Mit YouTube aus der Einbahnstraße? Warum Politiker endlich digitaler werden müssen

| Keine Kommentare

Rezo, Sophia und die Pobacken der Politik

Politiker beschäftigen Heerscharen von Mitarbeitern, die soziale Medien mit Informationen füttern. Doch wer  glaubt, da wolle jemand in den Dialog treten, hat sich getäuscht. Soziale Medien sind für die etablierten Parteien fast immer Einbahnstraßen. Ausgerechnet ein durchgeknallter YouTuber namens „Rezo“ hat jetzt mit einem Video brutal vorgemacht, wie man viral gehen kann und lässt klassische Politiker-Postings richtig alt aussehen. Werbung, Information oder Musik: Selbst der Lokus (im Bild ein Pissoir mit Display) wird heute zum Internet der Dinge, nur die Politik bleibt analog.

Man muss schon wenig Interesse an Politik und Zeitgeschehen haben, um diese 55 Minuten von Rezo widerspruchslos zu schlucken. Wer auch nur einen Funken dialektischen Verstandes hat, sieht: Mit dieser Methode der „Beweisführung“ von Rezo kann man alles – und nichts beweisen. Es sind die manipulativen Methoden der „Schwarzen Rhetorik“. So scheinbar „sachlich“ arbeiten auch medial gebildete Populisten – siehe Sarrazin, Gauland, Wagenknecht und Co. Auch die Platzierung des Rezo-Filmchens kurz nach dem Outing des österreichischen Mini-Mussolinis Strache und kurz vor der unmittelbar bevorstehenden Europawahl ist das gekonnte Timing eines PR-Profis. Hier will jemand der CDU richtig Druck machen – mit manchem Tiefschlag aber in der Sache durchaus berechtigt: Jeder wählt das Kommunikationsmittel, das er am besten beherrscht.

Rechter Abgeordneter Hampel: „Rezo ist ganz auf AfD-Linie“

Doch Mitleid wäre fehl am Platz. Vom hohen Ross einer Volkspartei herab hört man die ungezählten Rezos eben oft nur noch, wenn sie laut und aggressiv werden. Und sein „Werk“ macht noch etwas anderes deutlich: Die Wehrlosigkeit von Parteien, die bis heute nicht den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft haben und mit sozialen Medien fremdeln. Völlig kalt hat Rezo die CDU erwischt. Es gibt offensichtlich keine Abwehrstrategie gegen eine solche geistreich-demagogische Attacke, Planspiele für einen derartigen Angriff haben vermutlich nie stattgefunden. Ein schweres Versäumnis der Politstrategen. Das ist die Achillesferse, nicht nur der CDU: Schon morgen kann sich jemand mit diesen Mitteln ein anderes Thema vorknöpfen. Der AfD-Abgeordnete Armin-Paul Hampel hat die Vorlage bereits dankbar aufgegriffen: „Rezos vernichtende Kritik an der Politik der CDU trifft ins Schwarze und ist ganz auf AfD-Linie“, frohlockt der Medienprofi und frühere ARD-Journalist Hampel.

Der politische Phrasenwerfer ballert was das Zeug hät

Am Sonntag entscheiden fast 300 Millionen Europäer über die Abgeordneten des EU-Parlamentes. Doch in den sozialen Medien ist nur eine kleine Handvoll der politischen Akteure im Dialog mit den Usern. Denn das ist anstrengend – und kostet Zeit. Da ist es einfacher, den Phrasenwerfer in Stellung zu bringen und die Facebook-Gemeinde immer wieder mit Bildern von Infoständen oder Rednerpulten zu öden. Wenn es doch einmal Videos gibt, sind diese meist altbacken, technisch grauenvoll und gähnend langweilig – die kümmerlichen Aufrufzahlen sprechen Bände. Auf den Webseiten der Parteien schwafelige Statements in Wort und Bild – als ob der Wahlabend niemals enden würde. Doch das, was Helmut Markwort einst „Faten, Fakten, Fakten“ nannte, muss sich der User mühsam zusammenklauben und kann nur durch sperrige Kontaktformulare mit der Politik in Verbindung treten. Kein Chat, keine Hotline – der Wähler soll nicht stören.

Wer sich zuerst bewegt, verliert

Und selbst bei der Beantwortung der ohnehin spärlichen Kommentare auf Politikerpostings gilt oft genug das alte Prinzip des berüchtigten Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Sogar um das stockseriöse Medium abgeordnetenwatch drückt man sich gern herum – der digitale Diskurs mit dem Wähler, dem unbekanntem Wesen, ist doch nicht ohne Tücken, hier ist kein ausweichendes Geschwurbel wie in den medialen Selbsthilfegruppen bei Anne Will und Maybritt Illner möglich.

