Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose: Die DDR in ihrer romantischen Lightvariante

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Vom traurigen Ende der Kanalarbeiter

Gestern noch ein politischer Dreikäsehoch und heute Coverboy der ZEIT: Diesen Aufschlag in Sachen Publicity muss Kevin Kühnert erstmal einer der Altvorderen in der SPD nachmachen. Seine Überlegungen, BMW unter staatliche Kuratel zu stellen und Immobilienbesitz einzuschränken, löste ein Erdbeben aus. Was kaum jemand auffällt: Hier meldet sich der nächste Populist zu Wort, der für komplizierte Probleme simple Lösungen anbietet und über eine Materie redet, von der er in der Praxis ungefähr so viel versteht, wie ein katholischer Bischof vom Kamasutra.

Am Beispiel des Juso-Vorsitzenden zeigt sich: Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Eine Diagnose, die unendlich viel über das Verhältnis der Medien zur Politik und ihre Exponenten aussagt. Im toten Winkel der medialen Kühnert-Scharade marschierten derweil ungestört Neo-Nazis durch Plauen, für die sich die Schöngeister in den Redaktionsstruben kaum interessierten. Sie plappern lieber aufgeregt wie eine WG zugekiffter Soziologiestudenten mit großer Attitüde über die Theorien des demokratischen Sozialismus, nicht über die realen Ursachen des Nationalsozialismus.

Die DDR in ihrer romantischen Lightvariante

Nicht die Kärrnerarbeit im Ortsverein oder im Gemeinderat, sondern das abgehobene Servieren feinster rhetorischer Häppchen ohne jeglichen realpolitischen Nährwert auf den Buffets in den Elfenbeintürmen der Talkshows ist das Maß der Dinge im politischen Redaktionsgeschäft. Der sprichwörtliche kleine Mann und seine ebenso kleine Frau sind nur noch interessant, wenn sie als Hartz4-Empfänger in dritter Generation oder als drittes Geschlecht daherkommen. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Die Wähler zahlten es der SPD prompt schon am Tag danach heim: Kaum war die Vision einer DDR in ihrer romantischen Lightvariante den Lippen Kühnerts entschlüpft und der Beifall der Journalisten verklungen, rutschte seine Partei wieder auf 15 Prozent in den Umfragen ab. Kühnert ist eben kein Teil der Avantgarde des Proletariats, sondern nur ein politischer Scheinriese.

Habeck, Kühnert und das Ende der Kanalarbeiter

Wo früher die Kanalarbeiter der Volksparteien vom Schlage eines Egon Franke (gelernter Tischler) oder Norbert Blüm (gelernter Werkzeugmacher) engagiert über die Zukunft von Arbeit und Kapital diskutierten, haben heute politische Animateure wie Robert Habeck (gelernter Philosoph) und Kevin Kühnert (ungelernter Student) diese Aufgabe übernommen. Die Arbeitnehmer, über die stundenlange Monologe gehalten werden, sitzen nie mit am Tisch, selbst Gewerkschaftsfunktionäre meiden längst die ermüdenden Schwadronier-Arenen des Fernsehens. Kein Wunder, sie haben in den Zeiten dramatischer wirtschaftlicher Veränderungen wichtigere Aufgaben, als Phrasen für die Galerie zu dreschen. Ihre Plätze werden mit Journalisten aufgefüllt, die von ihren Kollegen in den Talkshows als Experten von A wie Arbeitsmarktpolitik bis Z wie Zuwanderung ausgewiesen werden.

Entscheidend ist nicht mehr, was hinten rauskommt

Als der Schulz-Zug krachend entgleiste und jeder merkte, dass der Mann aus Würselen nicht übers Wasser gehen kann, verfiel die SPD in schwere Depressionen. Heute wird Schulz sogar von manchen Genossen als Nervensäge empfunden wenn er in der Fraktion mehr Redezeit einfordert. Er ist einfach zu kompliziert in seinen Gedankengängen, er reflektiert, wägt ab, überlegt, ändert seine Ansichten. Das langweilt in einem Zeitalter, in der andere irgendwelche Thesen in die sozialen Medien rotzen und eine faul gewordene Journaille danach lechzt, mit galanten Worthülsen bedacht zu werden. Da können sich Leute wie Olaf Scholz oder Angela Merkel ihren schwarzen oder roten Arsch aufreißen wie sie wollen – entscheidend ist nicht mehr, was hinten rauskommt, sondern nur noch, was moralisch wohlig einlullt und dem lesenden Arbeiter das Gefühl geben soll, zu den Guten gehören zu können.

In Sachen Polit-Marketing ein Profi

Kevin Kühnert mag als abgebrochener Student und ehemaliger Callcenter-Agent nach alter (kleinbürgerlicher) christ- oder auch sozialdemokratischer Lesart keine große Leuchte sein, in Sachen Polit-Marketing ist er jedoch ein Profi: Er kann zuspitzen, übertreiben, anfeuern, überdrehen. Eigenschaften, die sich bei Politikern finden, denen das große Wort mehr liegt, als die mühsame Kleinarbeit: Sarah Wagenknecht, Robert Habeck oder Alexander Gauland. Politische Wahrnehmung ist im Zeitalter „sozialer“ Medien und dem dramatischen Absinken der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne eben längst eine Frage der auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Polemik.

Der Tabubruch, der schon lange keiner mehr ist

Dort, wo früher Journalisten dieses Geschwurbel demaskierten, erliegen sie heute dem Charme der Habecks und Kühnerts – während Wagenknecht übrigens fast immer unisono medial verdroschen wird. Redet sie über Enteignung, gilt sie als Wiedergängerin Walter Ulbrichts. Orakelt hingegen Robert Habeck in ähnlichem Ton, feiert ihn das Feuilleton als Visionär. Und auch der Juso-Vorsitzende bekommt für seine Thesen die Weihen des Philosophen verliehen – etwa vom früheren Juso und heutigen SPIEGEL-Redakteur Nils Minkmar. Kühnert habe ein Tabu gebrochen, weil es „als Frevel gilt, politische Fantasie dort walten zu lassen, wo es um Besitz und Geld geht.“ Schade, dass Nils Minkmar offensichtlich seit der Wiedervereinigung nie in die Programme der LINKEN geschaut hat, dann wüsste er, dass dieser Tabubruch seit Jahrzenten keiner mehr ist und die Partei der Kollektivierung seit 1990 im deutschen Bundestag sitzt.

Eine neue intellektuelle Scheinelite von Journalisten

Weltfremde Schöngeister vom Schlage Minkmar servieren die alte abgestandene Kapitalismuskritik, die man sich so unreflektiert nur noch als Journalist oder ewiger Student leisten kann – oder wenn man wie er selbst Genosse ist und wohl das Gefühl hat, dem linken Flügel beispringen zu müssen. Wie unredlich es ist, unter der Flagge des Journalisten zu segeln und dabei unverhohlen Politik zu betreiben, schert ihn nicht. Eine neue intellektuelle Scheinelite von Journalisten pfeift längst auf distanzierte Beobachtung, hat das früher eherne Gesetz der Trennung von Bericht und Kommentar über Bord geworfen. „Die Deutschen hat man entweder an der Kehle oder am Stiefel“, soll Winston Churchill gesagt haben – dieser Vorwurf trifft heute zumindest auf viele Journalisten zu, denen kein Vergleich zu schäbig und kein Lob zu groß ist um ihrem eigenen politischen Gusto zu frönen.

 

 

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