Früher war mehr Lametta: Es ist besser, nicht zu dekorieren, als falsch zu dekorieren

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Mit Zipfelmütze und drei Promille auf Instagram

Die Vorbereitungen sind umfassender als die Planungen der Alliierten zur Landung in der Normandie. Und der verlustreichen Offensive folgt der gnadenlose Stellungskrieg auf engstem Raum: Man hockt sich tagelang in überheizten Buden bei Regenwetter auf der Pelle, das Essen ist ungenießbar, der Kampf um die Fernbedienung des Fernsehers und das einzige Tablet ist unerbittlich. Weihnachten ist ein unmenschliches Inferno. Wie wäre es, dieses Jahr einmal anders zu gestalten?

Der Hang zur Perfektion ist der böse Geist der Weihnacht. Akribisch werden Listen abgearbeitet: Wer bekommt welche Geschenke, an wen müssen Karten und vor allen Dingen mit welchen Motiven geschrieben werden – und welche Zutaten für welches Essen sollten wann besorgt sein. Dabei sollte man auf ökologische, ideologische und medizinische Unbedenklichkeit achten: Die Tante ist seit 1933 Diabetikerin, ihre Tochter lebt nach vielen Jahren der Fleischeslust jetzt vegan und ihr Bruder Klaus-Bärbel ist seit kurzem bekennender Transgender und verweigert Speisen, die aus repressiven Gesellschaftssystemen wie den USA oder Nordkorea kommen.

Mit Zipfelmütze und drei Promille auf Instagram

Dann die Herausforderungen der digitalen Weihnacht: Versenden von Mails, Erstellen von Gifs für Facebook und WhatsAp, die Auswahl neuer Emoticons für den Messenger, Stress bei der Auswahl passender Fotos für Instagram. Immer mit bangen Fragen verbunden: Bekomme ich mehr Likes als im vergangenen Jahr? Sollten die Bilder von mir mit Zipfelmütze und 3 Promille auf dem Weihnachtsmarkt wirklich das Licht der digitalen Welt erblicken? Sind scheinbar harmlose Postings mit nackten blonden Engeln oder den heiligen drei Königen als Rapper möglicherweise sexistisch, rassistisch oder gar zu intellektuell für die doch eher geistig anspruchslosen Freunde in den sozialen Netzwerken? Immer daran denken: Ein Link mit klugen Gedanken von Greta Thunberg zum Weltuntergang  in der Timeline positioniert, ist sinnvoller, als immer wieder Opa Hoppenstedts sinnlose kleinbürgerliche Witzeleien.

Nur politisch korrekter Baumschmuck ist guter Baumschmuck

Weihnachten bringt nicht Frieden, sondern Stress auf Erden, von stillen oder gar heiligen Nächten kann keine Rede sein. Hipper Baumschmuck muss erst gegoogelt, dann im Baumarkt oder einschlägigen Trendläden gekauft werden. Wichtig dabei: Er darf weder von einbeinigen Glatzköpfen in der dritten Welt, noch von unterbezahlten Heimarbeitern in Hamburg-Blankenese oder von Dieter Nuhr nahe stehenden Firmen gefertigt worden sein, außerdem ist jede Art von Kunststoff zu meiden. Bewährt haben sich hingegen von kubanischen Jungfrauen gerollte Holzkugeln aus nachwachsenden Rohstoffen, wobei aber für den Transport nach Europa Ausgleichszahlungen an einen Fonds zur Errichtung von Windrädern in sozialen Brennpunkten entrichtet werden sollten.

Früher war mehr Lametta: Es ist besser, gar nicht, als falsch zu dekorieren

Auch bestimmte Farbkombinationen sollten politisch kritisch hinterfragt werden: Die Mischung aus roten und grünen Kugeln verschreckt schnell den Opa, der als jüngstes Mitglied im SPD-Ortsverein aktiv ist, blau-gelbe Varianten tragen zwar einen kräftigen Hauch gehobener Bürgerlichkeit in die Wohnstuben, bringt einem aber schnell von ewig Gestrigen den Vorwurf ein, früher sei deutlich mehr Lametta gewesen und es sei überhaupt besser, gar nicht, als schon wieder falsch zu dekorieren. Sinnvoll ist hingegen die bedingungslose Montage von schlichten grauen Kugeln, mit der auch ein Signal gegen die fortschreitende Altersdiskriminierung gesetzt wird. Diese Kugeln können übrigens alle Jahre wieder verwendet werden, denn sie passen farblich zu jeder gesund zubereiteten Speise aus dem Bioladen.

