3. Juni 2019
von Malte Bastian
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Frieden, Sicherheit, Wohlstand: Haben eigentlich die Millennials vergessen, auf wessen Schultern sie stehen?

Zuletzt beherrschte der YouTuber Rezo samt Kollegen den Europawahlkampf. Doch die politisch aktive Generation der Digital Natives hat nicht unisono etwas gegen die von Rezo attackierten Parteien CDU und SPD. Hier schreibt unser Gastautor Salim Bopp.  Er macht sich Gedanken über Europa und die Zukunft der Union. Salim Bopp, Jahrgang 1987, studiert im Master rechtsvergleichend chinesisches Recht an den Universitäten Göttingen und Nanjing und kandidierte auf Platz 3 der Landesliste der CDU-Bremen für die Wahl zum Europäischen Parlament. Sein Appell an die CDU: „Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.“ (Zitat aus „Garfield der Film“)

„Jetzt ist Zeit für Heldentaten“

von Salim Bopp

 

Einige Meter neben dem Bremer Roland wurde die Ode an die Freude gesungen, es nieselt, Menschen fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis. Die Organisatoren des Pulse of Europe lassen einen Hauch von Europa über den Marktplatz fliegen. Ein älterer Herr bewegt sich auf einen Rollator gestützt in Richtung Kreismitte. Er bleibt auf der Hälfte stehen. Die Spannung in der Menge steigt. Er greift zum Mikrophon und fängt an, ein Gedicht aufzusagen. Er vergisst ein paar Zeilen. Er fängt sich und spricht mit starker und doch zitternder Stimme. Der Inhalt? Irgendetwas aus seinem Leben. Nichts Parteipolitisches. Ein Loblied auf Europa. Irgendwas mit Frieden. Ich verstehe sein Gedicht nicht. Aber ich spüre: Ich stehe auf seinen Schultern – und mit mir Generationen junger Europäer.

Vergangene Errungenschaften bedeuten heute nichts mehr, das könnten wir von einer ehemaligen deutschen Volkspartei lernen. Die hatte sich irgendwann darauf verlassen, dass ‚der Wähler‘ ihre sachlich „gute“ Arbeit erkennt, katastrophale Kommunikation ignoriert und die Partei bei Wahlen belohnt.

Wahlkampf im #Neuland

In der Sache ist unsere Arbeit gut und selbst, wenn man persönlich mal nicht ganz einverstanden ist, so ist der Konsens erträglich. Unsere Kommunikation? Im Europawahlkampf 2019 kommunizieren wir unsere vergangenen Errungenschaften als Versprechen für die Zukunft: Frieden, Sicherheit, Wohlstand. Das ist richtig. Das ist authentisch. 40 Prozent der Wähler über 60 vertrauen uns in diesen Punkten. Allerdings sind 87 Prozent der unter 30-jährigen vergangene Errungenschaften egal oder sie vertrauen uns unsere Errungenschaften in Zukunft nicht mehr an.

Kommunikation im #Neuland ist ein Running Gag

Haben diese Millennials vergessen auf wessen Schultern sie stehen? Wer hat denn für Multilateralismus, für gemeinsame (Klima)Ziele in der Welt gekämpft? Es war unsere (Klima)Kanzlerin. Millionen Künstler in Europa brauchen eine existenzsichernde Urheberrechtsreform. Wir liefern eine Richtlinie mit Nebenwirkungen. Können die Millennials nicht einfach mal sachlich bleiben und sachlich mit uns über Verhältnismäßigkeit und Nebenwirkungen diskutieren? Nein. Und nein, man kann es ihnen nicht übelnehmen. Unsere Kommunikation im #Neuland ist ein Running Gag.

Besorgte Bürger sind keine „Bots“

Internet-Nutzer sehen die Meinungsfreiheit gefährdet. Unsere Reaktion? Wir bezeichnen diese besorgten Bürger als „Bots“. Bots, das steht für Computerprogramme, welche Aktivitäten natürlicher Personen im Internet imitieren. Damit nicht genug. Um ein Grundrecht besorgten und genau deswegen demonstrierenden Menschen wird unterstellt, gekauft worden zu sein – Grundlage für diese Behauptung sind Spesenabrechnungen von 30 Aktivisten – veröffentlicht in einer Zeitung mit deutlich mehr als zwei Millionen Lesern und unzählige Male im Internet geteilt. Rhetorische Frage: Kann man diese Behauptungen noch erhobenen Hauptes schönreden? Nein. Wir probieren es trotzdem und liefern damit Wassermassen auf die Mühlen eines neuen Internet-Trends: #NieWiederCDU.

Die „Zerstörung der CDU“?

Kurz vor der Wahl setzt ein unter 30-Jähriger ein Video ins Netz. Er greift eben jenen „#NieWiederCDU“ Trend auf. Millionen Klicks. Und wir? Wir stellen erst seine Quellen infrage. Dann legitimieren wir seine Quellen und kündigen ganz sachlich ein Antwortvideo an. Deutschland wartet. Das Video kommt nicht. Dafür eine Aufforderung zum Dialog und eine „elfseitige Hausarbeit“ auf cdu.de. Wie viele Klicks hat die Hausarbeit eigentlich? Sieht so eine sachliche Aufarbeitung aus? Wäre es nicht besser „nicht zu reagieren, bevor man falsch reagiert“?

Das Internet kann man nicht aussitzen

Es ist richtig zu reagieren, denn das Internet kann man nicht aussitzen. Es ist richtig zu reagieren, wenn die fünfte Gewalt monatelang schreit: #NieWiederCDU. Aber, wie sieht unsere Reaktion nach der Europawahl aus? Sinngemäß: „Liebe Internetgemeinde lasst uns doch eine Debatte führen über ethische Spielregeln für Influencer“ – „Sind Influencer nicht so etwas ähnliches wie Journalisten?“ – „Gilt der Pressekodex nicht auch für Influencer?“ – Nein, gilt er nicht. Äpfel sind nicht Birnen. Die vierte Gewalt ist nicht die Fünfte. Influencer sollten sich selbst überlegen, ob sie einen „Ehren-Kodex“ brauchen oder nicht.

Kein Notfallplan für den Shitstorm

Die richtige Debatte wurde angestoßen. Aber die richtige Debatte zum falschen Zeitpunkt ist in Summe falsch. Warum ist der Zeitpunkt falsch? Wer Ende Mai 2019 keinen Notfallplan für einen Social-Media-Shitstorm in der Schublade hat, der hat das Internet nicht verstanden und die letzten Monate im Tiefschlaf verbracht. Eine Partei möchte unverbindliche Spielregeln für etwas mitgestalten, das sie offensichtlich immer noch nicht versteht. Wer soll unsere Ansichten denn in dieser Debatte ernst nehmen? Können wir das selbst noch?

Mut – jetzt ist Zeit für Heldentaten

Ein adipöser Kater läuft auf zwei Beinen zum Kühlschrank, öffnet ihn und sagt zu sich selbst: „Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.“ Die Szene stammt aus Garfield – der Film aus dem Jahr 2004. Der Eindruck, den ich aus den Medien in diesen Tagen gewinne, ist, dass der Kater Garfield auch CDU heißen könnte. Am liebsten würde er weiterhin jeden Tag zum Kühlschrank laufen und sich denken „mmmmhh. Schweinskopfsülze“. Um das Internet kümmern sich ja andere. Um die Bewahrung der Schöpfung kümmern sich ja andere. – Um die zukünftigen Generationen Wähler kümmern sich…? Andere.

Liebe Parteifreunde: Jetzt ist keine Zeit für Schweinskopfsülze, jetzt ist Zeit für Heldentaten.

 

Das Foto zeigt die Bronzefiguren von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer im Garten des früheren Privathauses von Adenauer in Rhöndorf.

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29. Mai 2019
von Malte Bastian
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Doch kein Frühling auf Jamaika? Bremen und die Kür des neuen Dschungelkönigs

Ein Esel kann entscheidend sein

Während in den Redaktionsstuben noch an der Exegese der dürren Worte von Annegret Kramp-Karrenbauer gearbeitet wird, finden in Bremen die ersten Gespräche für eine neue Landesregierung statt. Normalerweise ein Vorgang, der für den Rest der Republik deutlich weniger Relevanz hat, als  die Kür des RTL-Dschungelkönigs. Normalerweise. Denn dieses Mal ist alles anders. In Bremen entscheidet sich das Schicksal der deutschen Sozialdemokraten – und die künftige Ausrichtung der Grünen im Bund.

