Doch kein Frühling auf Jamaika? Bremen und die Kür des neuen Dschungelkönigs

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Ein Esel kann entscheidend sein

Während in den Redaktionsstuben noch an der Exegese der dürren Worte von Annegret Kramp-Karrenbauer gearbeitet wird, finden in Bremen die ersten Gespräche für eine neue Landesregierung statt. Normalerweise ein Vorgang, der für den Rest der Republik deutlich weniger Relevanz hat, als  die Kür des RTL-Dschungelkönigs. Normalerweise. Denn dieses Mal ist alles anders. In Bremen entscheidet sich das Schicksal der deutschen Sozialdemokraten – und die künftige Ausrichtung der Grünen im Bund.

Wähler sind undankbare Geschöpfe. Sie stimmen oft so ab, wie das berühmte Orakel von Delphi: Nebulös und anscheinend ohne jeden Sinn. Da lassen sie in Bremen bei der Bürgerschaftswahl gnadenlos die SPD abschmieren – aber machen im Gegenzug die CDU nur ein kleines bisschen stark. Da heben sie die Linken weit vor die FDP – aber schenken der AfD und den Bürgern in Wut gleich ein halbes Dutzend Parlamentssitze. Und da geben sie den Grünen mit fast 18 Prozent den wichtigen Auftrag, eine Regierung zu bilden oder zu verhindern – aber welche eigentlich? Auch die Wählerwanderung ist rätselhaft: Von der SPD wanderten 10.000 Menschen zur CDU, aber nur 5.000 zu den Grünen und nur 3.000 zur Linken.

Die versäumten Streicheleinheiten

Vor dem Bremer Rathaus stehen die berühmten Stadtmusikanten, 1953 in der Werkstatt des Bildhauers Gerhard Marcks entstanden. Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, wer an den Vorderbeinen oder dem Maul des Esels reibe, würde vom Glück bedacht. Sollte das den Tatsachen entsprechen, hat zumindest Bürgermeister Carsten Sieling in den vergangenen vier Jahren dem Esel offensichtlich nicht ausreichend Streicheleinheiten zukommen lassen. Er führte seine regierende SPD in ein desaströses Tief, das seine Vorgänger Hans Koschnik oder Henning Scherf vermutlich nicht einmal der CDU gegönnt hätten. Prompt wackelt auch der Sitz von Andrea Nahles und feixt die Avantgarde des Proletariats um Kevin Kühnert.

Kein Vertrauen mehr in den Bremer Bürgermeister

Inzwischen gerät Bürgermeister Sieling samt seiner Führungscrew unter Beschuss der eigenen Truppe – schließlich ist er mit seiner Farblosigkeit der Hauptverantwortliche für den Misserfolg. Die Erkenntnis, das er der falsche Mann am falschen Ort ist, dürfte aber nicht ganz neu sein: Schon im Frühjahr fiel er bei einer Forsa Umfrage zur Beliebtheit deutscher Bürgermeister negativ auf: Nur 26 Prozent der Befragten hatten Vertrauen zu Sieling und der Bremer Verwaltung. Lediglich Berlins Bürgermeister Michael Müller unterbot diesen Wert noch. Wer meint, das liege wohl daran, dass es Stadtstaaten mit SPD-Führung besonders schwer hätten, irrt: Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister, hat doppelt so viel Zustimmung wie seine Genossen an Weser und Spree.

Die dreiste Rochade der Apparatschiks

Während sich die braven Parteisoldaten die Wunden der Wahlschlacht lecken, haben sich ihre Führer in den Kungel-Bunker zurück gezogen. Längst haben sich Sieling und Bremens neuer starker Mann Andreas Bovenschulte die Jobs zurechtgelegt: Sieling bleibt bis zur Bundestagswahl Bürgermeister und Bovenschulte wird Fraktionsvorsitzender. Danach geht dann wieder Sieling nach Berlin und Bovenschulte wird sein Nachfolger. Kleine Fußnote am Rande: Bovenschultes Frau könnte bis zum Wechsel ihres Mannes wohl außerdem Staatsrätin bleiben. Eine politisch Rochade, dreist am Wähler vorbei gespielt – allerdings ohne den Segen des früheren SPD-Landesvorsitzenden Dieter Reinken. Dem platzte gegenüber Radio Bremen der Kragen: „Machen wir noch einmal zwei Jahre Sieling dann danach zwei Jahre Bovenschulte‘ – das kann sich die Nomenklatura so ausdenken, das nimmt aber in der Bremer Bevölkerung keiner mehr ab!“

Ein Kanzler Robert Habeck – von Sielings Gnaden?

Sielings letzte Hoffnung sind jetzt die Grünen: Entscheiden diese sich für einen rot-rot-grünen Senat, könnte er im Amt bleiben. Und am Ende noch triumphieren – als der Mann, der für den Bund und die kommende Bundestagswahl die Weichen stellte. Ein Kanzler Robert Habeck, indirekt von Sielings Gnaden mit dem Segen der rührigen Bremer Linken: Nichts scheint in der aufgewühlten Republik momentan undenkbar. Ob sich allerdings die Grünen mit Sieling einlassen, ist zumindest fraglich. An ihm klebt der hartnäckige Geruch des ewigen Losers. Zwar sprachen sich vor der Wahl mehr Bremer für ihn, als für seinen Herausforderer Carsten Meyer-Heder von der CDU aus, doch die abgegebenen Personenstimmen zeigen jetzt plötzlich ein ganz anderes Bild: Hier liegt Meyer-Heder tausende von Stimmen vor dem ramponierten Amtsinhaber und hat selbstbewust als Wahlgewinner schon erste Gespräche mit den Grünen verabredet.

Die großen Fragen des Bremer Orakels

So bleibt für die Bremer Grünen die Gretchenfrage: Tun wir`s – oder tun wir`s nicht, nämlich ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP eingehen. Dieser für Bremer Verhältnisse gewagte flotte politische Dreier hätte mit Sicherheit auch Auswirkungen auf den Bund – und könnte das Ende der ungeliebten GroKo beschleunigen. Ob das dann Rückenwind für die bisher glücklose Annegret Kramp-Karrenbauer bedeuten würde oder aber eher ihren Abgang beschleunigt: Auch das ist eine der großen Fragen des Orakels von Delphi, pardon, Bremen.

Wie ein schwerer Kater nach durchzechter Nacht…

Denn was in Bremen machbar wäre, muss nicht in Berlin wohl gelitten sein: Die brüske Absage der FDP an Jamaika durch Christian Lindner im Herbst 2017 hängt den Grünen nach, wie ein übler Kater nach einer durchzechten Nacht. So wird vermutlich der Esel vor dem Bremer Rathaus in den kommenden Tagen noch von etlichen Politikern aufgesucht werden, die sich heimlich an ihm reiben um künftig etwas mehr Glück zu haben, als Carsten Sieling, Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer.

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