Einheimische Produkte tragen nur minimal zur Umweltbelastung bei

Doch während man also zum Shoppen dieser Dinge außer Haus ist, entbrennt der Straßenkampf der Paketboten um Stellplätze, Fahrstühle und Klingeln – Millionen Tonnen online bestellter Geschenke müssen geliefert werden, von denen ein Großteil bis Silvester als Retoure schon wieder in die Gegenrichtung unterwegs ist und anschließend gnadenlos bei Amazon geschreddert wird.  Wissenschaftler schätzen, dass 2018 allein in Deutschland ungefähr 280 Millionen Pakete mit etwa 490 Millionen Artikeln zurückgeschickt wurden. Doch Gegner der digitalen Weihnacht sollten im Auge behalten: Der Retouren-Anteil trägt wesentlich zur Vollbeschäftigung von Mindestlöhnern bei und ist Ausdruck einer prosperierenden Wirtschaft und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Der CO2-Abdruck ist zwar negativ, doch sollte man bedenken, dass ein Großteil der Weihnachtsgeschenke in China gefertigt wird und einheimische Produkte nur minimal zur Umweltbelastung beitragen.

Wie Weihnachten wieder richtig schön und heiter wird

So viel dazu – und jetzt noch ein paar wertvolle Tipps, diesen weihnachtlichen Kalamitäten zu entgegen. Natürlich interessiert das kaum jemanden, sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Dazu gehört eine sinnvolle Vorbereitung, die nicht an hochstrebende Erwartungen und Zeitpläne gebunden ist. Vermeiden Sie zu viele Termine – im Alltag gibt es schon genug davon. Stattdessen sollte jeder auch in der Weihnachtszeit die Möglichkeit zum Rückzug haben. Tagelang mit der Familie zusammenzusitzen, Verwandtenbesuch, stundenlanges Reden und diverse Mahlzeiten am Tag hält keiner durch. Mancher Besuch lässt sich auch verschieben – und Freunde sind an einem Festtag manchmal mehr willkommen, als Verwandte. Bei Familienzusammenkünften sollten Sie altbekannte Familien-Streitthemen wie Opas NSDAP-Mitgliedschaft aussparen – und peinliche Situationen wie falsche Geschenke oder verbrannte Weihnachtsgänse mit etwas Humor nehmen.

Nicht nur in der Wohnung hocken: Gehen Sie raus!

Außerdem sollte man nicht nur in der Wohnung hocken. Gehen Sie raus und genießen Sie gemeinsam einen Spaziergang. Und wenn das Wetter zu garstig ist, sind Spiele mit der Familie allemal spannender, als das Fernsehprogramm. Wer schafft es zum Beispiel, mit einem einzigen Mal Luftholen besonders viele Kerzen auszupusten? Auch ein Klassiker wie Schattenspiele funktioniert immer! Jeder macht im Licht einer Taschenlampe eine Figur oder ein Tier nach. Wer kreativ ist, schafft es, sogar ganze Geschichten zu erzählen oder Rätsel zu stellen. Dabei können kleine Kinder ebenso mitmachen, wie die Großeltern und niemand muss dafür auf ein Tablet oder Smartphone starren.

Spaß mit dem Nasenbär und Rupert, dem Rentier

Und eine alte, heute fast vergessene Tradition können kreative Familien zu Weihnachten wieder zum Leben erwecken: Das Scharadespiel. Der Spielleiter schreibt auf kleine Zettel (es sind mehr Zettel als Mitspieler vorhanden) jeweils ein Wort, das aus zwei Substantiven zusammengesetzt ist, mischt sie und lässt einen Zettel ziehen. Nun muss man das gezogene Wort pantomimisch darstellen, bis es erraten wird. Man kann Klassiker wie Sparstrumpf, Reservereifen oder Nasenbär erraten – und natürlich auch Weihnachtslieder oder Figuren wie Rupert, das rotnasige Rentier. Das Schöne: Man braucht nichts außer Phantasie – und wer richtig gut ist, kann sogar den Geist der Weihnacht darstellen.

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