Menschliches, Allzumenschliches: Wo einst Friedrich Nietzsche seine Salomé vergötterte

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Ein Hauch Melancholie zum Rotwein

Sonne, Meer und kulinarische Köstlichkeiten – das ist für die meisten Menschen der Inbegriff des Dolce Vita. Keines unserer Nachbarländer übt seit Jahrhunderten diese Sehnsucht und diesen Zauber so aus, wie Italien. Die blaue Grotte auf Capri, der Trevi-Brunnen in Rom und die Arena in Verona sind Orte zum Träumen – wenn sie denn nicht von Touristen überfüllt sind. Dabei gibt es eine Reihe von Alternativen – wie den Lago d´Orta, den kleinen Bruder des Lago Maggiore, dessen Charme schon der Philosoph Friedrich Nietzsche erlag

Gerade im Sommer laden die oberitalienischen Seen zum Genießer-Urlaub ein. Milde Sonne, herrliche Landschaften, großartige kulinarische Überraschungen. Die Masse der Touristen ist dann im Süden an den Stränden und brütet dumpf in der Sonne. Verträumte Seepromenaden, Restaurants mit einem vorzüglichen Angebot und kristallklare Seen sind ideale Orte im Norden, um die Seele baumeln zu lassen – zum Beispiel am Lago d´Orta, dem kleinen Bruder des Lago Maggiore.

Kleiner Lago mit großer Romantik

Der Lago liegt reizvoll in einem nach Süden ausgerichteten Tal – und hat mit der Isola San Giulio sogar eine Insel zu bieten. Hier steht eine uralte Klosteranlage, die mit ihrem mystischen Charakter den Besucher in vergangene Jahrhunderte eintauchen lässt. Man erreicht sie mit dem Boot vom gleichnamigen San Giulio, einem kleinen pulsierenden Örtchen mit einer wunderschönen Piazza, an der Restaurants und Bars einladen, bei einem Aperol oder einem der guten piemontesischen Weine das Dolce Vita zu erleben. Kleine Läden, pittoreske Fassaden und altertümliche Gassen lassen hier den Alltag vergessen.

Auf den Sacro Monte zum Heiligen Fanziskus

Wer gut zu Fuß ist, sollte nach der Stärkung in einer der Osterien den Sacro Monte erklimmen, den „heiligen Berg“. In 20 Kapellen, die unter uralten Bäumen stehen, haben Künstler vor Jahrhunderten das Leben des heiligen Franziskus nachgestellt – in riesigen Dioramen mit knapp 400 fast lebensgroßen Figuren. Kein Wunder, dass es dieses üppige, 1590 begonnene und erst im 18. Jahrhundert fertig gestellte Heiligenepos prompt auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes schaffte. Wie in einem riesigen 3D-Kino läuft hier das Leben des großen Entsagers Franziskus vor den Augen des Besuchers ab.

Friedrich Nietzsche und seine große Liebe waren hier

Eine faszinierende Atmosphäre – die schon den Philosophen Friedrich Nietzsche und seine Muse Lou Andreas-Salomé im Mai 1882 magisch anzog. Was die beiden zwischen den großen Bäumen und den vielen verwinkelten Kapellen machten, wird allerdings für immer ein Geheimnis bleiben – es ging aber vermutlich auch um Menschliches, Allzumenschliches. Abends sah man dann beide in San Giuilo im Abendlicht verträumt auf der Piazza sitzen – oder diskutierend die Seepromenade entlang spazieren.

Das kurze Glück eines italienischen Sommers

Das Glück währete jedoch nur kurz: Nietzsche sah in Salomé weniger eine gleichberechtigte Partnerin als eine kluge Schülerin. Er verliebte sich, hielt um ihre Hand an, doch Salomé lehnte ab. Sie wollte mit ihm auf Augenhöhe philosophieren, nicht bewundernd zu seinen Füßen sitzen. Bereits im Winter, der auf den romantischen Sommer am Lago d´Orta folgte, zerbrach die Beziehung. Nietzsche flüchtete nach Rapallo, wo er in nur knapp zwei Wochen noch unter dem Eindruck seiner gescheiterten Beziehung im November den ersten Teil von Also sprach Zarathustra schrieb.

Ein Hauch von süßer Menlancholie zum Rotwein

Noch immer weht ein Hauch dieser Melanchloie an schweren Sommerabenden durch die weitläufigen Anlagen. Der heilige Berg könnte seine Besucher dann dazu verleiten, die Zeit zu vergessen und nicht rechtzeitig wieder hinabzusteigen um den atemberaubenden Sonnenuntergang über dem Lago zu erleben. Das wäre ein Versäumnis – denn nach der Einkehr beim heiligen Franziskus bringt einen der Abend im lebensfrohen San Giulio wieder in das wunderbare Leben im Diesseits zurück. Wenn der Wind leise vom See kommt, möchte man für immer in einem der kleinen Ristorantes auf der Piazza am Ufer bei einem Glas Rotwein sitzen bleiben…

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