschaften in Zukunft nicht mehr an.

Kommunikation im #Neuland ist ein Running Gag

Haben diese Millennials vergessen auf wessen Schultern sie stehen? Wer hat denn für Multilateralismus, für gemeinsame (Klima)Ziele in der Welt gekämpft? Es war unsere (Klima)Kanzlerin. Millionen Künstler in Europa brauchen eine existenzsichernde Urheberrechtsreform. Wir liefern eine Richtlinie mit Nebenwirkungen. Können die Millennials nicht einfach mal sachlich bleiben und sachlich mit uns über Verhältnismäßigkeit und Nebenwirkungen diskutieren? Nein. Und nein, man kann es ihnen nicht übelnehmen. Unsere Kommunikation im #Neuland ist ein Running Gag.

Besorgte Bürger sind keine „Bots“

Internet-Nutzer sehen die Meinungsfreiheit gefährdet. Unsere Reaktion? Wir bezeichnen diese besorgten Bürger als „Bots“. Bots, das steht für Computerprogramme, welche Aktivitäten natürlicher Personen im Internet imitieren. Damit nicht genug. Um ein Grundrecht besorgten und genau deswegen demonstrierenden Menschen wird unterstellt, gekauft worden zu sein – Grundlage für diese Behauptung sind Spesenabrechnungen von 30 Aktivisten – veröffentlicht in einer Zeitung mit deutlich mehr als zwei Millionen Lesern und unzählige Male im Internet geteilt. Rhetorische Frage: Kann man diese Behauptungen noch erhobenen Hauptes schönreden? Nein. Wir probieren es trotzdem und liefern damit Wassermassen auf die Mühlen eines neuen Internet-Trends: #NieWiederCDU.

Die „Zerstörung der CDU“?

Kurz vor der Wahl setzt ein unter 30-Jähriger ein Video ins Netz. Er greift eben jenen „#NieWiederCDU“ Trend auf. Millionen Klicks. Und wir? Wir stellen erst seine Quellen infrage. Dann legitimieren wir seine Quellen und kündigen ganz sachlich ein Antwortvideo an. Deutschland wartet. Das Video kommt nicht. Dafür eine Aufforderung zum Dialog und eine „elfseitige Hausarbeit“ auf cdu.de. Wie viele Klicks hat die Hausarbeit eigentlich? Sieht so eine sachliche Aufarbeitung aus? Wäre es nicht besser „nicht zu reagieren, bevor man falsch reagiert“?

Das Internet kann man nicht aussitzen

Es ist richtig zu reagieren, denn das Internet kann man nicht aussitzen. Es ist richtig zu reagieren, wenn die fünfte Gewalt monatelang schreit: #NieWiederCDU. Aber, wie sieht unsere Reaktion nach der Europawahl aus? Sinngemäß: „Liebe Internetgemeinde lasst uns doch eine Debatte führen über ethische Spielregeln für Influencer“ – „Sind Influencer nicht so etwas ähnliches wie Journalisten?“ – „Gilt der Pressekodex nicht auch für Influencer?“ – Nein, gilt er nicht. Äpfel sind nicht Birnen. Die vierte Gewalt ist nicht die Fünfte. Influencer sollten sich selbst überlegen, ob sie einen „Ehren-Kodex“ brauchen oder nicht.

Kein Notfallplan für den Shitstorm

Die richtige Debatte wurde angestoßen. Aber die richtige Debatte zum falschen Zeitpunkt ist in Summe falsch. Warum ist der Zeitpunkt falsch? Wer Ende Mai 2019 keinen Notfallplan für einen Social-Media-Shitstorm in der Schublade hat, der hat das Internet nicht verstanden und die letzten Monate im Tiefschlaf verbracht. Eine Partei möchte unverbindliche Spielregeln für etwas mitgestalten, das sie offensichtlich immer noch nicht versteht. Wer soll unsere Ansichten denn in dieser Debatte ernst nehmen? Können wir das selbst noch?

Mut – jetzt ist Zeit für Heldentaten

Ein adipöser Kater läuft auf zwei Beinen zum Kühlschrank, öffnet ihn und sagt zu sich selbst: „Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.“ Die Szene stammt aus Garfield – der Film aus dem Jahr 2004. Der Eindruck, den ich aus den Medien in diesen Tagen gewinne, ist, dass der Kater Garfield auch CDU heißen könnte. Am liebsten würde er weiterhin jeden Tag zum Kühlschrank laufen und sich denken „mmmmhh. Schweinskopfsülze“. Um das Internet kümmern sich ja andere. Um die Bewahrung der Schöpfung kümmern sich ja andere. – Um die zukünftigen Generationen Wähler kümmern sich…? Andere.

Liebe Parteifreunde: Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.

 

Das Foto zeigt die Bronzefiguren von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Garten des früheren Privathauses von Adenauer in Rhöndorf.

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