Von Schlampen, Schei*** und A***löchern: Warum die Politik so gern ins Klo greift

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Pöbeln bis der Kahrs kommt

Nach dem Abtritt von Andrea Nahles ergoss sich ein Meer von Krokodilstränen über die SPD-Vorsitzende. „So brutal darf Politik nicht sein“, schrieb Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. Es war die Stunde der Heuchler. Noch vor kurzem wollte Nahles der CDU was auf die „Fresse“ geben und geizte nicht mit Grobheiten. Denn im wahren Leben wird man quer durch alle Parteien vulgär. Dabei geben sich manche Mühe, auch noch Stammtischniveaus zu unterbieten. Ihr digitales Lieblingsmedium ist Twitter, ihr analoges die TV-Kamera. Ihr Niveau: gern unterirdisch.

Martin Schulz brüllt einen SPD-Parteifreund auf dem Höhepunkt der Krise um Andrea Nahles entnervt an: „Du bist ein Arschloch!“ Genussvoll wird der Schulz-Ausraster aus einer internen Sitzung an die Presse kolportiert. Das „Arschloch“ ist Johannes Kahrs, ein Hamburger Abgeordneter, der selbst ungern an sich hält, wenn er die Möglichkeit hat, grob zu werden. „gauland ist ein mieser, dreckiger hetzer. solche arschlöcher braucht niemand“, twitterte er über den Führer der AfD-Fraktion und verlangte 2013 bereits großspurig, Angela Merkel „zu entsorgen“. Kahrs ist nicht irgendwer. Er ist Sprecher des „Seeheimer Kreises“, eines SPD-Gremiums, das bis heute Vorsitzende macht – oder nach Belieben auch wieder abserviert.

„Der Strippenzieher mit dem Schlampen-Problem“

Auch gegenüber Dritten wird Kahrs gern ordinär: Bei einer Fahrt mit Schülern nach Berlin twitterte er 2016 ein Selfie und höhnte über eine blonde Schülerin im Hintergrund: „Schlampe halt“.  Angeblich ein Missverständnis, ruderte er zurück, Prompt erinnerte die Hamburger Morgenpost daran, dass Kahrs einst über eine Fangschaltung stolperte, die denjenigen zur Strecke bringen sollte, der nachts am Telefon einer linken SPD-Kandidatin „Du Schlampe“ ins Ohr brüllte. „Der Strippenzieher mit dem Schlampen-Problem“, lästerte die Morgenpost und listete akribisch Schmutzeleien des Abgeordneten auf. Auch die FAZ nahm unter dem Titel „Das System Kahrs“ sein Netzwerk unter die Lupe. Kleiner Reisetipp: Wer ein Faible für schmutzige Wäsche hat, braucht nicht zu Frank Underwood in die USA zu fahren, sondern kann schon an der Alster den genierlichen Umgang mit der Macht lernen.

Pöbeln ersetzt Argumente, Twitter ist die schärfste Waffe

Doch Kahrs ist keine Ausnahme. Politiker wie er haben maßgeblich dazu beigetragen, Beleidigungen und Herabwürdigungen anderer als Mittel der politischen Auseinandersetzung hoffähig zu machen. Und nur zu gern findet sich stets ein Journalist, der sie liebevoll seinen Lesern serviert. Pöbeln ersetzt Argumente, das Medium Twitter ist die schärfste Waffe im Kampf gegen den politischen Gegner und den guten Geschmack. Kein Wunder, dass auch das Führungspersonal der AfD so gern damit arbeitet. Aufmerksamkeit ist garantiert, späteres Zurückrudern und geheuchelte Entschuldigungen sind Teil des Twitter-Systems. Heute wird sich noch scheinheilig über den Umgang mit Andrea Nahles empört, morgen geht man (und inzwischen auch frau) wieder in den politischen Arschloch-Modus über.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Was aber treibt die Mitglieder der so genannten politischen Elite immer wieder dazu, so gern zu pöbeln? Eine Ursache ist sicherlich die mediale Aufmerksamkeit. Sieger in der journalistischen Wahrnehmung bleibt meistens in einer Auseinandersetzung derjenige, der entweder besonders derb oder aber besonders einfallsreich in seinen Beleidigungen ist. Hinzugekommen ist die scheinbar einmalige Chance, sich bei Facebook oder Twitter aus der grauen Masse der Abgeordneten zu erheben. Oft reicht aber auch eine Indiskretion wie bei Ronald Pofalla: „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann Deine Scheiße nicht mehr hören“, ging der 2011 seinen CDU-Kollegen Wolfgang Bosbach in einer Fraktionssitzung brutal an. Prompt steckte jemand das der Presse – aber erst Online wurde Pofallas Aussetzer zum Renner.

Werden Wahlen „mit Titten und Beinen“ gewonnen?

Manchmal ist es banale Großkotzigkeit, mal die fehlende Kinderstube, mal das Gefühl, sich online einfach alles erlauben zu können. Wie die Feststellung des bis zu den Wahlen in Hamburg 2015 völlig unbekannten Grünen-Politikers Jörg Rupp: Der twitterte machohaft über den Erfolg von FDP-Spitzenfrau Katja Suding „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten!“ Das war wohl nicht nur der Neid der Besitzlosen wie man mit einen Blick auf Rupp feststellen konnte, sondern auch die Wut über das eigene schlechte Abschneiden bei den Wahlen zur Bürgerschaft. Der unweigerliche Shitstorm im Netz folgte und Rüpel-Rupp verschwand wieder im politischen Nirvana.

Die „FDPisser“ sollen erschossen werden

Auch der heute längst zu Recht vergessene Baden-Württembergische SPD-Politiker Daniel Rousta versuchte 2012 kurzfristigen Pöbel-Ruhm zu erlangen: Er bezeichnete die Liberalen auf Facebook als „FDPisser“. Die FDP schlug in Gestalt eines kleinen Kommunalpolitikers namens Michael Marquard erbarmungslos zurück. Der beschimpfte online die Gegner von Stuttgart 21 als „alte gefrustete Weiber“ und „nach altem Schweiß stinkende, rumbrüllende Männer ohne jeden Anstand“. Die Angegriffenen zahlten übrigens mit gleicher Münze heim: Ihre Vorschläge reichten bis hin zur Forderung nach Erschießungen für FDP-Mitglieder. Doch zumindest die Kleinen kommen nicht ungeschoren davon: Daniel Rousta verlor seinen ohnehin unter sehr sonderbaren Umständen ergatterten Job als Ministerialdirektor. In der Königsklasse der Pöbler allerdings ist alles erlaubt – so wird Johannes Kahrs weiterhin maßgeblich die Geschicke der SPD mitbestimmen.

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