Wähler sind undankbare Geschöpfe. Sie stimmen oft so ab, wie das berühmte Orakel von Delphi: Nebulös und anscheinend ohne jeden Sinn. Da lassen sie in Bremen bei der Bürgerschaftswahl gnadenlos die SPD abschmieren – aber machen im Gegenzug die CDU nur ein kleines bisschen stark. Da heben sie die Linken weit vor die FDP – aber schenken der AfD und den Bürgern in Wut gleich ein halbes Dutzend Parlamentssitze. Und da geben sie den Grünen mit fast 18 Prozent den wichtigen Auftrag, eine Regierung zu bilden oder zu verhindern – aber welche eigentlich? Auch die Wählerwanderung ist rätselhaft: Von der SPD wanderten 10.000 Menschen zur CDU, aber nur 5.000 zu den Grünen und nur 3.000 zur Linken.

Die versäumten Streicheleinheiten

Vor dem Bremer Rathaus stehen die berühmten Stadtmusikanten, 1953 in der Werkstatt des Bildhauers Gerhard Marcks entstanden. Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, wer an den Vorderbeinen oder dem Maul des Esels reibe, würde vom Glück bedacht. Sollte das den Tatsachen entsprechen, hat zumindest Bürgermeister Carsten Sieling in den vergangenen vier Jahren dem Esel offensichtlich nicht ausreichend Streicheleinheiten zukommen lassen. Er führte seine regierende SPD in ein desaströses Tief, das seine Vorgänger Hans Koschnik oder Henning Scherf vermutlich nicht einmal der CDU gegönnt hätten. Prompt wackelt auch der Sitz von Andrea Nahles und feixt die Avantgarde des Proletariats um Kevin Kühnert.

Kein Vertrauen mehr in den Bremer Bürgermeister

Inzwischen gerät Bürgermeister Sieling samt seiner Führungscrew unter Beschuss der eigenen Truppe – schließlich ist er mit seiner Farblosigkeit der Hauptverantwortliche für den Misserfolg. Die Erkenntnis, das er der falsche Mann am falschen Ort ist, dürfte aber nicht ganz neu sein: Schon im Frühjahr fiel er bei einer Forsa Umfrage zur Beliebtheit deutscher Bürgermeister negativ auf: Nur 26 Prozent der Befragten hatten Vertrauen zu Sieling und der Bremer Verwaltung. Lediglich Berlins Bürgermeister Michael Müller unterbot diesen Wert noch. Wer meint, das liege wohl daran, dass es Stadtstaaten mit SPD-Führung besonders schwer hätten, irrt: Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister, hat doppelt so viel Zustimmung wie seine Genossen an Weser und Spree.

Die dreiste Rochade der Apparatschiks

Während sich die braven Parteisoldaten die Wunden der Wahlschlacht lecken, haben sich ihre Führer in den Kungel-Bunker zurück gezogen. Längst haben sich Sieling und Bremens neuer starker Mann Andreas Bovenschulte die Jobs zurechtgelegt: Sieling bleibt bis zur Bundestagswahl Bürgermeister und Bovenschulte wird Fraktionsvorsitzender. Danach geht dann wieder Sieling nach Berlin und Bovenschulte wird sein Nachfolger. Kleine Fußnote am Rande: Bovenschultes Frau könnte bis zum Wechsel ihres Mannes wohl außerdem Staatsrätin bleiben. Eine politisch Rochade, dreist am Wähler vorbei gespielt – allerdings ohne den Segen des früheren SPD-Landesvorsitzenden Dieter Reinken. Dem platzte gegenüber Radio Bremen der Kragen: „Machen wir noch einmal zwei Jahre Sieling dann danach zwei Jahre Bovenschulte‘ – das kann sich die Nomenklatura so ausdenken, das nimmt aber in der Bremer Bevölkerung keiner mehr ab!“

Ein Kanzler Robert Habeck – von Sielings Gnaden?

Sielings letzte Hoffnung sind jetzt die Grünen: Entscheiden diese sich für einen rot-rot-grünen Senat, könnte er im Amt bleiben. Und am Ende noch triumphieren – als der Mann, der für den Bund und die kommende Bundestagswahl die Weichen stellte. Ein Kanzler Robert Habeck, indirekt von Sielings Gnaden mit dem Segen der rührigen Bremer Linken: Nichts scheint in der aufgewühlten Republik momentan undenkbar. Ob sich allerdings die Grünen mit Sieling einlassen, ist zumindest fraglich. An ihm klebt der hartnäckige Geruch des ewigen Losers. Zwar sprachen sich vor der Wahl mehr Bremer für ihn, als für seinen Herausforderer Carsten Meyer-Heder von der CDU aus, doch die abgegebenen Personenstimmen zeigen jetzt plötzlich ein ganz anderes Bild: Hier liegt Meyer-Heder tausende von Stimmen vor dem ramponierten Amtsinhaber und hat selbstbewust als Wahlgewinner schon erste Gespräche mit den Grünen verabredet.

Die großen Fragen des Bremer Orakels

So bleibt für die Bremer Grünen die Gretchenfrage: Tun wir`s – oder tun wir`s nicht, nämlich ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP eingehen. Dieser für Bremer Verhältnisse gewagte flotte politische Dreier hätte mit Sicherheit auch Auswirkungen auf den Bund – und könnte das Ende der ungeliebten GroKo beschleunigen. Ob das dann Rückenwind für die bisher glücklose Annegret Kramp-Karrenbauer bedeuten würde oder aber eher ihren Abgang beschleunigt: Auch das ist eine der großen Fragen des Orakels von Delphi, pardon, Bremen.

Wie ein schwerer Kater nach durchzechter Nacht…

Denn was in Bremen machbar wäre, muss nicht in Berlin wohl gelitten sein: Die brüske Absage der FDP an Jamaika durch Christian Lindner im Herbst 2017 hängt den Grünen nach, wie ein übler Kater nach einer durchzechten Nacht. So wird vermutlich der Esel vor dem Bremer Rathaus in den kommenden Tagen noch von etlichen Politikern aufgesucht werden, die sich heimlich an ihm reiben um künftig etwas mehr Glück zu haben, als Carsten Sieling, Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer.

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23. Mai 2019
von Malte Bastian
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Mit YouTube aus der Einbahnstraße? Warum Politiker endlich digitaler werden müssen

Rezo, Sophia und die Pobacken der Politik

Politiker beschäftigen Heerscharen von Mitarbeitern, die soziale Medien mit Informationen füttern. Doch wer  glaubt, da wolle jemand in den Dialog treten, hat sich getäuscht. Soziale Medien sind für die etablierten Parteien fast immer Einbahnstraßen. Ausgerechnet ein durchgeknallter YouTuber namens „Rezo“ hat jetzt mit einem Video brutal vorgemacht, wie man viral gehen kann und lässt klassische Politiker-Postings richtig alt aussehen. Werbung, Information oder Musik: Selbst der Lokus (im Bild ein Pissoir mit Display) wird heute zum Internet der Dinge, nur die Politik bleibt analog.

Man muss schon wenig Interesse an Politik und Zeitgeschehen haben, um diese 55 Minuten von Rezo widerspruchslos zu schlucken. Wer auch nur einen Funken dialektischen Verstandes hat, sieht: Mit dieser Methode der „Beweisführung“ von Rezo kann man alles – und nichts beweisen. Es sind die manipulativen Methoden der „Schwarzen Rhetorik“. So scheinbar „sachlich“ arbeiten auch medial gebildete Populisten – siehe Sarrazin, Gauland, Wagenknecht und Co. Auch die Platzierung des Rezo-Filmchens kurz nach dem Outing des österreichischen Mini-Mussolinis Strache und kurz vor der unmittelbar bevorstehenden Europawahl ist das gekonnte Timing eines PR-Profis. Hier will jemand der CDU richtig Druck machen – mit manchem Tiefschlag aber in der Sache durchaus berechtigt: Jeder wählt das Kommunikationsmittel, das er am besten beherrscht.

Rechter Abgeordneter Hampel: „Rezo ist ganz auf AfD-Linie“

Doch Mitleid wäre fehl am Platz. Vom hohen Ross einer Volkspartei herab hört man die ungezählten Rezos eben oft nur noch, wenn sie laut und aggressiv werden. Und sein „Werk“ macht noch etwas anderes deutlich: Die Wehrlosigkeit von Parteien, die bis heute nicht den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft haben und mit sozialen Medien fremdeln. Völlig kalt hat Rezo die CDU erwischt. Es gibt offensichtlich keine Abwehrstrategie gegen eine solche geistreich-demagogische Attacke, Planspiele für einen derartigen Angriff haben vermutlich nie stattgefunden. Ein schweres Versäumnis der Politstrategen. Das ist die Achillesferse, nicht nur der CDU: Schon morgen kann sich jemand mit diesen Mitteln ein anderes Thema vorknöpfen. Der AfD-Abgeordnete Armin-Paul Hampel hat die Vorlage bereits dankbar aufgegriffen: „Rezos vernichtende Kritik an der Politik der CDU trifft ins Schwarze und ist ganz auf AfD-Linie“, frohlockt der Medienprofi und frühere ARD-Journalist Hampel.