Das Internet ist für viele Akteure immer noch „Neuland“

Das Internet ist für viele politische Akteure offensichtlich immer noch „Neuland“, wie es Angela Merkel 2013 nannte. Schon damals fragten sich nicht nur Digital Natives, ob die Kanzlerin diese Feststellung ernst meinte – oder ob sie einen ihrer seltenen Scherze gemacht hatte, schließlich war es 2013 schon 20 Jahre her, dass der erste grafikfähige Webbrowser zum kostenlosen Download angeboten worden war. Erstaunlicherweise hat das Netz jedoch Politiker und Wähler nicht näher gebracht, sondern entfremdet, trotz der großartigen Möglichkeiten des direkten Dialoges.

Das große Twittern in Kyritz an der Knatter

Deutschlands Spitzenpolitiker nutzen vor allen Dingen ein Instrument moderner Kommunikation: Twitter. Der Nachrichtendienst hat zwei große Vorteile: Er funktioniert schnell und man erreicht direkt die Journalisten, von denen man einst hochgeschrieben wurde. Außerdem ist der Platz begrenzt, nur eine Handvoll Zeichen stehen zur Verfügung. Botschaften können so via digitalem Holzhammer direkt in die Nachrichtenportale und Redaktionen gedroschen werden, ein Dialog ist nicht vorgesehen. Kein Wunder, dass der größte Twitterer US-Präsident Donald Trump ist. Doch genau das ist das große Problem für alle kleinen Politiker: Wenn Kandidatin Chantalle Müller-Hubbelrath aus dem Wahlkreis 4711 in Kyritz an der Knatter mit dem twittern beginnt, interessiert sich niemand für ihre Zeilen.

Zeit, Kreativität und ein großes Netzwerk

Politische Kommunikation setzt drei grundlegende Dinge voraus wenn man (oder frau) seine Tätigkeit denn ernst nimmt: Zeit, Kreativität und ein großes Netzwerk. Die weit verbreitete Ansicht,  es seien auch weitreichende technische Kenntnisse und vor allen Dingen teure Hard- und Sofware erforderlich, ist eine ebenso faule Ausrede, wie die Feststellung, man würde lieber gelegentlich das persönliche Gespräch suchen. Wer nicht gerade erst gestern seinen Schlafbaum in welcher Berliner Parteizentrale auch immer verlassen hat und über etwas mehr als Windows 95 oder eine Next-Station verfügt, kann sofort in die politische Kommunikation einsteigen – wenn man denn etwas mitzuteilen hat.

Die digitale Reise in das Herz der Finsternis

Und hier kommt der berühmte innere Schweinehund ins Spiel. Kommunikation in der Politik bedeutet nicht nur spröden akademischen Gedankenaustausch, sondern unter Umständen eine Expedition in Herz der Finsternis des Wählers. Natürlich ist eine Podiumsdiskussion, bei der jeder Redner das Recht hat, 20 Minuten am Stück das Publikum mit abgelesenen Worten zu sedieren, leichter zu überstehen, als ein Schlagabtausch bei Facebook. Hier tummeln sich Provokateure, Trolle und jede Menge Rassisten. Die allerdings gab es schon immer – sie saßen früher in den längst verschwundenen Eckkneipen an den Stammtischen und pöbelten dort. Woher also die Angst vor dem Shitstorm? Der wird im Zweifelsfalle ohnehin von studentischen Hilfskräften abgefedert – allerdings nur, wenn diese nicht gerade mit dem Kopieren von ausufernden Reden und dem Sortieren von Hochglanzflyern beschäftigt sind.

„Wo Mutti sonst nur blasen kann“

„Es saugt und bläst der Heinzelmann wo Mutti sonst nur blasen kann“, sagt der listige Staubsaugervertreter bei Loriot. Und beschrieb damit das System der Facebook-Blase lange vor ihrer digitalen Fleischwerdung. Wer sich mit Menschen umgibt, die so denken wie er selbst, bildet sich rasch ein, er liege mit seinen Ansichten stets richtig. Ein HSV-Fan, der überproportional viele weitere HSV-Fans unter seinen Freunden hat, bildet sich irgendwann tatsächlich ein, der Hamburger Sportverein sei ein Fußballclub, der in der Ersten Bundesliga wirklich unverzichtbar ist – auch wenn das wahre Leben das Gegenteil beweist.

