Heiße Luft und Bandwurmsätze: Wie Parteiprogramme Wählerinnen und Wähler vergraulen

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Die Logorrhoe der deutschen Politiker

In manchen Berufsgruppen kommt die Logorrhoe besonders häufig vor – etwa bei Medienschaffenden, Autoverkäufern oder Juristen. Umgangssprachlich wird dieses Leiden auch als Sprechdurchfall oder Geschwätzigkeit bezeichnet. Die schwersten Fälle des Sprechdurchfalls aber finden sich bei Politikern. In diesem Umfeld gedeiht die Logorrhoe so, wie einst die gallopierende Schwindsucht in Berliner Hinterhöfen.

Wissenschaftlich betrachtet gibt es verschiedene Ursachen für eine Logorrhoe. Jeder kennt den vereinsamten Nachbarn, der auf die leichtsinnig hingeworfene kurze Frage nach dem Befinden mit seiner kompletten Lebensgeschichte antwortet. Auch manche Taxifahrer und Friseure kennen nur zwei verbale Aggregatzustände: Eisernes Schweigen oder eben den gefürchteten Sprechdurchfall.

Ein Maximum an heißer Luft und gedrechselten Worten

Es gibt aber auch Menschen, die ihren Redeschwall als Statussymbol einsetzen um Dominanz zu demonstrieren. In politischen Talkshows kommt das häufig vor: Längst hat die Moderatorin das Wort an einen anderen Gast vergeben oder es läuft bereits der Abspann, doch noch immer redet einer, als gäbe es kein Morgen. Besonders hartnäckige Fälle hören selbst nach mehrfacher Ermahnung nicht auf oder ereifern sich, man unterbreche sie. Schafften es einst Politiker wie Strauß, Schmidt oder Genscher in wenigen Sätzen Dinge auf den Punkt zu bringen, so verbraucht die Generation der Lindners, Habecks und Scheuers ein Maximum an heißer Luft und gedrechselter Worte, denn zur Logorrhoe gesellt sich noch der gefährliche Virus des elaborierten Sprachcodes, vulgo auch schlicht Abgehobenheit genannt.

Die schriftliche Form der politischen Logorrhoe: Parteiprogramme

Wer sich jemals vor einer Wahl die Mühe gemacht hat mit der Programmatik politischer Parteien zu befassen, erlebt dasselbe Gefühl, das einen auch beschleicht, wenn man den Beipackzettel eines Medikamentes oder das Kleingedruckte der Versicherung liest. Hinzu kommt der Verdacht, ähnlich wie in Reiseprospekten drücke das Geschriebene oft das Gegenteil von dem aus, was gemeint ist. Jahrzehnte ist es her, dass ein Politiker wie Norbert Blüm Floskeln wie „Freisetzung von Arbeitsplätzen“ oder „Nullwachstum“ als irreführende Worthülsen öffentlich geißelte.

Wissenschaftler stellen Parteien kein gutes Zeugnis aus

„Parteien sollten ihre Positionen klar und verständlich darstellen, damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können. Dazu dienen Wahlprogramme“, fordert der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Er hat mit seinem Team die Wahlprogramme zur Landtagswahl in Thüringen am kommenden Sonntag untersucht.

Wahlprogramme noch schlechter verständlich als 2014

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wör­tern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich). Im Schnitt ist die Verständlichkeit der Programme in Thüringen 2019 mit 7,1 Punkten noch niedriger als bei der Landtagswahl 2014 (7,4 Punkte). Das Urteil der Forscher ist bitter: „Alle Parteien haben sich Transparenz und Bürgernähe auf die Fahne geschrieben, doch mit derartigen Wahlprogrammen verpassen sie eine kommunikative Chance. Sie schließen einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus.“

AfD und FDP mit der unverständlichsten Sprache

Das formal noch verständlichste Wahlprogramm in Thüringen liefert die CDU mit 7,9 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Auch 2014 hatte sie dort den ersten Platz belegt. Ihr folgen die SPD mit 7,7 Punkten und die Grünen mit 7,5 Punkten. Den letzten Platz teilen sich die AfD und die FDP mit jeweils 6,4 Punkten. Aus sprachlicher Perspektive sind ihre Programme am unverständlichsten.

„Land Grabbing“ und „Mesh-Netzwerke“ fürs Altpapier

Wer Begriffe wie „Land Grabbing“ (AfD), „Regulatory Sandboxes“ (CDU), „EdTech Coaches“ (FDP), „Jobseeker“ (FDP), „Makerfairs“ (Grüne), „Mesh-Netzwerke“ (Grüne), „heterodoxe Ökonomie“ (Linke) oder „front office“ (SPD) verwendet, schließt bis auf wenige Ausnahmen diejenigen aus, um die es geht, nämlich ganz normale Wählerinnen und Wähler. Vor allem Leser ohne politisches Fachwissen werden vermutlich schon nach wenigen Seiten die Programme dahin werfen, wo sie hingehören – ins Altpapier.

Kuriose Wortungetüme wie aus einem Sketch von Loriot

Programmatik ist scheinbar auch die Kunst, einfache Begriffe zu Wortmutationen aufzublähen: „Gewässerrandstreifenregelung“ (AfD), „Jugendkunstschullastenausgleich“ (CDU), „Funkzellenabfragen-Transparenz-System“ (FDP), „Totalherbizid-Reduzierungs-Strategie“ (Grüne) oder „Beteiligten-Transparenz-Dokumentation“ (Linke) klingen nach einem Sketch von Loriot, nicht nach politischer Gestaltung.

Alle Regeln der leichten Sprache werden über Bord geworfen

Alle Regeln der leichten Sprache – immer wieder in Sonntagsreden von Politikern gefordert – werden über Bord geworfen. Kurze und verständliche Sätze suche der Leser vergebens, kritisieren die Forscher aus Hohenheim. Der längste Satz findet sich übrigens im Programm der SPD mit 74 Wörtern. Bitte nachzählen: Das sind 20 Wörter mehr, als dieser gesamte letzte Absatz.

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