Der politische Phrasenwerfer ballert was das Zeug hät

Am Sonntag entscheiden fast 300 Millionen Europäer über die Abgeordneten des EU-Parlamentes. Doch in den sozialen Medien ist nur eine kleine Handvoll der politischen Akteure im Dialog mit den Usern. Denn das ist anstrengend – und kostet Zeit. Da ist es einfacher, den Phrasenwerfer in Stellung zu bringen und die Facebook-Gemeinde immer wieder mit Bildern von Infoständen oder Rednerpulten zu öden. Wenn es doch einmal Videos gibt, sind diese meist altbacken, technisch grauenvoll und gähnend langweilig – die kümmerlichen Aufrufzahlen sprechen Bände. Auf den Webseiten der Parteien schwafelige Statements in Wort und Bild – als ob der Wahlabend niemals enden würde. Doch das, was Helmut Markwort einst „Faten, Fakten, Fakten“ nannte, muss sich der User mühsam zusammenklauben und kann nur durch sperrige Kontaktformulare mit der Politik in Verbindung treten. Kein Chat, keine Hotline – der Wähler soll nicht stören.

Wer sich zuerst bewegt, verliert

Und selbst bei der Beantwortung der ohnehin spärlichen Kommentare auf Politikerpostings gilt oft genug das alte Prinzip des berüchtigten Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Sogar um das stockseriöse Medium abgeordnetenwatch drückt man sich gern herum – der digitale Diskurs mit dem Wähler, dem unbekanntem Wesen, ist doch nicht ohne Tücken, hier ist kein ausweichendes Geschwurbel wie in den medialen Selbsthilfegruppen bei Anne Will und Maybritt Illner möglich.

Das Internet ist für viele Akteure immer noch „Neuland“

Das Internet ist für viele politische Akteure offensichtlich immer noch „Neuland“, wie es Angela Merkel 2013 nannte. Schon damals fragten sich nicht nur Digital Natives, ob die Kanzlerin diese Feststellung ernst meinte – oder ob sie einen ihrer seltenen Scherze gemacht hatte, schließlich war es 2013 schon 20 Jahre her, dass der erste grafikfähige Webbrowser zum kostenlosen Download angeboten worden war. Erstaunlicherweise hat das Netz jedoch Politiker und Wähler nicht näher gebracht, sondern entfremdet, trotz der großartigen Möglichkeiten des direkten Dialoges.

Das große Twittern in Kyritz an der Knatter

Deutschlands Spitzenpolitiker nutzen vor allen Dingen ein Instrument moderner Kommunikation: Twitter. Der Nachrichtendienst hat zwei große Vorteile: Er funktioniert schnell und man erreicht direkt die Journalisten, von denen man einst hochgeschrieben wurde. Außerdem ist der Platz begrenzt, nur eine Handvoll Zeichen stehen zur Verfügung. Botschaften können so via digitalem Holzhammer direkt in die Nachrichtenportale und Redaktionen gedroschen werden, ein Dialog ist nicht vorgesehen. Kein Wunder, dass der größte Twitterer US-Präsident Donald Trump ist. Doch genau das ist das große Problem für alle kleinen Politiker: Wenn Kandidatin Chantalle Müller-Hubbelrath aus dem Wahlkreis 4711 in Kyritz an der Knatter mit dem twittern beginnt, interessiert sich niemand für ihre Zeilen.

Zeit, Kreativität und ein großes Netzwerk

Politische Kommunikation setzt drei grundlegende Dinge voraus wenn man (oder frau) seine Tätigkeit denn ernst nimmt: Zeit, Kreativität und ein großes Netzwerk. Die weit verbreitete Ansicht,  es seien auch weitreichende technische Kenntnisse und vor allen Dingen teure Hard- und Sofware erforderlich, ist eine ebenso faule Ausrede, wie die Feststellung, man würde lieber gelegentlich das persönliche Gespräch suchen. Wer nicht gerade erst gestern seinen Schlafbaum in welcher Berliner Parteizentrale auch immer verlassen hat und über etwas mehr als Windows 95 oder eine Next-Station verfügt, kann sofort in die politische Kommunikation einsteigen – wenn man denn etwas mitzuteilen hat.

Die digitale Reise in das Herz der Finsternis

Und hier kommt der berühmte innere Schweinehund ins Spiel. Kommunikation in der Politik bedeutet nicht nur spröden akademischen Gedankenaustausch, sondern unter Umständen eine Expedition in Herz der Finsternis des Wählers. Natürlich ist eine Podiumsdiskussion, bei der jeder Redner das Recht hat, 20 Minuten am Stück das Publikum mit abgelesenen Worten zu sedieren, leichter zu überstehen, als ein Schlagabtausch bei Facebook. Hier tummeln sich Provokateure, Trolle und jede Menge Rassisten. Die allerdings gab es schon immer – sie saßen früher in den längst verschwundenen Eckkneipen an den Stammtischen und pöbelten dort. Woher also die Angst vor dem Shitstorm? Der wird im Zweifelsfalle ohnehin von studentischen Hilfskräften abgefedert – allerdings nur, wenn diese nicht gerade mit dem Kopieren von ausufernden Reden und dem Sortieren von Hochglanzflyern beschäftigt sind.

„Wo Mutti sonst nur blasen kann“

„Es saugt und bläst der Heinzelmann wo Mutti sonst nur blasen kann“, sagt der listige Staubsaugervertreter bei Loriot. Und beschrieb damit das System der Facebook-Blase lange vor ihrer digitalen Fleischwerdung. Wer sich mit Menschen umgibt, die so denken wie er selbst, bildet sich rasch ein, er liege mit seinen Ansichten stets richtig. Ein HSV-Fan, der überproportional viele weitere HSV-Fans unter seinen Freunden hat, bildet sich irgendwann tatsächlich ein, der Hamburger Sportverein sei ein Fußballclub, der in der Ersten Bundesliga wirklich unverzichtbar ist – auch wenn das wahre Leben das Gegenteil beweist.

Ich like – damit du likest…

Noch deutlicher wird das einseitige Pusten in die Facebook-Blase im politischen Bereich: Facebook-Seiten derselben Partei, die sich untereinander liken, bekommen überproportional viel von diesen Seiten angezeigt – aber wenig andere Dinge. Es entwickeln sich Gruppenmeinungen, die niemanden außerhalb der Gruppe interessieren. Ein kluger Politiker beginnt deshalb schon auf kommunaler Ebene, ein digitales Netzwerk zu weben und Interessenten an sich zu binden und mit guten Inhalten zu faszinieren. Diesem Netzwerk sollten natürlich nicht nur Gesinnungsgenossen und Ja-Sager angehören – der Heinzelmann saugt eben auch Inhalte und User dort, wo Mutti sonst nur blasen kann.

Fitness-Ikone versus Kanzlerin

Fatal wird das Prinzip der kommunikativen politischen Einbahnstraße, wenn auch noch die Kreativität flöten geht. Wer bei YouTube die Seite der Bundesregierung aufruft, wird erstaunt feststellen, dass sich hier gerade einmal knapp 25.000 Abonnenten angemeldet haben. Als Gegenmodell muss man gar nicht erst Propagandist Rezo bemühen: Die Fitness-Ikone der Digital Natives, die 24jährige „Pumping“ Sophia Thiel, schafft bei YouTube locker eine knappe Million. Noch bescheidener als die Abonnentenzahlen sind die Aufrufe der Videos mit der Bundeskanzlerin: Ihre Rede zum wichtigen Thema „Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich“ erreichte von der Onlinestellung bis Mitte Mai 2019 gerade einmal 1.075 Aufrufe. Wer sich den Film anschaut, weiß auch warum…

„Pumping Sophia“ und die Pobacken

Natürlich ist es einfacher, wie „Pumping Sophia“ über gut trainierte Pobacken zu plaudern und damit in wenigen Wochen Hunderttausende Zuschauer zu erreichen. Das Vergnügen hat die Kanzlerin nicht. Die Frage des lesenden Arbeiters würde allerdings zu Recht in diesem Falle lauten: Warum braucht die Bundesregierung einen riesigen Apparat für diese Videos wenn ein junges Mädchen sich einfach vor eine Kamera setzen und charmant drauflos plaudern kann? Wenn der US-Präsident täglich unglaublich wirksam twittert, sollte es doch für die Bundeskanzlerin ein Leichtes sein, einmal in der Woche via Selfiestick ein kleines kluges Filmchen für das Wahlvolk zu machen?