Ich like – damit du likest…

Noch deutlicher wird das einseitige Pusten in die Facebook-Blase im politischen Bereich: Facebook-Seiten derselben Partei, die sich untereinander liken, bekommen überproportional viel von diesen Seiten angezeigt – aber wenig andere Dinge. Es entwickeln sich Gruppenmeinungen, die niemanden außerhalb der Gruppe interessieren. Ein kluger Politiker beginnt deshalb schon auf kommunaler Ebene, ein digitales Netzwerk zu weben und Interessenten an sich zu binden und mit guten Inhalten zu faszinieren. Diesem Netzwerk sollten natürlich nicht nur Gesinnungsgenossen und Ja-Sager angehören – der Heinzelmann saugt eben auch Inhalte und User dort, wo Mutti sonst nur blasen kann.

Fitness-Ikone versus Kanzlerin

Fatal wird das Prinzip der kommunikativen politischen Einbahnstraße, wenn auch noch die Kreativität flöten geht. Wer bei YouTube die Seite der Bundesregierung aufruft, wird erstaunt feststellen, dass sich hier gerade einmal knapp 25.000 Abonnenten angemeldet haben. Als Gegenmodell muss man gar nicht erst Propagandist Rezo bemühen: Die Fitness-Ikone der Digital Natives, die 24jährige „Pumping“ Sophia Thiel, schafft bei YouTube locker eine knappe Million. Noch bescheidener als die Abonnentenzahlen sind die Aufrufe der Videos mit der Bundeskanzlerin: Ihre Rede zum wichtigen Thema „Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich“ erreichte von der Onlinestellung bis Mitte Mai 2019 gerade einmal 1.075 Aufrufe. Wer sich den Film anschaut, weiß auch warum…

„Pumping Sophia“ und die Pobacken

Natürlich ist es einfacher, wie „Pumping Sophia“ über gut trainierte Pobacken zu plaudern und damit in wenigen Wochen Hunderttausende Zuschauer zu erreichen. Das Vergnügen hat die Kanzlerin nicht. Die Frage des lesenden Arbeiters würde allerdings zu Recht in diesem Falle lauten: Warum braucht die Bundesregierung einen riesigen Apparat für diese Videos wenn ein junges Mädchen sich einfach vor eine Kamera setzen und charmant drauflos plaudern kann? Wenn der US-Präsident täglich unglaublich wirksam twittert, sollte es doch für die Bundeskanzlerin ein Leichtes sein, einmal in der Woche via Selfiestick ein kleines kluges Filmchen für das Wahlvolk zu machen?

Der vergessene Selfiestick im Kanzleramt

Vielleicht gibt es sogar irgendwo im Kanzleramt diesen Selfiestick, doch schon die Zuständigkeit ist vermutlich nicht abschließend geklärt. So versandet der richtige Gedanke, die Bürger via YouTube kurzweilig zu informieren, im riesigen Apparat. Wer selbst einmal für derartige Institutionen bewegte Bilder gemacht hat, weiß, was nach unzähligen Waschgängen in der Ministerialbürokratie noch an sittlichem Nährwert übrig bleibt. Alle Ecken, alle Kanten werden abgeschliffen, zum Schluss bleibt Beliebigkeit für die kommunikative Einbahnstraße: Es wird gesendet, doch der Rezipient interessiert niemanden mehr, er stört höchstens den Ablauf des riesigen Räderwerkes wenn er sich doch einmal meldet. „Ich bin ganz meiner Meinung“, sagen diese Politiker-Videos, mehr nicht.

„Keine Experimente“ gilt seit 1957

So werden elementare Werkzeuge für die digitale Kommunikation von Politikern leichtfertig aus der Hand gegeben und von Trollen, Rassisten und Freaks genutzt. Stattdessen werden in der Politik zur Information der Menschen Unsummen in Anzeigen und Großflächen investiert – die größten und besonders öden Einbahnstraßen der Kommunikation. Eine Handvoll Verlage und Plakataufsteller macht sich mit diesen Etats die Taschen voll, auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger. Podiumsdiskussionen, Reden, Plakate, Anzeigen: Die Politik ist in der Wahl ihrer Kommunikation nicht viel weiter, als im Wahlkampf 1957. Damals plakatierte die CDU den Slogan „Keine Experimente“. Das gilt für den Dialog mit den Wählerinnen und Wählern leider bis heute bei allen Parteien.

 

Anmerkung: Das Bild des Beitrages zeigt ein neues System mit Videos, die auf Herrentoiletten auf dem digitalen Display von Pinkelbecken laufen. Ob Werbung oder Musik: Selbst der Lokus wird zum Internet der Dinge.

Share

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Share