Habeck und das Dogma der unbefleckten Empfängnis: Die Vollendung grüner Marketingkunst

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Christian Lindner reloaded

Wenn die Wahl in Bayern etwas bewiesen hat, dann dieses: Der politische Lifestyle entscheidet, nicht das Programm. Und wer bisher dachte, Christian Lindner sei der Großmeister des Wahlmarketings, musste sich eines Besseren belehren lassen. Niemand ist derzeit erfolgreicher, das gute Gefühl, anderen stets geistig und moralisch überlegen zu sein, so appetitlich zu verpacken, wie die Grünen. Ihr Chef Robert Habeck ist Christian Lindner reloaded.

Politik ist ganz banal. Sie ist wie eine Ware. Wer nicht gut bei einer Wahl verkauft, kriegt keine Parlamentssitze und regiert nicht mit. So einfach ist Politik. Und so kompliziert. Denn das Produkt muss emotional hoch aufgeladen sein damit die Wähler zuschlagen. Besonders dämlich stellen sich dabei die Sozialdemokraten an. Aber auch die Union ist nicht viel besser. Bei der Bayernwahl haben ihnen jetzt die Grünen gezeigt, wie das richtig geht. Schon seit Monaten sind sie im Aufwind. Das liegt weniger an ihrer Programmatik, als an ihrem Talent, erfolgreich Emotionen verkaufen zu können. Grün ist hipp, grün ist modern. Grün ist der Gegenentwurf zu altbackenen Parteien wie SPD und CDU/CSU.

Ein Umweltaktivist ist immer im Recht

In den Augen naiver Menschen ist der Umweltaktivist moralisch immer im Recht. Das ist ein Naturgesetz, das niemand außer Kraft setzen kann, nicht einmal der liebe Gott oder Markus Söder. Wer sich an Schienen kettet, an Bäume fesselt oder Mülldeponien blockiert, zählt zu den Siegern der Geschichte. Wer hingegen Hundertschaften vermummter Polizisten kommandiert, ist ein Handlanger des Bösen. Diesen Mythos bedienen die Grünen. Obwohl sie selbst längst Teil des Staatsapparates sind, beherrschen sie das Talent, ungezwungen und anarchistisch zu wirken. Sie sind seit Jahren die Inkarnation der Opposition, egal, ob sie mitregieren oder nicht.

Hipp, trendy – und dicke Brieftaschen

Seit Gründung der Grünen hat sich das Alter ihrer Wählerschaft stark verändert, stellte die Bundeszentrale für Politische Bildung fest: Von 80 Prozent sei der Anteil der unter 35-Jährigen auf 10 Prozent gesunken. Auch die soziale Zusammensetzung habe sich klar gewandelt. Die Wähler der Partei hätten überdurchschnittlich hohe Einkommen und seien heute vornehmlich im Dienstleistungs- und Bildungsbereich beschäftigt. Oder anders ausgedrückt: Hier lauert in Zukunft der Feind einer optisch zwar modernen, doch inhaltlich unter Christian Lindner deutlich in die Jahre gekommen FDP. Aber auch die alte Pädagogen-Partei SPD muss sich warm anziehen: Die erfolgreichen Oberlehrer der Nation sind heute grün, nicht mehr rot.

Die Vollendung grüner Marketingkunst

Dafür haben die Grünen ein effektives Marketingteam: Für die konservativen Wähler hat Winfried Kretschmann den Vertrieb samt Verteidigung der Dieseltechnologie übernommen, für die alternden Linken geht Claudia Roth selbst durch die Hölle einer 68er Show mit Gottschalk. Die Freaks können auf Anton Hofreiter, die Conchita Wurst der Öko-Bewegung bauen – und die Generation Y wird von Annalena Baerbock bedient. Mit ihrem herben Charme degradiert sie gleichalte Politiker wie den JU-Vorsitzenden Paul Zimiak zu grauen Mäusen. Die Vollendung grüner Marketingkunst aber ist Robert Habeck, der Denker und Schöngeist. Mal klingt er wie Christian Lindner, mal wie Richard David Precht oder Rudi Dutschke und selbst die weltmännische Tonalität des Freiherrn zu Guttenberg beherrscht er. Habeck ist Lindner reloaded aber ohne dessen Duktus der Besserwisserei.

Von Christian Linder zu Robert Habeck

Lindner wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, er sei selbstverliebt und die neu erstarkte FDP nur das Produkt geschickten Marketings. Erst war er die Lachnummer der heute-Show, dann, nach dem Platzen von Jamaika, der Buhmann für den SPIEGEL, die Süddeutsche Zeitung und die SPD. Bis heute hat ihm die glücklose Andrea Nahles nicht verziehen, durch das Ende der Verhandlungen mit ihren Sozialdemokraten erneut in eine große Koalition gerutscht zu sein. Lindner, so wird gern kolportiert, trage eine Mitschuld am schlechten Zustand der SPD. Viel Ehre für den Vorsitzenden einer Klein-Partei.

Immer die oppositionelle Jungfräulichkeit bewahrt

Erstaunlicherweise gibt es ähnliche Vorwürfe nie an die chamäleonartigen Grünen. Wie sie sich auch positionieren – für oder gegen den Diesel, für die Abholzung (2014) oder gegen die Abholzung (2018) des Hambacher Forstes, offen für eine Koalition mit der CSU, den LINKEN, der SPD oder selbst der FDP: Stets gibt es Beifall vom postmodernen journalistischen Establishment. Mal wird der Begriff Heimat von Robert Habeck positiv besetzt, mal von Boris Palmer gegen Flüchtlinge geätzt – die Wähler der Grünen sehen großzügig über seltsame Widersprüche hinweg, die sie bei der schwarzen oder roten Konkurrenz nie akzeptieren würden. Diese hohe grüne Kunst, mit jedem in die Regierungskiste zu steigen aber stets die oppositionelle Jungfräulichkeit zu bewahren, ist nur noch dem Dogma der unbefleckten Empfängnis ebenbürtig.

Polit-Marketing schlägt Politiker-Fleiß

Es soll Politiker geben, die sich nächtelang mit der Programmatik der eigenen Partei und der ihrer Gegner auseinandersetzen. Oder tagelang an Redebeiträgen feilen. Gelegentlich schreiten sie Seit mit grauen Gewerkschaftlern oder blutleeren Funktionären von Sozialverbänden – wenn sie nicht gerade an komplizierten Anfragen arbeiten oder geduldig in ihrem Wahlkreis den Menschen zuhören. Diese Politiker sind vielleicht fleißig, aber im Zweifelsfalle diejenigen, die kein Talkshowredakteur von Anne Will oder Maybrit Illner mit der Kneifzange anfasst – und von modernem Marketing wie dem der Grünen verstehen sie nichts. Schade eigentlich.

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