Der vergessene Selfiestick im Kanzleramt

Vielleicht gibt es sogar irgendwo im Kanzleramt diesen Selfiestick, doch schon die Zuständigkeit ist vermutlich nicht abschließend geklärt. So versandet der richtige Gedanke, die Bürger via YouTube kurzweilig zu informieren, im riesigen Apparat. Wer selbst einmal für derartige Institutionen bewegte Bilder gemacht hat, weiß, was nach unzähligen Waschgängen in der Ministerialbürokratie noch an sittlichem Nährwert übrig bleibt. Alle Ecken, alle Kanten werden abgeschliffen, zum Schluss bleibt Beliebigkeit für die kommunikative Einbahnstraße: Es wird gesendet, doch der Rezipient interessiert niemanden mehr, er stört höchstens den Ablauf des riesigen Räderwerkes wenn er sich doch einmal meldet. „Ich bin ganz meiner Meinung“, sagen diese Politiker-Videos, mehr nicht.

„Keine Experimente“ gilt seit 1957

So werden elementare Werkzeuge für die digitale Kommunikation von Politikern leichtfertig aus der Hand gegeben und von Trollen, Rassisten und Freaks genutzt. Stattdessen werden in der Politik zur Information der Menschen Unsummen in Anzeigen und Großflächen investiert – die größten und besonders öden Einbahnstraßen der Kommunikation. Eine Handvoll Verlage und Plakataufsteller macht sich mit diesen Etats die Taschen voll, auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger. Podiumsdiskussionen, Reden, Plakate, Anzeigen: Die Politik ist in der Wahl ihrer Kommunikation nicht viel weiter, als im Wahlkampf 1957. Damals plakatierte die CDU den Slogan „Keine Experimente“. Das gilt für den Dialog mit den Wählerinnen und Wählern leider bis heute bei allen Parteien.

 

Anmerkung: Das Bild des Beitrages zeigt ein neues System mit Videos, die auf Herrentoiletten auf dem digitalen Display von Pinkelbecken laufen. Ob Werbung oder Musik: Selbst der Lokus wird zum Internet der Dinge.

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18. Mai 2019
von Malte Bastian
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Carsten Meyer-Wer? Patzt die SPD in Bremen, knirscht es gewaltig in der Berliner Groko

Mehr Beinfreiheit im Rathaus

Ausgerechnet das kleinste Bundesland könnte größte Wirkung entfalten: Patzt die SPD bei der Bürgerschaftswahl am 26. Mai, werden Kevin Kühnert und seine Avantgarde des Proletariats noch deutlicher ein Ende der GroKo fordern und könnten Andrea Nahles den politischen Lebensfaden abschneiden. Selten war der Ausgang einer Wahl in Bremen spannender. Ausgerechnet ein Seiteneinsteiger könnte die Bundespolitik ordentlich aufmischen.

Es müffelt manchmal an der Weser. Der Geruch kommt von der Maische aus der Beck’s Brauerei. Momentan allerdings liegt noch ein ganz anderer Geruch über der Stadt: Es riecht nach dem Ende der von der SPD seit 1946 geführten Senate. Viele Jahre regierten politische Gestalter wie Wilhelm Kaisen, Hans Koschnik und Henning Scherf die Stadt. Doch wo einst Sozialdemokraten über die Zukunft des Schiffbaus debattierten, lassen sich heute ihre Nachfahren am Nasenring grüner Verkehrspolitik durch Bremen ziehen.

„Seiner Majestät getreue Opposition“

Höchste Arbeitslosigkeit aller Bundesländer, monströse Kinderarmut, Hochburg für Clan-Kriminalität, metastasierende Verwaltung – es gibt eigentlich eine Menge zu tun. Doch unter der Prämisse des politischen Ideenwettbewerbs war Bremen lange das Tal der Einfallslosen: Nie hatte die bürgerliche Opposition einen überzeugenden Gegenentwurf zur DDR-Light-Variante der SPD geliefert. Stattdessen war man viele Jahre vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. Der alte Witz von „Seiner Majestät getreuen Opposition“, einst auf die zahme Politik der Nationalliberalen der Bismarckzeit gemünzt, passte lange zur Bremer CDU.

Der kluge Schachzug des Jörg Kastendiek

Doch genau das könnte sich 2019 radikal ändern: Mit Carsten Meyer-Heder hat die Bremer Union einen Spitzenkandidaten, der den Amtsinhaber Carsten Sieling schon jetzt zum Bürgermeisterlein schrumpfen lässt: Eine Woche vor der Wahl liegt die CDU in allen Umfragen vor der SPD. Und das liegt nicht nur an der auffälligen Wahlkampagne „Carsten Meyer-Wer?“, die nicht nur für CDU-Verhältnisse State of the Art ist, sondern eben auch an Meyer-Heder selbst, einem Mann mit rauem Charme aber klarer Kante. Die ungewöhnliche Kandidatur ist das Vermächtnis von Jörg Kastendiek, dem mit nur 54 Jahren gerade verstorbenen Landesvorsitzenden der Bremer CDU. Der kluge Schachzug, einen mehrheitsfähigen Seiteneinsteiger für die Union zu gewinnen, war seine Idee.

Der Gegenentwurf zum farblosen Bürgermeister Sieling

Dieser Carsten Meyer-Heder ist der Gegenentwurf zum immer etwas abwesend und fade wirkenden Carsten Sieling. Meyer-Heder ist kein Jurist, der die Kaderschmieden durchlaufen hat und seinen Lebensunterhalt mit Politik verdient. Er kommt aus der Wirtschaft, doch nicht aus dem Nadelstreifenreservat von Banken oder Versicherungen. Meyer-Heder ist Mittelstständler, aber keiner jener Spediteure oder Reeder, die jeden ökologischen Ansatz für Teufelswerk halten, sondern Softwareentwickler. Er führt ein Familienunternehmen, doch das ist ihm nicht durch Erbschaft in den Schoß gefallen, sondern er selbst hat es vom Ein-Mann-Betrieb zu über 1.000 Mitarbeitern aufgebaut.

Seiteneinsteiger brauchen „Beinfreiheit“

Meyer-Heder macht Musik, aber nicht artig auf der Klarinette wie Friedrich Merz, sondern eher laut am Schlagzeug. Dieser ungewöhnliche Stadtmusikant von der CDU, könnte der Bremer SPD tatsächlich die Flötentöne beibringen. Glücklich also ein Land, das solche Bewerber für politische Ämter hat. Doch dort, wo die Apparatschiks wohlklingende Worthülsen von ihren Stäben drechseln lassen, verheddern sich die Seiteneinsteiger schnell verbal – sie sind es gewohnt, wie normale Menschen zu reden, nicht wie gebrainwashde Absolventen einer Parteihochschule. Kandidaten wie Meyer-Heder brauchen viel „Beinfreiheit“, wie es Peer Steinbrück einst nannte, der zwar selbst aus dem Apparat kam aber nie sein Selbstbewusstsein und seinen Intellekt als Pfand für ein politisches Amt abgegeben hat.

Die Agitprop-Funktionäre und die digitale Welt

Prompt werden die öffentlichen Bemerkungen des Kandidaten Meyer-Heder wie einst die von Peer Steinbrück von seinen Gegnern durchsiebt. Als Meyer-Heder lapidar feststellte, falls er nicht Bürgermeister werde, könne er sich ja weiter seiner Firma widmen, propagierten Rabulisten flink, der CDU-Kandidat nehme es überhaupt nicht ernst mit seiner Kandidatur. Und das Fehlen eines Betriebsrates in seinem Unternehmen prangern Gegner in den sozialen Netzwerken gern als Indiz für reaktionäre Strukturen an – weil sie als Agitprop-Funktionäre vermutlich mit der digitalen Welt fremdeln und es sich einfach nicht vorstellen möchten, dass es Menschen gibt, deren Leben auch ohne Arbeitskämpfe sinnvoll und gleichzeitig gut dotiert sein kann.

Zur Sonne, zur Freiheit, zum Lichte empor…

Noch allerdings ist nichts entschieden und der Vorsprung der CDU kann sich am Wahltag noch verflüchtigen. Doch zur Sonne, zur Freiheit, zum Lichte empor, geht es für die Bremer SPD wohl nur noch mit einer Dreierkoalition mit Grünen und Linkspartei. Eine große Koalition mit der CDU unter einem Bürgermeister Meyer-Heder wäre Verrat an den sozialen Errungenschaften der altgedienten Aktivisten in der Bremer Verwaltung. Doch auch das ist trotz anderslautender Beteuerungen nicht undenkbar – ohnehin läuft sich am Spielfeldrand bereits Andreas Bovenschulte, der mögliche Nachfolger Sielings, warm. Vielleicht auch dass ein Grund, warum der (Noch-)Bürgermeister nur mit halber Kraft Wahlkampf zu betreiben scheint.

