November `89: Sekt mit dem Minister und Geplauder mit dem Botschaftsrat der DDR

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Als der Sozialismus insolvent ging

In diesen Tagen wird viel darüber geschrieben, wo man zur Maueröffnung war. Wie war das aber hinter den Kulissen, als der real existierende Sozialismus in die Insolvenz ging?  Fern von Berlin war ich im November 1989 als junger Journalist in Vertretung meines Chefs in Bonn – zu einem Hintergrundgespräch mit Helmut Kohls Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und später als Tischnachbar eines hohen DDR-Diplomaten.

In der Politik ist es wie beim Fußball: Es gibt diejenigen, die Tore schießen – und diejenigen, die Tore vorbereiten. Einen Mann, der den Siegtreffer für die Demokratie lange mit vorbereitete, lernte ich 1989, genauer gesagt 24 Stunden vor dem Mauerfall, kennen. Es war der Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, die rechte Hand des Bundeskanzlers Helmut Kohl. „Wir leben in einer Zeit mit geschichtlichen Dimensionen“, stellte der Minister damals im Gespräch fest – ganz sachlich, ohne jedes Pathos.

Ein Glas Sekt beim Kanzleramtsminister

Ausgerechnet eine kleine Gruppe ostfriesischer Journalisten war es, die Rudolf Seiters am 8. November 1989 im Bonner Kanzleramt empfing. Seiters stammt aus Papenburg im Emsland und einer meiner Kollegen hatte einst mit ihm die Schulbank gedrückt. Entsprechend persönlich waren die Gespräche, zu denen Seiters eigenhändig ein Glas Sekt einschenkte. Und fast hätte noch ein prominenter Norddeutscher an dieser Runde teilgenommen: Auf dem Weg ins Kanzleramt trafen wir den früheren Bundespräsidenten Karl Carstens, der sich Zeit für einen kurzen Smalltalk nahm, dann aber mit Blick auf die Uhr absagen musste.

Der „heiße Draht“ zum Politbüro

Das Thema DDR stand ganz oben auf der Themenliste. Seiters sah man viele entgangene Stunden Schlaf an. Doch freundlich, geduldig und charmant erzählte der Minister von diplomatischen Problemen und Gesprächen – einiges unter drei, also nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Doch eins verriet er: Es gäbe einen täglichen „heißen Draht“ nach Ost-Berlin, eine dauerhafte Telefonleitung, die 1989 im Zeitalter vor der Erfindung des Handys die lebenswichtigste Nabelschnur der Diplomatie war.

Rudolf Seiters und die Menschen in der DDR

Heute, 30 Jahre später, haben viele seiner Überlegungen nichts von ihrer Logik verloren. „Die Planwirtschaft ist am Ende“, stellte Seiters an diesem trüben Novembernachmittag im Kanzleramt nüchtern fest. Seit vielen Jahren hatte die DDR über ihre finanziellen Verhältnisse gelebt, ausgerechnet Kredite aus dem kapitalistischen Ausland hielten den real existierenden Sozialismus am Leben. Ein Paradoxon. Doch Seiters unterschied schon 1989 zwischen einem kaputten System und den Menschen, die in ihm lebten. „Die Leute sind bereit, anzupacken“, schwärmte er von den Bürgerinnen und Bürgern der DDR.

Die PDS – alter Wein in neuen Schläuchen

Erich Honecker hatte noch im Sommer 1989 auf einer Pressekonferenz verkündet, „den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“. Noch träumten Intellektuelle von einer Reform, noch hofften die Kader ihre Posten in der Wirtschaft und ihre Villen in Wandlitz zu behalten. Gerhard Schürer, Leiter der staatlichen Planungskommission, verfasste mit Genossen eine „Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen“: Darin wurde aus der hohen Staatsverschuldung in Mark der DDR wie auch in Devisen der Staatsbankrott bis spätestens 1991 gefolgert. Doch die Apparatschiks waren anpassungsbereit: Schon bald entstand aus der SED eine „neue“ Partei, die sich PDS, „Partei des demokratischen Sozialismus“ nannte. Alter Wein in neuen Schläuchen, lästerten Bürgerrechtler: Diejenigen, die sich als Teil der Lösung anboten, waren doch selbst Teil des Problems.

Das ökologische Desaster im Osten

Jahrelang war mit falschen Zahlen gearbeitet worden. Die SED kokettierte damit, die DDR sei unter den zehn führenden Industrienationen der Welt – eine Legende, die aber auch im Westen unter Linken gern geglaubt wurde. Aber nicht nur ökonomisch, auch ökologisch zeigte sich der Sozialismus als katastrophales System: Während in der Bundesrepublik 1982 drei Millionen Tonnen Schwefeldioxyd (49 kg pro Kopf) die Luft verunreinigten, waren es im selben Jahr in der DDR 4,9 Millionen Tonnen, also pro Kopf mit 296 kg das Sechsfache an giftigen Gasen. Dringend brauchte man Geld für Technologie vom „Klassenfeind“. Ein ganzes Land existierte nur noch auf Pump. So entsprangen auch alle Zugeständnisse an die Bürgerinnen und Bürger der DDR eher Pragmatismus als Humanismus.

Mit dem DDR-Botschaftsrat am Tisch

An jenem 8. November 1989 saß ich abends bei einem Bankett in der Niedersächsischen Landesvertretung. Ehrengast war Rudolf Seiters, mit dem wir am Nachmittag lange vertraulich geplaudert hatten. Mein Platz am Tisch war zufällig neben Karl-Heinz Klötzer, dem Botschaftsrat der Ständigen Vertretung der DDR und in Bonn deren Geschäftsträger. Wir plauderten über deutsch-deutsche Annäherung, Reisen von Sachsen nach Ostfriesland. Klötzer war zurückhaltend und von feinem Humor. Es werde diese Reisen doch bestimmt in absehbarer Zeit geben, sagte er lächelnd, dass sei ja unter souveränen Staaten eigentlich auch ganz normal.

Die Nacht, als der Sozialismus in Insolvenz ging

Ein unaufgeregter Abend plätscherte dahin. Doch plötzlich änderte sich etwas. Noch während des Banketts wurde Klötzer telefonisch in die Ständige Vertretung der DDR abberufen. Es sei leider sehr dringend sagte er und verabschiedete sich mit Handschlag von mir. Kurz darauf stand der Wagen von Seiters mit Blaulicht vor dem Haus und brachte den Minister ins Kanzleramt. Etwas ratlos blieben die Gäste des Banketts zurück. Es war die Nacht vom 8. auf den 9. November 1989. Es war die Nacht, in der die Öffnung der Mauer angebahnt wurde. Und es war die Nacht, als der Sozialismus unwiderruflich in die Insolvenz ging. Mit Anfang 20 damals als Journalist einen kurzen Blick ins Räderwerk der Geschichte werfen zu dürfen  – nur ein Zufall. Aber was für einer!

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