Auf die schwächelnde FDP eingeschossen

Hält Meyer-Heder sein Tempo, wird es spannend an der Weser. Aber Mühe allein genügt nicht: Für ein Jamaika-Bündnis braucht die CDU nicht nur die Bremer Grünen, die in Sachen Partnertausch keine Berührungsängste haben, sondern auch die FDP. Und genau hier wird es eng: Die Liberalen dümpeln nur noch bei fünf Prozent. Kein Wunder also, dass sich die SPD auf die FDP eingeschossen hat, die bisher im Wahlkampf nicht immer mit Fortune agierte. „Im Reich des Tschakka“ ätzte selbst die konservative FAZ über die FDP. Vergeigt die den Einzug ins Parlament, könnten die Sozialdemokraten trotz Wahlschlappe weiter regieren. Und so wäre im fernen Berlin auch Kevin Kühnert ruhig gestellt, der penetrant auf den Job von Andrea Nahles und ein Ende der GroKo schielt. Was auch passieren wird: Selten war eine Bremer Wahl wichtiger und spannender, „Carsten Meyer-Wer?“ sei Dank.

 

*Das Foto zeigt die Skulptur des legendären Bürgermeisters Wilhelm Kaisen. Kaisen plädierte für die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland und die europäische Einigung. Innerhalb der SPD vertrat er damit Positionen, die bis Ende der 1950er Jahre deutlich von der ablehnenden Haltung des Parteivorstands abwichen. Kaisen gilt in Bremen parteiübergreifend als Symbolfigur des Wiederaufbaus nach 1945.

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6. Mai 2019
von Malte Bastian
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Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose: Die DDR in ihrer romantischen Lightvariante

Vom traurigen Ende der Kanalarbeiter

Gestern noch ein politischer Dreikäsehoch und heute Coverboy der ZEIT: Diesen Aufschlag in Sachen Publicity muss Kevin Kühnert erstmal einer der Altvorderen in der SPD nachmachen. Seine Überlegungen, BMW unter staatliche Kuratel zu stellen und Immobilienbesitz einzuschränken, löste ein Erdbeben aus. Was kaum jemand auffällt: Hier meldet sich der nächste Populist zu Wort, der für komplizierte Probleme simple Lösungen anbietet und über eine Materie redet, von der er in der Praxis ungefähr so viel versteht, wie ein katholischer Bischof vom Kamasutra.

Am Beispiel des Juso-Vorsitzenden zeigt sich: Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Eine Diagnose, die unendlich viel über das Verhältnis der Medien zur Politik und ihre Exponenten aussagt. Im toten Winkel der medialen Kühnert-Scharade marschierten derweil ungestört Neo-Nazis durch Plauen, für die sich die Schöngeister in den Redaktionsstruben kaum interessierten. Sie plappern lieber aufgeregt wie eine WG zugekiffter Soziologiestudenten mit großer Attitüde über die Theorien des demokratischen Sozialismus, nicht über die realen Ursachen des Nationalsozialismus.

Die DDR in ihrer romantischen Lightvariante

Nicht die Kärrnerarbeit im Ortsverein oder im Gemeinderat, sondern das abgehobene Servieren feinster rhetorischer Häppchen ohne jeglichen realpolitischen Nährwert auf den Buffets in den Elfenbeintürmen der Talkshows ist das Maß der Dinge im politischen Redaktionsgeschäft. Der sprichwörtliche kleine Mann und seine ebenso kleine Frau sind nur noch interessant, wenn sie als Hartz4-Empfänger in dritter Generation oder als drittes Geschlecht daherkommen. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Die Wähler zahlten es der SPD prompt schon am Tag danach heim: Kaum war die Vision einer DDR in ihrer romantischen Lightvariante den Lippen Kühnerts entschlüpft und der Beifall der Journalisten verklungen, rutschte seine Partei wieder auf 15 Prozent in den Umfragen ab. Kühnert ist eben kein Teil der Avantgarde des Proletariats, sondern nur ein politischer Scheinriese.

Habeck, Kühnert und das Ende der Kanalarbeiter

Wo früher die Kanalarbeiter der Volksparteien vom Schlage eines Egon Franke (gelernter Tischler) oder Norbert Blüm (gelernter Werkzeugmacher) engagiert über die Zukunft von Arbeit und Kapital diskutierten, haben heute politische Animateure wie Robert Habeck (gelernter Philosoph) und Kevin Kühnert (ungelernter Student) diese Aufgabe übernommen. Die Arbeitnehmer, über die stundenlange Monologe gehalten werden, sitzen nie mit am Tisch, selbst Gewerkschaftsfunktionäre meiden längst die ermüdenden Schwadronier-Arenen des Fernsehens. Kein Wunder, sie haben in den Zeiten dramatischer wirtschaftlicher Veränderungen wichtigere Aufgaben, als Phrasen für die Galerie zu dreschen. Ihre Plätze werden mit Journalisten aufgefüllt, die von ihren Kollegen in den Talkshows als Experten von A wie Arbeitsmarktpolitik bis Z wie Zuwanderung ausgewiesen werden.

Entscheidend ist nicht mehr, was hinten rauskommt

Als der Schulz-Zug krachend entgleiste und jeder merkte, dass der Mann aus Würselen nicht übers Wasser gehen kann, verfiel die SPD in schwere Depressionen. Heute wird Schulz sogar von manchen Genossen als Nervensäge empfunden wenn er in der Fraktion mehr Redezeit einfordert. Er ist einfach zu kompliziert in seinen Gedankengängen, er reflektiert, wägt ab, überlegt, ändert seine Ansichten. Das langweilt in einem Zeitalter, in der andere irgendwelche Thesen in die sozialen Medien rotzen und eine faul gewordene Journaille danach lechzt, mit galanten Worthülsen bedacht zu werden. Da können sich Leute wie Olaf Scholz oder Angela Merkel ihren schwarzen oder roten Arsch aufreißen wie sie wollen – entscheidend ist nicht mehr, was hinten rauskommt, sondern nur noch, was moralisch wohlig einlullt und dem lesenden Arbeiter das Gefühl geben soll, zu den Guten gehören zu können.

In Sachen Polit-Marketing ein Profi

Kevin Kühnert mag als abgebrochener Student und ehemaliger Callcenter-Agent nach alter (kleinbürgerlicher) christ- oder auch sozialdemokratischer Lesart keine große Leuchte sein, in Sachen Polit-Marketing ist er jedoch ein Profi: Er kann zuspitzen, übertreiben, anfeuern, überdrehen. Eigenschaften, die sich bei Politikern finden, denen das große Wort mehr liegt, als die mühsame Kleinarbeit: Sarah Wagenknecht, Robert Habeck oder Alexander Gauland. Politische Wahrnehmung ist im Zeitalter „sozialer“ Medien und dem dramatischen Absinken der menschlichen Aufmerksamkeitsspanne eben längst eine Frage der auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Polemik.

Der Tabubruch, der schon lange keiner mehr ist

Dort, wo früher Journalisten dieses Geschwurbel demaskierten, erliegen sie heute dem Charme der Habecks und Kühnerts – während Wagenknecht übrigens fast immer unisono medial verdroschen wird. Redet sie über Enteignung, gilt sie als Wiedergängerin Walter Ulbrichts. Orakelt hingegen Robert Habeck in ähnlichem Ton, feiert ihn das Feuilleton als Visionär. Und auch der Juso-Vorsitzende bekommt für seine Thesen die Weihen des Philosophen verliehen – etwa vom früheren Juso und heutigen SPIEGEL-Redakteur Nils Minkmar. Kühnert habe ein Tabu gebrochen, weil es „als Frevel gilt, politische Fantasie dort walten zu lassen, wo es um Besitz und Geld geht.“ Schade, dass Nils Minkmar offensichtlich seit der Wiedervereinigung nie in die Programme der LINKEN geschaut hat, dann wüsste er, dass dieser Tabubruch seit Jahrzenten keiner mehr ist und die Partei der Kollektivierung seit 1990 im deutschen Bundestag sitzt.

Eine neue intellektuelle Scheinelite von Journalisten

Weltfremde Schöngeister vom Schlage Minkmar servieren die alte abgestandene Kapitalismuskritik, die man sich so unreflektiert nur noch als Journalist oder ewiger Student leisten kann – oder wenn man wie er selbst Genosse ist und wohl das Gefühl hat, dem linken Flügel beispringen zu müssen. Wie unredlich es ist, unter der Flagge des Journalisten zu segeln und dabei unverhohlen Politik zu betreiben, schert ihn nicht. Eine neue intellektuelle Scheinelite von Journalisten pfeift längst auf distanzierte Beobachtung, hat das früher eherne Gesetz der Trennung von Bericht und Kommentar über Bord geworfen. „Die Deutschen hat man entweder an der Kehle oder am Stiefel“, soll Winston Churchill gesagt haben – dieser Vorwurf trifft heute zumindest auf viele Journalisten zu, denen kein Vergleich zu schäbig und kein Lob zu groß ist um ihrem eigenen politischen Gusto zu frönen.

 

 

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18. April 2019
von Malte Bastian
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Hanni Hase und das Lamm Gottes: Was es mit den Osterbräuchen so auf sich hat

Von Frühlingsboten und dem alten Babylon

Seit Jahrhunderten feiern die Menschen auf der ganzen Welt das größte Fest der Christenheit. Ob Osterlämmer, bunte Eier, festliche Gottesdienste und Osterfeuer: Welche Traditionen pflegen wir und warum? Das Fest im Frühling hat nämlich viele verschiedene Ursprünge, die teilweise mehrere tausend Jahre alt sind. Und heute können Kinder sogar Briefe an den Osterhasen schreiben, die seine menschlichen Helfer fleißig beantworten.

In alter christlicher Tradition stehen die Ostergottesdienste. Dabei ist die Osternacht vom Samstag auf den Sonntag ganz der Wiederauferstehung Christi gewidmet. Auch das Osterfeuer steht in dieser Tradition. Es symbolisiert das Licht Gottes. In vielen Ländern wie Italien, Griechenland oder Russland versammeln sich die Menschen danach für viele Stunden in den Kirchen. In Rom verbringt der Papst diese Nacht mit den Gläubigen im Petersdom. Entsprechend ist der Gottesdienst am Ostersonntag auf dem Petersplatz dann ganz besonders festlich. An diesem Tag kommen dort Zehntausende Menschen zusammen um den Segen des Heiligen Vaters zu empfangen.

Die Göttin des Frühlings der Angeln und Sachsen

Wenn man einmal ganz weit in der Geschichte zurück reist, findet man schon in der Antike verschiedene Feste, die den Frühling als Beginn der Wiedergeburt nach dem Winter feierten. Im alten Babylon etwa, schon um 2.000 vor Christus, wurde die Wiederauferstehung des Gottes Tammuz gefeiert, der von seiner Mutter Ishtar aus der Unterwelt zurückgebracht worden war. Da Ishtar tatsächlich in den meisten semitischen Dialekten als Easter (das englische Wort für Ostern) ausgesprochen wurde, liegt hier eine der vielen historischen Wurzeln. Eine andere ist die Gottheit Ostara. Sie war in Urzeiten die Göttin des Frühlings der heidnischen Angeln und Sachsen auf der britischen Insel. Unschwer zu erkennen, dass auch das deutsche Wort Ostern in Ostara seinen Ursprung hat. In anderen Sprachen stand hingegen das jüdische Pessach-Fest Pate: So heißt Ostern auf Italienisch Pasqua, auf Niederländisch Pasen und auf Französisch Pâques.

„Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt“

Woher aber kommen die beiden Tiere, die wir mit Ostern in Verbindung bringen, das Lamm und der Osterhase? Der Ursprung des Lammes ist die Bibel: Dort wird Christus als „das Lamm Gottes“ bezeichnet. Denn das Lamm stand einst nicht nur für Reinheit, sondern auch für ein Opfertier. Jesus hat sich nach christlicher Überlieferung für die Sünden der Welt geopfert und seinen Tod dafür bewusst in Kauf genommen. Christus also gibt das größte Opfer, dass man aus Liebe für die anderen geben kann: Das eigene Leben. Und so heißt es im Abendmahlslied zu Psalm 79,8 nach Luther: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.“

Nicht nur Schokolade macht den Hasen schmackhaft

Der Hase – heute gern in der Variation aus Schokolade – ist hingegen nicht christlichen Ursprungs. Er ist seit Jahrtausenden ein alter Frühlingsbote und Symbol für Fruchtbarkeit und Neuanfang: Die ersten kleinen Häschen des Jahres kommen im Frühling zur Welt. Schon die Ägypter zu Zeiten der Pharaonen verehrten deshalb den Hasen. Die Hasen (und ihre Verwandten, die auch in allen Städten wohnen, die Kaninchen) bedienen seit jeher mit den langen Löffeln und den großen Augen jedes herzergreifende Kindchenschema. Was freilich niemanden davon abhält, ihnen bei Gelegenheit brutal das Fell über die Ohren zu ziehen und sie dem Backofen zu überantworten…

Schon die Römer malten ihre Eier an

Komplizierter ist es mit den Eiern, die ja zumindest in der Phantasie vieler Kinder der Osterhase bringt. Auch Kinder wissen: Eigentlich sind ja für Eier die Hühner und keine Hasen zuständig. In zahlreichen Religionen und Mythen (Ägypten, China, Indien, Griechenland, Polynesien) wurde das Ei aufgrund des Zerspringens der Schalen und der Hervorbringung neuen Lebens als Sinnbild des Werdens und der Schöpfung verehrt. Eier wurden schon in ägyptischen Tempeln aufgehängt. Dort stand das Ei als Symbol des fruchtbaren Lebens – und kam aus dem Mund des großen ägyptischen Urgottes. Gefärbte Eier waren schon lange vor Christi Geburt beliebte religiöse Opfergaben. Und auch die alten Römer verschenkten im Frühling an Freunde und Verwandte Eier.

36.000 Briefe für „Hanni Hase“

Heute legt der Osterhase den Kindern Süßigkeiten ins Nest oder versteckt sie. Ein Brauch, der schon im 16. Jahrhundert aufkam. Übrigens hatte der Osterhase früher auch andere tierische Helfer: In einigen Gegenden der Schweiz brachte der Kuckuck die Eier, in Thüringen der Storch, in Böhmen der Hahn und in Westfalen der Osterfuchs. Und der moderne Osterhase kann natürlich auch Schreiben und Lesen. In drei deutschen Städten sitzen seine Helfer und beantworten die Post an ihn. In Ostereistedt in Niedersachsen, Eibau in Sachsen und Osterhausen in Sachsen-Anhalt wird die Post von menschlichen Freunden des pelzigen Frühlingsboten beantwortet. Dabei gibt es viel zu tun: Allein in Ostereistedt bekam „Hanni Hase“ 2013 fast 36.000 Briefe von Kindern aus aller Welt – vom Wunschzettel bis zur Grußkarte.

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31. März 2019
von Malte Bastian
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Goldene Kamera für Greta Thunberg: Der Weltuntergang wird zur Realsatire

Die heiße Luft der Pharisäer

Die wohl größte Satire in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit: Ausgerechnet die Medienbranche, in der riesige SUV und Wochenendtrips mit dem Flieger bis heute Statussymbole sind, zeichnet eine Klimaaktivistin mit der Goldenen Kamera aus. Allein schon die Sponsoren hätten bei Greta Thunberg und ihrem Management normalerweise ökologischen Brechreiz auslösen müssen.

Eigentlich müsste eine Klimaaktivistin die Goldene Kamera meiden wie ein Gesunder eine Leprakolonie. Nichts an dieser Veranstaltung ist nachhaltig – vor allen Dingen nicht die Branche, die sich dort inszeniert. Auch die Sponsoren sind eher Vertreter eines ökologischen Armageddon als Vorreiter einer besseren Welt: TUI-Cruises, Betreiber von gigantischen rußtriefenden Kreuzfahrtschiffen, und VW, Erfinder des organisierten Dieselbetruges, gehören dazu. Da ist es fast nebensächlich, dass Laudator Bully Herbig Greta erst treuherzig lobt um im nächsten Atemzug Absolution einzufordern: „Ich bin kein perfekter Klimaschützer“, sagt er. Er habe ein Auto, fliege in den Urlaub, esse Fleisch und habe Werbung für Süßigkeiten gemacht. Die Pharisäer im Saal klatschen begeistert.

Greta und die Schriftgelehrte Katrin Göring-Eckardt

Es war Katrin Göring-Eckardt, die abgebrochene ostdeutsche Theologin, die Greta Thunberg eine „Prophetin“ nannte. In einer Kanzelrede in der Salvatorkirche in Duisburg verglich sie die Schülerin mit dem sozialkritischen Propheten Amos. Der geißelte die Zustände seiner Zeit als Missachtung der Gebote Gottes und sagte ein Strafgericht voraus. So wird aus Greta Thunberg nach dieser Diktion eine Heilige der letzten Tage der Menschheit. Prompt lästerte der frühere Mitgründer der SPD in der DDR, Gunther Weißgerber: „Die Schriftgelehrte Katrin Göring Eckardt weist uns erneut den Weg aus der Verdammnis.“

Das große Lechzen nach Erlösung

Doch Häme ist nicht angebracht. In einer Welt, in der es für Millionen Menschen als Erfüllung gilt, sich brüstewackelnd durch einen Dschungel zu grinsen um ein „Star“ zu werden, lechzt offensichtlich nicht nur die angelernte Theologin Göring-Eckardt nach baldiger Erlösung. Wenn die Reichen augenscheinlich immer reicher werden und die Sintflut aus Plastikmüll ihren Höchststand erreicht, hat für manchen die Vorstellung, Greta Thunberg könne gemeinsam mit Robert Habeck und Bernie Sanders heilend über die durch den Klimawandel immer höher steigenden Wasser wandeln, etwas tröstliches.

„Nur pure Ideologie. Arme Greta!“

Doch so wie alle Heiligen immer wieder vom Bösen versucht werden, so muss auch die neue Prophetin der grünen Bewegung harte Prüfungen überstehen. Herrscht auf der einen Seite unkritische Vereherung, blüht auf der anderen hämischer Spott. Auf Thunbergs Kritik zum Ergebnis der Arbeit der Kohlekommission „Deutschland will bis 2038 Kohle verbrennen. Das ist absolut absurd“, tweetete Paul Ziemiak, der Generalsekretär der CDU herablassend: „Oh, man… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie. Arme Greta!“.

Ein heiliger Shitstorm fegte durchs Netz

Aber Ziemiak, der nur Politiker, aber nicht Theologe gelernt hat, unterschätzte völlig die längst unübersehbare Zahl der Greta-Jünger. Ein heiliger Shitstorm fegte durchs Netz, blies den selbstherrlichen Jungpolitiker davon – und niemand interessierte sich noch dafür, ob an Ziemiaks Argumentation denn vielleicht ein Körnchen Wahrheit sein könnte. Während Göring-Eckardt und ihre Grünen schon früh das politisch-moralische Potential von Greta Thunberg abschöpften, tappen bis heute weite Teile der CDU immer noch durch die Niederungen öder Diskussionen über die Schulpflicht am Freitagvormittag.

FDP-Chef Christian Lindner blamiert sich

Greta Thunberg wird längst von PR-Profis beraten – und das offensichtlich deutlich erfolgreicher als der Generalsekretär der CDU oder FDP-Chef Christian Lindner, der sich mit der altklugen Bemerkung, den Klimaschutz solle man doch lieber den Profis als Schülern überlassen, blamierte. Es seien doch gerade die seit Jahren untätigen Profis in der Politik, die nicht zu Potte kämen, wurde Lindner postwendend aus Wissenschaft und Klimaforschung belehrt.

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26. März 2019
von Malte Bastian
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Jetzt entscheidet die Justiz: Müssen Fußballclubs für Polizeieinsätze zahlen?

Bundesliga-Finale in Leipzig

Der Fußball ist eine Unterhaltungsmaschine. Drei Milliarden Euro werden jede Saison in der 1. Bundesliga umgesetzt. Allein an Übertragungsrechten werden 1,16 Milliarden verdient – Geld aus der Zwangsabgabe für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Doch beim Thema Sicherheit zieren sich die Clubs. Bundesländer wie Bremen verlangen, die Vereine sollen sich an den Kosten für die Polizeieinsätze bei Risiko-Spielen beteiligen. Jetzt muss das Bundesverwaltungsgericht entscheiden.

In dieser Woche steht ein Finale der besonderen Art auf dem Spielplan der Deutschen Fußball-Liga (DFL): In Leipzig trifft sie vor dem Bundesverwaltungsgericht auf das Land Bremen – das noch eine saftige Rechnung mit den Funktionären offen hat. Nach dem Nord-Derby gegen den HSV im April 2015 schickt Bremen der DFL eine Rechnung in Höhe von 425 718,11 Euro, die prompt nicht bezahlt wurde und vor Gericht ging. Das Hinspiel vor dem Verwaltungsgericht gewann die DFL,  das Rückspiel vor dem Oberverwaltungsgericht entschied Bremen für sich.

Fünf Profi-Referees entscheiden

Jetzt also das juristische Endspiel in Leipzig. Unter dem Vorsitz von Richter Dr. Wolfgang Bier besteht fußballerisch gesehen das Schiedsrichterteam (unter Juristen auch gern als 9. Revisionssenat bezeichnet) aus fünf Profi-Referees. Versemmelt die DFL jetzt dieses Finale vor dem Bundesverwaltungsgericht, könnte der SV Werder Bremen finanziell angeschlagen im Sommer aus dem Transfer-Fenster schauen, denn inzwischen geht es um eine Summe von 2,3 Millionen Euro.

Die Bundesliga-Konzerne stehen gut im Futter

Wenn bei einem Unternehmen Patente, Maschinen und Immobilien die größten Werte darstellen, so sind es in der Bundesliga neben den Spargroschen im Strumpf unter der Matratze von Uli Hoeneß wohl die Spielerkader. So hat die erste Mannschaft des FC Bayern München einen Marktwert von rund 642 Millionen Euro. Ohnehin spielen die Bayern nicht nur den vermutlich besten Fußball in Deutschland, sondern stehen auch an der Spitze der Umsätze: In der Saison 2016/17 waren es rund 640 Millionen Euro. Allein der Trikotsponsor Telekom lässt sich je nach Leistung mit rund 24 Millionen Euro verbuchen.

6,5 Millionen Euro vom Hühnermäster für den SV Werder

Werder Bremen und die anderen Bundesligisten müssen deutlich kürzer treten, sind aber immer noch vermögende Unternehmen. Der SV Werder Bremen setzt rund 123 Millionen Euro um. Der bei den Fans nicht gerade beliebte Sponsor, der Hühnermäster Wiesenhof, spült davon etwa 6,5 Millionen Euro in die Kasse, Ausrüster Nike vier Millionen. Der Spieler-Kader hat einen Wert von knapp 82 Millionen Euro. Allerdings ist der große Traditionsclub finanziell auf Talfahrt und krebst seit Jahren vorwiegend im hinteren Drittel der Tabelle herum. Werders schwarze Serie begann in der Saison 2011/12 und dauerte bis Mitte 2015 an. In diesen vier Spielzeiten häufte der Club Verluste von rund 40 Millionen Euro an und verbrannte sämtliche Rücklagen. In der abgelaufenen Saison konnte Werder mit einem Gewinn von 2,8 Millionen Euro den Niedergang immerhin bremsen.

Der klamme Bremer Senat will die DFL zur Kasse bitten

Ausgerechnet in dieser schweren Zeit hat sich neben den 17 Gegnern der Liga noch ein 18. gesellt: Der Bremer Senat. Die DFL als Veranstalter der Bundesliga soll künftig in Bremen bei Risikospielen mit höherem Polizeiaufkommen einen Teil der Kosten für den Einsatz der Beamten bezahlen. Nicht vergessen darf man dabei, dass in Bremen immer alles etwas anders ist, als in Deutschland: Ausgerechnet der immer klamme linke Rot-Grüne Senat beruft sich plötzlich auf den marktwirtschaftlichen Grundsatz des Verursacherprinzips. Die bürgerliche Opposition hält wacker dagegen: Der Steuerzahler solle herhalten, schließlich sei Sicherheit eine Kernaufgabe des Staates. Sah das Bremer Verwaltungsgericht diese Lesart noch als richtig an, so kippte jetzt die höhere Instanz das Urteil.

Bremens sportlicher Botschafter: Werder bundesweit beliebt

Tatsächlich ist der SV Werder ein attraktiver Botschafter für die Hansestadt. Der Verein genießt bundesweit einen respektablen Ruf – und kann auf einen hohen Bekanntheitsgrad bauen. Im Jahr 2013 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 63,76 Millionen Menschen, denen der SV Werder Bremen bekannt war. Davon interessierten sich 6,92 Millionen ganz besonders für diesen Fußballverein. Auch in Sachen Sympathie steht der Club weit oben in der Gunst, nicht nur der Bremer und des Umlandes. Die Bayern mögen fußballerisch wie finanziell die Bremer degradieren, in Sachen Anerkennung und Empathie ist der SV Werder weit vor der geachteten aber ungeliebten Heynckes-Truppe zu finden.

Die Marktwirtschaft endet dort, wo die Weser einen Bogen macht

Freilich ändert das wenig an den Plänen des Senates. Und auch in anderen Bundesländern gärt es bei Finanz- und Innenpolitikern. Warum soll der Steuerzahler den Polizeischutz bei privaten Veranstaltungen wie Fußballspielen mitfinanzieren, wenn die Clubs millionenschwere und renditestarke Konzerne sind? 68 Millionen Euro an Sicherheit kostete der Fußball in der Saison 2016/17, rund 1,5 Millionen Überstunden fielen bei der Polizei an. Und werden die Vereine nicht ohnehin mit Millionen aus der Quersubventionierung durch die Rundfunkgebühren gemästet, quasi staatlich mitfinanziert? Dagegen bleibt erstaunlicherweise der Aufschrei von CDU und FDP aus. Das Prinzip der Marktwirtschaft endet eben dort, wo die Weser einen Bogen macht.

Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch

Wer Verfechter einer modernen Marktwirtschaft ist, reibt sich verwundert die Augen. Da verkauft ein Privatveranstalter Spieler, Trikots, Eintrittskarten und Übertragungsrechte so teuer wie möglich und füttert ein wohl bezahltes Management. Das ist sein gutes Recht. Doch als Teilnehmer im Kräftespiel der Marktwirtschaft will man sich in Sachen Sicherheit plötzlich wie ein Schrebergartenverein auf die kostenlose Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung durch die Polizei berufen. Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch, sagt der Volksmund. Zumindest bei Risiokospieklen mit gewaltbereiten Fans sollte das gelten.

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14. Februar 2019
von Malte Bastian
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Carsten Sieling und Michael Müller: Den Apparatschiks fehlt nicht nur das Charisma

Kein Vertrauen mehr an Weser und Spree

Politiker zum Anfassen? Bürgermeister als Vorbilder? Das bleibt in Deutschland in vielen Kommunen immer noch Wunschdenken, wie eine neue Studie des Forschungsinstitutes Forsa zeigt. Besonders katastrophal ist aber das Ergebnis für die Stadtstaaten Bremen und Berlin: Hier hat nur ein Viertel (!) der Befragten Vertrauen zu den Bürgermeistern Cartsten Sieling in der Hansestadt und Michael Müller in Berlin. Ein Armutszeugnis, das deutschlandweit seinesgleichen sucht.

Das Institut Forsa hat aktuell rund 3.600 Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie ihr Vertrauensverhältnis zum jeweiligen Stadtoberhaupt ist: Je größer die Kommune, desto geringer das Vertrauen. Das größte Vertrauen besitzen danach also Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von Kommunen bis zu 5.000 Einwohnern. Kein Wunder: Das sind die Politiker, die durchaus noch an der Wursttheke oder in der Sauna anzutreffen sind und sich dort Zorn und Lob direkt abholen können.

Gaga-Sprech vom OB und immer „eine Armlänge Abstand“

In den Großstädten sieht es hingegen ganz anders aus. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker war gerade ein paar Wochen im Amt, da blamierte sie sich auch schon: Frauen müssten eben zu manchen Männern „eine Armlänge Abstand halten“ sagte sie angesichts der hundertfachen sexuellen Nötigungen in der berüchtigten Silvesternacht 2015. Doch es geht noch peinlicher. Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok, immerhin Vorsteher einer der am höchsten verschuldeten Großstädte Niedersachsens und seit Monaten im Mittelpunkt einer peinlichen Untreueaffäre, hatte nichts Besseres zu tun, als sich an die Spitze des „Gaga-Sprech“ (BILD) in der Stadtverwaltung um gendergerechte Verwaltungssprache zu setzen.

Armutszeugnis für Berlin und Bremen, Triumph für Hamburg

Ein besonders bitteres Armutszeugnis stellen die Bürgerinnen und Bürger laut Forsa allerdings dem Bremer Bürgermeister Carsten Sieling und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller aus: Nur 26 Prozent haben Vertrauen zu Sieling, bei Müller sind es sogar nur 25 Prozent. Wer meint, das liege wohl daran, dass es Stadtstaaten besonders schwer hätten, irrt übrigens: Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister und promovierter Mediziner, hat doppelt so viel Zustimmung wie seine beiden SPD-Genossen an Weser und Spree. Sieling und Müller sind vielmehr zwei blutleere Apparatschiks, denen bis heute die Schuhe prominenter Vorgänger wie Henning Scherf oder Klaus Wowereit auch noch nach Jahren mehrere Nummern zu groß sind.

Kein Charisma an Spree und Weser – aber jede Menge Einbrecher

Doch nicht nur das fehlende Charisma ist der Grund für das fatale Abschneiden Müllers und Sielings. Hinzu kommt laut Forsa der massive Vertrauensverlust der Bürgerinnen und Bürger angesichts verkommener Infrastruktur und nicht mehr richtig funktionierender Behörden; hier sind die Zustimmungswerte ebenfalls katastrophal. Aber auch in Sachen Sicherheit sind Bremen und Berlin gefährliche Pflaster: Hier sind die Einbruchszahlen weit über dem Bundesdurchschnitt. Bremen ist dabei wie auch in Sachen Bildung deutsches Schlusslicht: 7,3 Einbrüche pro Hunderttausend Einwohner verzeichnete 2017 die Statistik, in Berlin immerhin noch 4,9. In Bayern ist es gerade mal ein einziger Einbruch auf 100.000 Einwohner.

Müller und Sieling: Gnadenlos abgeschmiert

Prompt ist die Performance von Sieling und Müller nicht nur in der persönlichen Umfrage bitter: Auch politisch trauen ihnen immer weniger Menschen die Lösung von Problemen zu. Carsten Sielings SPD ist auf besorgniserregende 24 Prozent abgerutscht – bei den Wahlen 2011 waren es 38,6 Prozent und 2015 immerhin noch 32,8 Prozent. Noch finsterer sieht es in Berlin aus: Müllers Genossen sind in den letzten Umfragen auf klägliche 16 Prozent abgeschmiert. Doch für Sieling geht es schon in Kürze ums politische Überleben: Im Mai wird in Bremen gewählt. Müller hat noch eine Galgenfrist bis 2021 – bis dahin kann der Höhenflug seiner grünen und roten Koalitionspartner vorbei sein.

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13. Februar 2019
von Malte Bastian
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Der Heilige Valentin – und warum Gangster wie auch Blumenhändler ihn so mögen

Von Frauen, Rosen und Maschinenpistolen

Weltweit begehen Millionen Menschen am 14. Februar den Valentinstag – auch wenn böse Zungen gern lästern, er sei in erster Linie der Feiertag der Blumenhändler und Pralinenproduzenten. Für die Damen gibt es rote Rosen – für die Mitglieder der Bugs Moran-Bande gab es einst blaue Bohnen: Der Valentinstag am 14. Februar ist heute vor allen Dingen der Tag der Liebenden, in den USA steht er aber auch für ein dramatisches Ereignis im Krieg der Gangster in Chicago. Doch nach wem wurde der Tag eigentlich benannt und wie kam er zu seiner Bedeutung?

Namensgeber sind gleich mehrere Heilige: Valentinus, einst Bischof von Rom, Valentin von Viterbo und Valentinus von Terni, ebenfalls beide Bischöfe. Sogar ein vierter Valentin – schon wieder ein Bischof – kommt gelegentlich noch hinzu: Valentin von Rätien. Quasi im Doppelpack wurden Valentin von Terni und Valentin von Rätien früher gern um Hilfe angerufen: Als Schutzpatrone der Liebenden und als Helfer bei epileptischen Anfällen. Eine etwas sonderbare Mischung, von der nur die Bedeutung für die Liebenden bis heute überdauerte. Als der Tag der Geschenke für Paare hat sich der Valentinstag übrigens im 15. Jahrhundert in England etabliert. Von dort kam er mit Auswanderern nach Amerika – und dann mit den Besatzungssoldaten der Alliierten nach 1945 auch nach Deutschland.

Die Lufthansa bringt 1.000 Tonnen Rosen

Blumen sind immer noch der Klassiker am Valentinstag. Nur zum Muttertag werden noch mehr Rosen verkauft, als Mitte Februar. 2013 etwa flog Lufthansa-Cargo allein für den Verkauf am Valentinstag 1.000 Tonnen rote Rosen ein. Die Blumen kommen übrigens fast immer aus Kenia – und haben eine relativ günstige Klimabillanz: Weil dort nahe dem Äquator auch im Winter die Sonne scheint, wird für die Zucht der Pflanzen kaum Energie gebraucht. Experten haben errechnet, dass der Anbau etwa in den Niederlanden oder Deutschland zu dieser Jahreszeit viermal so viel Energie kosten würde, trotz des langen Fluges von Nairobi nach Europa.

Die Pizza zum Valentinstag

Aber nicht nur Blumen, sondern auch Pralinen sind seit Jahren ein Verkaufsschlager. Der Discounter Lidl toppte übrigens in diesem Jahr das große Angebot aller möglicher Waren zum Valentinstag noch mit einer besonderen Pizza in Herzform. Wer nicht an Heilige glaubt oder Pizza wegen der Kalorien meidet, kann sich als Fan und vor allen Dingen Blumenhändler sogar auf die alten Römer berufen: In der Antike gedachte man am 14. Februar der Göttin Juno, Frau des Göttervaters Jupiter und Schutzherrin von Ehe und Familie. Römischen Frauen wurden an diesem Tag von Kindern und Ehemännern Blumen geschenkt.

Das Valentins Massaker in Chicago

Was aber hat es mit den blauen Bohnen in Chicago auf sich? Am 14. Februar 1929 wurden in einer Autowerkstatt sieben Mitglieder der Bande von George „Bugs“ Moran, einem Konkurrenten des berüchtigten Al Capone, von falschen Polizeibeamten mit Maschinenpistolen erschossen. Der hinterhältige Mord ging als „Valentins Massaker“ in die Kriminalgeschichte ein. Und sogar dieses blutige Ereignis hat einen floralen Bezug zum Valentinstag: Das Hauptquartier der Bugs Moran-Bande war einst ein Blumenladen in der North State Street in Chicago gewesen, in dem auch die Kränze und Gestecke für erschossene Gangster verkauft wurden.

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